(4595 tert, vlrth. 'gen. ^ersamm- 1$- Juli, sei, !• ' H ich die
X
lWt tnb reelle totibtn.
?Ä.
aufe nut Preisen.
MN.
:eine 1 Mk.
i feinsten.
ms.
«
I« »e;
ff L D fl-
ff
1U8«
% -
&9aS t * p 2 ®
ZS-ß gfe ■„So 8
-e --§•
Z-§S
<5d v .o O
S?r. ISS. Freitag den 11. Juli 1879.
Kiehener Anzeiger
Anzeige- lei AMsblatt für in Kreis Gießen.
ssax*.} ■■ -- ««“*»»gAr»K?,:s«A rtgsr
A ml kicher Hßeil.
Nr. 20 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. Mts., enthält:
(Nr. 1309.) Bekanntmachung, betreffend die vorläufige Einführung von Eingangszöllen auf Material- und Speceret-, auch Conditorwaaren und andere Consumtibilien, sowie auf Petroleum.
Nr. 21 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben ven 7. l. Mts., enthält:
(Nr. 1310.) Bekanntmachung, betreffend die vorläufige Einführung von Eingangszöllen auf Tabak und Tabakfabrikaten.
Gießen, den 9. Juli 1879. Großherzogliches Kreis amt Gießen.
Dr. Boekmann.
Aokilisch
Die Reaction und die Socialdemokratie.
Nickt allein in Berlin, sondern im ganzen Reiche hatten die Nachrichten von dem Abgänge der drei Minister Hobrecht, Falk und Friedenthal eine ganz eigenartige Aufregung erzeugt. Der Schritt kam nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, derselbe war schon wochenlang umwölkt; es zeigte sich daher im Volke auch keine allzugroße Bestürzung über das aujsteigcnde klertkal- conscrvative Ungewttter, sondern mehr eine gewisse Niedergeschlagenheit, eine verstimmende Abkühlung der Hoffnungen, die man noch in letzter Stunde auf das Verhallen des Reichskanzlers gesetzt hatte. Weite Volksschichten hatten sich im Laufe von fast zwei Dezennien in die Ansicht eingelebt, Laß das, was Bismarck thue, wohlgethan sei, und man begegnete in diesen Kreisen stets der Ansicht: „Bismarck wird cs schon machen 1" — Diesmal aber sieht man doch ein verlegenes Schweigen und Achselzucken, und Schweigen ist auch eine Antwort. Möglich ist es ja heute noch, daß Bismarck wieder einmal Rücksicht nebmen muß und nicht anders handeln kann, als er handelt.
Aus die organischen Schöpfungen des Reiches würde die Reaction gleich einem giftigen Mehlthau fallen. Es ist aber nicht allein der Stillstand, der uns gefährlich scheint. Die Reaction ist allzeit thätiger und kühner gewesen, als der Liberalismus. Man glaube ja nicht, daß sie mit den drei Opfern in Ministerkretsen befriedigt sein wird; in Kürze weiden ihnen die wenigen tüchtigen und einflußreichen liberalen Kräfte in der Verwaltung des Reiches, wie Preußens, folgen. Dann wird die Thätlgkett beginnen, welche alle liberalen Errungenschaften in Frage stellt, und von diesem Punkte an wird, weil das liberale Bürgerthum in die Defensive gedrängt wird, auch ein neues Anwachsen der Socialdemokratie zu verzeichnen sein.
Es ist ja schließlich kein Gehctmniß, daß das Socialistengcsetz nur äußerlich Ruhe geschaffen, aber die sociale Krankheit nach Innen getrieben hat. Man colportirt die Worte eines bekannten Socialisten: „Unsere Aufgabe muß jetzt sein, den Klassenhaß im Geheimen zu schüren; — wir sind nicht unthätig; wir arbeiten mehr als je I" Für dieses Schüren eignet sich schon die Gegenwart mit ihren verfahrenen Zuständen; ganz besonders aber würde es durch eine Zett der Reaction begünstigt werden. Die Steuerprojectc geben Anlaß, gegen den Staat und die Parteien aufzureizen; die wirthschaftltche Kalamität, insbesondere die vielen betrügerischen Bankerotte, bieten Gelegenheit, gegen die Besitzenden aufzustacheln und die Reden der Orthodoxen dienen dazu, die Religion lächerlich zu machen. Das ist eine böse Saat! Damit sie nicht aufgehe, wird das Volk gut thun, sich nicht allein auf Staat und Polizei zu verlassen, sondern die Freunde des socialen Friedens müssen rüstig für die Volksbildung arbeiten, deren Förderung wir bekanntlich nicht von der Reaction zu erwarten haben. Diese Gefahr der Herrschaft einer klerikal-conservattven Majorität in Deutschland möge man nirgends unterschätzen sondern ihr nach Kräften entgegentreten.
Deutschland.
Darmstadt, 9. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung d. d. 4. I. Mts. den dermaligen König!. Prcuß. Arckivsecrctär zu Marburg, Dr. Arthur Wyß, mit Wirkung vom 1. August 1879 an zum zweiten Haus- und Staats-Archivar bei Großh. Haus- und Staats-Arckiv-Dtrection zu ernennen geruht.
Darmstadt, 9. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben dem Sergeanten Krebs im 2. Großh. Jnfant.-Regtment (Großherzog) Nr. 116 das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: „Für Rettung von Menschenleben" zu verleihen geruht.
