Ausgabe 
9.5.1879
 
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Bensi-niruna als Vordienstzeit auch die Zeit angerechnet werde, während deren er die Blindenanstalt bis zu deren Uebernahme durch den Staat geleitet hat- Der Gesetzes­entwurf in Betreff der Abänderung des Wildschadensgesetzes vom 6. August 1810 rief eine längere Debatte hervor, in welcher namentlich geltend gemacht wurde, daß derselbe in seiner dermaligen Fassung den kleinen Landwirth schädigen werde. An der Debatte betheiligten sich außer Ministerialrath Jaup die Abgg Maurer, Ellenberger, Küchler, Franck, Heidenreich, Wasserburg, Kugler, Psannstrel, Osann, Wolz Muhl, Bohm und Heinzerling, welch letzterer den Antrag stellt, den Gegenstand zu weiterer Berichterstattung an den Gcsetzgebungsausschuß zurückzuoerwersen. Dieser Antrag wird einstimmig angenommen. Letzter Gegenstand der Tagesordnung bildet der Etat der Ober-Rechnungskammer für die Fmanzperiode 1879/82. Der Finanzausschuß war bezüglich der Gehalte der zukünftigen Oberrechnungsrathe ge- theilter Ansicht, indem 3 Mitglieder die Vorlaae der Regierung mit Gehalten von 45006500 X, 3 weitere Mitglieder jedoch Gehalte von 4400 - 6000 X empfehlen; ebenso beantragt ein Mitglied des Ausschusses die Bewill'gung von nur 7500 X als Gehalt des Präsidenten, für welchen die Regierung 9000 X anfordert. Abg. Muhl stellt heute den vermittelnden Antrag, den Gehalt des Präsidenten auf 8000 X zu fixiren. Nack länaerer Debatte, an welcher sich außer dem Minifterlalpräsidenten Schleier­macher die Abgg- Muhl, Osann, Küchler, Wolfskehl, Kugler, Ellen- beraer Heidenreich, sowie der Referent Theobald betheiligen, wird der Etat, soweit er sich auf das sonstige Personal der Ober-Rechnungskammer bezieht, bewilligt, die Forderung der Regierung für den Präsidenten jedoch gegen 11 Stimmen abgelehnt, ebenso der Antrag Muhl mit 20 gegen 19 Stimmen, dagegen werden 7500 X als Gehalt für diese Stelle bewilligt. Die Anforderung der Regierung für die Oberrech- nungsräthe wird gegen 13 Stimmen abgelehnt und für dieselben ein Durchschnittsgehalt »on 5200 X bewlllrgt. Nächste Sitzung morgen.

Berlin, 6. Mai. Die Gesellichast für Verbreitung von Volksbildung hält unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Schulze-Delitzsch ihre diesjährige Generalversammlung am 9. und 10. Juni zu Danzig ab mit der nachfolgen­den Tagesordnung: 1) Bericht des Tentralausschusies über die Thätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1878. Erstattet durch den Generalsecreiär Herrn Julius L'ppert (Berlin). 2) Rechnungslegung durch den Schatz nester H^rrn Dr. Hammacher (Berlin). 3) Neuwahl des Cmtralausschusi.s der Gesell- schast. 4) Wahl der Rechnungsreoisoren für 1879 und Berathung von Sta­tutenänderungen. 5) Das Vereinswesen in seiner Bedeutung für das Volks­leben. Referent: Der Vorsitzende Herr Dr. Schulze-Delitzsch. 6) Die Auswahl der Vortragsstoffe und die an die Vorträge in den Bildungsoeretnen zu stellenden Anforderungen. Referent: Herr Dr. Strebitzkt (Neustadt); Correferent: Herr Julius Lippert (Berlin). 7) Wie sind Fortbtldungsver- eine auf dem platten Lande zu organisiren, um diesen und deren Einrichtungen einen festen Bestand z« geben? Referent: Herr von Wuffow auf G-oßpeter- witz. 8) Die Einrichtung öffentlicher Volksbibliotheken und die Organisation zu einem systematischen Vorgehen in dieser Richtung. Referent: Herr A. Klein (Danzig). 9) Einfluß der Bildungsvereine auf die Volksfeste. Referent: Herr A. Lammers (Bremen).

AranLreich.

