Telegraphische Depeschen.
Waauer'S telegr. Gorresvpnde«r-««rea«.
Berlin, 24. September. Die Commission für das Soctalistengesetz nahm mit 13 gegen 8 Stimmen den § 7 mit dem Amenvement an, wonach bei periodischen inländischen Druckschriften die Landespolizeibehörde des Bezirks, wo die Druckschrift erscheint, zuständig für das Verbot ist, Bet § 8 beantragt Kardorff für den Bundesrath als Recursinstanz zu setzen: Bundesamt für Heimathwescn. Laut Gesetz vom 6. Juni 1870 besteht dasselbe aus einem Vorsitzenden und vier Mitgliedern, die auf Vorschlag des Bundesraths auf Lebenszeit ernannt sind. Der Vorsitzende und mindestens die Hälfte der Mitglieder muß die Qualifikation zum höheren Richteramt haben. Die gegenwärtigen Mitglieder sind: König (Präsident), die Geh. Regierungsräthe Wohlers und Göpel, Obertribunalsrath Holleben und Kammergerichtsrath Leske.
Der Abg. Schmid (Würtemberg) beantragt als Recurs-Jnstanz eine Behörde, die der Bundesrath ad hoc ernennt und deren sämmtliche Mitglieder richterliche Qualification haben sollen- Lasker beantragt, die DiScussion über die Anträge abzubrechen, um den Mitgliedern der Commission Zeit zu Besprechungen darüber zu lasten- Die 9 bis 15 werden mit geringen Abänderungen angenommen- — lieber § 16, die Ausweisung socialdemokratischer Agitatoren und die Concessionsentziehunaen bctr., findet eine längere Debatte statt, die heute nicht abgeschlosten wurde. Minister v. Eulenburg tritt entschieden für die Fassung der Vorlage ein, da die socialdemokratische Agitation nicht nur in der Preste und den Vereinen, sondern auch in ihren Agenturen und hinsichtlich der Colportage verfolgt werden müsse.
Prag, 24. September., Die beute im Landtage erschienenen czechischen Abgeordneten gaben eine Erklärung ab, wonach sie bei ihren früheren Verwahrungen beharren, jedoch versuchen wollen, ob ihre durch den Eintritt in den Landtag bethatigten versöhnlichen Gesinnungen Erfolge erzielen würden.
Wien, 24. September. Gestern sind die Verhandlungen über den neuen Handelsvertrag mit den italienischen Abgesandten Elena und Axerio eröffnet worden.
vom bürgerlichen Rechte anerkanntes Ehehinderniß bilde, und daß daher altkatholische Geistliche, welche nach Aushebung des Eheverbots seitens der kirchlichen Gewalt eine Ehe eingehen, von civilrechtlichen Nachtheilen unter der Herrschaft des badischen bürgerlichen Rechtes nicht getroffen werden können. Selbstverständlich bleibt es, daß diese ministerielle Austastung für die richterlichen Behörden nicht bindend sei, wo etwa deren Entscheidung hinsichtlich der rechtlichen Wirkung Ehe-Eingehung für den einzelnen Fall einzutreten habe. Die Ordnung der ganzen Angelegenheit stelle die badische Regierung lediglich der zuständigen kirchlichen Gewalt anheim.
Frankreich.
Paris. Der Gang der zwischen Midhat Pascha und dem Divan ge- pfloaenen Correspondenz war nach dem „Journal des Döbats" folgender: Um ben 25. August hatte der türkische Botschafter in London, Musurus Pascha, dem verbannten Staatsmann zu eröffnen, daß der Sultan geneigt wäre, ihn zurückzuberufen, wenn er darum nachgesucht hätte. Midhat erwiderte unter dem 31. August, er danke dem Sultan für seine großmüthige Initiative und wünschte allerdings mit seiner Familie nach der Türkei zurückzukehren und sich an dem Ort, der ihm gefiele, niederlasten zu dürfen, da er unter den obwaltenden Umständen nicht nach Konstantinopel kommen möchte. Hieraus wiederum entgegnete der Sultan mit einem zweiten Telegramm, welches der türkische Botschafter in Paris, Baris Pascha, Midhat am 16. Septbr. zu überreichen hatte: er nehme mit Besriedigung von dem Briefe vom 31. August Act und lade ihn dringend ein, sich seinem Wunsche gemäß nach Kreta zu begeben: ein Staats- schiff werde ihn, sobald es ihm gefällig sei, nach der Insel bringen und ein hoher Würdenträger vom Palast ihn in Kreta begrüßen. Demgemäß wird Midhat Paris demnächst Verlusten und sich in Marseille direct nach Kreta einschiffen. (Ist geschehen.) Von anderer Seite wird noch hinzugesügt, daß der Sultan der Familie Midhat Pascha eine Pension von 200 Pfund monatlich ausgesetzt und ihm selbst für seine Reisekosten 1000 Pfund (1 Pfd — 20 Mk-) zur Verfügung gestellt hat.