Berlin. Der Proceß gegen den des Taschendiebstahls angeklagten russischen Obersten Bafllewitsch, welcher in erster Instanz des Berliner Gerichts verurtheilt war, endete in zweiter Instanz mit der Freisprechung des Angeklagten. Das Urthetl des ersten Gerichts hatte seiner Zeit nicht geringes Aufsehen erregt und zweifelte man damals bereits allgemein an der Zuverlässigkeit der Zeugen, denen im Angeklagten ein reicher, soviel bekannt unbescholtener Mann mit den besten Empfehlungen hoher, ehrenhafter Personen gegenüberstand. Nach der erneuten Beweisaufnahme erklärte selbst der Staatsanwalt, in diesem Falle die Verthcidigung selbst zu führen, denn der Angeklagte sei das Opfer eines beklagenswerthen Jrrthums geworden. Die Beweisaufnahme er^ab jetzt, daß die bestohlen sein wollende Zeugin eine liederliche
er Hheil.
Dirne war. Das Portemonnaie derselben ist nicht gefunden und nicht festge stellt, ob Zeugin überhaupt ein solches besessen.
Berlin, 8. Juli. Eine neue große Ueberraschung hat die Schwenkung des Centrums in der Frage der verfassungsmäßigen Bürgschaften gebracht. Man deutet in der katholischen Presse geheimnißvoll auf stille Abmachungen mit der Reichsregierung hin. Es bleibt nicht unbemerkt, daß Windtborst-Meppen viel mit dem Reichskanzler conserirt; — die Gerüchte wollen wissen, daß in Kürze eine umfassende Amnestie in Aussicht steht, welche die Rückkehr der Bischöfe und vieler verurtheilter, flüchtiger katholischer Priester ermöglicht. Jedenfalls aber erkennt man immer deutlicher, wie wenig die Devise „Wahrheit, Freiheit und Recht" dem-Centrum werth ist, wenn ihm Entgegenkommen von Setten des Staates bewiesen wird.
Im Reichstage hatte man bei der Verhandlung über die Ftnanz- zölle auf einen großen Tag gerechnet. Man wollte aber auf keiner Sette der Generaldebatte über des Reiches Zukunft, über das Tarifgesetz, vorgreifen. So ging es oenn hübsch still und langweilig zu. Der Weinzoll vermochte die Gemüther fast gar nicht zu erregen. Der Kaffeezoll kostete doch wenigstens eine namentliche Abstimmung. Salz und Thee gingen rasch vorüber. Erst bei dem Petroleum kam es wieder zu größerer Lebhaftigkeit. Charakteristisch bleibt es, daß sich schließlich die Socialdemokratte hervorwagte und Alles umwarf, den Freihandel wie den Schutzzoll, die Liberalen wie die Conservativen, mit einem Wort alle Zustände und die moderne kapitalistische Produktionsweise. Heute folgt die Berathung des Tarifgesetzes.
Aus Bayern. Wie schlimm es in München in finanzieller Hinsicht steht, beweist die niederschlagende Nachricht, daß außer den bereits auf der Gant stehenden Häusern in nächster Zett deren noch 1100 (?) auf dieselbe kommen würden, da ein allgemeiner Häuserkrach bevorstehen soll. Wie viele Existenzen müssen dadurch zu Grunde gehen! Die nach Hunderten in den letzten Jahren hingebauten Häuser wurden fast durchgehends mit Hülfe von bet den Banken aufgenommenen Geldern erbaut. Diese besitzen daher die erste und sichere Hypothek, während die übrigen Gläubiger den größten Thetl ihrer Darlehen einbüßen werden, weil der Häuserwerth seit einem Jahre namhaft gesunken ist. In den neugebauten Stadrtheilen, deren Häuser seit Jahren wie Pilze aus der Erde aufgeschossen sind, stehen in einem Hause seit mehreren Wohnungszielen ost zwei und drei Etagen leer, nachdem der Zuzug vom Lande nach hier bedeutend nachgelassen hat. — Der Bescheid des köntgl. Staats- mintsteriums auf die Beschwerde der hiesigen Metzgermeister gegen die Einführung der obligatorischen Trichinenschau ist hier eingetroffen. Dem Vernehmen nach lautet derselbe abweisend.
Hesterreich.
Wien, 8. Juli. In Oesterreich gestaltet sich die Wahl des bekannten Gründers, Ritters Ofenheim von Ponteuxtn, zu einem öffentlichen Scandal. Der Bezirk der Slädte Szuczava-Radauh-Szered erhielt dafür von dem Ritter ein Darlehn von 150,000 Gulden, um damit Sparkassen zu begründen. Man weiß hier wirklich nicht, ob die Schamlosigkeit größer ist auf Seiten der Gewählten oder der Wähler.
Frankreich.
Paris, 8. Juli. Die neueste Bismarckssche Wendung erfüllt in Frankreich die Ultramontanen mit neuem Stegesmuth. Ueber den Sturz des Cultus-Ministers, „der hinter sich so viele Ruinen läßt", schreibt der „Univers": „Dieser Mensch, der Sohn eines Landpastors, hat vom September 1872 an den verderblichsten Einfluß auf ganz Deutschland ausgeübt. Er geht weg. Es steht zu wünschen, daß die preußischen Traditionen, nach welchen er verfuhr, mit ihm verschwinden."
Paris, 8. Juli. Rouher soll während seiner Anwesenheit in Chisle- hurst alles aufbieten wollen, um die Kaiserin zu bestimmen, daß sie in einer Proklamation zu Gunsten des Prinzen Napoleon Jerome eintritt, da er dies für das einzige Mittel hält, um zu verhindern, daß die Partei sich zersplittert. Der Prinz Napoleon hält noch immer zurück, hat indeß eine indirekte Kundgebung gemacht: er ließ in dem Blatte „Paris - Capitale" ein Schreiben veröffentlichen, das er im Mai 1871 an Jules Favre richtete und worin er die Regierung der nationalen Verthetdtgung scharf angreist und die Berufung an das Volk verlangt. Es wird behauptet, die Prinzessin Clottlde sei dafür, daß


