-rr. 2G6. Freitag den 14. November 187V.
Gießener Anzeiger
Aa^ize- uai Avtsblatt fit itn Kreis Gieße«.
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Amtlicher Höeil.
An die GrcGer?oglichen Standesämter des Kreises Gießen.
Diejenigen von Ihnen, welche die Sterbfallszählkarten aus den Monaten September und October noch nicht eingesendet haben werden ersucht, dieselben binnen 8 Tagen hierher gelangen zu lasten.
Gießen, den 12. November 1879. Großherzogüches Kreis-Gesundheitsamt Gießen.
Dr. Glasor.
Bekanntmachung.
Der Füsilier Georg Roth der 12. Compagnie des 2. Nassauischen Infanterie-Regimentes Nr. 88 aus Schotten, Kreis Schotten, ist durch kriegsgerichtliches Erkenntniß vom 29. October 1879, bestätigt am 31. October 1879, in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von dreibundert Mark verurthetlt worden. m n
Mainz, den 10. November 1879.Königliches Gouvernements - Gerecht.
Aokilischer Hheil.
Kemjchland.
Darmstadt, 12. Novbr. Die in Gemäßheit des § 106 der Rechts- <mwalteordnung beute Vormittag unter Leitung Sr. Exc. des Präsidenten des Oberlandesgerichts Herrn G- Kemp ff vorgenommene Wahl des Vorstandes der Anwattskammer für die im Großherzogthum zugelassenen Rechtsanwälte, welche in dem Sitzungssaale des Schwurgerlchtshofes dahier stattfand, ergab folgendes Resultat. Gewählt wurden von Darmstadt die Herren Rechtsanwälte: Buchner, Köhler, Gervinus, von Gießen die Herren Dornseiff, Gu>fl<tsch, Muhl, von Mainz die Herren Levtta, Lippert, Petri. Von den 117 z. Z. im Großherzogthum zugelassenen Rechtsanwälten waren zur Vornahme dieses Wahlactes 81 erschienen.
Berlin, 11. Novbr. (Eine scandalöse Resormationsseier der „Christlich-Socialen")- In letzter Zeit spielen sich sin Berlin unter dem Aushängeschild des Christenthums so widerwärtige Scenen im Verein der Christlich- Socialen ab, daß man, wie mit Recht die „Magd. Ztg." bemerkt, eher den Eindruck von Hanswurst-Ideen, als von Versammlungen ernst gesinnter Männer bekommt. Namentlich gilt das von der am 31. October in Sommer's Salon anberaumten Versammlung, die programmmäßig ausdrücklich als eine Feier des Reformattonssestes angekündigt war. Der Ton, in welchem da r B. von Frau Lina Morgenstern, die eben bei der Kaiserin eine Audienz hatte, verhandelt wurde, die äquivoke Bezeichnung einer „öffentlichen Dame", die derselben unter allgemeinem Gelächter beigelegt wurde, die gegenseitigen Drohungen mit „RauSschmelßen", mit denen man sich beehrte, die höhere Weisheit des Bäckers Knönagel, der von Nathan und Shylok, von Deborah, Judith und Ruth, der Herz und der Rahel und von wer weiß von was sonst noch sprach, Alles das deutet darauf hin, daß es dem größten Thetl der Besucher dieser Versammlung vielmehr um einen „Ulk", als um die Reformation zu thun war, und es erscheint uns in der That recht auffallend, daß evangelische Geistliche an einem solch' wüsten und tumultpartjchen Treiben auch nur mittelbar Antheil nehmen konnten. Aus diese Weise wird „das Reich Gottes" wahrlich nicht gebaut. Die Vorgäng e der letzten Versammlung müssen aber allen evangelischen Christen noch in besonderem Maß zum Aergerniß gereichen. Dieselbe wurde mit dem alten Resormattonsliede „Ein' feste Burg ist unser Gott" eröffnet, worauf Herr Hospredtger und Abgeordneter Stöcker von den Beziehungen der Reformation zur socialen Frage sprach. Nachdem er seinen Vortrag beendet und daS Local verlaffen hatte, wurde wiederum die Judensrage zur Sprache gebracht und Herr Stöcker nicht blos gegen den Vorwurf der „Judenhetze" in Schutz genommen, sondern in den geradezu widerwärtigen Lobhudeleien als ein neuer Luther gefeiert. „Ein großer Reformator, ein neuer Luther ist erstanden", so sprach Herr v. Marwitz, „ein Mann, der ebenso wie dieser Politik und Religion mit seinem Verstände zu verbinden weiß, das ist unser Stöcker. Die Rede unseres Stöcker gegen die Juden hat eine ähnliche Wirkung hervorgerusen, wie die Thesen Luthers; mit Windeseile ist sie in alle Welt verbreitet, in fremde Sprachen ist sie übersetzt" — und so ging die Rede unter wiederholter Unterbrechung des brausendsten Beifalls weiter fort, um mit einem dreifachen Hoch auf den „Luther der Neuzeit, den Reformator Stöcker", zu enden. — Ist es nicht geradezu eine Schmach für die evangelische Kirche, wenn eine elende Capuci- nade gegen unsere jüdischen Mitbürger als eine reformatorische That gepriesen und das enfant terrible einer byzantinischen Hosprediger-Coterie als ein neuer Luther auf den Schild erhoben werden kann? I Und das geschieht in Berlin zu derselben Zeit, da die erste ordentliche Generalsynode die obersten Grundsätze verleugnet, durch welche der Staat der Hohenzollern sich die Führung in Deutschland errungen hat! Wahrlich eine ernste Mahnung an unser protestantisches Volk: Halte, was Du hast, daß Niemand Deine Krone nehme!
