Nr. 287
Dienstag den 9. December
L8-7D
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.
i*) 5 Uhr,
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50
K 0
Dora Schir- • Hoftheater- i des I. öster- Tschampa. Marianne pa (II. Alt)
/. Rubinstm- in: Abt. ahms-Doppkr»
n, nns
X
•a&dof W :/iäftr.
Die Hoffnungen der Welfen.
Merkwüidig muß eS immerhin genannt werden, daß in Deutschland zur selben Zeit, in welcher die polnische Reactton herrscht, der Schutzzoll gesiegt hat und die Haltung des Centrums bekundet, daß man in Rom, wie unter ben deutschen Römlingen auf den Gang nach Canosia hofft, nicht nur der Partikularismus überhaupt einige welke Knospen aufblühen läßt, sondern auch dcs WlfeMhum mit großer Zuversicht auftritt. Sehr zweifelhafte Dinge, wie die Herausgabe dis Welfenfonds und die Erbfolge in Braunschweig, werden mit solcher Sicherheit in welfenfreundlichem Sinne besprochen, als batte der Besuch des Königs von Dänemark völlig genügt, alle Differenzen auszugleichen und dem Herzog von Cumberland die Bahn zu einem deutschen Throne zu ebnen.
Was über dieses Thema in den Spalten der Zeitungen herumläuft, sind Gerüchte. Sie ctrculiren seit der Abreise des Königs von Dänemark und gipfeln sämmllich in einem „Abkommen", welches der deutsche Kaiser mit dem dänischen Monarchen in Bezug auf den Herzog von Cumberland getroffen haben soll. ES ist zwar nicht unmöglich, daß der Drcht zwischen Berlin und Varzin zum Vertrauten einiger Vorschläge in der Welfenfrage gemacht worden ist, aber geradezu unmöglich erscheint es, daß sie irgendwie spruchreif geworden wäre.
Was also das „Abkommen" anbelangt, so wird man gut thuu, alle Andeutungen und Behauptungen als wohlfeile Elfindungen zu betrachten. Die deutsche Regierung hat bereits seit langen Jahren dem Prätendenten auf den Hannoverischen Thron gegenüber eine feste Stellung eingenommen, an der um io weniger gerüttelt werden dürfte, als der deutsche Kaiser bekanntlich in den Fragen der auswärtigen Politik, unter Hintenansetzung aller seiner persönlichen Gefühle, lediglich die Jntereffen des Staates im Auge hat, stets nur im Einklänge mit dem Fürsten Bismarck und mit den bewährten Räthen der Krone handelt und es sorgsam vermeidet, über die Köpfe seiner Minister hinweg Entschließungen zu treffen, die irgendwie von eingreifender Bedeutung für die Staatsangelegenheiten sein könnten.
Selbstverständlich ist die Welfenfrage an hoher Stelle besprochen worden; es ist natürlich, daß der König von Dänemark bei dieser Gelegenheit seine persönlichen Wünsche und Ansichten geäußert hat; aber von diesem Meinungsaustausch bis zu dem Zustandekommen bestimmter Abmachungen ist ein weiter Weg.
Ueber die Stellung des Herzogs von Cumberland gelten folgende Worte von hoher Seite für maßgebend: „Das Verhältniß des Herzogs zur deutschen Regierung kann sich nur ändern, wenn er sich entschließen wird, seine Rolle als Führer riuer partikularistischrn Partei aufzugeben und sich denjenigen Bedingungen zu fügen, welche aus dem frondirenden Chef der Welfen einen deutschen Staatsbürger machen würden."
T in Wn irn»N! Mi"
I Schulstraße B. 18.
v. Beethoven- Hermes.
h. Morley.
ranz Schubert- L Moszkowsky- . Mendelssohn- r. Chopin.
len Nebenan' eit p*
Deutschland.
