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Berlin, 6. Decbr. Don etn.m Specialbcrich'eistatter e.häli dasKl. Journal" folgnbe Depesche aus Rybnlk: Gestern und heute habe ich den südlichen Theil les Ry^ntkec Kreises, südlich von Gleiwitz zwischen Pley und Ratibor gelegen, bereist und mich davon überz-.ugt, daß schon jetzt em weit, verbreiteter Nothstand vorhanden ,st und in kurzer Zeit außerordentliche Dimensionen anz nehmen droht. Am schwersten sind bie klemen Handwerker in den kleinen Städten getroffen, ganz besonders in Loslau, nahe an der österreichischen Grenze. Auch bti den kleinen Bauern zeigte sich ungeheuer g oßer Mangel. Es ist namenloses Elend in diesem Theile Oöerschlesiens Ui d nimmt mit jedem Tage größere Dimensionen an. Es fehlt ihnen durch­aus an Mitteln, um die nothwendigsten L:benöbebülsmffe zu befriedigen. Schon seit längerer Zeit leben die Leute nur noch vor» Mais und Wasser- rüben. Weder Brod noch Kartoffeln sind vorhanden. Nur in größeren Orten sind noch Kartoffeln zu haben, aber auch dort fehlt es durchaus an Geld, um selbst dieses Nahrungsmittel anzukaufen, es ist daher schleunigste Hülfe ganz besonders im Rybntker Kreise nothwendig, wenn nicht eine furchtbare Hungers- noth und im Gefolge davon Hungertyphus ausbrechen soll. Zunächst ist es am Wichtigsten, den Bedürftigen die nöthigen Geldmittel, und zwar m kürzester Feist, zu gewähren, um dem größten Mangel abzuhelfen. Noch einmal hebe ich hervor: es ist die größte Gefahr im Derzuge. Aus Kattowitz dagegen beichtet derselbe Cocrespondent: Das erste Resultat der von mir hier in um- sangreichstem Maße vorgenommenen Nachforschungen über den Nothstand in Obertchlesten ist em direct überraschendes. Im Jndustriebezirk g-.bt es keinen Nothstand, hat es keinen gegeben und steht ein solcher nach Lage der Ver- hältniffe nicht in Aussicht.

Berlin, 6. Decbr. Bezüglich des am 7. und 8. Septbr. in Bucara- manga in Kolumbien stattgehabten Pöbelaufstandes erfährt dieNordd. AUg. Ztg.", daß die deutsche Regierung die nachdrückliche Wahrung Der verletzten deutschen Interessen bereits übernommen habe. Die kolumbische Regierung habe inzwischen zu erkennen gegeben, daß sie die vorgefallenen Verbrechen be. dauere, die Schuldigen der verdienten Strafe übergeben habe und volle Ent­schädigung und Genugthuung gewähren werde. Der kürzlich hier beglaubigte Gesandte Kolumbiens, General Camargo, sei beauftragt gewesen, in diesem Sinne mit dem Auswärtigen Amte in Verbindung zu treten. Hiernach dürfe «ine befriedigende Elledigung der Angelegenheit erwartet werden.

Gmden, 6. Decbr. Del der Ersatzwahl zum Reichstage wurden im Wahlkreise Emden>Leer-Norden nach amtlicher Mitlheilung abgegeben 11,171 Stimmen. Amtsrichter v. Beaulieu-Marconay (nat. 116.) aus Norden wurde mit 5682 Stimmen gen ählt; Regierungsrath Faustenau (confervativ) aus Berlin erhielt 5369 Stimmen.

