Regierung im Kulturkämpfe steht, vielmehr durch die Angelegenheiten der evangelischen Kirche veranlaßt ist, über welche der Kaiser bekanntlich vielfach anders denkt, als der Minister. Mögen daher die Verhandlungen mit dem Vatican jetzt auch von Neuem beginnen, einen günstigen Erfolg kann man von denselben jetzt ebenso wenig wie früher erwarten. Die Nachrichten der ultramontanen Presse aus Rom lauten — glaubwürdig genug — dahin, daß Fürst Bismarck nach wie vor an den Princtpien der Maigesetze festhalte und der Papst nicht in der Lage sei, ein Grundprincip der Kirche zu opfern.
In Oesterreich stnd die Wahlen zum Retchsrath, soweit sie bis jetzt bekannt geworden, recht ungünstig für die liberale Partei ausgefallen, indem dieselbe gegen 40 Mitglieder verloren hat. Selbst die Minister wurden meist nicht wtedergewählt. Der Eintritt der Czechen in den Reichsrath gilt gegenwärtig schon als sicher. Während Graf Andraffy sich auf dem Wege der Besserung befindet, ist der ungarische Minister am köntgl. Hoflager, Freiherr v. Wenkheim, gestorben.
Aus Rußland stnd wieder zahlreiche Verhaftungen von Nihilisten zu melden: in Kiew wurden ihrer nicht weniger als 400 verhaftet 1
In England haben die genaueren Berichte über den Tod des Prinzen Louis Napoleon die allgemeine Entrüstung über die Nachlässigkeit des Ober- commandos, wie über das unverantwortliche Benehmen des Führers der Pa. trouille, an deren Recognoscirungs-Ritt der Prinz sich betheiligt hatte, nur gesteigert. Letzterer ist denn auch schon wegen „schlechten Verhaltens vor dem Feinde" vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Das Oberhaus nahm einen Gesetzentwurf über bie Errichtung einer nichtconfessionellen Universität in Irland, das Unterhaus mit Zustimmung der Regierung einen Antrag aus Einsetzung einer Commission zur Untersuchung der Nothlage der Land- wirthschaft an. Die Londoner landwirthschaftltche Ausstellung leidet sehr unter dem anhaltenden Regenwetter, welches den Ausstellungsplatz in einen förmlichen Sumpf verwandelt hat. Bisher haben die vom Erzbischof von Canterbury angeordneten Gebete um besseres Wetter nichts gefruchtet.
Die französische Deputirtenkammer ist in ihrer Berathung des Gesetzentwurfs über den höheren Unterricht bis zu dem wichtigen Art. 7 gelangt, der alle diejenigen von der Leitung von Unterrichtsanstalten ausschließt, welche einer nicht anerkannten Religionsgesellschaft angehören. Einen besonders tiefen Eindruck machte allgemein die Rede des berühmten Pädagogen Paul Bert gegen die von diesem Artikel besonders betroffenen Jesuiten, deren Moral er brandmarkte. Nachdem ein Abänderungs-Antrag des klerikalen Deputlrten Keller ebenso wie der des radicalen Deputtrten Madier de Montjeau mit großer Majorität verworfen worden, unterliegt die Annahme des Art. 7 und mit ihm des ganzen Gesetzes Seitens der Kammer keinem Zweifel mehr. Leider ist die Genehmigung desselben durch den Senet, obgleich derselbe sich durch Gutheißung der Vorlage über die Rückkehr der Kammern nack Paris entgegenkommend gegen die Regierung bewiesen hat, noch nicht sicher. Unter den Bonapartisten herrscht noch immer große Aufregung. Der durch den plötzlichen Tod ihres bisherigen Hauptes gedämpfte Uebermuth hat sich in Folge der Freisprechung ihres der Beschimpfung der Regierung angeklagten Parteiführers, Paul Cassagnac, vor den Assisen wieder gesteigert. Glücklicher Weise fehlt es indeß der Partei wegen der Antipathie, welche ihre klerikal gesinnten Mitglieder gegen den „rothen Prinzen" hegen, an der nöthigen Einigkeit.
Die belgische Repräsentantenkammer hat die gegen die klerikalen Wahlverfälschungen gerichteten Abänderungen des Wahlgesetzes angenommen. Die klerikale Partei benutzte die Zwischenzeit vor dem Inkrafttreten des neuen Unterrichtsgesetzes zur Veröffentlichung eines Drohbriefes an den König, worin dieser mit Rache bedroht wird, falls er das Gesetz sanctinontre.
