Nr. 8. j
Freitag, den 10. Januar
1879»
Kichener Htnzeiger
Aüffigt- Mb Amtsblatt für beu Kreis Gießen.
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Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher H h e i l.
Gießen, am 6. Januar 1879.
Betreffend: Statistik der Bewegung der Bevölkerung pro 1878.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir sehen der alsbaldigen Einsendung der Register über die in 1878 vorgekommenen Zu- und Wegzüge entgegen.
Dr. Boekmann.
Gießen, am 9. Januar 1879.
Betreffend: Die Ableistung des Verfassungs-Eides vom IV. Quartal 1878.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglicken Bürgermeistereien des Huldigungsbezirks Grünberg.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Einsendung des in obigem Betreff zu erstattenden Berichts noch rückständig find, erinnern wir hieran mit Frist von 3 Tagen bei 1 JL Strafe.
Dr. Boekmann.
politischer Tßeil.
Stimmen der Presse über Fürst Bismarcks Zollreform.
Die Zollieform Vorschläge dts Reichskanzlers haben in der Presse eine sehr verschiedenartige Dturlheilvi g gefunden. Die g gi erischen Aenßerungen aber überwiegen wohl die zuflimmnden. Von größeren süddeutschen Blättern ist es beinahe nur der liberale „Schwäb. Merkur", welcher auf die Seite des Fürsten Bismarck tritt. In Norddeutschland sind die Freunde zahlreicher. Der „Berl. Börsen-Courter" ur d das „Derl. Tagebl.", die sich beide unab- hängig und liberal nennen, such Femr und Flamme für die Reform, ebenso viele conservattve Blätter, mährend die altconiervottve „Kreuz-Ztg ", mit einer Reihe von norddeutschen Colleginnen, eine warnei de Mahnung selbst vor Ge- treidezöllen nicht unterdrücken kann, und die fortschrittlichen Organe, sowie die Mehrzahl der national-liberalen, den Plan der schärfsten Kritik unterwerfen. Zu Letzteren gehören die „Köln. Zeitung" und auch die „National-Liberale Correspondenz."
Was das Ausland anbelangt, so haben namentlich verschiedene französische Dläiter bereits auch ein Unheil abgegeben, und zwar ein abfälliges. Es gefällt ihnen die allgemeine Einführung von Finanzzöllen im deutschen Reiche gar nicht. Die Gombelta'sche „Rspublique srancoise" z. B- sagt: „Wenn die Regierung eines großen Staates den Antheil, welchen das betr. Volk am Welthandel hatte, durch Zolletnschränkurg herabmindert, so schadet sie vor Allem und zuerst denjenigen Jnterefien, welche sie zu schützen meint." Dafielbe Blatt hegt auch die Ansicht, daß der Reichskanzler bet einem Ein- gangszoll von 5 pCt. nicht stehen bleiben könne, da die Industriellen mit demselben schwerlich zufrieden sein würden. Der „Econom. francais" spricht sich dahin aus: „daß, wenn es ein Gebiet gebe, auf welchem die Strafe der Wiedervergeltung herrsche, so sei dies die Zollgesetzgebung; die Behandlung, welche Deutschland andern Völkern angedeihen lasten werde, werde man ihm voraussichtlich mit Zinsen wicdergeben und dann werden die deutschen Fabrikanten, welche exportiren, nach der Theorie des Fürsten Bismarck die ganze Vermehrung der Zölle zu tragen haben, welche andere Länder auf deutsche Producte legen; wo werde der Gewinn sein?"
Wiedervergeltung gibt es bet der Zollgesetzgebung aber auch noch in anderer Weise. Von Zöllen nach dem Vorschläge d«s Reichskanzlers kann man mit Recht sagen: Sie nützen den einen und schaden ebenso sehr den anderen industriellen Branchen. Ja, jede einzelne Branche, deren Production durch Zölle geschützt wird, die aber zugleich Rohstoffe aus dem Auslande bezieht, würde zugleich bevorzugt und geschädigt werden. Und wollte man mit einem solchen Rohstoffe bei der allgemeinen Verzollung eine Ausnahme machen, so würde man ur gerecht verfahren und sich die Unzufriedenheit der inländischen Producenten dieses Rohstoffes zuziehen. Die „Köln. Ztg." gibt hierfür, anläßlich der Schutzzollforderung der deutschen Leder-Industriellen, ein sehr drastisches Beispiel. Sie sogt: „Wie aber werden die Gerber es aufnehmen, wenn chnen die amerikanischen Wildhänte durch den Einfuhrzoll verteuert werden? Sie finden doch gewiß keinen Ersatz in der gleichfalls naturgemäß eintretenden Erhöhung der Preise inländischer Häute, mit welcher die Viehzüchter allerdings sehr einverstanden sein werden. Keineswegs werden die Viehzüchter zugeben, daß der von den Gerbern benöthigte Rohstoff nicht in hinreichender Güte im Jnlande erzeugt werde, und ein Ausschluß der Wildhäute von den „Wohlthaten" des retchskanzlertschen Schreibens würde also unberechtigt erscheinen. Wir hoben hier wieder ein redendes Beispiel von der Unvereinbarkeit der Jntereffen, die Fürst Bismarck unter Einen Hut zu bringen versucht."
