strengungen allen Anforderungen für den Kartoffelverkehr genügen kann. Die « Transporte gehen meistens aus den an Kartoffeln reichen Gegenden Pom- . merns, Posens und Westpreußens nach den westlichen Provinzen, dann aber in großen Mengen nach Hamburg, von wo sie hauptsächlich nach England verschifft werden dürften. In England ist die Kartoffel-Ernte vollständig miß- rathen, so daß ganz außergewöhnliche Zufuhren nothwendig sind. Die west- ! lichen Provinzen Preußens, Westfalen und die Rheinprovinz sind stets aus Zufuhren aus dem Osten angewiesen, weil der Bedarf dort, namentlich in den industriellen Gegenden durch die eigene Ernte nie gedeckt werden kann. Auch aus der ostpreußischen Südbahn findet im Localverkehr nach Königsberg und Pillau ein bedeutender Kartoffeltransport statt, welcher der Bahnverwaltung zur Zett den Mangel des Getreideverkehrs aus russischem Import ver» geffen macht. Aehnltche Berichte brachte vor einiger Zett bereits die .Neue Stett. Ztg.", und auch aus andern Gegenden Deutschlands, namentlich aus Thüringen, sind Mtttheilungen gleicher Art etngelaufen. Selbst aus Schlesien werden die Kartoffeln in großen Mengen ausgeführt, obwohl die oberschlesi- ; schen Bezirke einen Mißwachs zu verzeichnen haben, dem der nach officiösem ' Zugeständntß eingetretene Nothstand daselbst zum größten Thelle seinen Ur- sprung verdanken dürfte. Die Folge dieser großen Exporte wird sich zweifelsohne dahin geltend machen, daß wir im bevorstehenden Winter und Frühjahr hohe Kartoffelpreise erwarten dürfen, eine Aussicht, welche nicht gerade geeignet ist, uns der nächsten Zukunft unbekümmert entgegen sehen zu lasten, zumal wenn man dagegen die Preissteigerung in Betracht zieht, von welcher das Getreide bereits jetzt betroffen worden ist. Am 1. Januar k. IS. werden die Getreidezölle eingeführt werden, die ihren Einfluß aus die Ernährung der Bevölkerung auch geltend machen werden, wenngleich sie unter den jetzigen Ver- hältniffen nach dieser Richtung mcht von Belang sind. Das hiesige Agrarier- Organ hält allerdings diesen Zeitpunkt für geeignet, von Neuem für eine wettere Erhöhung der Getretdezölle zu plaidiren, weil man zwar der Bevölkerung die Lebensmittel möglichst billig gewähren müffe, dies aber doch nicht weiter auSdehnen dürfe, als daß die Existenzberechnung der Landwirthschaft dabei gesichert bleibt. Wenn die Landwirthschaft selbst bet den jetzigen Ge- tretdepretsen und den gegenwärtigen Conjuncturen im Kartopelverkehr nicht bestehen kann, so sollte sich den Herren doch endlich der Gedanke aufdrängen, daß die Hülfsmittel an ganz anderen Stellen gesucht werden muffen, als im Getreidesoll und in der Gütertarif-Reform.
IrarrLreich.