Auch Italien hat jetzt eine Mtnisterkrisis. Das gesammte Cabtnet hat nämlich in Folge einer von der Deputirtenkammer bei der Berathung des Mahlstiuergesehes angenommenen Tagesordnung, welche der Antragsteller ausdrücklich als Mißtrauensvotum bezeichnet hatte, sein Entlassungsgesuch etnge- relcht. Wie es heißt, ist der frühere Ministerpräsident Cairoli mit der Neubildung des Cabinets beauftragt; doch stößt dieselbe bet den verworrenen Parteiverhältntssen auf große Schwierigkeiten. Dem schier endlosen Scandal- proceß der Gräfin Lambertini, der angeblichen natürlichen Tochter des Cardinals Antonelli, gegen die Erben des letzteren wurde durch das mit nur einer 'Stimme Majorität gesprochene Urthetl des obersten Caffattonshofes, welches der Klägerin nicht gestattet, den Zeugenbeweis über ihre Abstammung vom Cardinal zu erbringen, ein Ende gemacht.
Herr v. Lesseps hat den Versuch gemacht, den im Senat der Vereinigten Staaten gegen sein Project der Durchstechung der Landenge von Panama beantragten Protest durch die Erklärung zu pariren, daß auch er den Canal ohne jegliche Einmischung der Regierungen erbaut zu sehen wünsche, weil gerade die Neutralität der letzteren das Zustandekommen des mit dem Gelde aller Nationen auszuführenden Projectes sichern werde. Ob es ihm indeß gelingen wird, mit dieser Phrase die Eifersucht der Amerikaner dauernd zu beschwichtigen, ist mehr als zweifelhaft. _______
Deutschland.
Mainz, 9. Juli. In der Juni-Sitzung deS Mittelrhrinischen Fabrikanten- Vereins stand die zwangsweise Einführung von Penstons« und Invaliditäts- Kassen für Fabrikarbeiter auf der Tagesordnung. Das erstattete ausführliche Referat ging von dem Erlaß der Gewerbeordnung aus, berichtete die Bestrebungen, welche in ähnlichem Sinne sich damals bereits geltend gemacht hätten, und ging hieraus zu der im Jahre 1876 erfolgten Regelung des Hülfskaffen- wesens in Bezug aus Krankenkassen über. Was die gesetzliche Regelung des Pensions- und Jnvallditäts-Versicherungswesens der gewerblichen Arbeiter, für Fabrikarbeiter oder für alle Arbeiter — es wäre die Ausdehnung an und für sich in Bezug auf diesen Gegenstand gleichgültig — beträfe, so böten sich für eine solche drei Wege dar:
1) der am wenigsten Zwang enthaltende, bei dem Genoffenschaftsgesetz eingeschlagene Weg, daß man lediglich Normativbestimmungen gäbe und dann der freien Thätigkeit überlasse, ob davon Gebrauch gemacht werden wolle oder nicht;
2) der beim Hülsskaffengesetz eingeschlagene Weg, Normativbestimmungen zu geben und zugleich einen bedingten Zwang zu üben, indem es von dem Ortsstatut, also von dem Ermessen der Gemeinde, oder etwa von der Ent- scheldung besonders gebildeter Verbände abhängig gemacht werde, ob zwangsweise auf Grund der durch das Gesetz gegebenen Normen eine Kasse errichtet werden solle;
3) die obligatorische Einführung von Altersversorgungs- und Jnva- liden-Kassen.
Hierauf wurden die im Reichstage, resp. der niedergesetzten Commission gestellten Anträge des Abg. Stumm, sowohl der allgemeine Antrag als der formulirte Gesetzentwurf und ebenso der ausgearbeitete Gesetzesvorschlag des Abg. Gareis zur Kenntniß gebracht und nach Maßgabe der Reichstagsdtscussion, dem Beschlüsse der Gewerbevereine :c. Gründe und Gegengründe für die Einführung eines Kassenzwangs, resp von Zwangskaffen referirt. — Der Standpunkt, den der Mtttelrhetnische Fabrtkantenoerein in früheren Jahren in der vorliegenden Frage eingenommen hat. nach welchem im Wesentlichen die zwangsweise Regelung des Pensionskaffenwesens für sämmtliche gewerblichen Lohnarbeiter deßhalb für nothwendig erklärt wird, well auf dem theoretisch unbedingt richtigsten Wege der Freiwilligkeit leider zu keinem entsprechenden Resultate zu kommen sei, wurde kurz reproducirt, hieraus aber die Fortsetzung des Referats auf die nächste Sitzung verlegt, da die vorgesehene Zeit abzelaufen war. Die Beendigung desselben und die Discussion über die vorliegende Frage wurden der nächsten Sitzung Vorbehalten, welche Mittwoch den 16. Juli, Vormittags halb 11 Uhr, im Gartensaale der Schlosser'schen Liegenschaft in Offenbach a. M. abgehalten werden soll. Für den Nachmittag ist an die Sitzung anknüpsend ein gemeinschaftlicher Besuch der hessischen Landes-Gewerbe-Ausstellung in Aussicht genommen.
