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Ar. 186» Mittwoch den 13. August 1879»

chichener HWiger

Aiffize- uub Amisbkti für de« Kreis Gießen.

MedactionSbnreaur ^xpeditionsburean:

Schulstraße B. 18.

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Uotitisch

Der Arbeiter-Congreß zu Marseille.

Der Socialismus stammt aus Frankreich und wenn er daselbst seit den Schreckenstaten der Pariser Commune etwas in den Hintergrund getreten ist, so wäre es leichtsinnig genug, wenn die Regierung der gemäßigten Republik annehmen würde, daß er aufgehört habe, nach Verwirklichung ferner Ziele zu streben. Im nächsten Monate findet zu Marseille ein französischer Arbeiter- Congreß statt und es ist zehn gegen eins zu wetten, daß dieser Anlaß zur Derheirlichung der Internationale und zur Glorificirung der Socialdemokratie wirklich benutzt werden wird. Wahrscheinlich werden die ersten Deportnten aus Cayenne, die Männer des brennenden Paris von 1871, bereits zu jener Versammlung zurückgekehrt sein, und man wird den üblichen Götzendienst mit diesen Märtyrern der Commune treiben.

Uns in Deutschland ginge das ganze Treiben wenig an, wenn nicht bereits Wochen vorher schon ein Wetterleuchten uns über den eigentlichen Charakter dieser Arbeiterbewegung aufklärten. Victor Hugo hat eine seiner Reden gehalten, die zwar oft nahe an Blödsinn streifen, aber doch häufig einen guten Maßstab für die Gesinnung ter Franzosen abgeben. Neuerdings übertreiben die Franzosen ihre angebliche Culturmission. Wie sie früher für die Nationalitäten eintraten, um dabei eine Provinz oder einen Landstrich zu annectiren, so stellen sie jetzt die Völkerverbrüderung als das Ziel ihrer Wünsche hin. Nachdem ihnen die Lust zur Regulirung der Rheingrenze ver­trieben worden ist, treiben sie Weltpolitik und verkünden, daß die gesegnete Zeil anbrrche, in welcher die Völker keine Grenze mehr kennen. Victor Hugo, der den Wurm auf der Erde und den Stern am Himmelarbeiten" läßt, löst die sociale Frage sehr einfach. Sie ist, sagt er, die Frage derjenigen, welche haben, und derjenigen, welche nicht haben; der letztere Begriff muß l Es gilt nicht die Welt zu erobern, denn sie gehört dem Menschen; sie wartet nur auf die Civilisanon. Der Träger dieser Civtlisation ist natür­lich, wie immer, der Franzose.

Die Franzosen werden darum, diesmal durch den vierten Stand, die arbeitende Klaffe, zu Marseille wieder ein für die nächsten Jahrhunderte be­stimmtes Dogma der Civtlisation aufstellen. Frankreich wird zum geborenen Protektor des Socialismus ausgerufen werden, wie es sich bereits zum Be­schützer der republikamschen Idee aufwirft. Mit diesem Sprunge erlangte Frankreich in allen Ländern wieder eine Veranlassung zur Intervention, wenn sich irgendwie in bedeutendem Umfange die republikanische oder socialistische Idee äußerte. Beide Ideen sind allerdings auch dem französischen Bürgerthum gefährlich, über welches sie erst htnwegschreiten müßten, ehe sie über die Gren­zen rücken wollten. Aber Deutschland thu! sicher wohl daran, auf die comrnu- ntstiichen Umtriebe jenseits des Rheins, welche sich den Mantel der Völkerver­brüderung umhängen, bei Zeiten ein Auge zu richten.

Deutschland.