Pari-, 9. Novbr. DaS „Mot d'Ordre", desten Anschlagezettel der Polizeipräfekt bis zum letzten Augenblicke unterdrückt hatte, ist diesen Morgen erschienen und in großer Zahl in den Arbeitervierteln verkauft worden. Der erste Artikel des Jntransigentenblattes ist von Rochefort. Es ist ein heftiger Angriff auf die Regierung unter dem Titel „FEtat sauvage“ (der Wildenstaat) , und die Wilden dieses Staates sind die gegenwärtigen Minister der französischen Republik. Der Präsident Grevy ist ebenso wenig geschont, wie seine Minister, denn er wird bezeichnet als der Häuptling eines Jndianer- stammes von mehr oder minder „Schwarzfüßen", das heißt in gewöhnlicher Sprache der gemäßigten Republikaner. Der zweite Artikel betrifft die Amnestie. Verfasser desselben ist der nichtbestättgte Stadtrath Humbert, dtzr neulich einen großen Erfolg gehabt hat mit seinem populären Vortrag, in welchem er seine Erinnerung aus Neucaledonten erzählte. Ihm sind die gegenwärtigen Machthaber und die Opportunisten Proscriptoren, Kerkermeister, Inquisitoren. Der Artikel schließt: „Ihr habt zum Stichwort genommen: Keine Gnade! Wir nehmen zu unserem: Amnestie!" Der dritte Artikel ist von Lepelletier, einem ehemaligen Redacteur der „Marseillaise", und empfiehlt den Arbeitern für die nächsten Wahlen das Imperativ-Mandat. Er sagt, daß die Vorbereitung und die schließliche Feststellung der Bedingungen, welche die Wähler den Candidaten stellen müssen, die große Aufgabe des nächsten Jahres sein müßten. Im Ganzen find diese drei Artikel der ersten Nummer des „Mot d'Ordre" eine unerbittliche Kriegserklärung gegen die Opportunisten, gegen die Regierung und gegen die Kammern. Sie stehen in seltsamem Gegensätze zu den Illusionen, in welche dieser Tage das Journal des „Debats" seine Leser etn- zuwtegen suchte. Die Sprache des neuen rothen Blattes ist noch weit heftiger und gehässiger, als die der „Marseillaise", an deren Stelle es tritt. Man fühlt, daß der Groll lebhafter ist wie jemals, und daß sich die Kluft zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie immer mehr erweitert. Das „Mot d'Ordre" sagt, daß es Nachrichten bringen wird über jeden der noch zurückgehaltenen, wegen des Ausstandes der Commune Deportirten. Es gibt auch ein Feuilleton von Alphonse Humbert über seine Straszeit, von welchem die Vorlesung deffelben bereits einen Vorschmack gegeben hat. In dieser Vorlesung gab er eine drastische Schilderung der in Neucaledonten angewandten Strafmittel, der Bastonade, der Peitsche und der Daumschrauben, und das „Mot d'Ordre" sagt dazu: „Wenn Sie, Herr Martnemintstec, doch den Schauder der Entrüstung gesehen hätten, der auf die Schilderung Humbert's erfolgte! Die Weiber weinten, die Männer, nachdenklich und niedergeschlagen, runzelten die Stirn, als sie die düstere Erzählung anhörten von den Torturen, denen Republikaner unter der Herrschaft der Republik unterworfen wurden." ES bedarf nicht vieler solcher Vorlesungen wie die des Herrn Humbert, um die arbeitenden Klaffen gegen die Bourgeoisie aufzuhetzen, und weiter haben sie auch keinen Zweck.
Paris, 9. Novbr. Wie die Correspondenz „Havas" meldet, wird der Marinemtntster und der Krtegsminister gleich nach der Eröffnung die Kammer ersuchen, den Ausschuß zu erwählen, welcher den Antrag über die unbedingte Amnestie für die Deserteure und Nichterschienenen der Land- und See-Armee zu prüfen haben wird. Dieser bereits vom Senat angenommene Entwurf begreift nicht weniger als 53,000 Individuen.
England.
London, 10. Novbr. Der Versuch, den „Großen Kurfürsten" zu heben, ist bis zum 24. ds. verschoben. — Die „Times" meldet aus Kalcutta vom 9. ds., daß Jakub Khan, gegen den der Verdacht gewachsen sei, jetzt förmlicher Gefangener ist.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenz • Bureau.
Berlin, 12. Novbr. Abgeordnetenhaus. Ein Gesetzentwurf, betreffend den Ankauf der Homburger Eisenbahn, ist eingegangen. Bei der fortgesetzten ersten Be- rathung der Eisenbahnvorlagen spricht Kieschke gegen die Entwürfe. Rauchhaupt er
klärt sich für die Vorlagen und polemisirt gegen die gestrigen Auslassungen Virchow's und Reicbensperger's. Es liege übrigens seiner Partei daran, trotzdem sie schon mit Hilfe der Nationalliberalen über die Majorität verfüge, doch das Eentrum zur Mitarbeit am Staatswesen heranzuziehen. Im öffentlichen Interesse träten die Confer- vatioen für tas Staatsbahnwesen ein und verfolgten keine Sonderinteressen. Richter spricht gegen die Vorlage, polemisirt gegen die Conservativen und das Centrum, beleuchtet die angeblich veränderte Haltung deffelben und wendet sich sodann gegen die gestrigen Ausführungen v. Eynerns und des Ministers für öffentliche Arbeiten. Wenn der Minister die Börse einen Giftbaum genannt habe, so beweise dies, daß er von dem Wesen der Börse und*des ganzen Handels und Verkehrs kein Verständniß habe. Die neue Zoll- und Eisenbahnpolitik finde keine enthusiastischere Anhänger als in Börsenkreisen. Die neue Eisenbahnpolitik ist durchaus dem Socialismus verwandt und operire mit denselben Schlagworten wie dieser. Richter bespricht ferner die Wirkungen der Verstaatlichung auf den Staatscredit und den Einfluß der Verwandlung der Actien in Consols.