Marseille, 23. Septbr. Vor seiner Abreise von hier äußerte sich Midhat Pascha gegenüber einer Deputation von hiesigen Inhabern türkischer Staatspaptere folgendermaßen: Wenn er auch nicht wieder an's Ruder gelange, werde doch von der türkischen Regierung die Finanzfrage geregelt werden, sobald die politischen Verwickelungen geschwunden sein würden; das sei der Wunsch des Sultans. „Die Einstellung unserer Zahlungen war das Signal unseres Niederganges; die wenn auch nicht vollständige, so doch theilweise Wiederaufnahme derselben wird das Signal der Auferstehung sein. Die türkische Nation kann ihren verlorenen Rang nur wiedergewinnen, wenn sie ihre Finanzen reorganistrt.
Italien.
Rom, 23. Septbr. Der Gesundheitszustand des Papstes ist befriedigend ; derselbe empfing heute Pilger aus Piemont und verschiedene andere Persons. _ „Voce della VeritL" erklärt es für unbegründet, daß in den Verhandlungen zwischen der päpstlichen Kurie und Deutschland Schwierigkeiten betreffs der Art der Anwendung der Matgesetze entstanden seien. Ebenso entbehre die Meldung der „Times" aus Rom, betr. die angebliche Revtston des zwischen der Kurie und Belgien bestehenden Concordates vollständig der Begründung; dieses Concordat habe niemals bestanden.
Rußland.
Worms, 24. September. Im Wahlkreis Worms wurde Fabrikant Reinhart (nat.-lib.) zum hessischen Landtags-Abgeordneten gewählt. — Ja Pfeddersheim erfolgte die Wiederwahl von Müüinger (nat.-lib.), in Oppenheim desgleichen von Schröder.
Bukarest, 23. September. Dem Journal „Orient" wird aus Tultschr telegraphisch gemeldet, daß sich Banden organisirt hätten, um der Besetzung der Dobrudscha durch Rumänien Widerstand zu leisten und daß an dieselben Waffen — man spreche von 8000 Gewehren — vertheilt worden seien. — Der Fürst von Rumänien wird morgen von Schloß Sinai hierher zurückkehren. — Dem Journal „Vocca" zufolge ist eine russische Commission im Begriff, die bisher von den Ruffen oceupirten Kasernen m Galatz an die Rumänen zu übergeben.
London, 24. Septbr. „Daily Telegraph" will wissen, daß das Ca- binet zur Berathung der asganischen Frage unverzüglich zusammentreten werde. — Einem Telegramm des „Standard" aus Simla vom 23. d. zufolge fand heute eine Specialsttzung des Raths des Vicekönigs statt. Der Befehlshaber der Grenztruppen reiste mit geheimen Befehlen von Peshawer ab. Die Zusam- menziehung einer großen Streitmacht an der Grenze ist angeordnet; 12,000 Mann sind bereits concentrirt. — Die indische Presse verlangt Abbitte Sei- tens des Emirs von Afganistan oder die Besetzung Afganistans. — Die Times" glaubt, die militärischen Operationen dürsten vor Frühjahr nicht stattfinden. England könne warten und dem Emir Zett gewähren, um anderen Sinnes zu werden.
Wien, 24. September. Officiell. Die erste Division rückte nach dem siegreichen Gefecht bet Senkovic und Baadin Oziak vor bis Rogatica und 6e« setzte diesen Ort. Aus den Berichten der Einwohner geht hervor, daß die Insurgenten theils nach Visegrad, theils nach Gorazda entflohen sind. Die Gesammtzahl der Todten aus Leite der Insurgenten beträgt wett über 400. — Die Spitzen des 3. und 4. Corps rückten nach Dolnje Tuzla vor; aus der dortigen Cidatelle wurde unter Loyalitäts-Kundgebungen der Bevölkerung die Kaiserflagge aufgehisst. Der Fall von Bihac scheint von entscheidender Wirkung zu sein. Aus allen Gegenden erscheinen Deputationen ^und Erklärungen der Unterwerfung. — Von Banjaluk wird gemeldet, daß Streifcommandos von Piedor und Sanskinost gegen Krupa und von Kluc in der Richtung nach Bihac entsendet seien. Die Gegend von Petrovac sei durch bewaffnete Banden uw sicher gemacht. __
Lokal-Rott z.