Darmstadt, 6. December. Der nunmehr erschienene Bericht des ersten Ausschusses der ersten Kammer der Stände über die Vorlage Großh. Gesammtministeriums über die Abtretung des hessischen Antheils an der Mam-Weser-Eisenbahn an Preußen und die damit zusammenhängenden Petitionen der Stadtverordnetenversammlung in (Hießen, des Gemeindevorstcmdes in Dortelweil und des Gemeindcvorstandes der Stadt Bad-Nauheim betr., erstattet von des Grafen zu Solms-Laubach Erlaucht, hat folgenden Wortlaut:
„Diese Vorlage ist, wie bekannt, bereits mit nicht unbedeutender Majorität in der verehrlichen zweiten Kammer verworfen worden, und da dieselbe von Großherzoglicher Negierung aufrecht erhalten wird, so erwächst hoher Kammer die Pflicht, auch ihrerseits Stellung zu der Frage zu nehmen.
Die Grunde, die für und gegen die Vorlage in den beiden Berichten der Majorität und der Minorität des jenseitigen Ausschusses, sowie in der Debatte im Plenum verehrlicher zweiter Kammer angeführt worden sind, lassen sich im Allgemeinen in zwei Kategorien, in politische und finanzielle, theilen, was auch dem Eharakler der Vorlage völlig entspricht. Der berichtende Ausschuß wird, da er, wie jetzt schon vorausgcschickt werden soll, zu dem Resultate gekommen ist, den Dertragsentwuri dieser hohen Kammer zur Annahme zu empfehlen, versuchen, zuerst die politische und sodann die finanzielle Seite der Vorlage zu besprechen, und nachzuweisen suchen, daß überwiegende Grunde für Ratification des Vertrags sprechen.
Hierbei kommt gleich dasjenige Verhältniß zur Sprache, das überhaupt wohl Großh. Regierung den Gedanken eines Verkaufs der in Rede stehenden Theilstrecke nahe gelegt hat, nämlich das Verhältniß des Großherzogthums zur derzeitigen Verwaltung der Main-Weser-Bahn. Leider stehen wir hier vor unabänderlich gegebenen Thatsachen, die allgemein bekannt sind. Man kann es beklagen, daß in Folge des Friedensvertrags von 1866 im Jahre 1868 ein Verhältniß vertragsmäßig geworden ist, das unserem Staate nur eine Scheineinwirkung auf die Verwaltung der Main-Weser-Bahn anweist und in Folge dessen demselben auch fast all- Einwirkung auf die Erträgnisse entzieht; man kann dies Verhältniß beklagen, ja man kann bedauern, daß in einem auf gegenseitigem nachbarlichem Vertrauen bafirenben bundesstaatlichen Verhältniß solcheZwangs- lagen dauernd auf,echt erhalten werden; alles das hilft aber nicht über die eiferne Rothwendigkeit hinweg, den Thatbestand anerkennen zu müssen. Und trotz aller Meinungen, wie sie von den Gegnern der Vorlage ausgesprochen worden sind, daß die Einwirkunaslosigkeit Hessens bei der Direction der Main-Weser-Babu doch nicht so groß sein könne, findet sich auch nicht der Schatten eines Beweises dafür, weder in dem Majoritätsbericht des jenseitigen Ausschusses, noch in den Debatten der Kammer, io we.t dieselben durch die „Darmstädter Zeitung" zur Keuntniß des Referenten ge- lommen sind. Daß ein Mitglied von dreien überstimmt werden kann, wird anerkannt, ober theils von den gleichen Interessen Preußens und Hessens, von dem persönlichen
chichener MnMger
A»M- »Ä AMdlM für hro Km» Gieße«.
