Paris, 10. Mat. Mehrere Journale, besonders die „Presse" und die „France" versichern, daß sich in dem heutigen Ministerrath über die zu treffen« den Vorsichtsmaßregeln für den Fall der Rückkehr der Kamm.rn nach Paris und besonders über die Organisation der Polizei-Präftctur Meinungsverschiedenheiten kundgegeben haben.
Kngland.
London, 8. Mai. Bei der jähr licken Zusammenkunft des „Jron and Steel Institute" wurde gestern des neuen Entphosphorungs-ProciffeS gedacht, vermittelst deffen aus phosphorhaltigem Clevelanbeisen Stahl hergestellr werden kann. Der Vorsitzende, E. Williams, stellte dem Proceß eine bedeutende Zukunft in Aussicht erwähnte, daß die Nord Tastern Eisenbahngesellschaft bereits eine größere Lieferung Schienen von Clevelandstahl in Auftrag gegeben hat, und machte auf die Bedeutung dieser Frage im Zusammenhang mit dem Kohlenverbrauch in England aufmerksam. Zur Herstellung einer Tonne (etwas über 20 Centner) Eisen sind 6 Tonnen Kodlen nöthig; zur Herstellung einer Tonne Clevelandstahl nur 3 Tonnen. Bisher ist etwa ein Dritttheil der gesummten Kohlenausbeute Englands — welche im Jahre nahe an 140 Mill. Gewichtstonnen beträgt — zur Eisenfabnkatlon verwandt worden. Die Er- sparniß an Kohlen durch den neuen Proceß kann daher sehr erheblich werden.
— Der Bildhauer Böhm ist gegenwärtig mit Herstellung eines Denkmals zur Erinnerung an die verstorbene Großherzogin von Hessen beschäftigt. Die Königin besuchke gestern daS Denkmal in der Werkstatt.
London, 10. Mai. Nach Meldungen aus Capstadt vom 26. April geht General Chelmsford mit dem Generalstabe nach Utrecht. — Magneza, Bruder des Zulukönigs Cetewayo, zeigte mit einigen Anhängern seine Unterwerfung an.
Rußland.
Petersburg, 7. Mai. Für die G^stwirthe sind jetzt wieder neue polizeiliche Vorschrift erlasien worden. Die Wirthe der weltbekannten Ver- gnügungölocale zu Pawlowsk, Zarokoe-Selo, Lwadia, Schuwalowa u. s. w. müssen sämmtlich um 11 Uhr ihre Räume schließen und werden vermuthlich durch diese Verordnungen ruinirt werden, denn nach diesen, von einem sehr anständigen Publikum besuchten Orlen fuhr man sonst immer erst des Abends und verweilte dann bis nach Mitternacht, und jetzt ist das nicht mehr möglich, denn von 8 bis 11 Uhr, drei Stunden nur, das ist für einen echten Petersburger kein richtiger Genuß. In der Stadt selbst darf an keinem Restaurationsfenster mchr ein Vorhang angebracht werden, so daß man immer von d r Straße direct in die Stube hinernsehen kann. Die Läden zu schließen ist selbstverständlich verboten.
— Im Narwa'schen Stadttheile soll vorgestern eine sehr ergötzliche Geschichte mit einem Gorodowoi (Polizisten) passirt sein. Zu dtsem kamen nämlich mehrere Herren und vellangten Auskunft über Dieses und Jenes. Als sie sich wieder entfernt hatten, kicherte das Publikum überall den patroullireuden Polizisten an. Derselbe ärgerte sich darüber u. d fragte schließlich einen Vorübergehenden, was er denn eigentlich so Lächerliches an sich habe. „Ack, hier", erwiderte Jener, „auf Ihrem Rücken klebt ein großer Zettel!" Der Zettel wurde abgerffen und man fand, daß es eine der gefürchteten Proklamationen war. unter welcher die Worte standen: „Da man jetzt die Straßenecken so scharf überwacht, so bleibt uns nichts weiter übrig, als unsere Proclamationen den Aufpasiern selbst auf den Buckel zu heften. Das Revolutions-Comits." Die Geschichte soll wahr sein, doch dabei gewesen bin ich nicht. Eine ganz ähnliche G schichte trug sich indifsen vor ein paar Monaten mit einem Kosaken zu, den man betrunken gemacht hatte und desien Pferd man am folgenden Morgen vor der Stadthauptmannschaft angebunden vorfand mit einem aus den Sattel gehefteten Zettel folgenden Jiihalts : „Wie brav sind doch die Wächter von St. Petersburg!" Der Petersburger Gensd^arm, der den Attentäter Drentelen's, Herrn Mirski, in einen Schlitten setzte, war auch kein übler „Häscher."