Vermischtes.
Darmstadt, 10. Juli. In Verbindung mit dem diesjährigen Herbstpferdemarkt zu Darmstadt (15., 16. und 17. September) wird voraussichtlich im Anschluß an ein Rennen des Hessischen Reiter-Vereins eine Leistungsprobe von Pferden Hessischer Landwirthe stattfinden, für welche, sowohl von Seiten des Pfcrdemarkt-Comits's, als auch voraussichtlich von Seiten des Landespferde-Zuchtvereins Geldprämien unv Anerkennungen ausgesetzt werden. Die Propo- sitionen für Landpferde können begreifen: Zugproben für Lastpferde im Schritt, ein- und zwei- spänniges Trabwettfahren, sowie Trab- und Galopp-Wettreiten. Diejenigen Züchter und Besitzer solcher Pferde, welche als Theilnehmer aufzutreten gedenken, werden gut thun, möglichst bald geeignete Vorübungen anzustellen, auch wenn vorerst noch keine bestimmten Angaben über die Bedingungen gemacht werden können, welche das Renn - CornitL aufzustellen haben wird.
Von der Flieder, 4. Juli. Kürzlich ereignete sich bei Flieden ein sehr sonderbarer Fall. Ein geringes Bäuerlein von einem zu Flieden gehörigen Gehöft ging in das nahe Dorf Magdlos und holte sich zwei Pfund Salz, that dies in ein kleines Säckchen und steckte es in die innere Tasche seines Kamisols (Jacke), trank ein Schnäpschen und kehrte zurück. Die Witterung war sehr heiß, darum legte es sich unterwegs unter einen kühlen Baum und schlief ein. Als es nach längerer Zeit erwachte, staunte es sehr, venn sein Salzsäckchen war nicht nur verschwunden, sondern auch der ganze vordere Theil des Kleidungsstückes. In der darunter befindlichen Weste k. war ein großes Loch und es verspürte eine ziemlich große Brandwunde an der Seite der Brust. Am Unterschenkel war die Hose und der Strumpf zerfetzt und vom Fuß der halbe Schuh verschwunden. Auch da verspürte der Mann Brandwunden. In der Nähe lag ein Stein, der größtentheils zertrümmert war, an demselben sah man einige Fetzen der Kleidungsstücke und des Schuhes. Auch das Salzsäckchen lag in der Nähe, das Salz war umher zerstreut. Während des Schlafes war nämlich ein starkes Gewitter herangezogen, wodurch sich aber das Bäuerlein in seiner gemüthlichen Ruhe nicht stören ließ. Gin Blitz hatte dasselbe glücklicher Weise nickt sehr unglücklich getroffen und nur seine Kleidungsstücke beschädigt. Jedenfalls war daffelbe einige Zeit betäubt, weshalb es auch die Brandwunden nicht gleich fühlte; nachdem es sich an der frischen Luft wieder erholt hatte, wurde es den Schaden gewahr und meinte, es habe den ganzen Spectakel verschlafen. Aerztltche Hilfe wurde doch für die Brandwunden beansprucht. (K. Tgp.)
— „Aus Gewohnheit" hat sich dieser Tage eine Frau inUjkigyos, Ungarn, erhenkt. Die Unglückliche hatte nämlich die Gewohnheit, sich, wenn sie sich mit ihrem Manne zankte, ein wenig aufzuhenken, aber so, daß ihr kein Leid geschah. Auch dieses Mal wollte sie sich auf diese Weise henken, aber aus dem Scherze wurde trauriger Ernst, denn der Korb, den sie unter ihre Füße gestellt hatte, kippte um und die Bedauernswerthe konnte sich nicht aus der Schlinge zieben. Ihrem zerkratzten Halse sah man an, daß sie gekämpft hatte, um sich zu retten.
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