Aus Hessen-Darmstadt, 9. August. Im Reffort des Justtz- min'steriums drängt sich naturgemäß die Arbeit um so mehr, je näher der Tag heranrückt, an dem bie neue Organisation in's Leben tritt. Wenn bisher auf dem Gebiete der Ctviljusttz die staatlichen Sporteln in der Form von Stempel erhoben worden, von dem die Stempelverwalter eine Hebgebühr von 5 pCt. bezogen, so machte die neue Gesetzgebung auch auf diesem Gebiete eine vollständtae Neuregulirung der bestehenden Vorschriften erforderlich. Der hier­über ausgearbeitete Entwurf, der rm Einverstündniß mit den Ständen dem­nächst auf dem Verordnungsweg eingeführt werden soll, ist vorerst noch einer Commission von Sachverständigen zur Begutachtung überwiesen worden. Wenn wir recht unterrichtet sind, so soll den künftigen Gerichtsschreibern, denen das gerichtliche Kosten- und Rechnungswesen überwiesen wird, eine Hebgebühr von Vr Procent zug»billigt werden. Bekanntlich ist bet dieser Beamtenkategorie die Reduction des accrdentiellen Einkommens durch eine Aufbesserung deö fixen Gehaltes ausgeglichen worden. Eine Gerichtsvollzieherordnung, sowie die Instructionen für die Subalternbedtensteten überhaupt sind noch in Arbeit be­griffen. Sehr zeitgemäß kommt auch eine Schrift ?es Staaisanwalts Haller: Die Thätigkeit der Polizei in Strafsachen auf Grund der Reichsjustizgesetze und der hierzu erlassenen hessischen Ausführungs-Bestimmungen für Polizei­beamte, Bürgermeister und andere Hülfsbeamte der Staatsanwaltschaft, fowie die mit Fld-, Forst- und Jagdschutz betrauten Personen." Im Volksschul­wesen dürfte das Angebot an Lehrkräften die Nachfrage bald übersteigen. In Alzey wird demnächst ein drittes Lehrerseminar eröffnet, drei Präparanden­schulen sorgen für den jungen Nachwuchs. Die Lehrerinnenbildungs-Anstalt in Darmstadt ist dieses Semester von nicht weniger als 56 Schülerinnen be­sucht. Die Schulvorstände sind übrigens angewiesen worden, die Lehrer bezüg­lich des von ihnen ertheilten Privatunterrichts genau zu kontroliien, da diese Nebenbeschäftigung nach dem Bolksschulgesetz denselben untersagt werden kann, wenn der Dienst dadurch Noth leidet. Die Regierung beabsichtigt, in jeder der drei Provinzen deS Landes einen Landwirthschafts'Lehrer definitiv anzu­stellen. (Fr- Ztg.)

Darmstadt, 9. August. Der sich über das ganze Großherzogthum

er H h ei t.

eistreckende Landesgewerbeverein umfaßt dermalen 31 Lokalgewerbevereine. Vom Staat empfängt er eine Dotation von jährlich 34,286 «M. für die Vereins­zwecke, 20,000 «X zur Unterstützung der Landesbaugewerbeschule und der 48 Han'owerkersckulen mit insgesammt ca. 3000 Schülern; die Beiträge der Mitglieder beziffern sich auf 11,000 bis 12,000 vW. Auf dem Bureau des Landesgewerbevereins wird ununterbrochen an der Herstellung von Vorleg­blättern und anderen Unterrichtsmitteln für die Handwerkerschulen gearbeitet; eine jetzt zur größeren Entwickelung und Ausdehnung gelangende technische Mustersammlung ist angelegt und gratis geöffnet; Musterzeichnungen cirkuliren unter den Lokalvereinen; alljährlich findet eine öffentliche Ausstellung von Zeichnungen und Schülerarbeiren sämmtlicher Handwerkerschulen statt; die an diesen Schulen beschäftigten Lehrer erhalten zeitweise auf der Centralstelle Fachunterricht zu ihrer weiteren Ausbildung. Die Vereinsbibliothik in Darm­stadt steht allen Mitgliedern offen; auch einzelne Lokalvereine besitzen eigene Bibliotheken oder dock Lesezirkel für technische Zeitschriften. Populäre Fach- vorträge stehen ebenfalls auf dem Programm. Auf kunstgewerblichen Zeichnen- untcrrtcht wird besonders Gewicht gelegt. Bet allen bisber abgehaltencn internationalen Ausstellungen war die Centralstelle zur Mitwirkung bezüglich der Betheiligung von Angehörigen des Großherzogthums berufen.

Hesterreich.