Petersburg, 10. Mai. Die Reichsbank macht bekannt, daß auf Grund kaiserlicher Befehle die vierte Emission von Obligationen der Reichsrente auf kurze Zeit im Gesammtwerthe von 50 Mill. Rubel erfolgen wird. Die Obligationen werden im Nominalwerthe von 1000 bis 5000 Rubel tmittirt, sind 4procentig und gelten aus eine sechsmonatliche, vom 1. Mai 1879 alten Styls zu berechnende Frist.
Telegraphische Depeschen.
Wagners telegr. Korrespondent - Burea«.
Paris, 11. Mai. Die „Agence Havas" meldet aus Athen: In Arta hat zu Gunsten der Vereinigung des Epirus mit Griechenland eine Manifestation stattgefunden. Die Manifestanten begaben sich vor das französische Consulat und brachten Hochs auf die französische Republik aus.
Marseille, 11. Mai. Gelegentlich des h esigen Regional Concmses hielt der Handelsminister eine Rede, in welcher er die seit 1870 verwirklichten Verbesserungen betonte: Tie Armee reorganisirt, die Grenzen mit Festun« gen versehen, nicht zur Bedrohung des Auslandes, sondern für Die Sicdeih it befi Landes; die Abgaben erleichtert rc. Der Minister appellirt an Ordnung und Frieden als unerläßlich für das Gedeihen Frankreichs.
11. Mai. Heute Morgen 10 Ubr ist Prinz von Battenberg hier eingetroffen und mittelst Ehrenwache und Musik von den Generalen Totleben, Semeka und Heinz empfangen worden. Der Stadt« oisteber, sowie die Präsidenten des slavischen und bulgarischen Comitös hielten Anreden. Die Mädchen des bulgarischen Waisenhauses bestreuten den Weg mit Blumen. Hunderte von Bulgaren bezeugten ihren Enthusiasmus durch anbaltendes Hurrahrufen. Nachmittags reiste Prinz von Battenberg auf der Nacht „Enkttk" nach L vadia ab.
Paris, 11. Mai. Der „Temps" sagt: Die Minister hrben sich gestern mit der Frage der Reorganisation der Polizet-Präsectur und mit der Frage der Rückkehr der Kammern nach Paris beschäftigt. Wenn einige Meinungsverschiedenheiten obwalten wegen der Mittel, so herrscht doch Ueberein« sttmmung hinsichtlich des Zweckes. Somit ist ein Einvernehmen im Voraus erreicht.
Marseille, 12. Mai. Aus eine Rede des Präsidenten der Handels- kamrmr antwortete der Handel-Minister Tirard, da-Princip des internationalen Austausches (Freihandels) sei nur möglich in Verbindung mit dem Principe der Gegenseitigkeit.
Petersburg, 11. Mai. Großfürst Michael nebst Gemahlin und Sohn Nlcvi^i |uij o ute ti/s Ausland abger ist.
Lokales.
Gießen, 12. Mai. Zu Weihnachten vorigen Jahres ließ der seit Jahren wohl bewährte „evangelische Kirchengesangverein zu Darmstadt", (Dirigent: Gymnasiallehrer Dr. Becker Präsident: Mmisterialrath Hallwachs), einen Aufruf ergeben, worin er zur Bildung von K>r' chengejangvercmen in Stadt und Land und zum Zusammenichluß aller dieser Vereine zu einem Landesverem aufforderte. Als Beweggrund zu diesem Aufruf wird darin Folgendes ausge- sprochen: „Wir sind von der Ueberzeugung durchdrungen, baß zur Förderung unseres kirchlichen Lebens die Pflege des kirchlichen Chorgesanges und die von ,hr ausgebende Hebung des kirchlichen Gemeindegesanges nur m hohem Maße beitragen kann." In Folge davon haben sich seitdem m zahlreichen Gemeinden unseres Landes solche Vereine gebildet, und auch in unserer Stadt hat sich, nachdem schon einige Zeit zuvor in freierer Weise die Probe gemacht worden war, ob sich zu diesem Zwecke die nöthigen Kräfte zusammenfinden würden, am 1. Mai ein „evangelischer Kirckengesangverein" constituirt. Ueber Zweck und Aufgabe des DereinS sowie die Art seines Auftritens besagen die Statuten, die fast unverändert nach dem Muster des Darmstädter Vereins angenommen wurden, Folgendes:
8-1. Der Evangelische Kirchengesangverein stellt sich die Aufgabe, zunächst seine Mitglieder mit den Werken, namentlich der alteren kirchlichen Gesangmusik bekannt zu machen durch Aufführung derselben das Jntereffe am Kirchcngesang zu wecken, und den evangelischen Gemeindegesang zu heben.