Au- Sachsen, 6. Decbr. In der ersten Kammer entwickelte sich ge­legentlich der Berathung über die Jmmatrikulattons» und DiSciplinar-Ocdnung für die Universität Leipzig eine kleine pikante DiScussion über die Zulaffung weiblicher Hörer an oer Universität. Die Frage regte ein galanter geistlicher H»rr, der Superintendent Dr. Lechler aus Leipzig, an. Der Depulations- berichl erhielt u. A. die Bemerkung, daß die Zulaffung weiblicher Personen zu den Vorlesungen nur unter Voraussetzung einer Dispensation des Mini- steriums des Cultus zu gestatten sei. Superintendent Dr. Lechler fragte nun, warum man die weiblichen Studenten hinausweisen wolle? Er fei damit einverstanden, daß daö Geschlecht der Blaustrümpfe nicht vermehrt werde, daß eine junge Dame nur den Dociortitel erlangen solle, wenn sie einem wohlpro- movirten Doctor die Hand reiche. Aber man solle den Bildungstrieb des weiblichen Geschlechts nicht aufhalten, er wünsche hierin ein laisser aller. Der Cultusminister Dr. v. Gerber entgegnete, daß die deutschen Universitäten den Charakter männlicher Bildungsanstalten trügen und mit Recht. Der Re­ferent Bürgermeister Dr. Andre stellte in Abrede, daß für Deutschland ein Bedürfniß zu weiblicher Universitätsbildung vorhanden sei; die Russinnen aber möchten ihren Bildungstrieb nur in Rußland befriedigen. Was werde wohl Dr. Lechler davon halten, wenn männliche und weibliche Seminarien zusam- mengelegt würden. Trete für Deutschland ein Bedürfniß obiger Art hervor, dann solle man weibliche Universitäten schaffen. Der vormalige Appeüalions- gerichts-Prästdent v. Criegern, ein lebendiges Corpus juris, führte ans, daß die Zulaffung vonFrauenzimmern" zu den Vorlesungen der männlichen Stu- direnden große Bedenken habe; so bekämen dieFrauenspersonen" bei der medicinischen Fakultät Dinge zu hören, die sich nicht für Frauenzimmerohren eigneten. Nachdem der Vertreter der Leipziger Universität, Professor Dr. Hof­mann, dieses Bild noch weiter ausgemalt, wurde die Debatte geschloffen und beschlossen, daß die Immatrikulations-Ordnung zu Anträgen keinen An­laß gebe.

Hefterreich.

Wien, 6. Decbr. Anläßlich der Vorkommniffe in den letzten Tagen an der diesigen technischen Hochschule veifügt ein Erlaß des Unterrichtsmini' sters vom heurigen Tage, nachdem gütliche Mittel des Profefforen-Collegiums wirkungslos geblieben sind, strenge Maßnahmen und droht den Studtrenden Relegation von der hiesigen technischen Hochschule, event. Relegation von allen technischen Hochschulen an, verfügt erforderlichenfalls das Einschreiten der Sicherhellsorgane und stellt bei Fortdauer der Unordnungen die Schließung dec Anstalt auf ein Jahr in Aussicht.

Wien, 6. Decbr. Einer Conferenz von Abgeordneten aus Handels- und Industrie-Kreisen gab der Handelsmintster Korb ein ausführliches Exvoiö über die Handelsbeziehungen zu Deutschland. Aus dem Expose, deffen Ge­heimhaltung zugesichert ist, geht hervor, daß das Zustandekommen eines Pro­visoriums mit Deutschland ebensowenig ausgeschloffen sei, als das Eintreten eines vertragslosen Zustandes. Sämmtliche Anwesende stimmten der gestrigen Regierungsvorlage zu, wonach die Regierung die Ermächtigung verlangt, den deutschen Handelsvertrag bis Ende 1880 zu verlängern oder im Verordvungs' wege Vorkebrungen zu treffen. Allseitig wurde der Regierung nahegelegt, das Appreturoerfavren mioerweilt aufzuheben, im Falle Deutschland keine Erleich­terungen im Rohletnen-Verkehr gewähre.

England.

London, 6 December. Der DampferAnglia" von der Anchor- Linie strandete auf der Fahrt von New-Aork nach Glasgow gestern Nacht in Folge eines Schneesturms in der Nähe von Kilbonaus an der schottischen Küste. Passagiere und Mannschaften wurden gerettet. Man hofft das Schiff unver­sehrt flott machen zu können.

KuhLand.

Petersburg, 6. Dec mder. DasJournal be St. Pete Sbourg" meldet: Bei b<?r W eberüb.'mahme bet Leitung des Ministeriums deS AuS» irä ttgen burch Gortscdakoff wurde beni Geh. Rach v. Gers für se ne ausge­zeichnete unermüdete Führung der Geschäfte während der B.urlaabang des Retchskanzleis die Allerhöchste Aueikennung ausgesprochen.

Türkei.

Konstantinopel, 5 Decbr. Mahmud Nedim Pascha hat dem Ministerrathe einen Gesetzentwurf unterbreitet, 6?tr. die inneren Reformen und die Einsetzung einer Commission zur Ueberwachung der schleunigen Aus­führung derselben vorgeschlagen.

Konstantinopel, 6. Decbr. Die nächste Sitzung der türkisch-grie- chischen Commission wurde noch hinausgeschoben, weil die Pforte in Folge des letzten griechischen Memorandums topographüche E Hebungen veranlaßte. Die Sitzung findet am Montag oder Dienstag statt. Die Nachrichten in Be­treff der Uebergabe von Gussinje an Montenegro lauten befriedigend.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Correspondenz - Bureau.