Gießen, 26. September. Die .Darmst- Ztg." erhält nachstehenden weiteren Bericht über die von dem historischen Verein für das Großherzogthum Hessen in Darmstadt durch Herrn Gustav Dteffenbach in Friedberg unternommenen Ausgrabungen auf der Capersburg:
„Bei fortgesetzten Nachgrabungen auf der Capersburg fand sich eine gepflasterte resp. mit großen rauhen Quarzitplatten belegte Straße rechtwtnkeltg von der Straße, welche von der porta decumana nach dem Prätortum führt, abjwetgend nach der Sette der porta sinistra hin.
Weiter fand sich an derselben Sette an derselben Straße von der porta dooumani zum Prätortum ein Hypocaustum.
Ferner kamen die Fundamentmauern einer langen Säulenreihe auf berfelbm Seite an der Straße von der porta decumana zur porta praetoria zu Tage.
Auch die Fundamente eines halbrunden gegen die Stntstrasette gerichteten ThurmeS am Prätortum und zweier weiterer Gebäude, welche sich an die Setten des HalbthurmeS anschlteßen, wurden fretgelegt-
Diese Aufdeckungen sind um so interessanter, alS .sie ganz und gar von der Construktion des Prätoriums auf der Saalburg abwetchen.
Die Fundstücke flnd relativ unbedeutend und bestehen in einem Sandstetnbrocken mit Merkmalen einer Inschrift; einer sehr massiven Sandsteinplatte mit einer sch nalen sehr tiefen Einsenkung (zur Befestigung einer Broncestatue) am östlichen Anbau am
Petersburg. Nicht nur Petersburg, sondern auch Moskau hat seine Wera Saffulttsch. Russische Blätter melden nämlich, daß am 12. d. Mts. vor dem Moskauer Schwurgerichte das 23jährige Fräulein Alexandra Paulowna Wenetzka, die Tochter eines russischen Staatsrathes, des Mordversuchs angeklagt gewesen ist. Das Mädchen beabsichtigte, den gefürchteten L-taatsprocureur Przewalski zu tödten, hatte aber irrtümlicher Weise den Stellvertreter desselben, Namens Prozorowski, welchen sie für den Procurator angesehen hat, mit einem Revolverschusse schwer verwundet. Die Geschworenen haben die Ange« klagte einstimmig freigesprochen und im anwesenden Publikum fehlte es darob nicht an lärmenden Beifallsbezeigungen für die befreite Verbrecherin und ihren Vertheidiger. Nähere Details über diese Copie des Sassulitsch-Prozesses versprechen die russischen Blätter demnächst zu bringen.
Amerika.
Washington, 23. Septbr. Die deutschen Tabaks-Delegirten hatten heute eine Unterredung mit dem Regierungs-Commissar der directen Steuern.
New-Orleans, 23. Septbr. Die Gesammtzahl der bisherigen Erkrankungen am gelben Fieber beläuft sich aus 7972, die der Todesfälle auf 2514.
Halbthurme.
