Verjihrung durch Nichtgebrauch ausgesprochen werden sollte. Man hat damals davon Abstand genommen und kommt heute vielleicht darauf zuruck.
Marburg, 23. Juli. In einer gestrigen Versammlung nattonal-ltbe- raler Wähler im Saalbau, der das Gerücht voranging, es solle im hiesigen Wahlkreise noch ein liberaler Candidat aufgestellt werden — genannt wurde Herr v. Bennigsen — kam man zu dem schließlichen Resultat, die Wahl des von conservatioer wie liberaler Seite bereits aufgestellten Candibaten, Herrn Ober- Präsidenten v. Ende, ausrechtzuerhalten. Frhr. v. Ende dürfte nunmehr der alleinige Candidat des Wahlkreises der Kreise Marburg, Frankenberg-Vöhl und Kirche Hain sein.
Arankreich.
Paris 21 Juli. Die Arbeitseinstellungen in verschiedenen Orten von Frankreich geben allen denen, die sich nicht durch den scheinbaren Wohl- stand von Paris, welcher durch den großen Zufluß von Fremden h-rvorgeruf-n wird, blenden lasten, zu Besorgnisten Anlaß. Der Sinke der Grubenarbeiter von Anzin verbreitet sich mehr und mehr und droht sich auch aus die Kchlen- bezirke von Aniche und Denain zu erstrecken. Zu Bordeaux lst ein sinke Mer den Bäckern ausgebrochen, zu Dijon unter den Schreinern, zu St. Etienne und zu St. Chamond unter den Färbern. Die Arbeiter verlangen höheren Lohn, denn das allgemeine Steigen der Preise für die nöthigen Lebensmittel zwingt sie dazu. Es sind dies schlechte Vorzeichen für die Zukunft, zumal es festgestellt ist, daß die Erndte dieses Jahres in zwei Drittthellen von Frankreich nur mittelmäßig ausfallen wird und die landwirthschastltchen Ergebnr,se überhaupt nicht glänzend sind. Wenn die Geschäftskrisis, welche viele industrielle Plätze drückt, nicht bald aufhört, so werden die arbeitenden Klaffen sehr leroen. Die große Metall-Industrie Frankreichs ist mit unverwertheten Pcoducten überladen und ähnlich ist es mit mehreren Zweigen der Spinnerei und Weberei. Der „Nouvelliste de Rouen" meldet, daß die Industriellen von Bolbec, Lillebonne und dem Bezirke von Havre fast einstimmig beschloffen haben, die Arbeitszeit aus fünf Tage für die Woche herabzusetzen; in anderen Manusacturplatzen dec Normandie hat man die Arbeitszeit noch mehr herabgesetzt. Ein Hauptgrund des Strikes von Anzin ist die Aufhebung der Arbeit an den Montagen; es ist also zu erwarten, daß dieselbe Ursache auch an anderen Orten dieselbe Wirkung haben wird. Außerdem aber werden die arbeitenden Klaffen von den bonapartistischen Agenten aufgehetzt und zugleich von den radtcalen Blättern, welche der Regierung gegenüber immer feindlicher auftreten. Die Gesammtheit dieser Tatsachen beunruhigt die Männer vom linken Centrum sehr, und die Organe dieser Partei fangen an, sich besorgt zu zeigen. Die Handelsgeschäfte gehen überall schlecht und der Festjubel und Lärm auf dem Trocadero und den Boulevards von Paris kann aufmerksame Beobachter nicht täuschen. Die Bona- partisten und die Ultraradicalen freuen sich, aber die gemäßigten Republikaner sind voll Sorge und haben deffen gar kein Hehl. (Köln. Ztg.)