8 2. Hauptgegenstände seiner Pflege sind: die älteren Meisterwerke kirchlicher Musik insbesondere: der protestantische Choral, die Motette, die kirchliche Cantate.
Die Vorträge des Vereins werden immer in der Kirche stattfinden, und zwar wird der Verein nicht blos bei passenden Gelegenheiten im Gottesdienste fingen, sondern auch selbstständige Concerte veranstalten. Die Schwierigkeit, für einen Verein, der sich eine solche Aufgabe stellt, einen geeigneten Dirigenten zu finden, dem hierzu außer der erforderlichen musika- lisch en, auch ein größeres Maß allgemeiner und speciell künstlerischer Geschmacksbildung sowie die Kenntniß der alten Sprachen und der Geschichte des kirchlichen Lebens fast unentbehrlich ist, und da die musikalischen Kräfte, welche diesen Erforderniffen genügten, anderweit schon übermäßig in An,pruch genommen sind, ist dadurch beieitigt, daß Herr Pfarrer Dr. Haup t bei, obwohl Dilettant, doch durch langjährige Beschäftigung grade mit der kirchlichen Musik dazu wohl befähigt ist, sich freundlich zur Leitung des Gesanges bereit erklärt hat. Der Verein welcher schon zu Cbarfreitag und zu Ostern sein Scherflein zur Verherrlichung des Festgottes' dienstes beigetragen hat, wird zunächst wieder am Himmelfahrtsfest und am 1. Pfingstfeiertaae singen und beabsichtigt dann, am Reformationsfest sein erstes Coneert zu geben.
Wir hoffen, daß diese Mittheilungen genügen werden, um die irrtbümlichen Auffassungen, welche das Unternehmen hie und da hervorgerufen hatte, zu berichtigen'und das Jntereffe "für die Pflege dieser Seite der Kunst in weiteren Kreisen zu wecken. Sollte dies br Fall sein, so ist durch eine Einrichtung unseres Vereins Gelegenheit gegeben, solches Jntereffe praktisch zu betätigen. Es ist nämlich die Betheiligung inaktiver Mitglieder bei unserem Verein vorgesehen, welche gegen einen jährlichen Beitrag von 2 für die unentgeldlichen Aufführungen des Vereins reservirte Plätze in der Kirche erhalten. In Darmstadt zählt der Verein etwa 3U0 solcher inaktiver Mitglieder, und wäre es zur Förderung der Sache, auch in finanzieller Beziehung, sehr erwünscht, wenn wir ähnliche Tbeilnahme für unseren Verein fänden Anmeldungen dazu nimmt jedes der Aussckußmitglieder, gegenwärtig außer dem Dirigenten die Herren Bezirks: ftraf liebtet Kullm ann, Aeeessist Dornseiff, Pfarrer Schlosser, Pfarrviear Schöner, ferner Frl. Agnes Simon, Frl. Helene Walther, entgegen.
— Die Samstagnacht war für die Bewohner der Schloßgaffe eine aufregende. Vom Lindenplatz aus entrirte sich eine umfangreiche Holzerei zwischen diversen jungen Leuten, Den verschiedensten Ständen angchörend, welche ihren vorläufigen Abschluß in Der Festnahme von zwei der Exeedenten fand. Die Freunde derselben glaubten jedoch solche wieder mitnehmen zu sollen und entstand dadurch vor der Polizeiwache ein arger Tumult. Das Faeit war die geschlossene Abführung von 2 Leuten nach dem Arresthaus, dem die weiteren Ordnungsstrafen wohl folgen werben.
— Am Samstag Morgen würbe der Kleinkinderschule wiederum ein größeres Quantam getaufte Milch zugewiesen.
— Verhaftet wurde im Laufe des gestrigen Tages ein arg Bekneipter, sowie ein Frauenzimmer wegen zwecklosen Umhertreibens.
— Bekanntlich ist die Heilanstalt für scrophulöse Kinder in Bad Nauheim vom 1 Mai an schon in Thätigkeit. Um allenfallsige Gesuche um Aufnahme zu erleichtern, thetlen wir Jntereffenten mit, daß 1) Kinder von 3 dis 14 Jahren ausgenommen werden; 2) Anmeldungen an den Arzt der Anstalt, Herrn Dr. 2Ib6e in Nauheim zu richten sind. Bei der Aufnahme ist ein ärztliches Zeugniß darüber beizubringen, daß das Kind Soolbäder bedarf und daß es an keiner ansteckenden Krankheit leidet. Der Betrag der Pension für die volle Kur auf 4 Wochen ist für Unbemittelte auf 15 für Bemittelte auf 30 pränumerando notmitt worden.
— In Krofdorf ertrank am Samstag Nachmittag eine Frau in einem im Keller befindlichen Brunnen.
Vermischtes.
