Ausgabe 
9.8.1879
 
Einzelbild herunterladen

lassen werden können, nicht unerheblich erweitert sind. Daß das unbefugte Verlassen der Arbeit Seitens des Arbeiters (Gesellen, Gehülfen oder Fabrik- arbeites) jetzt dem Falle völlig gleichgestellt ist, in welchem der Arbeiter den nach dem Arbeitsverlrage ihm obliegenden Verpflichtungen nachzukommen beharr­lich verweigert, wird noch vielfach übersehen. Wichtiger noch und durchgrei­fender sind die abändernden Bestimmungen, die hinsichtlich des Lehrverhältnisses getroffen sind. In Zukunft, d. h. bei allen Lehrverhältniffen, die nach dem 1. Januar des Jahres eingegangen sind, ist das Recht, die Zurückführung eines Lehrlings, der die Lehre eigenmächtig verlassen hat, durch polizeiliche Hülfe zu verlangen, davon abhängig, daß der Lehrvertrag schriftlich abge­schlossen ist. Ebenso ist die Geltendmachung jedes Entschädigungsanspruchs, sowohl des Meisters als des Lehrlings, der daraus entsteht, daß der Lehrver­trag aus irgend einem Grunde vor Ablauf der verabredeten Lehrzeit sein Ende erreicht, davon abhängig, daß der Lehrvertrag schriftlich geschlossen ist. Daß in Zukunft jedes Lehrverhältniß einer vierwöchentlichen Probezeit unterliegt, während deren jeder Theil ohne Weiteres das Verhältniß aufheben kann; daß das Uebergehen des Lehrlings zu einem anderen Gewerbe nur dann das Ver­lassen der Lehre rechtfertigt, wenn der Vater oder Vormund eine dahin gehende schriftliche Erklärung dem Meister gegenüber abgegeben hat, sind gleichfalls Neuerungen von eingreifender Bedeutung für die Betheiltgten.

Berlin, 6. August. Eine noch fortbestehende Etgenthümltchkeit ist das Cadettenwesen der sächsischen Armee. Wie wir hören, wird diese Herr­lichkeit ihrem Ende entgegengeführt. Einstweilen sollen die bisherigen Unifor­men der sächsischen Cadetten denen der preußischen Platz machen, der bisherige Degen durch das Seitengewehr und das Käppi durch den Helm ersetzt werden. Ferner wird eine Verschmelzung des Dresdener Cadettencorps mit der Central- Anstalt in Lichterfelde erfolgen, sobald dafür der nöthige Raum beschafft sein wird. Die bisherigen Einnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung berech­tigen zu der bestimmten Erwartung, daß ein sehr erheblicher Ueberschuß erzielt werden wird. Man beabsichtigt, denselben zum Bau eines Künstlerhauses, in welchem dauernd kunstgewerbliche Ausstellungen sich befinden sollen, zu verwen­den. Wie wir hören, nimmt die Frau Kronprinzessin ein besonderes Interesse an der Verwirklichung eines solchen Planes nach dem Muster des Sydenham- Palastes in London. Die hohe Frau hat wiederholt Gelegenheit genommen, sich dem Cornitö gegenüber zu äußern, wie erwünscht es sei, den Schönheits­sinn des Volkes und den Eifer der Gewerbetreibenden durch solche Ausstellun­gen zu wecken. (Köln. Ztg.)

England.

London, 5. August. Die Maurer von Bristol, welche, gegen 1000 an der Zahl, vor zwei Monaten die Arbeit einstellten, weil sie sich einen von den Meistern geforderten Lohnabzug von j/2 P. für die Stunde nicht gefallen lassen wollten, haben sich nunmehr dieser Bedingung gefügt und sind bereits wieder in Arbeit getreten. Die Zimmerleute dagegen setzen den Strike einst­weilen noch fort.

Amerika.