— Der Deutsche Hülfsverein in Paris stattet seinen Jahresbericht für 1877 ab. Es wurden 29,400 Frcs. an Unterstützungen, 11,700 Frcs. für Krankenpflege verausgabt, 436 mittellose Personen nach Deutschland zurückbefördert, über 3300 Kranke behandelt. Der Verein warnt arbeitsfähige junge Leute davor, leichtsinnig ohne Arbeitszusicherung hierher zu reisen. Die Anforderungen an seine Thätigkett sind im steten Wachsen begriffen; die Roth, mit der er in Berührung kam, war überaus groß; einzelne Fälle des herrschenden Elends sind geradezu erschütternd. Unfern wohlhabenden Landsleuten bietet sich da eine treffliche Gelegenheit, ein gutes Werk zu fördern; etwaige Beiträge wären am besten an die deutsche Botschaft zu adrejsiren.
Paris, 22. Juli. Der Cardinal-Erzbischof von Paris legt in einem Hirtenbriefe den Gläubigen den Peterspfennig an's Herz, deffen der Papst sehr bedürftig sei. Zum Schluffe äußert der Erzbischof: „Die Spenden, die von den Gläubigen gefordert werden, gehören nicht zu denjenigen, die für immer ihrer Hingebung aufgebürdet werden müffen; denn unmöglich ist anzunehmen, daß der Zustand der Vergewaltigung dieselben endgültig machen werde. Leidenschaften und Jntereflen können zeitweilig der Kirche feindselig sein, aber die bürgerliche Gesellschaft muß sich zuletzt doch unterwerfen. Gewiffe günstige Anzeichen an gewiffen Punkten Europas lasten die Umkehr der Geister zu den Grundwahrheiten hoffen."
England.
London, 23. Juli. Die „Times" meldet aus Stambul vom 22. d.: Die Russen miethen Transportdampfer und wollen ihre wahrscheinliche Abfahrt nach sechs Wochen bewerkstelligen. Die zurückbleibenden Truppen werden dann nach Ostrumelien marschtren. — „Daily News" meldet aus Larnaka vom 22. d.: Die englisch-türkische Commission wird die Frage des Grundbesitzes untersuchen. Cypern wird in fünf Bezirke getheilt, verwaltet durch britische Commiffare und aus dem Consulardienst gewählte Richter. Der Straßenbau wird sofort begonnen. Eine Pauschalsumme, angeblich 80,000 Pfund, dürfte j der Türket jährlich für den Ueberschuß an Einnahmen gezahlt werden. — Die Morgenblätter, ausgenommen „Daily News", besprechen die Verleihung des Hosenbandordens an Beaconsfield beifällig.
Loudon, 23. Juli. „Reuters Bureau" meldet aus Larnaka (Cypern) vom 22. d.: General Wolseley ist mit 1700 Mann britischen Truppen eingetroffen und hat alsbald eine Proclamatton erlaffen, worin er Reformen zur Hebung des Handels und des Ackerbaues verspricht. — Einem Telegramm der „Times" aus Konstantinopel vom 22. d. zufolge soll die Pforte beabsichtigen, demnächst hervorragende europäische Finanziers aufzufordern, ihr Projekte zur Entwickelung der Hülfsquellen des Landes zu unterbreiten.
Türkei.
Konstantinopel, 20. Juli. Das letzte Complot zu Gunsten des Ex-Sultans Murad ist insofern besonders gravtrender Natur, als auch eine Palast-Dame, nämlich die erste Secretärin der Sultanin Valide, Mutter Murad's, dabei eine Rolle spielt. Dieser Frau gelang es, das Tscheragan- Palais zu verlaffen und sich mit den Verschworenen in Verbindung zu setzen. Nunmehr hat sie einen so sicheren Zufluchtsort gefunden, daß die Polizei noch immer vergeblich nach ihr fahndet. Dagegen sind die meisten Verschworenen verhaftet worden; nur dem Rädelsführer, einem reichen und einflußreichen Christen, bei welchem die Zusammenkünfte abgehalten wurden, ist es gelungen, sich Donnerstag Abend auf einem russischen Dampfer nach Odessa einzuschiffen. Im Zusammenhang mit diesen Vorgängen coursiren verschiedene Gerüchte über gegen Murad zu ergreifende ernste Maßregeln. Nach einer Version hätte sich
deffen Gesundheitszustand plötzlich erheblich verschlimmert, was natürlich wieder zu allerlei Vermuthungen Anlaß gibt.
