Prinz Napoleon sich offen an die Spitze der Imperialisten stelle; sie soll dies im Interesse ihres Sohnes für nothwendig halten.
— Der Prinz Napoleon Jerome geht am Freitag mit seinen beiden Söhnen nach Chislehurst, um dem Begräbnisse des kaiserlichen Prinzen anzuwohnen; die Prinzessin Mathilde reist schon am Donnerstag ab. Der Prinz Napoleon Jerome wird als Haupt der Familie Bonaparte der Feier vorstehen.
Belgien.
Brüssel, 8. Juli. In Belgien hat man an einer Kirchthüre in Laeken in vlämischer Sprache, sowie heute an den Mauern des Brüsseler Justizpalastes einen Drohbrief gegen den König angeheftet gesunden. Es ist ganz erstaunlich, bis zu welcher blinden Wuth sich die Klerikalen wegen des Schulgesetzes htnreißen lassen. Manche ihrer Organe leisten nach Form und Inhalt Unglaubliches, wenn sie diesen Gegenstand besprechen.
England.
London, 8. Juli. Im englischen Unterhause ist der Antrag auf Einsetzung einer Commission zur Untersuchung der Nothlage der Landwtrthschaft durchgegangen. Der Antragsteller führte aus, daß die Weissagungen Cobden>s sich nicht erfüllt hätten; er wolle allerdings nicht be» haupten, daß der Freihandel ohne Gegenseitigkeit der einzige Grund der Nothlage sei. Obwohl für den Freihandel von Bright u. A. energisch eingerreten wurde, ist der Beschluß doch eine Concession an die Gegner. Bei der Gründlichkeit der Untersuchungen der Engländer, wo es sich um volkswirthschaftliche Probleme handelt, wird die Enquete über die Landwtrthschaft sicher ein für alle Länder interessantes Resultat zu Tage fördern.
London. Mr. Robert Collenzo schreibt unter dem 23. Juni an den Redacteur der „Daily News", daß es jetzt, da Feuer und Schwert abermals in das Land und die Heimstätten eines unschuldigen und harmlosen Volkes (die Zulus) getragen werden sollen, an der Zett sei, die öffentliche Aufmerksamkeit auf Thatsachen zu lenken, welche entschieden in den Vordergrund gestellt werden müßten. Ein glaubwürdiger Korrespondent melde ihm aus Natal: „Zu verschiedenen Malen, als Boten von Cetewayo mit einer weißen Fahne eintrafen, um den Frieden zu erbitten, wurden dieselben in Eisen geschloffen; auf andere geschossen. Ihre alten Freunde Jnfunzt und Uktsinane, welche vom Könige abgeschickt waren, um in unterwürfiger Weise um Frieden zu bitten und zugleich die Frage zu stellen, was der König denn eigentlich verbrochen habe, befinden sich seit Wochen im Gefängnisse." Jnfunzt und Uktsinane sind zwei regelmäßige, wohl bekannte und überaus geachtete Gesandte Cetewayo's; beide Jndunas vom höchsten Range und als solche von der Natal-Regterung anerkannt. Mr. Fräs. Buckell, Mitglied des königl. Collegiums der Wundärzte tn Romsey schreibt unter dem 22. d. an den Redacteur der „Daily News": Ich sende Ihnen anbei den Auszug eines Briefes, den die hier lebende Mutter eines unserer Soldaten in Südafrika erhalten hat. Ein Theil desselben ist so grauenerregend, daß es mich freuen sollte, denselben osstctell demenlirt zu sehen, oder falls dies nicht geschehen kann, zu hören, daß die nöthigen Schritte geschehen sind, um die Wiederholung solch entsetzlicher Barbareien zu verhindern. Der Auszug des Briefes, der von einem Gemeinen des 60. Regiments köntgl. Scharfschützen, Südafrika, 13. Mai 1879, geschrieben ist, lautet: „Ehe man es sich versieht, bedrängt uns der Feind aus nächster Nähe; aber sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Am 2. April, als wir Pearson aus Ekowe herausholten, fielen sie zu Tausenden über uns her, allein wir räumten rasch genug unter ihnen auf und da unsere Küche gerade unser Frühstück an jenem Morgen herrichtete und wir uns just zum Mahle setzen wollten, kam der Feind über uns her und wir beschossen ihn etwa eine Stunde; unserer Lebtage haben wir keinen solchen Anblick gehabt, zu Tausenden lagen sie auf dem Boden umher; wir hatten unser Frühstück an jenem Morgen verloren und aßen an jenem Tage auch kein Mittagessen, weil die Zulus, die wir getödtet hatten, so schrecklich stanken; was die Verwundeten betrifft, so schickten wir, nachdem das Feuer eingestellt war, unsere Schwarzen unter sie hinaus und die tödteten alle Verwundeten; einige derselben baten unsere Schwarzen um einen Tropfen Wasser, ja sie gaben ihnen Wasser! sie stießen ihnen ihre Affe- gais durch den Leib, daß sie hinten wieder herauskamen."