London, 7. Decbr. DasReuter'sche Bureau" meldet aus Sofia von gestern: Fürst Alexander hat die Nationaloersammlung mittelst Dekret aufgelöst, nachdem die Bildung eines liberalen Cabinets vergeblich versucht worden war.

Cettinje, 7. Decbr. Ein montenegrinischer Posten bei Velika, unge­fähr 300 Mann stark, wurde am 2. ds. angeblich von mehreren Tausend Albanesen überfallen und aufs Höchste bedrängt, weshalb 4 bis 5 Bataillone Montenegriner in Action traten. Die Albanesen wurden mit beiderseitig nichr unbeträchtlichem Verlust zurückgedrängt. Die Montenegriner haben noch 2 Bataillone Verstärkung abgesandt. Details fehlen.

Madrid, 7. Decbr. Die Annahme des Gesetzentwurfs über Abschaf­fung der Sclaoerei ist als gesichert zu betrachten, da Canovas del Castillo die Major'täl der Cortes für bie Regierungsvorlage gewonnen hat.

Madrid, 8. Decbr. Das ganze M nisterium hat in Folge dec Frage der Abschaffung der Sclaverei auf Cuba demissionirt.

Lokales.

Gießen, 8. December. sAus den Verhandlungen der Großherzogltchen Handelskammer, s Der Vorsitzende berichtet über 54 Eingänge.

AlS Delcgirter zu der am 10. d. Mts. in Elberfeld stattfindenden dritten Eisenbahn- Conferenz zwischen den Vertretern der Rheinisch-Westfällschen Eisenbahnen und den Delegirten der in deren Bezirk bestehenden wirthschaftlichen Körperschaften wurde der Herr Präsident und für den Fall seiner Verhinderung Herr L. Georgi gewählt.

Ein uns von der Handelskammer zu Braunschweig zugekommenes Einladungsschreiben zu einer Conferenz behufs Durchberathung des von ihr verfaßten Entwurfs der Grundzüge für ein Deutsches Check-Gesetz wurde dahin beantwortet, daß man davon absehe, diese Zu: sammenkunft durch einen Delegirten zu beschicken, aber gern bereit sei, das Bestreben, welches auf die Begünstigung und Regelung des CheckwesenS auch in Deutschland in zweckentsprechendrr Weise abziele, zu unterstützen.

Die uns von der Handelskammer zu Mannheim zur Kcnntnißnahme und event. Unter ftützung zugesandte Eingabe, betreffend den Vollzug ves Tabak-Steuer-Gesehes, insbesondere die Verwendung von Tabaksurrogaten, welche dieselbe an das Gcoßh. Badliche Handelsmini­sterium gelangen ließ, wurde verlesen und nach stattgehabter Discussion ad acta genommen.

Gießen, 8. December. Verflossenen Samstag Abend versammelte sich auf dem Lahn­stein der weitere Ausschuß zur Errichtung einerVolksküche" in hiesiger Stadt. Tages- Ordnung war: Schaffung von Geldmitteln und Einrichtung der Küche resp. Vertheilungs modus. Vor Eintritt in die Tages-Ordnung referirte Herr Anton Petri, welcher die Suppen Anstalt in Darmstadt besucht halte, über die dortigen Einrichtungen. In Darmstadt werden sämmtliche Portionen nur gegen Entgeld verkauft; es wird Nichts umsonst verab­reicht. Selbst Hanvwerksburschen wird unentgelblich keine Suppe gegeben, für diese wird aus einer besonderen Kaffe bezahlt. Arme erhalten durch den dortigenVerein gegen Verarmung und Bettelei" Suppenkartcn zugestellt. Die Suppenanstalt in Darmstadt kostet eine Portion gute kräftige Suppe (5/e Stier) 83/^ während sie durchgehends solche für 5 $ abgiebt. Die Differenz von 33/4 H trägt also der Verein, welcher gleichzeitig in der glücklichen Lage ist, daß ihm von 2 Gönnern eine Küche mit 9 Kesseln und ein daranstoßender Speisesaal erbaut worden ist. _ Nach diesem Referat und daran geknüpften Bemerkungen kam man an den Hauptpunkt: Die Geldfrage., DerGießener Anzeiger" konnte sich die Freude bereiten, dem Comite- als ersten Ertrag seiner Sammlung 1150 JL auf den Tisch zu legen. Da nun solches nur ein Tropfen auf einen heißen Stein" ist, war die Versammlung einstimmig der Ansicht, daß in der Stadt Umschau gehalten und Mitglieder des wetteren Ausschuffes von Haus zu Haus gehen sollten, um milde Gaben für unsere Anstalt zu sammeln. 16 Herren erboten sich hierzu und werden dieselben morgen (Dienstag) ihren Rundgang beginnen. (Wir erlauben uns hierbei nochmals an die so oft bewahrte Mildthätigkeit der Bewohner unserer Stadt zu appelliren. Heute Nackt hatten wir 20 o kalt, Arbeit im Freien kann nicht geleistet werden. Verdienst ist also für die Armen wenig da, also muß ja der Älenschenfreund geben. Wem es nut baarem Geld nicht klappen will, gebe sein Scherflein an Victualien. Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Gemüse, Suppenkräuter re. werden im Locale der Anstalt recht gerne entgegengenommen.)