Seltgraphische Depeschen.
Waguer's telegr. Korrespondenz-vrrrearr.
Berlin, 24. Juli. Oesterreich-Ungarn sandte keine Droh-Note, ail Italien, verlangte aber Erklärungen über die letzten Kundgebungen. — Gerüchtweise verlautet von Anerbietungen des VaticanS behufs der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland und zwar derartig, daß tei Münchener Nuntius zwar in München verbleibt, gleichzeitig aber den Vatican beim deutschen Reich verträte. — Vor dem Kriegsgericht, welches wegen bei Affaire des „Großen Kurfürst" eingesetzt ist, erscheint auch Contre-Admiral Bätsch, sowie die Officiere und Mannschaften vom Steuer des „Kaiser Wilhelm". Das Gutachten der Kieler Havarie-Commission soll angeblich Amts- gehetmniß bleiben, dagegen das Urtbeil des Kriegsgerichts veröffentlicht werden. — Bet dem Uebunzsmarsch des Füsilier-Bataillons des 3. Garde-Regimentj am letzten Mpfftag fielen zwei emjahrig Freiwillige als Opfer des Sonnenstichs. — Die „Wilhelms-Spende" ergab mehrere Millionen. Der Kronprin; gab dem Comite auf, ihm Vorschläge behufs einer Verwendung dieser Sumnn u unterbreiten, zu welchem Zweck das Comite angesehene Männer aus aller Kreisen und Parteien, mit Ausnahme der Soctal-Demokratie, cooptiren will.
(„Frkftr. Journ.")
Berlin, 24. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt r^Darch verschiedene Blätter läuft die Behauptung, in dem Entwurf des die Soeialdemokratie betreffenden Gesetzes befinde sich die Bestimnunz, daß Niemand vor den oretßigsten Lebensjahre einem politischen Vereine beitreten dürfe, nach anderer Lesart: nicht vor Beendigung der Militärdienstzeit. Beide Angaben beruhe- auf Erfindung; von Aufnahme einer solchen oder ähnlichen Bestimmung in di, Vorlage ist nicht die Rede gewesen. Die Behauptung, daß außer dem erwähn» ten Gesetz dem Reichstage in der nächsten Session keine weiteren Vorlagen zu gehen sollen, muß ungeachtet des von einigen Seiten erhobenen Widerspruch« aufrechterhalten werden. Die im Reichsjustizamte und in anderen Staatsbehörden in Vorarbeit begriffenen Vorlagen sind nicht für die außerordentliche, sondern für die laufende Wintersesston bestimmt.
Stuttgart, 24. Juli. Dem „Schwäb. Merkur" wird vom Main geschrieben: Dee durch die Blätter laufende Nachricht von einer bevorstehender. Conferenz sämmtlicher deutscher Minister in Heidelberg reducirt stch auf em Besprechung der deutschen Finanzminister über den von der Reichsregterung aus zustellenden Steuerreformplan.
Berlin, 24. Juli. Die „Prov.-Corresp." bemerkt bezüglich der Hebet iedelung Sr. Maj. des Kaisers nach Babelsberg: So wohlbegründet di- allgemeine Freude über die bisherigen stetigen ungestörten Fortschritte der Wie derherstellung des Kaisers, besonders über den jüngsten hoffnungsreichen Abschick ei, so werde man sich doch Angesichts der neuerlichen Erklärung der Aerzk- mit Rücksicht aus die naturgemäßen Bedingungen voller Reconvalescenz ni($: voreiligen Erwartungen hingeben dürfen, sondern mit den Aerzten anuehum daß die gänzliche Wiederkräftigung immerhin noch längere Zett beanspruche: werde.