Ein Sandstelngestmsstück an der porta praetoria gibt Zeugniß, baß diese eia Prachtbau gewesen. r
Ein Stempel der Legio XXII primigenia pia fidelie auf einem Backstelnstuae: terra aiglUata Stücke mit Topferstemveln, barunter MA.CIOF, welcher sich auch irn Musen I zu Wiesbaden befindet, und DIGNV . . . (DIGNVS fand sich auf der Saalburg); brd Speerspitzen; eine Agraffe aus Wetßbronze etyenlhümltcher Form; ein besonders schöne großer Eisenschlüssel; ein Eisenmesser; ein Eisenlöffel mit senkrechtem Stiele; eint Eisenspitze mit rechtwtnkeltg stehender Tülle, wie ssch solche mehrere auf der Saalburg sanden; ein Eisenkalkmetsel; ein EisenstyluS; Etsenrtnge, Kloben, Bänder, Beschlägt, Nägel und andere Etsenqegenstände; ein Bronzeblechstretfen mit schönen Etngraoirunzm, ein Bronzering, ein B.onzeschtldchen (Verzierung eines Schlosses?) eine Bronzesch.lt der größte Theil eines sehr großen R aus Bronze mit Resten von Nieten, etneBro^l münze, ein runder Bleigegeustand, Thonkügelchen, ein Steinringstück, ein schwarz Pollrstein (Blutstein) zum Goldpoliren, ein Stück Bleistufe, GlaSrest:, Schleudersteine (Flußgeschiebe), Schleuderkugeln aus Sandstein und porösem Basalt in und am Pcä toriumthurme, eine hüosch erhaltene Silbermünze, deren Avers: imp autoninas pius a.g Revers: invictus sacerdos aug. ein schönes, blattförmiges, durchbrochenes Brouzecharniw ,band und viele Thierknochen seien als weitere Fundstücke erwähnt."
Gießen, 25. September. Zur Begrüßung Sr. Majestät unseres Kaisers, soii.' auch unseres Großherzogs strömte gestern Nachmittaa eine ungeheure M-rschenmai! nach dem Bahnhofe. Leider hielt der festlich geschmückte Extrazug nur einige Mimre- und dann dampfte er mit dem theuren Haupte der deutschen Nation nach CoblNj weiter. Kurze Zeit als der Kaiser!. Zug abgefahren, bestieg unser Landesoater eliti zweiten für denselben bestimmten Separatzug, welcher ihn nach der Residenz entführt Bei seiner letzten Anwesenheit auf hiesigem Bahnhofe soll sich Se. König!. Hoheit erbeten haben, daß der Perron abaefperrt werde und unterblieb dieses auch gestern Lk» Publikum drängte sich denn auch an den Zug heran um in nächster Nähe feinen g"' blaen unb wahrhaft geliebten Fürsten zu sehen und benselben freubigst zu begrüßen.
Vermischtes.
— Eine Bestie. Aus Marburg in Oesterreich schreibt man: ,3m hiesigen Bahnh)- ereignele sich bieser Tage eine grauenhafte Szene. Die mit bem Agramer Zuge anlanga den türkischen Gefangenen würben hier auSwaggonirt, um gespeist zu werben. Wä-rn dieselben nun in Reih und Glied aufgestellt waren, stürzte plötzlich ga-iz_ unoerfebnj einer der Gefangenen, ohne baß eine äußere Veranlassung bazu gewesen wäre, auf etxi Solbaten von ber Begleitungsmannschaft, warf benselben zu Boben unb begann V- an ber Kehle zu würgen. Sofort stürzten einige Solbaten herbei unb versuchten zu<N ben Türken von bem Solbaten wegzuziehen, boch bieser ließ sein Opfer nicht loS, w' trotz ber Bajonnetstiche, bte ihm an Arm unb Füßen versetzt würben, würgte er bajp« so fort, bis ber unglückliche Soldat vollständig tobt war- Die ganze schreckliche hatte keine zwei Minuten gedauert; ber Türke, über unb über blutend, wurde so >- auf einen freien Platz nächst dem Bahnhofe geführt und dort angesichts seiner fangenen erschossen. Vor seinem Tode erklärte er, daß er habe sterben willen, ch< <- jedoch ins Jenseits ging, wollte er noch einen Giaur ums Leben bringen; jetzt sei -
Berlin. Eine jugendliche Xantippe. Der verwittwete Rentier L, bem bofe Zungen behaupten, baß sein schöner Lockenbau unb feine blendenden Per zähne von ben teuersten Künstlern fabrizlrt seien, mochte ben Wittwenstanb nicht lanz« ertragen unb beschloß, sich wieder zu verheirathen. Er hatte aber eine Tochter A etwa 20 Iihren, vor ber er sich gar sehr fürchtete, benn sie führte ben Pantoffel mit berfelben Meisterschaft wie ihre verstorbene Mutter. Nach langem Zögern er enblich den Muth und tbeilte der Tochter feinen Entschluß mit- Als ob seine Al- Frau leibhastig vor ihm stände, solch' eine e>cene führte bas Mädchen nach dieser Lkr theilung auf, unb als sie gar erfuhr, baß die Erwählte eine Jugenbfteundin von u-
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