von der Conferenz angenommene Programm basirt. Die Pforte darf für eine lange Frist von Jahren einen christlichen, durch die Mächte genehmigten Gouverneur ernennen. Sein Gebiet reicht blos bis zum Balkan. Ein Theil der russischen Armee soll sich in Konstantinopel einschiffen, woselbst der Großfürst wahrscheinlich den schließlichen Friedensvertrag unterzeichnen wird. Obiges Abkommen würde die Ehre Rußlands befriedigen und die militärische Besetzung Stambuls vermeiden. (Diese Zusammenstellung ist keinensalls vollständig; und ob die mitgetheilten Bedingungen überall richtig sind, ist zweifelhaft). — Der „Globe" dementirt die Angabe, daß die Mittelmeer-Flotte zu eventueller Be setzung Gallipolis beordert sei.
London, 25. Januar. Die Admiralität erließ die Ordre, das Aviso- Boot „Lively" und die Fregatte „Newcastle", welche beide der ersten Reserve- Division angehören, völlig auszurüsten und in den Dienst zu stellen.
London, 26. Januar. „Times" und „Daily News" wollen über die Friedensbedingungen wesentlich Folgendes wisien: Bulgarien soll inclusive der bulgarischen Gebiete südlich des Balkans Autonomie unter einem christliche» Gouverneur erhalten. Bosnien und der Herzegowina werde die Einfübrung von Reformen unter christlichen Gouverneuren zugesichert und den übrigen türkischen Provinzen eine besiere Verwaltung garantirt. Rumänien, Serbien und Montenegro erhält einen Gebietszuwachs, aber in Folge des Einwandes Oesterreichs keinen Seehafen. Ein Theil Bessarabiens, Batum, Kars und Erzerum mit dem angrenzenden Gebiete würden an Rußland abgetreten. Die Kriegsentschädigung werde in Geld, einer Gebietsabtretung oder in anderer Weise geleistet. Die Dardanellenfrage bleibe der Erwägung der europäischen Mächte Vorbehalten.
— „Daily News" hält es für wahricheinlich, daß die Regierung nochmals den Entschluß der Creditsorderung erwäge, und dadurch Derby in Stand setze, seine Demission zurückzuziehen. — „Times" hält jede Nothwendigkeit einer Creditsorderung für verschwunden und hofft, Northcote werde am Montag eine bezügliche Ankündigung machen. — Als Carnarvon's Nachfolger wird der Herzog von Buckingham bezeichnet.
Italien.
Rom, 25. Januar. Es werden einige Kriegsschiffe abgesendet, um in mehreren türkischen Häfen zum Schutz der Interessen der italienischen Unter« thanen Station zu nehmen. — Das Unwohlsein des Papstes ist von keiner Bedeutung. — Der Adjutant des Kaisers von Rußland, General Glika, ist hier eingetroffen, um dem König ein Beileidsschreiben seines Souveräns zu überbringen.
Rußland.
Petersburg, 26. Januar. Die „Agence Russe" meldet: Die Kennt- nißnahme der russischen Bedingungen in London hat England die Ueberzeugung von der Mäßigung Rußlands gegeben und die Krise beseitigt, welche, wie man hoffen darf, keine weiteren Folgen haben wird.
— Dem griechischen Cabinete wurde bet dem jetzigen Stande der Dinge, um nicht neue Verwickelungen herbeizuführen, von hier aus möglichste Moderation anempfohlen. — Der befremdenden Creditsorderung des britischen Cabi- nets muß durch die inzwischen erfolgte Mittheilung der Bedingungen in London jeder Vorwurf entzogen sein. Jeder Vorwand fehlt, daß Rußland in die englische Jntereflen-Sphäre hineingreifen wolle. Den Waffenstillstand und die Friedenspräliminarien hat Rußland allein mit der Pforte abzuschließen, unbeschadet der späteren Mitwirkung der Mächte bei den internationalen Vertragsbestimmungen. Berücksichtigen die russischen Friedensbedingungen die englische Jntereffen-Sphäre, so bedarf es kaum der Versicherung, daß sie den Interessen Oesterreichs volle Rechnung tragen.