— Ein längerer Wahlartikel der „Prov.-Corresp." enthält unter Hinwei- auf die Debatte über die erste Vorlage gegen die soctaldemokratischen AnSschre jungen folgende Ausführungen: Die liberale Partei habe es unbedingt uni grundsätzlich abgelehnt, der Regierung außerordentliche Vollmachten gegenüber der Socialdemokratie zu geben; alle Versicherungen, daß sie dies für die Herbst session in Aussicht gestellt habe, seien wahrheitswidrig. Die Regierung müfit und werde von Neuem besondere Vollmachten zum Verbot socialdemokratischc. Zeitungen, Vereine und Versammlungen, sowie zum wirksamen Einschreite' gegen Agitatoren verlangen. Sie könne und werde stch nicht auf etwaige ÄeM rungen des Allen gemeinsamen Rechtes verweisen lassen und halte es nicht ft gerecht und nützlich, mit den erstrebten Stcherheitsmaßregeln andere Bestrebt gen zu treffen, als diejenigen, durch welche die bestehende Rechtsordnung ze fährdet sei. Auch sei es gewiß, daß Einschränkungen wirksamer Art, wiest zur Bewältigung der Socialdemokratie unerläßlich seien, auf dem Boden de! gemeinsamen Rechtes vom Reichstage weder jetzt noch später zugestanden toh den. — Die „Prov.-Corresp." erklärt die durch Flugblätter verbreitete Rat richt von 200 Mill. Mk. neuer Steuern als grobe und dreiste Entstellung te Absichten der Regierung, indem sie darauf hinweist, daß von Millionen neue: Steuern überhaupt nicht die Rede sei; gleichviel, welche Zahl es sein weiü dieselbe werde nur bezeichnen, wie viele Millionen, die bisher durch schnn lastende Staats- und Communal-Steuern aufzubringen waren, nach den Wn schen der Regierung künftig in leichterer und schonenderer Weise aufgebraa' werden sollen.
Berlin, 24. Juli. Ihre Maj. die Kaiserin tritt heute Abend die 9td‘ von Potsdam nach Baden-Baden an. Die Kronprinzessin begibt sich am tag Abend nach Homburg, der Kronprinz wird dahin folgen nach Abreise Ü Kaisers
München, 24. Juli. Der Redacteur des „Vaterland", Dr. Sii- welcher angeklagt war, in seinem Blatte den deutschen Kaiser beleidigt zu hab! ist vom Schwurgericht wegen dieses Vergehens zu 3 Monat Gesängniß vev- theilt worden.
Berlin, 24. Juli. Die „Wilhelms-Spende" trug nahezu an 3 Milst- nen Mark ein.
Lokal-Notiz.
Gießen, 25. Juni. Anknüpfend an unsere vorhergehenden Besprechungeni/ merken wir noch, daß die Musik von Mendelssohn zum Oe^tpus in Kolonos an und Reichthum der Ideen die den zur Antigone wett übertrifft. Während die Mo zur Antigone sich unserem modernen Gefühl anschmiegt, erhebt sich Mendelssohn1 Oedipus ganz zu der tragischen Höhe der Dichtung; es ist die Kraft, die Wethe J alten Tempelmusik. Wir glauben, daß auch noch die Hinzuziehung eines Harmontw stch sehr gut eignen wird. Indem wir nochmals das kunstltebende Publikum auf bu^ Vortrag aufmerksam machen, bemerken wir noch, daß der musikalische Part dieser in der Hand etneS jungen Künstlers von der hiesigen Militärkapelle liegt.*
Verrutschtes.
E. Grüningen bei Gießen, 23. Juli. Am verflossenen Sonntag fand dahe die Einweihung einer von Herrn Maler Hisgen und Herrn Posamentier Schmitt v Lich gefertigten neuen Fahne für den hiesigen Gesangverein statt. Die Vereine w Nachbarorte: Lich, Watzenborn, Holzheim, Steinberg und Eberstadt hatten uns, unsce Einladung Folge leistend, mit Ihrer Gegenwart beehrt und wurden nach Schluv Festrede recht prächtige Stücke von den einzelnen Vereinen vorgetragen. Das gm. Fest, vom herrlichsten Wetter begünstigt, an welches sich Montag den 22. die diesjayuö'