'jerulf
aus dem Piano-
t e r'scben Badischen Musikalien-
Einflusse des Vertreters der Großh. Regierung, theils gar von einem Recurs an baS Reich bei etwaigen unbilligen Zumuthungen Großes erwartet. Abgesehen davon, daß überzeugend, und zwar zum Theil von Großh. Regierung selbst, nachgewiesen ist, baß die Interessen Hessens und Preußens denn doch mcht immer identisch sind, sondern oft recht ernsthaft collidiren, wird wohl von dieser hohen Kammer auf die beiden anderen heroorgehobenen Punkte kein so großes Gewicht gelegt werden. Da nun die Jnteressencollisionen hauptsächlich bei solchen Dingen hervortreten, die auf die Rente der Bahn von Einfluß sind, und die Verkehrsinteressen der Provinz Oderhessen bis auf verhältnißmäßig untergeordnete Punkte bei dem Verkauf ebenso gewahrt sind, wie bei dem jetzt bestehenden vertragsmäßigen Verhältniß, so ist es einleuchrend, daß durch den Verkauf eine Quelle beständiger unliebsamer, meist zum Schaden und pecuniärcn Nachtheil des Großherzogthums ausschlagenden Streitigkeiten beseitigt wirb.
Ferner wurde der in Rede stehende Vertrag gewissermaßen als ein Schritt zur Abgabe der Souverainetät in Oberhesscn an Preußen, als ein Fortschreiten auf der Bahn zum Einheitsstaat geschildert, und die Behauptung aufgeworfen, Hessen dürfe um keinen Preis eine andere Souverainetät in seinen Grenzen sich einbürgern lasten.
Bei nüchterner Betrachtung zerfällt dieser Einwurf, denn es ist doch gewiß vernünftiger und eines Staates würdiger, einem factisch bestehenden Verhältniß auch den richtigen Namen zu geben und eigentlich imaginäres Eigenthum verhältaißmäßig gegen eine entsprechende Summe abzutreten. Eine fremde Souverainetät haben wir ja so wie so im Land. Hat nicht die Königlich Preußische Regierung quer durch die Provinz Oberhessen das Eigenthum an der Hanau-Friedberger-Bahn? Und wie vielfach besitzen Nachbarstaaten Bahnlinien auf fremden Gebieten! Ist es je Jemand eingefallen, den Besitz der Theilstrecken der Oberhessischen Bahnen, Sie in Fulda und Gelnhausen auf preußischem Gebiet ehimünben, als eine Gefährdung der Souvei ainetätsrechle Preußens anzufehen? Und ist es nicht eigentlich ein natürliches Verhältniß, so wichtige Rechte, wie das Eigenthum an einer Bahn, einem benachbarten, in bundesstaatlichen Beziehungen stehenden, befreundeten Staate, als einer Privat-Gesellschaft zu übertragen, die beim doch auch einen Staat im Staate bilden kann?
Auch die Reichseisenbahnidee ist auf Grund ihrer Erwähnung in dem Vertragsentwurf bei dieser Sache und zwar als Mittel zu seiner Bekämpfung herangezogcn worden-
Referem ist, wie aus früheren Verhandlungen erhellt, wohl im Einverständniß mit eineni großen Theil der Mitglieder dieser hohen Kammer, dem Rcichseifenbahnproject durchaus nicht zugeneigt, aber gerade um deswillen ist er für Ratificirung des vorliegenden Entwurfs. Denn das Princip der Staatsbahnen, das im Gegensatz zu dem der Reichsbahnen von demselben vertreten wird, kann doch nur da Sinn haben, wo ein einigermaßen selbstständiges Eisenbahnnetz möglich ist, und daß dies in Oberhessen conflruirt werden könnte, wird bei dem gänzlichen Mangel emes Ausgangs- und Endpunktes doch wohl Niemand ernsthaft behaupten. Man conccntrire sich daher da, wo man die Möglichkeit vor Augen sieht, und gebe die Außenposten auf. Daß in dem Vertrag übrigens auf die Idee der Reichsbahnen Rücksicht genommen