Bei der letzten Revolution in Hayti fand in der gesetzgebenden Versammlung ein Vorfall statt, der, tragikomisch, wohl Alles über­trifft, was bisher in hitzigen Kammer-Debatten geleistet worden ist. Der eigentliche Anlaß des Vorganges ist noch nicht bekannt, aber es scheint, daß Herr Petit Canal, ein Bruder des Präsidenten, von einem Herrn de Lorm, einem andern Mttgltede der Versammlung, gröblich beleidigt wurde und darauf sofort einen Revolver zog und seinen Gegner kurz und gut ntederschoß. Darauf zogen die übrigen Mitglieder auch ihre Revolver und die beiden Par­teien eröffneten ein lustiges Feuer aufeinander. Es muß gut geschossen wor­den sein, denn 40 Mitglieder wurden kampf- und redeunfähig gemacht. Damit war es aber noch nicht aus, denn das Publikum von Außen mischte sich in den Kampf und setzte das Gefecht fort, und dann kam die Polizei und machte auch mit. Bet dieser Zeit war auch der Präsident des Senats bereits ge­fallen und es hatte den Anschein, als ob die ganze hohe Körperschaft sich gegenseitig aufretben würde, als Truppen heranrückten. Diese feuerten mit einer Mitrailleuse ohne Wahl noch Qual tn's Gelag hinein und machten den Schluß mit einigen Granatschüffen. Dann war wieder Ruhe in Port au Prtnce und man begrub die Todten.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. G»rrespoudeuz-V«rea».

7 August. Die Nordd. Allg. Ztg." bespricht in einem län- geren Artikel die Antworten, welche von einigen Blättern auf ihre Frage an dieWeg mit Bismarck"- Rufer: wer an des Reichskanzlers Stelle treten solle, emgegangen sind und bemerkt bezüglich des Wahlkampfes: Sprechen wir unsere Ueberzeugung aus, die Parole der nächsten Wahlen muß lauten Schutz der nationalen Arbeit oder Preisgeben derselben.

Wien, 7. August. DiePolit. Corresp." meldet: Der rumänische Mmtster des Auswärtigen, Boerescu, stattete gestern dem Grafen Andrassy emen längeren Besuch ab. Morgen reift Boerescu nach Berlin, von wo er amÄ d- in Paris emzutreffen gedenkt. - Dieselbe Correspondenz meldet aus Konstantinopel: Gestern hat ein Ministerrath unter dem Vorsitze des Sultans stattgefunden, welcher die Frage der Reconstituirung des Cabinets erörtert haben soll. Es heißt, Savset Pascha werde das Präsidium, Aarifi Pascha das Auswärtige, Sadyk Pascha die Finanzen und Server Pascha das Vereinigte Bauten- und Handels-Ministerium übernehmen.

7. August. Aus Capetown wird unterm 22. Juli gemel- bet : General Wolseley nahm die Unterwerfung der Zulu-Häuptlinge an und erklärte denselben, daß die englische Regierung das Land schützen und regieren werde. Ferner wird berichtet, daß General Wolseley mit einer Truppenabthei- ouf Marsche nach Ulundt begriffen sei und eine zweite Truppen- abtheilung gleichzeitig gegen den neuen Kraal, wo sich König Cetewayo befinde, vorgehen werde. * 7 '

London, 7. August, früh. Bet dem vom Lordmayor zu Ehren des Cabinets m Manstonhouse veranstalteten Banket war kein Vertreter fremder Mächte zugegen. Den Toast auf das Ministerium erwiderte Beaconsfield in folgender Weise: Als er zuletzt bei dem Lordmayor-Banket gesprochen, schienen die Angelegenheiten ein kritisches Aussehen zu haben. Unsere Gegner be- chuldigten uns, einen völlig unpraktischen Vertrag geschlossen zu haben, eben­so daß wir das Land in einen unheilvollen Krieg verwickelten unter dem Bor-

wände, die wissenschaftliche Grenze Indiens zu fichern. Jener unpraktische Vertrag ist jetzt vollständig ausgeführt. Im gegerwärtigen Augenblick ist, glaube ich, tcotz wiederholter gegentheiliger Prophezeihungen fein russischer '©olbflt mehr auf dem Gebiete des Sultans. (Beifall.) Der russische Kaiser erfüllte seine Verpflichtungen ehren- und würdevoll und cooperirt augenblicklich mit England und den übrigen Mächten in Bestrebungen, den Frieden zu