Leuschner (freiconservativ) spricht für die Vorlagen.
Minister Maybach erklärt: Bei der vorgerückten Stunde behalte ich mir die Erwiderung auf die mir so zahlreich, theilweise in recht unfreundlicher Weise gemachten Vorwürfe für die morgende Sitzung vor. Nur einen Punkt möchte ich sofort richtig stellen: Meine gestrige Bemerkung über die Börse ist entschieden falsch aufgefaßt. Ich habe die Börse als solche nicht einen Giftbaum nennen wollen. Ich verkenne keineswegs die große wichtige Bedeutung der Börse für das ganze Handeks- und Verkehrsleben. Nur dagegen habe ich mich aussprechen wollen, daß die Börse die großen, gewaltigen Verkehrs-Mittel und -Wege, welche der Gesammtheit, welche dem öffentlichen Interesse dienen müssen, zum Gegenstände der Speculation macht.
Fortsetzung der Berathung morgen 11 Uhr.
Berlin, 12. Novbr. Die Börfencommifston beschloß, das AeUesten- Collegium der Kaufmannschaft aufzusordern, wegen der auf die Börse bezüglichen Aeußerung des Ministers Maybach in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses geeignete Schritte zu unternehmen.
— Die „Prov.-Corresp." schreibt: Der Kaiser, welcher sich eines ungetrübten Wohlseins erfreut, beabsichtigt außer zu kleinen Jagdausflügen Berlin in der nächsten Zeit nicht zu verlaffen.
Stuttgart, 12. Novbr. In Gegenwart des Königs hat heute die Einweihung der neuen katholischen Kirche durch den Bischof von Hesele stattgefunden.
Wien, 12. Novbr. Meldung der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel. Nach dem im gestrigen Mimsterrath erörterten neuen Finanzprojecte würden die Vorschuß-Gläubiger tn Galata und die auswärtigen Gläubiger verschiedene Steuern pachten, die Tabak- und Salzregie für die Regierung verwalten und sich hierdurch bezahlt machen. Den auswärtigen Gläubigern würden überdies Beträge aus den Einkünften Cyperns und Rumeliens zugewiesen. Die Regierung soll sich indeß das Recht Vorbehalten, die Gläubiger in Galata zu befriedigen und mit den auswärtigen Gläubigern unter deren Zustimmung neue Engagements einzugehrn, wodurch die Zölle für neue Finanz- Combinationen ganz frei würden.
Brüssel, 12. November. Depnttrtenkammer. Der Minister des Auswärtigen erklärt auf Interpellation, er werde Dienstag die gewünschten Aufschlüffe über die Beziehungen zur Curie geben.
Madrid, 12. Noobr., Abends. Depntirtenkammer. Carvajal stellt an die Regierung die Anfrage, ob die Vermählung des Königs ein Bündniß Spaniens mit Oesterreich herbeiführen würde, und hebt besonders hervor, im Jntereffe Spaniens liege es, eher sich mit Frankreich als mit Oesterreich zu verbinden. Der Minister des Auswärtigen erklärte, er werde die Anfrage morgen beantworten.
Berlin, 13. November. Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Nachricht eines Berliner Blattes, daß zwischen dem Reichskanzleramt und den Bundesregierungen eine lebhafte Corresvondenz über die angeblich beabsichtigte Vereinigung des Reichsjustizamtes mit dem preußischen Justizministerium geführt werde, als völlig aus der Luft gegriffen.
London, 13. Novbr. Meldung des „Reuter'schen Bureaus" aus Malra vom 12. ds.: Admiral Hornby ertheilte seinem Geschwader Ordre, daß es sich bereit halte, in 4 Tagen ostwärts abzusegeln.
Lokales.
Gießen, 13. November. Vor der Strafkammer Großh. Landgerichts Gießen stand gestern der Kirchcnräuber Kirch mann, welcher s. Z. mit seinem Compltcen Dachdecker Röhlich in die hiesige Synagoge etngebrochen war und diverse Sachen geraubt hatte. (Röhlich hatte sich inzwischen, wie bekannt, im Arresthaus erhängt.) Kirch mann wurde zu 7 Jahren Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und zur Stellung unter Polizeiaufsicht verurthellt.