Dillenburg, 7. Mai. (Brand). Heute Morgen gegen 10 Uhr brach in dem 1'/, Stunde von hier entfernten Dorfe Wiffenbach Feuer aus, das bei dem scharfen Rordostwinb, den vielen Strohdächern und den zusammenhängenden Gebäuden mit so rasender Schnelligkeit um sich griff, daß innerhalb weniger Stunden trotz der von allen Seiten herbeigeströmten Hilfe 2/z des ganzen Dorfes (ungefähr 60 — 70 Häuser) in einen Schutt- und Aschenhaufen verwandelt wurden Das Elend der Bewohnet ist sehr groß, da Wiffenbach ohnehin zu den ärmeren Ortschaften des Amtes Dillenburg gehörte. Ueber die Entstehung des Brandes verlautet im Augenblicke noch nichts Menschenleben sind glücklicherweise, da daß Unglück sich am hellen Taae ereignet, nicht verloren gegangen.
Das Concert vom 11. Mai.
Obgleich das eigentliche ächte Frühlingswetter immer noch auf sich warten ließ, wenigstens am Abend des Concertes, so mahnte doch die doppelte Beleuchtung des Saales, an der sich schon der Himmel und die menschliche Kunst fast gleichmäßig bethciligten, daran, daß die eigentliche Concertsaison dahin ist. Das Concert selbst hat, so kann man sagen, unter diesem Umstande nicht wesentlich zu leiden gehabt. Denn die Frequenz war eine immerhin beträchtliche. Herr Concertmeister Heermann leistete in dem Schubert'schen Rondo für Violine mit Pianosortebegleituna Hervorragendes, noch mehr so in dem Beethooen'schen Violinconcert (1. Sah). Besonders heben wir die längere Cadrnz in letzterem Concerte hervor, die eigentlich ein von dem Grundgedanken des Meisters sich vielfach entfernender musicalischer Streifzug war, auf welchem Herr Heermann auch als Virtuos im Aufbieten der specifischen Reizmittel eines gediegenen Violinspiels sich bethätigte. Das Schubert'sche Lied „Die Allmacht" der Fräulein Fillunger war herrlich vorgetrasten und gab den Beweis für den Umfang der derselben zu Gebot stehenden Stimm - Mittel, wiewohl wir doch ihre höheren Soprantöne für entschieden wirksamer, als die mittleren, erklären möchten. Für die mittlere Tonlage ist ein gewisses Tremoliren etwas vorherrschend und stört die feste unentwegte Intonation. Am be)lcn war noch in dieser Hinsicht das „Haideröslein". Fräulein Fillunger erntete übrigens hinreichend den ihr gebührenden Beifall. Herr Dingeldey ist ein Jünger^ der seinen Meister nickt oerläugnet. Er spielte die Liszt'sch^ Rhapsodie wahrhaft brillant, ebenso die Chopin'sche Ballade in as-bur. Das Schumann'sche „Warum?" ist ein sonderbar trübes Tongespinnst, das schwer zu verstehen, wenigstens nur geringen Eindruck auf die Anwesenden zu machen schien. Um so verdienteren Beifall erhielt die „Gavotte" von I. S- Bach. 0.
Handel und Verkehr.
Frankfurt, 10. Mai. (Marktbericht.) Butter im Großen 1. Qual. JC. 0,95—1, 5 Qual. 9<> H, im Detail I.Qual. JL 1,15—1.20, 2. Qual. JL 1,10, Handkäse da- Pstmd — Ganze Erbsen stellten sich per 10o Kilo auf JL 18—23, geschälte Erbsen JL 23—27, Speisebohnen 22—25, Linsen 23—30 JL Kartoffeln JL 7. Es kostete Ochsenfleisch >« Pfb. 65—70 H, Kuh-, Rind- und Farrenfleisch 58—65 H, Hammelfleisch 50—65 Kalbfleisch 50—65 H, Schweinefleisch 60—70 H, Dörrfleisch — H, Schinken — 4 auSgebeint — H bis — J4, Fleischwurst 70—80 Hausmacher Leberwutst, Preßkopf, SchwaR- mögen, Zungenwurst 80—90 H, gewöhnliche Leber- und Blutwurst 55—60 Geflügel: Hahnen JL ',70 — 2, Hübner , Enten JL —, Poularden JC 6—8, Tauben 50 H Hechte 70—80 Karpfen 70—75 H, Schleien — H, Cabliau — Schellfische i/r Kg. 30 Salm bas Pfv. JC. 2,50—3. Eier bas Hunbert bayerische 4.40, italienische JL. 5.40. Heu- und Strohmarkt war ziemlich gut befahren. Heu kostete je nach Qualität per Centner JL 2—3, Stroh JL 2-2.20.