8U eilten. (Beifall.) Es werde gesagt, die Türkei führe ihre Verpflichtungen nicht ebenso treulich aus, daher seien die Reformen nicht ver- wirkltcht worden. Allein es sei nur gerecht, wenn man erwäge, daß die Türket ^st seit wenigen Tagen frei von der Invasion sei, daß der Sultan seit dem Berliner Vertrag bei Umbildung der Provinzen auf zahlreichere schwierige or^en gestoßen ses, als wahrscheinlich irgend ein anderer Monarch zu gleicher Zeit. (Beifall.) Gegenwärtig sei nichts weiter über den Berliner Vertrag zu sagen. Der Vertrag habe seinen Platz unter den Capital-Urkunden einge- rwmmen, welche die Sicherung des allgemeinen Friedens bezweckten. Falls Gefahren und Schwierigkeiten wieder entstehen in den Ländern, auf welche fick der Vertrag besonders b.'zieht, wird man, glaube ich, in den Bestimmungen des Vertrages für alle Eventualitäten genügende Hülfsquellen finden. Betreffs Indiens wissenschaftlicher Grenze sei der Zweck mit fast beispielloser Präcision und L>chnelligkeit erreicht. Man werde bald erfahren, daß auck in Süd-Asrika ^befriedigende^Lösung aller Fragen erfolgte. Die gedrückte Lage des Handels, welche sei 4 Jahren alle civilisirten Länder heimsuche, sei leider noch mcht beendigt. Eine der sekundären Ursachen derselben sei die rücksichtslose Speculatton. Aufmerksame Beobachter hätten seit einiger Zett Zeichen der Besserung gesehen. Würden diese Zeichen durch reichliche Ernten unterstützt, so sei Hoffnung, daß die dunkelsten Stunden vorüber seien.

Gastein, 7. August. Kaiser Wilhelm, welcher sich in bestem Wohl- sem befindet, nimmt Vorträge entgegen und setzt die Bäder, Promenaden und Ausfahrten regelmäßig fort. Die Abreise des Kaisers erfolgt schon am Dien- stag, die Ankunft in Babelsberg am Donnerstag Nachmittag.

Madrid, 7. August, Nachmittags. Der Wagen des Königs warf heute zwischen dem Eskurtal und San Jldefonso um, der König trug eine sichte Coutusion davon, General Echagua ward verletzt. Der König ist mit den Infantinnen in San Jldefonso angekommen.

Madrid, 7. August, Abends. (Amtlich). Der König hat beim Um- werfen des Wagens eine Verrenkung des rechten Armes davongetragen, welcher leicht abzuhelfen ist. Die Infantinnen sind unversehrt. General Echague hat sich eine Verstauchung der Hand zugezogen.

Lokales.

Gießen, 8. August. (Schwurgerichtsverhandlungen vom 7. August.) In der Vor­mittagssitzung endete die Verhandlung gegen Konrad Kratz von Ruppertenrod, angeklaqt I eines Verbrechens wider die Sittlichkeit, damit, daß Beschuldigter in eine Gefängnißstrafe von 5 Monaten 7 Tagen, worauf jedock 4 Monate erlittene Untersuchungshaft in Anrechnung kommen, verurtheilt wurde. In der Nachmittagßsitzung erhielt Johannes Dauern beim von Wölfersheim, angeklagt des gleichen obigen Verbrechens, eine Zuchthausstrafe von einem Jahr.

Vermischtes.

W orm s, 6. August. Der am nächsten Samstag und Sonntag hier stattfindende zehnte hessische Feuerwehrtag verspricht ein sehr gelungenes Fest zu werden. Das Festcomite gibt sich alle Mühe, den wackeren Männern, welche sich Jahr aus Jahr ein den Schutz des Eigenthums ihrer Mitbürger mit großer Aufopferung zur Aufgabe machen, alle Annehmlichkeiten während ihres Aufenthalts in hiesiger Stadt zu bieten. Mit anerkennenswerther Freundlichkeit sind auch dir Babnverwaltungen der Hessischen Ludwigs-, Main-Neckar- und Pfälzischen Bahnen den Festtheilnehmern entgegengekommen, indem die Hessische Ludwigsbahn den Abgeordneten sowohl als den übrigen Feuerwehrleuten, sofern sie sich in Uniform befinden und am 10. ds. Monats fahren, gegen einfache Billete freie Rückfahrt am 10. und 11. ds. Mts. gewährt. Die Pfälzi­schen Bahnen gestatten den in Uniform erscheinenden Feuerwehrleuten aus der Pfalz gegen ein­fache Billete freie Rückfahrt am 9. und 10. August, wobei jedoch der Aufdruck des 'Stations­stempels der Abgangsstation nöthig ist. Für Schnellzüge sind Schnellzugsbillete erforderlich. Die Main-Neckar-Bahn gewährt den in Uniform erscheinenden Feuerwehrmännern eine Fahrbe­günstigung in der Art, daß die am 10. und 11. gelösten Retourbillete zur Benützung aller fahr­planmäßigen Züge bis 11. ds. berechtigen. - Den Besuchern des Festes ist endlich in einem Extrazuge Gelegenheit gegeben, Abends 9 Uhr in der Richtung nach Mainz ihre Heimreise anzutreten.