Pari-, 6. Mai. DasJournal officiel" veröffentlicht einen Bericht des Preßleiters, Herrn Anatole de la Forge, an den Minister des Innern über die Preßfreiheit in Frankreich." Der Zweck dieser Arbeit wird im Eingänge klar gemacht, wo der Verfaffer sagt:

Herr Minister! Sie haben mir die Ehre erwiesen, von mir einen Bericht über die Geschichte der Preßfreiheit zu fordern. In dem Augenblicke, da die Republik definitiv gegründet ist und die Gedankenfreiheit endlich eine Wahrheit werden soll, schien es Ihnen am Platze, untersuchen und öffentlich darlegen zu lasten, welchen Wechselsällen die französische Preffe unterweisen gewesen war. Eine solche Studie bietet das höchste politische Interesse. Sie weist nach, tn welchem Maße und wie lange unser Land im Besitze der Ge­dankenfreiheit gewesen ist, welche Verantwortlichkeit mithin für unsere politische Erziehung der Willkür oder der Freiheit zusällt. Wenn es unseren literari­schen Gewohnheiten noch manchmal an Maß, Ruhe und Kaltblütigkeit fehlt, wenn noch allzu oft Ausschreitungen tn der Sprache und Heftigkeit in der Dtscusfion vorkommen, so muß man fragen, ob die Ursache dafür tn einem zu umfastcnden Gebrauche der Freiheit oder nicht vielmehr in dem Umstande zu suchen ist, daß unsere liberale Erziehung nicht lange genug gewährt hat, un­vollkommen und mangelhaft gewesen ist. Wenn wir die von den fremden Völkern gemachten Erfahrungen zu Rathe ziehen, sehen wir, daß überall, wo sie Preßfreiheit eingeführt und geübt ward, die literarischen und politischen Sitten mehr oder weniger bald aufrichtig, friedfertig und duldsam geworden sind. Dagegen sind dort, wo die Preste streng überwacht, ntedergehalten und gezüchtigt ward, Heftigkeit oder Frivolität der Sprache, Sinn für beißende und verleumderische Persönlichkeiten und leidenschaftlicher Haß niemals ausge- bliebe» und bisweilen sogar mit einer wahren Wildheit ausgetreten. Die Freiheit stellt sich uns demnach bet den benachbarten Nationen als ein Hebel der Ordnung und guten Regierung dar. In welchem Lichte nimmt sie in Frankreich unsere Aufmerksamkeit in Anspruch?"

Italien.

9tom, 6. Mai. Ein Telegramm des Generals Türr an Garibaldi erinnert daran, daß, als i« Jahre 1860 Garibaldi die Freiwilligen n-ch Marsala führte, die Losung war: Italien und Victor Emanuel! Türr richtet nun an Garibaldi die inständige Bitte, den Ungeduldigen und Unbesonnenen das Losungswort von 1860 zu wiederholen:Victor Emanuel einigt uns; versuchen wir nicht etwas anderes, was uns entzweien könnte."

Kzzßlaud.

Petersburg, 6. Mai. Der ehrsame Stand der Hausknechte hat sich wobl nie träumen lasten, daß er je mit so wichtigen Aufgaben betraut werden würde, wie dies jetzt in Petersburg der Fall ist. Es ist den dortigen Haus knechten denn auch schwer geworden, sich in ihre neuen polizeilichen Pflichten htnetnzufinden, und deshalb erläßt der Stadthauptmann zur Verdeutlichung der Verordnung des General-Gouverneurs sowohl für die Hausknechte, als auch die Polizeibeamten, die darüber zu wachen haben, daß jene ihren Verpflichtun­gen nachkommen, folgende Weisungen:

1) Die dienstthuenden Hausknechte dürfen während der ganzen Zett ihrer Dujour nicht schlafen. 2) Sie müssen sich auf der Außenseite des Hauses befinden und sich wed,r in den Tborweg noch in den Hof begeben, können aber innerhalb des ihrer Aussicht ihnen zugewiesenen Raumes sich mit Arbeiten, als Fegen der Straße und des Trottoirs u. s. w., beschäftigen. 3) Auf ihren Plätzen sind sie verpflichtet: a. daraus zu achten, daß keinerlei Bekanntmachungen, Anschläge rc., falls dafür keine Genehmigung vo^gewiesen wird, wo es auch sei, angeklebt werden; b. darüber zu wachen, daß keinerlei