Amerika.
New-Aork, 8. Juli. Im Senate zu Washington hatte Burnside einen Protest gegen das Projekt des Panama-Kanals erhoben, welcher die Ausführung ausschließlich für die Amerikaner in Anspruch nahm. Herr v. Lesseps hat nun em Beruhigungs-Telegramm an den „New.Aork- Herald" gerichtet, in welchem er ebenfalls für die Neutralität des Unternehmens — ohne Controle und Einmischung der Regierungen eintritt.
Telegraphische Depeschen.
Wagner's telegr. T»rresp»u>eut-Vure«s.
Ems, 9. Juli. Se. Majestät der Kaiser hat gestern eine Spazierfahrt nach Fachbach unternommen und Abends der Theatervorstellung beigewohnt. Die Kur wurde in regelmäßiger Weise fortgesetzt.
Berlin, 9. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Gutem Vernehmen nach ist Aussicht vorhanden, daß die Herstellung einer directen Schienenverbindung zwischen Berlin, Schwerin und Lübeck nunmehr von Seiten des Staates in die Hand genommen wirv. Die bezüglichen Einleitungen wurden getroffen und Schritte bei den beteiligten Regierungen gethan.
Bukarest, 9. Juli. „Telegraphist" und „Romania libera" perhor- resciren die über das Commissions-Programm hinausgehenden Concessionen in der Judenfrage. Letzteres Blatt bemerkt: Wenn Europa damit unzufrieden ist, werden wir es ertragen, noch einige Zeit in nicht vollständig anerkannter Unabhängigkeit zu verbleiben.
Versailles, 9. Juli. Die Deputirtenkammer hat den Gesetzentwurf über den höheren Unterricht genehmigt mit Einschluß des Art. 7, welcher den nicbtautorisirten Congregationen (Jesuiten rc.) die Ertheilung von Unterricht verbietet
Paris, 9. Juli. Die Regierung hat den Marschällen Mac Mahon, Canrobert und Leboeuf die Genehmigung zur Reise nach Chislehurst behufs Theilnahme an der Leichenfeier des Prinzen Napoleon versagt.
Berlin, 9. Juli. Reichstag. Die Fortsetzung der zweiten Berathuna des Zolltarif-Gesetzentwurfes beginnt heute bei § 7 (Garantiefrage). Windthorst alä
Steferent characterisirt die Anträge Franckenftein und Bennigsen, von denen der erstere oenföderativen Character der Reichsoerfassung festhalte und zugleich die verfassungs- maglgen Matrlkularbeiträge beibehalte. Die Commission habe die Unmöglichkeit eingesehen, beide Anträae zu vereinigen. Der Antrag Bennigsen schaffe, indem er feste Einnahmen beweglich mache, Unsicherheit im Budget. — v. Bennigsen erklärt, bei Annahme des Antrages Franckenftein sei es ihm unmöglich, für den Tarif zu stimmen und rechtfertigt seinen Antrag auf Quotisiruna mit der Rücksicht auf das Einnahme- Bewilligungsrecht dts Reichstages; er habe die Neigung der Regierung, darauf em- zugehen, angenommen. Redner verweist auf das Unerwartete des Compromisses und den gleichzeitigen Rücktritt von drei Ministern; durch das Compromiß feien die Grnnd- lagen der Verfassung erschüttert, die Stellung der Einzelstaaten zum Reich verschoben. Redner fuhrt dies im Einzelnen aus. — Minister Friedenthal erklärt anknüpfend an
Bennigsen's über die Minister-Demissionen: Obwohl der Reichstag ni^ bie Stelle zur Erörterung der Frage, sei er, um Jrrthümer ein für allemal aus- zuschlietzen, genothigt zu erklären, daß der Antrag Franckenftein auf feinen Entschluß reinen Einfluß geübt habe; er werde für diesen Antrag stimmen. Im Namen der beiden anderen Minister Erklärungen abzugeben, sei er nicht legitimirt. Was seinen Freund Falk angehe, so könne er prognofticiren, derselbe werde mit ihm für den Antrag Franckenftein votiren.
v. Kardorff erklärt sich für den Antrag Franckenftein, der die beste Handhabe zur Vermittelung biete und macht die Nationalliberalen für die jetzige Lage verantwortlich- Es, erfolgt hieraus heftiger Widerspruch seitens der Nationalliberalen.