Hildburghausen. Der Landtag des Herzogthums hat dem unter Aufsicht des Staates stehenden Technikum Hildburghausen, welches eine Maschinenbau- und Baugewerkschule umfaßt, m Anbetracht der für die Industrie und das Gewerbe so wichtigen theoretischen Aus­bildung junger Techniker und der anerkannten Leistungen der Anstalt eine fortlaufende Staats- Unterstützung bewilligt.

(Schicksale eines Franzosen im Kriege gegen die Zulus.) Ernst Grandier, geboren in Bordeaux, ein starker, großer Mann, dient in der irregulären Cavallerie. Bet der Erstür­mung des Zlobam-Berges, den Umbellini vertheidigte, wurde Grandier von den Zulus gefangen genommen. Umbellini, nach dessen Kraal er gebracht worben war, schickte ihn an Cetewayo als Geschenk. Halb verhungert und verdurstet im Königskraal angelangt, wurde Grandier aller seiner Kleider beraubt und nackt an einen Pfahl gebunden, jedoch so, daß er die Füße kaum bewegen konnte, Hände und Arme waren an den Pfahl geschnürt, unter den Achseln und vor der Brust waren Riemen so gelegt, daß der Unglückliche sich nicht vorwärts beugen und folg­lich auch nicht kauern oder setzen konnte. So stehend mußte er mehrere Tage verharren, des Tages den glühenden Sonnenstrahlen, des Nachts der eisigen feuchten Kälte ausgesetzt (denn es ist jetzt im Zululande Winter). Des Morgens wurde er mit Peitschenhieben bearbeitet, um den Blutumlauf wieder herzustellen. Man stopfte ihm, als Nahrung, Maiskörner in den Mund. Endlich kam Cetewayo, sein Geschenk in Augenschein zu nehmen. Der König setzte sich vor demselben auf ein Leopardenfell nieder, seine Idunas (Räthe) nahmen im Halbkreis hinter Dem Könige Platz, des Königs Frauen kamen aus den Hütten, und in die Hände klatschend spieen sie auf den Gefangenen Deren Bitte, ihnen den Gefangenen zum Martern zu übergeben, wurde jedoch nicht gewährt, denn nach einigem Berathen wurde beschlosien, ihn, ehe der Mond sich erneuere, an Umbellini zurückzuschicken, derselbe soll ihn dann mit einem Messer nach und nach in kleine Stücke verhacken zu lasten. Nach einigen Tagen wurde Grandier zwei Zulus zum Weitertransportiren übergeben. Auf dem Wege erlaubten sie Grandier, sich in ein Mais­feld zu begeben, um sich Nahrung zu suchen. Mittlerweile legten die Zulus die Waffen auf den Boden. Grandier erfaßte in einem günstigen Momente einen Assegay, mit welchem er den einen Zulu todtstach, ebenso rasch ergriff er die Schießwaffe des andern, der eilig die Flucht ergriff. Grandier verbarg sich in einer Schlucht und wurde von einer Zuluarmee, 15,"00 Mann stark, die vorüberzog, nicht gesehen. Die Sonne als Compaß benutzend, kam er, erschöpft und in schrecklichem Fieber, im Kambula-Lager an. Da er erst 28 Jahre alt ist, glaubt der Arzt, daß er die Krankheit Überstehen werde.

- Die Ausländer werden gerupft. Aus Salzburg wird mitgetheilt, daß die Wirthe der dortigen Umgegend die günstige Gelegenheit nicht unbenützt vorübergeben lasten un^ Gäste, insbesondere die zahlreichen Ausländer, nicht auf das Schonendste behandeln. Ein Wiener, der dieser Tage in einer Restauration nächst Salzburg einkehrte, wurde, als ihm der Betrag seiner Zeche etwas bedenklich erschien, von der Kellnerin gefragt:San S' a Preuß?"Nein," antwortete er.San S' vielleicht a Baier?" worauf er erwiderte: »Ich bin auch fein Baier, sondern ich bin aus Wien und für einige Wochen in Salzburg." Na, wann das so is, nachher krieg'ns noch a paar Zehnerln z'ruck, denn nur die Ausländer müssen mehr zahlen." Erstaunt über diesen sonderbaren Dualismus in der Behandlung der Gäste, gab der Wiener den zurückerstatteten Betrag der Kellnerin für ihre Aufrichtigkeit als Trinkgeld.