schädliche Gegenstände hingeworfen werden; c. sorgfältig die Gebäude vor F<uerschäden zu schützen; d. Personen, die fie bet der Ausführung obiger Ver­gehungen ertappen oder die ihnen als verdächtig erfcheinen, solche begehen zu wollen, zu verhaften und der Polizei zu übergeben; e. alle Personen, welche ein Haus betreten oder verlasten, zu überwachen und im Falle des Erscheinens ihnen fremder Personen sich zu versichern, wohin sie gehen »nd welchen Zweck sie haben, und der Polizei dtejenigen anzuzeizen, die ihren Verdacht erregen; f. darauf zu achten, daß in den Häusern keine Zusammenkünfte verdächtiger Personen stattfinden und sofort über solche tue Polizei in Kenntniß zu setzen, indem sie alle möglichen Maßregeln ergreifen, damit die Anzeige rechtzeitig ge­schieht und die Polizei i» den Stand gesetzt werde, die an dem Zustandekom­men solcher Zusammenkünfte Schuldigen zu verhaften. 4) Die Hausknechte sind verpflichtet, den Polizeibeamten bei der Ausübung ihrer Pflichten vollen Beistand zu erweisen, besonders bei der Verhaftung von Personen, die sich der Verfolgung durch die Polizei zu entziehen beabsichtigen, oder dieser sich widersetzen.

Telegraphische Depeschen.

Wagner's telegr. Torrefpoutzeuz-Bureml.

Berlin, 7. Mai. Sr. Majestät SchiffPrinz Adalbert" mit dem Prinzen He nrich an Bord ist am 19. April tn Honolulu glücklich eingetroffen.

Petersburg, 7. Mai. DieAgence Riffe" meldet: Das von Obrutlchcff dem Sultan überreichte Schreiben des Kaisers Alexander und die Proklamation an die Rumelier ist in Konstantinopel sehr günstig ausgenommen worden. Der Sultan habe tn Folge besten Obrutscheff beauftragt, der Com- Mission in Philippopel anzuzeigen. er beabsichtige von den ihm durch den Ber­liner Vertrag jetzt znstehenden Rechten keinen Gebrauch zu machen. Deutsch­land, Oesterreich, Frankreich und England stimmten der Wahl des Prinzen von BUtenberg zum Fürsten Bulgariens zu.

London, 7 Mai. Eine Zuschrift Salisbury's an die Journale er­klärt, er habe kürzlich nicht gesagt, die russischen Truppen düiften nach dem 3. August nicht iüdlich und westlich des Balkans, sondern sie dürften nicht südlich und westlich des Pruth sein.

Wien, 7. Mai. Meldungen derPolit. Corresp." Aus Konstan­tinopel vom 7. d.: Die Rusten begannen die Räumung Ostrumeltens. Die Vorbereitungen zur Räumung Bulgariens haben ebenfalls begonnen. Die zur Einübung der bulgarischen Miliz bestimmten russischen Instructions-Bataillone wurden aufgelöst. Viele russische Osftciere erhielten Erlaubniß, noch vor de« Abmarsch ihrer Truppenkörper mit Urlaub nach Rußland zurückzukehre». Vorgestern fand vor der französischen Botschaft eine Demonstration von Grie­chen statt. Aus Tirnowa. Die Deputation der bulgarischen Nattoualver' sammlung tritt erst nach der zum 10. Mai bevorstehenden Rückkehr Dondu- koff's ihre Reise an, um dem Prinzen von Battenberg die Erwählung zum Fürsten zu notificiren. Demnächst findet eine Lagerübung der gesummten bul­garischen Miliz statt. In Folge von Exceffen bulgarischer Banden gegen türkische Bewohner des Districtes Tirnowa sind türkische Agenten eingetroffen, um die Auswanderung der türkischen Bevölkerung nach Kleinasien zu veran- lasten. DiePolit. Corresp." veröffentlicht den Wortlaut der griechischen Note, durch welche die Mediation der Mächte nachgesucht wird.

Konstantinopel, 7. Mai. Mehr als 600 muselmännische Familien Bosniens und der Herz gowtna haben dem Sultan eine Petition übersandt, ihnen auf türkischem Gebiete Landstriche anzuweisen, wohin sie auswandern könnten, da sie nicht unter fremder Herrschaft bleiben wollen. Die türkische Regierung hat das Gesuch in Erwägung gezogen, bis jetzt aber noch nichts bestimmt hinsichtlich der Gebiete, wo die Emigranten sich niederlaffen könnten.