Wien, 8. August. Meldungen derPolit. Corr." Aus Konstantinopel: Die Umgestaltung des Ministeriums in liberalem, reformatorischem Sinne wird als unmittelbar bevorstehend betrachtet; es circultren Gerüchte vom Be- vorftehen der Berufung Midhat Paschas. Die Antwort der Pforte auf Ser­biens Forderung wegen des Albanesen-Einfalls bestreitet die übertriebenen Angaben der serbischen Note und motivirt den Einfall durch die Aufregung über die Vereinigung der neuen Gebtetstheile mit Serbien, zugleich jede Ver­antwortlichkeit zurückweisend. Aus Belgrad: Heute erfolgte die Ratification sämmtlicher auf die definitive Abgrenzung zwischen Serbien und Bulgarien, sowie zwischen Serbien und der Türkei bezüglicher Protokolle nebst den betr. Detailkarten. Hier wird officiös versichert, die Pforte habe die serbische Ent­schädigungsforderung anläßlich des Arnauten-Einfalles nicht abgewiesen, sondern nur zur Bewilligung der verlangten Summe sich bisher nicht verstanden.

Irankreich.

Paris, 10. August. Nach einem im Amtsblatt veröffentlichten Dekret wird Lambert, Generalsecretär des Departements der Ardennen, zur Verfügung gestellt; derselbe hatte in einer bei Eröffnung des Schützenfestes zu Charleville gehaltenen Rede auf die Möglichkeit einer Revanche gegen Deutschland ange­spielt. Laut Meldung derAgence Havas" aus Konstantinopel hält man daselbst eine bedeutsame Mtnisterveränderung für nabe bevorstehend, durch welche Männer von anerkanntem Liberalismus an's Ruder gelangen würden. Die Initiative dazu ginge vom Sultan selbst aus.

England.

London, 8. August. In Zululand sind den neuesten Nachrichten zu­folge die Aussichten noch immer einer friedlichen Lösung günstig, aber weiter ist die Lage noch nicht zum Beffern gediehen. Der Sieg bei Ulundt ist der letzte thatfächliche Erfolg. Seitdem scheinen die Zulus, wo die britische Fahne noch nicht aufgeflanzt ist, eher Muth gewonnen als weiter verloren zu Haven. Str Garnet Wolseley selber, der die Lage von Anfang an etwas sanguinisch aufgefaßt hat, berichtet, daß er sich veranlaßt sehe, Ulundt aufs neue zu be­setzen, um dadurch den ungünstigen Eindruck, welchen der Rückzug der Engländer nach dem Siege nicht nur bei den Zulus im Krtegsheere, sondern auch bei der eingeborenen Bevölkerung in Natal hervorgerufen hat, zu verwischen. Auch wird von andern Kiiegsoperationen gesprochen. Es ist ein Vormarsch auf den neuen Kraal Les Königs beabsichtigt. Unter der Colontalbevölkerung, wo die amtliche Beetnfluffung nicht vorwiegt, scheint man von der unbedingten Gewiß­heit eines sehr nahen Friedensschlusses noch nicht überzeugt zu sein. Der Berichterstatter des Standard meldet daß in Natal die Besorgniß verbreitet ist, seien noch weitere Kämpfe zu erwarten, wenn den Zulus Halbwege Zeit zur Sammlung und Erholung gelaffen würde. Die Stämme an der Küste unterwerfen sich zwar, und Wolseliy berichtet über ersprießliche Verhand­lungen mit den Häuptlingen, die sich bereitwillig unterwerfen; der Kronprätendent Ohem, Bruder des Königs Cetewayo, will den Engländern sogar thätige Hülfe leisten, soll ein eingeborenes Corps befehligen und har sich anheischig gemacht, den Cetewayo gefangen in das englische Lager zu bringen; allein bei den Zulus im Norden ist, wie der Standard-Corresponcent berichtet, roch keinerlei Spur von Nachgiebigkeit zu bemerken. Trotzdem glaubt Wolseley noch immer zur Vollendung des Krieges einen Theil seiner Truppen entbehren zu können und läßt sogar ein ziemlich ansehnliches Contingent Heimkehren.

Amerika.

10. August. DerNew-Iork Herald" meldet: Die Unions-Regierung steht im Begriff, in einem Rundschreiben an die europäischen Regierungen die Aufforderung zu richten, sie möchten die Bekenner des Mor-