— Die von den „Times" in einem Berliner Telegramm gebrachte Nach richt, in Rußland würde eine neue Einberufung von Mannschaften von ausschließlich über 40 Jahren stattfinden, wird von authentischer Seite durchaus für unbegründet bezeichnet.
— Aus Tiflis vom 25. d. wird amtlich gemeldet: In der Nacht vom 22. d. besetzte das Detachement des Generals Komaroff ungeachtet Sturmund Schneewetters die Jmirkow-Brücke und griff die starke türkische Position bei dem Dorf Doliskhan an. Die Türken, in der Stärke von 2 regulären und 6 irregulären Bataillonen, erlitten eine vollständige Niederlage und flüchteten theils gegen Artwin, theils in das benachbarte Gebirge. Die Ruffen erbeuteten ein Gebirgsgeschütz, viel Munition und Waffen und das türkische Lager. Der Verlust russtscherseits betrug 2 Todte und 14 Verwundete.
Kriechenland.
Athen, 24. Januar. In der heutigen Sitzung der Kammer entwickelte Komunduros das Programm des Cabinets und sagte, die Umstände seien kritisch, aber die Regierung habe sich für eine Politik der Action, für active Ver- theidigung der Rechte Griechenlands zu Wasser und zu Lande, für Befreiung der Brüder aus türkischer Knechtschaft entschieden.
' Amerika.
Washington, 25. Januar. Der Senat hat mit 43 gegen 22 Stimmen die Resolution Mathew's angenommen, welche erklärt, daß die Regierung befugt fei, die Bonds in Silber-Dollars einzulösen.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr» Eorrespondenz-Bureau.
Konstantinopel, 25. Januar, Abends. Suleiman Pascha sammelt seine versprengten Streitkräfte bei Cumuldjina; der Ort für die Einschiffung ist noch nicht bestimmt. Suleiman rieth der Pforte im Hinblick auf die unge heuren Verluste zum Frieden. Der griechische Patriarch erklärte dem Großvezir gegenüber, es sei ihm unmöglich, die Garantie für das fernere ruhige Verhal- ten der orthodoxen Untertanen zu übernehmen, im Falle eine Erneuerung von Massacres stattsände. — Aus Burgas und Aidos wandern viele Mohamedaner nach Asien aus.
Wien, 26. Januar, Abends. Die „Polit. Corresp." erhält aus London Mittheilungen über die Friedenspräliminarien, für deren Vollständigleit sie jedoch nicht einstehen will. Danach wären die Bedingungen folgende: Vollständige Autonomie Bulgariens unter der Suzerainetät des Sultans, Abgrenzung Bulgariens nach den Bestimmungen der Konstantinopeler Conferenz, Autonomie Bosniens und der Herzegowina mit christlichen Gouverneuren, Un
abhängigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros mit Grenzberechtizungfür jeden dieser drei Staaten, Abtretung von Datum, Kars und Ardahan mit )en entsprechenden Territorien, Kriegsentschädigung von 100 Mill, türkische Lires oder das Aequivalent derselben durch weitere Gebietsabtretung in Asien oer Zession von Kriegsschiffen. Die Dardanellenfrage soll auf gewöhnlichem btfo< matischern Wege mir Ausschluß eines Kongresses geregelt werden.
——Abends. Die „Polit. Corresp." meldet aus Athen: Heute füllet geheime Sitzung der Kammer start behufs angeblich wichtiger Beschlüsse di - sichtlich der auswärtigen Politik. Trotz der hier eingegangenen Waffenftil- standsnachrichten beabsichtigt die griechische Regierung, wenn die Kammer zu- stimmt, den Aufstand in Thessalien und Kreta actio zu unterstützen.
SOiabrtb, 26. Januar. Der Erzbischof von Toledo hat den Pfarrer an St. Sebastian zu Madrid abgefetzt, weil dieser ein Todtenamt für Victor Emanuel gehalten hatte. Die Zeitungen sprechen ihre Mißbilligung über die Maßregel aus.