Fürst Bismarck: Wenn man sich seit 18 Jahren die Aufgabe gestellt hat, die deutsche Einheit zu consolidiren, so begreift man die Schwierigkeiten nicht, die hier emer einfachen wirthschaftlichen Maßregel entgegentreten, einer Maßregel, welche die Mehrzahl der Nation will und die eine unerhörte und verlogene Preßagitation nicht wird zu mchte machen können. Das Reich hat alle Hauptfinanzzölle. Es kann feine Bedürfnisse nicht decken. Jeder Versuch, dies Ziel zu erlangen, war bisher gescheitert, bis ich selbst den Vorschlag machte, unsere finanziellen Zustände zu bessern. Ich hoffte auf eine leichte Verständigung. Die liberale Partei "vernichtete diese Hoffnung; sie machte keinen Gegenvorschlag, sondern begnügte sich mit der reinen Negation, wie die Fortschrittspartei, die ja, ohne die Intentionen der Regierung zu kennen, stets opponirt und die Quelle aller Beunruhigung ist und war. Ich habe mich für den Francken- fteln'schen Antrag entschlossen, nachdem ich gesehen habe, daß ich die Wege, welche andere Fractionen vorgeschlagen, nicht gehen kann. Diese Wege, die wir aus den Debatten über den Petroleumzoll kennen, können die verbündeten Regierungen, kann das Reich nicht gehen. Sie sind wenig verschieden von der socialdemokratischen Richtung (Lärm und Heiterkeit), welche sie mindestens vorbereiten! Die Annahme, daß ich die Finanzhoheit des Reiches schädige, ist gänzlich aus der Lust gegriffen. Wo ist denn ba§ verfassungsmäßige Einnahme-Bewilligungsrecht des Reichstages erschüttert? Ich verstehe vollkommen die Forderung nach constitutionellen Garantien, habe aber einen solchen Antrag wie den Franckenstein'schen, der nur nach dieser Richtung genügt, aus der Mitte der nationalliberalen Partei erwartet. Vor einem Jahre wurde ich verdächtigt, auf dem Berliner Congresse Deutschlands Interessen auf das Sviel gesetzt zu haben. Das Verleumderische dieser Behauptung ist seitdem klar geworden. Heute gefällt man sich darin, mich besonderer Reactionsgelüste zu beschuldigen. Ich habe mich immer mehr und mehr von der nationalliberalen Partei, die mich bis dahin unterstützt hatte, verlassen gefühlt. Es ist nickt richtig, daß ich mit irgend einer Fraction gebrochen habe. Ich habe nie einer solchen angehört, seitdem ich Minister bin. Ich habe stets nur dahin gestrebt, Deutschlands Einheit zu schaffen und zu erhalten. Ich bin mit Allen gegangen, die mich darin unterstützt haben. Es ist für Deutschland ein Glück, daß es sich außer auf Preußen auch auf andere Staaten zu stützen hat. Es ist dies eine Stütze, die uns durch nichts ersetzt wird. (Beifall.)
