der Antragsteller in langer Rede eintrat. Gneist befürwortete den Commissions- Antrag, ebenso der Regierungs-Commissar Stander; letzterer führte Folgendes aus: die Kirche habe das Recht, zu verlangen, daß ihre Religion rem und unverfälscht gelehrt werde; der Staat habe das Recht, die Schule in jeder Hinsicht zu leiten. Das vom Centrum verlangte Verfahren verstoße gegen die Verfasiung, die allen Consessionen gleiche Rechte garantire. Der Cultusminister habe seine bezüglichen Grundsätze in der Verfügung vom 18. Februar 187b niedergelegt, die rechtlich fest begründet sei und auf dem Boden der Verfasiung stehe. Die Berücksichtigung der heute berathenen Petitionen würde gegen dreie Verfügung, gegen das Gesetz, gegen die Beschlüsie dieses Hauses und gegen die Urtheile des Obertribunals verstoßen. Die Beschwerden der Petenten könnten nicht beachtet werden, ehe sie sich nicht auf den Boden der Verfasiung, des Gesetzes und der Thatsachen stellten. Die Beschwerden seien auch äußerst übertrieben. lieber 2000 katholische Geistliche ertheilten noch heute rote brsher den Religions-Unterricht an Volksschulen. Was die Leitung des Religions-Unter- richtes anbetresie, so seien an 10545 Schulen nur 1806 Geistliche ausgeschlossen. — Der Cultusminister empfahl ebenfalls den Commissions-Antrag, bas Verlangen der Petenten sei unerfüllbar; ein Dispens vom Religions-Unterricht unzulässig. Ein Gewissenszwang liege nicht vor. Den Religions Unterricht ertheilten meist solche Lehrer, die von den Bischöfen selbst anerkannt seien. Man werde unter den nothwendtgen Garantien verfahren, wie dies den Altkatholiken gegenüber geschehen sei. — Virchow sprach gleichfalls für den Commissions- Antrag. Nach der Rede Virchow's wurde die Debatte geschlosien. v. Schor- lemer beantragte namentliche Abstimmung. Das Haus beschloß, die Abstimmung morgen vorzunehmen.
Hesterreich.
Wien, 23. Januar. Aus Rom, 16. Januar, meldet man dem „Pesth. Lloyd" • Die hinterlassenen Schulden des Königs Victor Emanuel betragen 26,000,000 Lire in Wechseln und 10,000,000 Lire in Hypothekar-Schulden.
IrankreiH.
Versailles, 23. Januar. In der heutigen Sitzung des Senats verlas der Präsident Audiffret-Pasquier ein Schreiben des Präsidenten des italieni schen Senats, worin derselbe dem französischen Senat für die Sympathien dankt, die Letzterer für den verstorbenen König Victor Emanuel auszedrückt hatte. — Bei der Wahl eines unabsetzbaren Senators erhielt Lefranc (Linke) 129, Duc Decazes (Rechte) 128, General Ducrot 7 Stimmen. Die übrigen Stimmen zersplitterten sich auf andere Candidaten, so daß keiner die erforderliche Majorität von 137 Stimmen erhielt. Ein neuer Wahlgang ist aus morgen anberaumt.
• Italien.
Rom, 23. Januar. „SDiritto" meldet: Das Ministerium Hal be- schlosten, die gegenwärtige parlamentartiche Sesston zu schließen und eine neue Sesston am 14. Februar zu eröffnen.
Kriechenland.
Athen, 23. Januar. Das neue Cabinet ist folgendermaßen gebildet: Communduros, Präsidium und Inneres; Theodor Delyannis, Auswärtiges und Cultus; Bumbullis, Marine; Papamichalopuloch Finanzen und Justiz; Sose- ros Petmezas, Krieg.
Türkei.
Konstantinopel, 23. Januar. Die Kammer beschloß,. von dem Groß- veztr Aufklärungen wegen der langsamen Beförderung der Flüchtlinge auf der Eisenbahn, in Folge deren viele derselben vor Kälte gestorben sind, zu verlangen. — Der britische Botschafter theilte der Königin von England mit, daß er dem Compassionate Fund 100 Psd. Sterl. überwiesen habe. — Die Rusien sollen in Kechan sein.
Konstantinopel, 23. Januar. Das Parlament hat eine Adresse an den Sultan beichlosien, des Inhalts, daß derselbe den Abschluß des Friedens beschleunigen oder, falls dies wegen der übermäßigen Bedingungen Rußlands unmöglich sei, den Widerstand ausss Aeußerste zu organisiren.
Amerika.
Washington, 23. Januar. Im Senat brachte Blaine eine Bill ein, welche die Prägung eines Silber-Dollars vorschlägt, der soviel Gran enthalten soll, als der Münzdirector und der Schatzsecretär es jedesmal für nothwendig halten, um denselben von gleichem Werthe mit dem Gold-Dollar zu machen und welcher gesetzliches Zahlungsmittel für die Hälfte jeder Forderung sein soll. — In New-Jersey hat die Legislative eine Resolution gegen die Silber bill angenommen.__
Telegraphische Depeschen.
Privat-Depeschen des Gießener Anzeiger-.
London, 25. Jän. (Unterhaus.) Minister Northcote kündigt an, er werde nächsten Montag einen Supplementarkredit für maritime und militärische Zwecke beantragen.