Paris, 7. Mai, Abends. Eine Versammlung der Bureaux der Frak­tionen der Linken des Senats erklärte sich einstimmig für die Rückkehr der Kammern nach Paris und nahm den Antrag an, daß die Kammern provi­sorisch ihre Sitzungen im Tuilerien-Saale halten sollen.

Triest, 7. Mai, Abends. In der Sitzung des Stadtraths zeigte der Regierungs-Vertreter an, daß der Kaiser die Wahl des Podesta Angelt nicht bestätigt hat. Der Vorsitzende beraumte die Neuwahl für die nächste Sitzung an.

Lokales.

Gießen, 8. Mai. Heute Abend 10*0 trifft Se. Majestät der Kaiser per Ertrazug von Wiesbaden kommend auf hiesigem Bahnhof ein und reist 1110 nach Berlin weiter.

Ein HauSbursche in einem hiesigen Hötel mußte seine Gutmüthigkett vorgestern Abend schwer büßen. Ein zum Besuch gekommener Freund, welchen er auf seinem Zimmer allem ließ, benutzte diese Gelegenheit und stahl mittelst Nachschlüsiel ihm aus seinem Koffer 50 X und einem anderen Hausburscken ein Paar neue Schuhe, die alten an deren Stelle zurücklaffend.

Vermischtes.

Darmstadt, 7. Mai. (Postpersonalnachrichten.) 1. Ernannt sind: der Postrath Husadel in Darmstadt zum Ober-Postrath, der Postsekretär Pfähler in Darmstadt zum Ober- Post-Directions-Sekretär, die Postassistenten Großer in Friedberg t. Gr. Hess., Pathun in Grünberg i. Gr. Heff. und Wiegand in Bensheim zu Postsekrctären, die Obcrtelegraphisten Lenninger und Silber in Darmstadt, Garlin in Mainz, sowie die Telegraphenaisistenten Boschen in Bad Naubeim, Elsholz in Darmstadt, Harting in Mainz, Helm in Worms und Wenzel in Alzey zu Ober-Teiegraphcnassistcnten. 2. Angeftellt sind: der Postpraktlkant Adam in Mainz als Postsekretär, die Telegraphenassistenten Diemer und Henkel in Darmstadt, sowie der Tele- grapbenajsistent Becker in Worms. 3. Gestorben ist der Ober-Post-Eommißarius Alefeld in Darmstadt

Lahr. Die große Fabrik Lotzbeck hier wird in Folge der drohenden Tabaksteuer auf Schweizer Gebiet verlegt. Die Fabrik beschäftigt mehrere Hundert Arbeiter.

Wie groß der Durst der Münchener ist, mag man aus Folgendem ersehen: Im Jahre 1876 trafen auf den Kopf 484 Liter 125,84 jl, 65 Liter und 16,90 X mehr als im Jahre 1868, und bloS dieses mehr überstieg die gesammte Staats- und Gemeindesteuer Münchms (2,189,925 X~) um noch 856,276 X Im Jahre 1877 trafen auf dem Kopf 441 Liter und 112, 0 X, noch immer 22 Liter mehr als in demguten" Jahr 1868, wo es noch keinen Nothstand gab. An Haus- und Wohnungsmiethe zahlte München im Jahre 1877 um 5,455,318 X weniger, als cs für Bier ausgab.

Szeged in, 30. April. Ueber den Orkan, welcher hier gewüthet, liegen imPester Lloyd" folgende nähere Nachrichten vor: Vormittags erhob sich ein Orkan in solcher Vehemenz wie er hier noch nie erlebt wurde. Die haushoch gehenden Wellen vernichteten die Eisenbahn- und Verstopfungsarbeiten Alle Schlagwerke biS auf sechs wurden umgeworfen, Flöße aus­einander geriffen, die Baumaterialien und Erdschiffe sind größtentheils versunken, zum Theil weggeschwemmt. 100 Kloster Spundwände sind zertrümmert, die Piloten-Wände wurde« durch den mächiigen Wind umgebogen, die Bauobjecte 8, 9 und 10, welche mit Erde gestopft waren, sind intact. In die Bahndämme, welche bisher der Fluth widerstanden, hat das Element 50 Klafter lange Durchrisse gemacht. Die in voller Thätigkeit gewesenen Arbeiter klammertm sich an die Piloten oder haben sich an die Floßstämme angebunden, um vor dem Wellcntode sich zu retten; bisher läßt sich nicht constatiren, ob Arbeiter fehlen. Gleich nach der telegr»;