— Der Reichstag wird wahrscheinlich im Februar wieder einberufen werden. Eine der ersten Vorlagen wird eine Verfassungsänderung sein, nämlich die Einführung zweijähriger Budgets. Dazu bedarf es der Abänderung des Art. 13 der Retchsverfaffung, welcher lautet: „Die Berufung des Bun
desraths und des Reichstages findet alljährlich statt und kann der Bundesrath zur Vorbereitung der Arbeiten ohne den Reichstag, letzterer aber nicht ohne den Bundesrath berufen werden." Preußen wünscht die alljährliche Einberufung des Reichstages und die damit verbundene des Bundesraths nur facul- tattv zu machen. Das drückt gewissermaßen den Bundesrath herab, welcher die Regierungen vertritt. Unter den deutschen Regierungen wurde von Bayern ein schwacher Versuch der Opposttion gegen die Vorlage gemacht. Eö drang aber nicht durch und die Vorlage ist aus den Berathungen des Bundesraths völlig unverändert hervorgegangen. Man hatte vorgeschlagen, daß nicht der Reichstag, wohl aber der Bundeörath alljährlich einberufen werden müsse; es wurde aber nicht darauf etngegangen, da die Annahme einer solchen ungleichen Bestimmung im Reichstage auf Schwierigkeiten stoßen würde. Es ist nicht zu verkennen, daß eS sich bet zweijährigen Budgets nicht blos um Zettersparung handelt. Diese wird so groß nicht sein. Wodurch die Budgetverhandlungen in die Länge gezogen werden, das sind alle Klagen und Beschwerden, die bei Berathung des Budgets zur Sprache gebracht zu werden pflegen. Können diese beim Budget nicht vorgebracht werden, so werden sie sich in einer andern Weise Luft machen. Die Hauptabsicht beim zweijährigen Budget ist offenbar die, daß die Regierungen wünschen, nicht durch die Verfassung genöthigt zu werden, den Reichstag alljährlich einzuberusen. Bei dieser Voraussetzung glauben wir nicht, daß der Reichstag aus den Vorschlag der Regierungen eingehen wird.
Breslau, 11. November. (Der Nothstand in Oberschlesien). Der „Oberschl. Bote" zu Lublinttz bringt eine eingehende Schilderung über die traurige Lage in diesem in Folge seiner schlechten Boden- und Verkehrsver- hältnisse sehr gering bevölkerten Kreise. Die Ernte fast aller Feldfrüchte sei diesmal mißrathen, die Preise der Bodenerzeugniffe seien sehr gedrückt, ebenso die des Viehes. Es heißt dann wörtlich: Der Grundbesitz, insbesondere der kleine, geht mit Riesenschritten dem Ruin entgegen; das beweist die fortwährend steigende Zahl der Subhastationen. Am schlimmsten aber ist der niedrige Arbeiterstand, der Tagelöhner, der so zu sagen von der Hand in den Mund lebt, daran, denn selbst seine fast ausschließlichen Nahrungsmittel: Kartoffeln, Kraut und saurer Mehlbrei (polnisch zur genannt), werden schnell genug in diesem Jahre zu Ende gehen, und Arbeit und Verdienst vermindern sich schon jetzt, da jeder Grundbesitzer, gleichviel ob Groß- oder Klein-, in Anbetracht der bevorstehenden Noth mit dem Arbeitgeben, mit Ausgaben zurückzuhalten gedrungen ist. Referent glaubt nicht zu wett zu gehen mit der Behauptung, „daß Huugersnoth und Typhus erschreckend schnell in hiesiger Gegend erscheinen werden." Daß der Lubltnitzer Kreis und seine Bewohner viel zu arm sind, um aus eigenen Mitteln der bevorstehenden übergroßen Noth zu steuern, kann wohl Niemand bestreiten. Wie dem Uebel vorzubeugen, ist Sache der Staats-Oeconomen.
Der Nothstand, wie er also schon in Oberschlesien etngetreten ist, erhebt auch in anderen Gegenden des deutschen Vaterlandes leider sein drohendes Haupt; so ertönen bereits aus Thüringen ebenfalls Hülferuse und die übrigen bekannten armen Gegenden, wie Spessart rc. rc. werden bald Nachfolgen. Wenn jetzt schon das Auftreten des schrecklichen Hungertyphus (in Latsch«) gemeldet wird, was läßt da erst der strenge Winter und das Frühjahr befürchten? Möchten rasch, sehr rasch und überall die weitgehendsten Maßregeln ergriffen werden, um die armen Menschen vor dem gräßlichsten Feinde, dem Hunger und der Verzweiflung, zu schützen. Zu dem im Allgemeinen schlimmen Ernte-Erträgntß kommt außerdem noch die starke Ausfuhr besonders an Kartoffeln nach England, welches bekanntlich gerade in diesem Artikel eim vollständige Mißernte zu verzeichnen hat- So lesen wir in der „Voss. Zt-.":
Der Kartoffeltransport aus der Ostbahn hat nach der „Danz. Ztg." gegenwärtig einen so großen Umfang angenommen, daß die Ostbahn trotz ihres sehr bedeutenden Wagenparks, und obwohl bekanntlich der übrige Verkehr in Massengütern aus derselben in Folge der Einführung der neuen Zölle und der durch den Ausfall der Getreide-Ernte in Rußland bedingten Verminderung der Getreide-Einfuhr ungemein abgenommen hat, nur mit großen An-