Athen, 26. Januar. Die Gerüchte von dem bevorstehenden Abschluß der Friedenspräliminarien veranlaßten eine öffentliche Demonstration zu Gunsten des Krieges. Die Demonstrirenden und die Sicherheitswachen geriethen aneinander. Mehrere Polizei-Agenten wurden durch Steinwürfe verwundet. Die Kammer suspendirte ihre Sitzung.
London, 27. Januar, Abends. Dem Cabinetsrathe, welcher heute in Downing-Street stattgefunden hat, wohnten alle Minister bei, außer Cairns und dem Herzoge von Richmond, welche nicht in London sind.
— Dem „Observer" zufolge war in der Demissions-Angelegenheit des Lord Derby bis gestern Abend nichts Bestimmtes bekannt. Im Falle Derby zurücktritt, glaubt man, werde Lord Beaconsfield vorläufig das Ministerium des Aeußern übernehmen. Lord Sandon soll zum Colonien-Minister bestimmt sein.
London, 27. Januar. Amtlicher Meldung zufolge ist die britische Flotte in der Besika-Bay eingetroffen.
Athen, 26. Januar. An der gestrigen Demonstration nahmen an 10,000 Personen theil. Dieselbe fand namentlich vor den Wohnungen von Komunduros, Delyamis, Trikupis und Zaimis statt, deren Fenster zertrümmert wurden; vor dem Hotel Komunduros' wurde ein Revoloerschuß abgefeuert. Drei Demonstranten wurden verwundet, einer blieb todt. Vor dem königlichen Palais riefen die Demonstranten den Köniz heraus. In den Worten, welche der König an die Menge richtete, bezeichnete er die Lage als schmerzlich für die griechische Nation und hob hervor, Niemand liebe das Land mehr als er. Nach weiteren Demonstrationen vor den Hotels der Minister wurden die Tumultuanten von den Truppen zerstreut. Heute werden ähnliche Demonstrationen befürchtet. Die Truppen sind in den Kasernen consignirt und haben strengen Befehl, energisch gegen die Ruhestörer einzuschreiten.
Konstantinopel, 27. Januar. Die britische Flotte war bereits am Eingänge der Dardanellen angelangt, als sie Contreordre erhielt und sofort wieder umkehrte. Nach hier vorliegenden Nachrichten hat das russische Hauptquartier fammt den türkischen Unterhändlern Kasanlik verlassen und ist weiter vorgegangen.
— Von der türkisch-griechischen Grenze wird eine aufständische Bewegung stgnalisirt; einige bewaffnete griechische Banden sind auf das türkische Gebiet eingedrungen. Die Pforte beabsichtigt, dem griechischen Gesandten Vorstellungen zu machen.
Wien, 27. Januar. Das „Neue Wiener Tagblatt" meldet aus Belgrad : Horvatovic besetzte nach dreitägigem blutigem Kampfe das Defilü von Kanczanisc bei Askul.
Toulon, 27. Jenuar. Eine Division des Mittelmeer Geschwaders ging heute früh nach der Levante in See.
Konstantinopel, 27. Januar. Wie verlautet, werde der Waffenstill- standsvertrag mit den Friedenspräliminarien in Adrianopel unterzeichnet werden. — Den Tscherkeffen und Baschi-Bozuks ist das Waffentragen nunmehr von der Polizei verboten worden.
Rom, 27. Januar. Das Unwohlsein des Papstes ist nicht bedenklich. — Der König hat den Gesanoten des Czars, General Glieka, empfangen.
Englands Seemacht.