— Am Sonntag Abend wurden einem Studenten aus desien Wohnung auf dem Neuenweg 12 Bände Meyer's ConversattonS-Lexikon gestohlen. Ueber den Verbleib der Bucker fehlt bis jetzt jede Spur.
— Ueber das Eisenbahnunglück bet Heldenbergen wird der „N. Frkftr. Pr." aus Friedberg i. d. W. vom 11. November geschrieben: Heute (?) Vormittag traf der Minister der öffentlichen Arbeiten, Herr Maybach, aus Berlin dahier ein und begab sich sofort mit den Baubeamten der Friedberg-Hanauer Bahn an die Stelle des großen Unglücks bei Heldenbergen. Man will darin eine Bestätigung der in der ganzen Wettcrau verbreiteren Ansicht erblicken, daß die Ursache des Zusammensturzes der Brücke in dem neuen noch nicht erprobten System und in der von der Bauleitung angeordneten Unterlaffung ver Hintermauerung vor Lösung des Lehrgerüstes zu suchen sei. Namen und Wohnort der Verunglückten sind folgende: tobt: Karl Dörbach aus Oberrodenbach, Heinrich Rohm aus Wieseck, Johann Möhrling aus Ostheim, Johann Rickter aus Heldenbergen, Adam Diehl aus Holzheim, Heinrich Knoblauch aus Büdesheim, sämmtlich Familienväter, Joseph Schefeck aus Padoim (Böhmen), Konrad Knoblauch aus Büdesheim; Schwerverwundete: Johann Altscheffel aus Nikderbayern, Eberhard Feuster aus Gießen; Leichtverwundete: Joseph Grise aus Heldenbergen, Johann Müller aus Windecken.
Vermischtes.
Friedberg, 11. Novbr. Noch ist die schreckliche Katastrophe von Heldenbergen in Aller Munde und sckon wilder ist ein Unglück an der Bahnlinie Friedberg-Hanau zu registriren. Zur Untersuchung des zu durchbrechenden Erdreichs zwischen der Görbelheimer Mühle und Affenheim sind Schachte angelegt. Als heute früh 5 Uhr die Arbeiter an das erste Bohrloch hinter der Wctterbrücke kamen, vernahmen sie ein Wimmern in der Tiefe des Schachtes. Ein Arbeiter, der an dieser Stelle gearbeitet hatte, aber seit Samstag entlassen war, wollte sich wahrscheinlich zur Wiederaufnahme der Arbeit anmelden und war in der Dunkelheit in den Schacht gestürzt. Heraufgeholt, verschied er balv darauf. — Minister Maybach traf heute früh von Berlin hier ein und begab sich sofort an die Unglücksstätte bei Heldenbergen. (O. A.)
Darmstadt, 8. November. Heute wurde im Großherzogltchen Schlöffe und zwar in den Räumen der früheren Hauptstaatskaffe eine Ausstellung von drei Serien Gewinne der Verloosung zum Besten des Ausbaues der Oppenheimer Katharinenkirche eröffnet. Die Aus. stellung läßt in Bezug auf Gediegenheit der ausgestellten Arbeiten, unter denen ganz besonders einige prachtvolle silberne Tafelaufsätze auS einer Berliner Fabrik, PenduleS und RegulateurS von Hofubrmacher Alt in Darmstadt, 3 Flügel im Werthe von je 7(JO JL, gediegene Bronce- waaren, Oelbilder moderner Meister und schließlich eine reiche Auswahl von Offenbacher Portefeuillcwaaren ganz besonders in'ß Auge fallen. Die Sammlung können wir Jedermann zur Besichtigung nur angelegentlickst empfehlen, umsomehr, als nur ein Entree von 50 H hierfür erhoben wird. Die Ausstellung ist täglich von Morgens 10 Uhr an bis Nachmittags 4 Uhr geöffnet und werden Loose i 3 tm Ausstellungslocale verkauft und berechtigen die dort angekauften Loose zum freien Eintritt in die Ausstellung.
Kassel, 6. November. Der Bau von zwei Secundärbahnen im Regierungsbezirk Kaffel, nämlich von Wabern nach Wildungen und von Cölbe nach Laasphe, wird dem Ver-