Den 2. Punkt der Tages-Ordnung anlangend, einigte die Versammlung nach längerer Debatte sich dahin, daß 1. an durchreisende Handwerksburschen die Suppe ohne Entgeld ver­abreicht wird. Karten erhalten dieselben auf dem Pollzei-Büreau. 2. Arme in hiesiger Stadl erhalten durch Vermittelung der Armenpfleger, resp durch den Frauenverein unentgeldlich Karten, welcke zur Empfangnahme von Suppe berechtigen. 3. Alle übrigen Personen, Hand­werker, Taglöhner, Fabrikarbeiter u. s. w. zahlen für 6/8 Liter gute kräftige Nahrung 10 H, für 5 Man kann sich mit diesem Modus nur einverstanden erklären. Der Vorschlag, wie er gemacht worden, die Portion von 5/s Liter nur zu 5 H abzugeben, ist sckon um des­willen nicht zu unterstützen, daß, wenn unsere notorisch Armen in der Stadt und die reisenden Hanvwerksburschen, welche doch eine erkleckliche Zahl ausmachen, die Suppe umsonst erhalten, das Geld bald ausgegeben sein dürfte, abgesehen davon, daß Arbeiter, welche hier in der Stadt ihren Verdienst haben, recht gut 10 Pfennige bezahlen können und werden. Morgen, Dienstag, wird die erste Suppe auSgelheilt und zwar von 11 Uhr an. Als Verwalter der Dolkskr'lche ist Herr Gg. Stieb er bestimmt. Secks Damen sind täglich anwesend, 3 in der Küche und 3 im Speisesaal, welcher sich eine Treppe hock im Kreisamtsgebäude befindet; diese Damen üben praktische Aufsicht und thetlen die Suppen aus, während jeden Tag 3 Herren vom weiteren Aussckuß sich mit der Kaffe und Controle beschäftigen. Ferner sind eine Köchin und zwei Spülmägde engagtrt, so daß die Einrichtung nichts zu wünschen übrig läßt. Zum Schluß, möchten wir einen Punkt noch berühren, der auch hierher gehört. In Darmstadt ist in der Hausordnung der Suppenanstalt ein Passus, welcher ungefähr lautet: Die Suppe muß in ganz reinen Gefäßen abgehalt werden. Kinder, welche solche abholen, müffen rein gewaschen und gekämmt sein; daß ältere Personen es auch sein sollen, versteht sich von selbst. Ferner wird allen Personen höflich und freundlich entgegengekommen; daß solches auch von Seiten der die Anstalt Frequentirenden geschehe, ist auch selbstredend. Wir wünschen nunmehr unserem jüngsten Pflegekind, derGießener Volksküche" alles Gedeihen; möge sie ihren schönen Zweck in reichstem Maße erfüllen und dafür den Dank der Armen und Nothleidenden ernten.

Tas zweite Concert des hiesigen Concertvereins war trotz der starken Kälte, die jeden- falls viele Fremde von ihrem Kommen abbielt, ein sehr besuchtes. Mit großem Bedauern vernahmen wir die Nachrickt, daß Frl. Schirmacher durch plötzliches Erkranken an ihrem Auf­treten verhindert sei; das Bedauern war um so größer, als der jugendlichen Künstlerin ein so bedeutender Ruf vorausgegangen war. Der von Letzterer zur Stellvertretung empfohlene Herr Carl Muck, Schüler des Leipziger Conservatoriums, spielte vortrefflich und wenn (hervorßerufen \ durch die so unerwartet an ihn ergangene Aufforderung) seine Solofiücke für daß grsßere