wird, ist begreiflich, wenn auch natürlich des Referenten Wunsch ist, daß die darauf bezüglichen Paragraphen keine practische Bedeutung erlangen. Freilich verbleiben bann unterem Lanbe bie Oberhessischen Bahnen, bie kaum die Betriebskosten decken, und aus deren Acquisition begreiflicher Wei e von Preußen fein Gewicht gelegt wird. Es wurde von einigen Seiten angebeutet, daß die Mitübernahme dieser Bahnen von Seiten Preußens zur conditio sine qua non hätte gemacht werden müssen, und es fei doch eigen, daß man bei uns gute Bahnen verkaufe und bie schlechten behalte. Hier heißt es nur wieder, die Eonsequenzen factisch gegebener Verhältnisse ziehen. Es fragt sich: ist der Verkauf der Main-Weser-Bahn rathsam, dann verkaufe man sie. da Preußen eben nicht auf den Ankauf der Oberhessischen Bahnen eingehen wird, und stelle nicht Bedingungen, die ein wünschenswerthes Geschäft annuUircn. Uebrigens liegt der Fehler bei den Oberhessischen Bahnen, nebenbei gesagt, tu der falschen Richtung und, wenn man sie in dieser Richtung bauen wollte, in dem Umstande, daß inan nur zum Secundärbabn- betrieb geeignete Linien als kostspielige Vollbahnen anlegte. Die Degradirung derselben zu billig betriebenen Secunbärbahnen dürfte hier die richtigste Maßregel sein.
(Schluß folgt.)
Berlin, 6. Decemder. Der Kaiser conferirte gestern Nachmittag mit den Ministern Grafen Stolberg, Maybach und Bitter und ertheilte dem russischen Giheimerath Köhne, sowie dem Gesandten in Stockholm, v. Pfucl, Audienz.
Berlin, 6 December. Die „Voff. Ztg." erhält aus Kassel Mchrich- ten über die Vergleichsoerhandlungen, die gegenwärtig hier mit den hessischen Agnaten geführt werden. Die Agnaten haben, wie bekannt, den preußischen FlScus auf Herausgabe des großen FamiUenfideicommisses verklagt. In elfter Instanz haben sie im April 1877 in allen wesentlichen Punkten obgesiegt. DaS Casseler Oberlandesgericht wird bald in zweiter I.«stanz zu entscheiden haben. Jetzt wird nun versucht, vor der Entscheidung ein gütliches Abkommen herbeizuführen. Preußen hatte für Abtretung der Rechte auf Krone und Vermögen dem Thronfolger, Landgrafen Friedrich von Heffen, eine jährliche Rente von 606,000 Mk. bewilligt, womit er denn zufrieden war und fein könnte. Den vier Agnaten wurde der Beitritt gegen eine Jahresrente von zusammen nur 54,000 Mk. offen gelassen. Die Bevollmächtigten der Agnaten, die Kaffeler Rechtsanwälte Laymann und Renner und Herr Armano- Strubberg, suchen nun eine größere Rente herauszufchlagen. Prinz Wilhelm von Heffen-Philippsthal besteht sogar auf einer Cipitalsabfindung.
— Aus der jetzt im Wortlaut vorliegenden umfangreichen Erklärung des Rheders Herrn Schiller zu Memel über die bekannte „Falke"- Affatre geht zur Evidenz hervor, daß mcht, wie die russische Regierung hervorhebt, ihre Lokalbehörden aus Mißverständuiß die preußische Dampfschifffahrt auf dem Niemen chikanirt haben, sondern daß höheren Orts von Petersburg aus jene bekannten unverschämten Forderungen, wie Niederziehen dir oeutschen und Auf- hissen d.r russischen Flagge auf dem deutschen Dampfer verlangt wurden. Das Memeler Blatt „Dampfboot" hört auch ferner, daß der deutsche Reichskanzler eine g>naue Untersuchung der Niemen-Dampfschifffahrt angeordnet bar, so daß eine gründliche Lösung des deulsch'russifchen Grenzconflicts und die Gewährung einer vollständigen Genugth-uung in sicherer Aussicht steht.