Ganz besonders interefiant ist der Umstand, daß die kanzlerischen Zoll' ^eform-Vorschläge von den ultramontanen Blättern beinahe mit EnthufiaSmus
begrüßt werden. Es ist nicht nur die Berliner „Germania", welche von dcr „klaren Entschließung des mächtigsten Mannes im Reiche" nichts weniger als eine „vollständige Umkehr" erhofft und der Meinung ist, „daß durch die Verquickung von fiuanz- ui d schutzzöllnerischen Ideen in dem Bismarchschen Programm und durch die Rücksicht zugleich auf landwirthschaftltche und gewerbliche Jntereffen die Zahl der Freunde dieses Programms groß sein und die praktischen und prtnctpiellen Manchcstermänner gewaltig decimirt werden." Namentlich ist cs auch die derselben Richtung angehörende „Schles. Volksztg.", welche mit Freuden constatirt, „daß der Reichskanzler inconsequent geworden ist und die deutsche Wiffenschaft mit uns zu verachten und unser Kampsge- nofie zu werden beginnt", und welche htnzufügt: „Am Ende werden wir und Fürst Bismarck noch einmal ganz gute Freunde!" Natürlich müßte der Kanzler zu bk fern Zwecke noch andere Bedingungen erfüllen, als da sind die Umkehr auch auf dem ktrchenpolitischen Gebiete, die Verhöhnung der Wtflen- schaft der Gneist, Sybel und Consorten, die Ersparung von 130 Millionen am Militär-Etat und die Aufgabe des Tabaksmonopol-Projectes. Das find allerdings für den Fürsten Bismarck unübersteigliche Hindernisse für die Erwerbung solcher Freundschaft. — Von den Conservativen sind die Deutsch- Conservativen die specifischen Derthetdiger der Btsmarck'schen Reform; aber auch sie stellen Bedingungen: Beendigung des Culturkampses und Umkehr auch auf politischem Gebiete, wie soeben erst Herr von Diep-Daber, der kürzlich wegen Beleidigung des Reichskanzlers 3 Monate brummte, zum Besten gegeben hat. Genannter sieht in der Zollresorm zugleich den ersten Anfang zur Lösung der socialen Frage, ein Ziel, auf das es der Reichskanzler mit seinem ganzen Project, von dem die Zollreform nur ein Theil ist, in der That abgesehen zu haben scheint.__
Deutschland.
Darmstadt, 6. Januar. Se. Großh. Hoheit Prinz Alexander nebst Durchlauchtiger Gemahlin haben sich heute zu einem mehrwöchigen Aufenthalt nach Wiesbaden begeben.
— Der Gesetzentwurf, die allgemeine Bauordnung betr, ist vollendet und nebst den umfangreichen Motiven bereits gedruckt. Die Vorlage an die Stände steht in aller Kürze bevor. Der Entwurf selbst umfaßt 84 Artikel. Mir der Vorberathung deffelben ist bekanntlich ein von der zweiten Kammer bereits gewählter besonderer Ausschuß betraut.
— Der Gesetzgebungs-Ausschuß der zweiten Kammer tritt heute zusammen , um seine Berichte über die Ansführungsgesetze zu den Reichsjustizgesetzen festzustellen. Eine wesentliche Erleichterung der bedeutenden Arbeiten bietet die getroffene Einrichtung, daß die von den einzelnen Referenten zu stellenden Abänderungsanträge den Mitgliedern des Ausschusses und der Großh. Regierung gedruckt mitgetheilt werden.
Darmstadt, 7. Januar. Se. Großh. Hoheit der Prinz Wilheai sind heute Morgen um 7 Uhr zu Sr. Großh. Hoheit dem Prinzen Heinrich nach Trier abgereist.
Darmstadt, 8. Januar. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst g»ruht:
Am 2. Januar den ordentlichen Proseffor bei der juristischen Fakultät der Landes-Universität Dr. Hermann Seufsert aus sein Nachsnchen von seiner Dienststelle mit Wirkung vom 1. April d. IS. zu entlasten; an dems. Tage den Fürstlich Hatzfeldtstchen Forstmeister Hermann Stötzer zu Schön - stein an der Sieg zum außerordentlichen Prosestor bet der philosophischen Fakultät der Landes Universität Gießen und zum zweiten Lehrer der Forstwiffen- schäft, an dems. Tage den außerordentlichen Proseffor an der Untversirät Leipzig Dr. Adolph Harnack zum ordentlichen Proseffor in der evangelisch-