Fürst Bismarck fährt fort: Hätte ich die Diktatur je für zweckdienlich gehalten für die Einigung Deutschlands, ich hätte gewiß dazu gerathen, aber ich war mir bewußt, daß der Weg, den ich vorschlug, der richtigere und bessere war. Redner wirst einen Rückblick auf die Entwickelung des Reiches in den ersten Jahren seines Bestehens. Wenn ich, fährt er fort, enger an die liberalen Parteien gedrängt wurde, hoffte ich dadurch eine allgemeine Verständigung zu fördern. In dieser Voraussetzung sehe ich mich getäuscht, seitdem eine große geachtete Presse und Partei mich befehdete. Die Regierung muß ihre Wege gehen, die sie für richtig erkannt hat. Sie wird die Unterstützung der Fractionen bedürfen, aber sie wird nie von ihnen abhängen dürfen. So lange ich Minister bleibe, werde ich in meinen jetzigen Bestrebungen nicht Nachlassen, die ich zum Heile des Vaterlandes für erforderlich erachte. Es wäre Verrath am Vaterlande, wenn ich davon abließe. Lieber wäre es mir, wenn ich die Matrikularbeiträge entbehren könnte. Wenn ich aber von der nationalliberalen Partei im Stiche gelassen werde, wenn mir fein positiver Vorschlag gemacht wird, so muß ich doch an dem feslhalten, was wir haben. Nach dem Anträge Franckenftein erhalten die Einzelstaaten, was ihnen von Rechtswegen zusteht. Das Reich steht gerade da, in voller Finanzhoheit da, wenn es seine Forderung geltend macht, ohne in die Verwaltung der Einzelstaaten einzugreifen. Ich erachte die Finanznoth im Wesentlichen für gehoben und glaube, daß das Finanzwerk, das wir setzt schaffen, segensreich wirken wird. Es ist nicht abzusehen, wie die Verfassung dadurch erschüttert werden soll oder gar der Bestand des Reiches, das sich ja doch aus den verbündeten Regierungen zusammensetzt. Der Wortlaut des Bundesvertrages im Eingang der Verfassung stellt das Verhältniß ganz klar. Es ist in keiner Weise zu behaupten, daß wir jetzt den Partikularismus stärken. Redner erörtert die verfassungsmäßigen Bestimmungen über die Erhebung und Verwendung der Zölle an der Hand der einzelnen Paragraphen der Verfassung zum Nachweise, daß der Antrag Franckenftein sich genau in dem Rahmen der Verfassung bewege. Die Regierung werde sich von dem Wege, den sie jetzt betreten, seitdem sie sich am letzten Sonntag für den Antrag Franckenftein erklärt hat, nicht verdrängen lassen. Ich selbst werde diesen Weg bis ans Ende gehen, den ich als den richtigsten zum Heile des Vaterlandes erkannt habe; ob ich Haß oder Liebe damit ernbte, ist mir gleichgültig. (Beifall rechts und im Centrum.)
Windthorst erklärt sich für den Antrag Franckenftein, beleuchtet die Haltung des Centrums und bestreitet, daß dasselbe Concessionen gefordert oder erhalten habe. Das Centrum wolle nur der wirthschaftlichen Bedrängniß abhelfen. Das Zusammengehen mit den Konservativen hänge von der Beendigung des Kulturkampfes ab. Das Gentrum hoffe mit den Konservativen zusammenzuwirken, nicht zur Reaction, sondern zur Revision der von jeher vom (Zentrum bekämpften Maigesetze. — Lasker spricht gegen den Antrag Franckenftein und rechtfertigt die Haltung der nationalliberalen Partei, welche dauernd so weit sie irgend gekonnt, nachgegeben habe. — v. Helldorf befürwortet den Antrag Franckenftein.
Nachdem v. Komierowski Namens der polnischen Abgeordneten erklärt hat, daß seine Partei sich der Abstimmung enthalte, wird die Discussion geschlossen. § 7 wird in namentlicher Abstimmung mit 211 gegen 122 Stimmen angenommen. Die Polen enthalten sich der Abstimmung. Geschlossen für den Paragraphen stimmen die Conser- vativen und das Zentrum, dagegen die Fortschrittspartei, die Nationalliberalen und die Socialdemokraten. — Nächste Sitzung Donnerstag 10 Uhr.
Berlin, 9. Juli. Die „Proo.-Corresp." enthält einen Artikel über die Wirksamkeit des Finanzministers Hobrecht, welcher folgendermaßen schließt: Indem Minister Hobrecht für die unmittelbaren Zwecke der Finanzpolitik des Reichskanzlers sein volles Einverständniß zu erkennen gab, deutete er zugleich an, daß die letzten Ziele und Pläne des Kanzlers namentlich in Bezug auf die Umgestaltung und Aufhebung der directen Steuern in Preußen wohl weiter gingen als die seinigen, fügte aber alsbald hinzu, daß dies Fragen seien, um deren Lösung es sich zur Zeit noch gar nicht handle, die für jetzt nur eine allgemeine grundsätzliche, aber keine praktische Bedeutung haben. Inzwischen scheint jedoch diese Verschiedenheit der Auffassungen über die künftige Gestaltung der preußischen Finanzpolitik den Minister Hobrecht vorzugsweise dazu bestimmt zu haben, seinen Abschied zu erbitten.
Tirnowa, 9. Juli. Heute Vormittag 9 Uhr wurde in der historischen Kr^nungskirche das Tedeum abgehalten, wonach die.Eidesleistung des Fürsten Alexander von Bulgarien stattfand. Der Fürst trug russische Generals- Uniform und die Großkreuze verschiedener Orden. Er sprach die Eidesformel fließend in bulgarischer Sprache, was von der Versammlung mit lebhaftem Enthusiasmus ausgenommen wurde.