Die Gerüchte, daß die englische Regierung die türkische Kriegsflotte durch geheimen Vertragsabschluß entweder schon gekauft habe oder noch zu kaufen beabsichtige, tret'n neuerdings mit erhöhter Bestimmtheit auf. Es würde sich dabei für England um die Erwerbung von 19 Panzer-Schlachtschiffen handeln, von denen 13 neuer und neuester Construction sind und 5 zu den stärksten Schiffen gehören, welche überhaupt eine Kriegsflotte, selbst die englische nicht ausgenommen, aufzuweiscn hat. Die zwei stärksten Schiffe dieser Flotte, die Cascmatschiffe „Mesu- die" und „Memduchie" besitzen bei einer Fahrgeschwindigkeit von 13 Seemeilen in der Stunde und 9140 Tonnengehalt einen Panzer von 12 Zoll Stärke und je eine Geschützausrüstung von 12 zehnzölligen Geschützen oder 400-Pfündern. Ueberhaupt aber stellt sich die Fahrgeschwindigkeit der sämmtlichen 19 türkischen Panzerschiffe nicht unter 12 Seemeilen in der Stunde und gleicherweise besitzen alle ohne Ausnahme eine enorm starke Artillerieausrüstung. Daß die englische Regierung das höchste Interesse dabei besitzen würde, eine so formidable Kriegsflotte, die noch dazu überdies in beinahe all ihren Schiffen auf den besten englischen Werften erbaut worden ist,.nicht etwa, wie von Seiten der russischen Presse bereits vielfach angeregt worden ist, als einen Theil der von der Türkei Rußland zu gewährenden Kriegsentschädigung in russischen Besitz übergeben zu lassen, muß allerdings anerkannt werden, und beruhen zweifelsohne darauf auch die zu Eingang erwähnten Gerüchte, welche möglicherweise deshalb sehr wohl später auch eine Bestätigung finden könnten. Die eigene englische Seemacht besteht zur Zeil nach dem letzten englischen Flottenausweis aus 50 Panzerschiffen, wovon jedoch zwei, der „Äjax" und „Agamemnon" noch im Bau, und drei, der „Drad nought", „Nelson" und „Northampton" in der letzten Ausrüstung begriffen sind. Der Schiffbaueonstruction nach sind hiervon 33 Breitseiten und 17 Thurmschiffe. Außer den sieben neuen Schiffen sind darunter jedoch nur 11 Breitseiten und 6 Thurmschisse, welche den heutigen Ansprüchen an Panzer-Schlachtschiffen vollkommen genügen. Die Starke dieser eigentlichen englischen Panzerschlachtenflotte ermißt sich hingegen daraus, daß diese 17 Schiffe, welche sämmtlich zwischen 12—14 Seemeilen Fahrgeschwindigkeit besitzen, bei einer Ma- schinenkrafr von insgesammt 93,539 Pferdekraft einen Tonnengehalt von 116.993 Tons aus- weisen, wobei sie bei einer Bemannung von 7369 Mann 166 Geschütze der schwersten Kaliber ühren. Die englische Schraubenflotte umfaßt gegenwärtig nach demselben authentischen Nachweis drei Schrauben Linienschiffe, 16 Fregatten, wovon jedoch nur drei neuerer Coustruetion, 27 Corvetten, davon zehn neuer und neuester Construction, 34 Schrauben-Schaluppen, sämmtlich neuerer Construetion, 61 größere Kanonenboote, 22 kleinere Kanonenboote, 17 Kanonenboote älterer Construction und 12 Torpedoboote, die sich indeß meist noch im Bau befinden. Die Zahl der fertigen dienstfähigen englischen Schraubenschiffe würde sich auf 192 berechnen, wozu an im Bau begriffenen derartigen Schiffen noch 2 Fregatten, 12 Corvetten, 9 Schaluppen und 8 Kanonenboote der verschiedensten Constructionen hinzutrcten. Die gesammte, unmittelbar verwendungsfähige englische Schiffsstärke würde sich danach zu 239 Schiffe und Fahrzeuge mit über 1800 Geschützen Herausstellen, welche bei voller Kriegs-Ausrüstung eine Bemannung von über 42,000—44,000 Mann beanspruchen Ein Uebelstand beruht für England in Hinsicht seiner Seemacht darin, daß sich von derselben stehend 75—90 Schiffe nach den auswärtigen europäischen Stationen abeommandirt befinden und dort nicht gut entbehrt werden können. DaS nach der Levante entsendete Mittelmeer-Geschwader, das ebenso wie das Canal- und Reserve-Geschwader