London, 25. Januar Die „Times" erfährt, der Extra- Credit der Regierung werde sich auf 3 Mill. Sterl. belaufen. — „Daily News" meldet nach authentischer Information: Da die Ruffen auf Gallipoli vorrücken, wurde der Admiral der Mittelmeer-Flotte, welcher gegenwärtig auf der Insel Saros sich aufhält, instruirt, seine Streitmacht an Marine- Soldaten und Matrosen in der Nähe von Bulair (Plajar?) zur interimistischen Vertheidigung Gallipolis zu landen, sowie 6 der geräumigsten Schiffe bereitzuhalten, um die große Garnison Maltas nach Gallipoli überzuführen.
Warner'- telcgr. Eorrespondenz-Bureau.
Petersburg, 24 Januar. Die „Agence Rusie" erklärte die Nach- licbl aus Konstantinopel von einem Vormarsche eines russischen Corps für formell unbegründet und bemerkt: Die kaiserliche Regierung verkenne nicht die Wichtigkeit, welche England auf Gallipoli lege. Rußland habe kein Interesse, diesen Punkt zu berühren, welcher nicht in der Sphäre seiner militärischen Operationen liege. Gallipoli werde daher weder besetzt, noch angegriffen werden,
es sei denn, daß reguläre türkische Truppen sich dort concentrirten. Es wäre unmöglich, solche in Der Flanke der Russen zu lassen.
— Ein officielles Telegramm aus Kajanlyk vom 22. d. meldet: Gegen den in dec Nacht vom 18. auf den 19. Januar bemerkten türkischen Tram wurde Oberst Panjutin mit dem Uglitz'schen Regiment, dem 11. Schützenbataillon und 2 Geschützen abgesandt und holte derselbe ihn 12 Werst von Hermanli ein. Der türkische Train war von 6 Tabors und zahlreichen bewaffneten Einwohnern geschützt, welche nach einem heißen, 2 Stunden dauernden Kampfe geschlagen und zerstreut wurden. Oberst Panjutin erbeutete 20,000 Wagen. Der Verlust der Russen belief sich auf 4 Osficiere und 46 Soldaten.
Konstantinopel, 24. Januar. Die Truppen Mehemed Ali's, welche ich in der Umgebung von Kirkilissa befanden, haben sich zurückgezogen. Die Straße Knlaki-Burgas-Konstantinopel ist noch frei- Der größte Theil der in Adrianopel gewesenen Kanonen ist in Tschataltscha angelangt. Etwa 60 in Adrianopel znrückgelassene Kanonen waren unbrauchbar gemacht worden. Die Kammer forderte die Regierung auf, Maßregeln gegen die Entwerthung der Kaimes zu treffen.
Versailles, 24. Januar. Die Kammer stimmte einer Amnestie für alle zwischen dem 16. Mai und dem 13. December 1877 begangenen Preßver- gche« zu.
London, 24. Januar. Gestern hat ein Ministerrath stattgefunden. — Schatzkanzler Northcote empfing eine Deputation von conservativen Deputaten, welche der Regierung die Beobachtung ernster Aufmerksamkeit gegenüber der Verzögerung im Abschlüsse der Waffenstillstandsverhandlungen anenipsahl. Nortb- cote gab zu, daß die Situation ernst sei und versicherte, die Regierung werde an der Politik der bedingten Neutralität festhalten.
Petersburg, 24. Januar. Ein officielles Telegramm aus Kasanlik vorn 22. d. berichtet: Der Sieg Gurko's in den Kämpfen bei Philippopel am 15., 16. und 17. Januar stellt sich als viel vollständiger und glänzender heraus, als zuerst gemeldet wurde. Gurko kämpfte gegen die gejammte Armee Suleimans. Nach dem Kampfe am 17. war Suleimans Armee endgültig in zwei Theile zersprengt. Die Russen erbeuteten 97 Geschütze. Die eine Hälfte der türkischen Armee unter Fuad Pascha floh in der Nacht vom 18. Januar in der Richtung auf Najatschin ins Gebirge, die andere Hälfte unter Suleiman Pascha in der Richtung von Haskivi, von den Generalen e>fo6eleff und Karzoff verfolgt.
Konstantinopel, 24. Januar. Die Rusien sind noch nicht gegen Gallipoli vorgerückt und stehen nicht in Keschan und Tschorln. Nachrichten in Bezug aus das Zustandekommen des Waffenstillstandes werden hier mit fieberhafter Spannung erwartet. Reisende, welche am Samstag Adrianopel verließ-n und erst Mittwoch in Konstantinopel eingetroffen sind, erzählen, daß die Eisenbahnlinie bis Station Kuldi Burgas, wohin die Rusien noch nicht gekommen sind, von Flüchtlingen und versprengten Soldaten förmlich verlegt ist.
Wien, 24. Januar. In der heute bei dem Ministerprästdenten Fürst Auersperg ftattgehabten Conferenz machte letzterer die Mittheilung, daß das Cabinet seine Demission gegeben habe; der Kaiser habe sich jedoch seine Entscheidung vorbehalten, bis das Resultat der heutigen Conferenz vorliege. — Die Conferenz vertrat nahezu einstimmig die Anschauung, daß das Abgeordnetenhaus über einen Zollsatz von 20 fl. für Kaffee und 3 fl. für Petroleum unmöglich hinausgehen könne. Auf Befragen erklärte der Ministerpräsident, die Regierung könne nicht darauf eingehen, ihre Demission bis nach erfolgter Entscheidung der schwebenden Fragen durch das Abgeordnetenhaus hinauszuschieben, weil inzwischen möglicher Weise der Kaiser bereits ein anderes Cabinet berufen haben könnte. Die Conferenz faßte keinen formellen Beschluß.
Berlin, 24. Januar. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurden die Gesetzentwürfe betreffend die Betheiligung des Staates an der Eisenbahn Kiel-Flensburg und die Ausdehnung der westholsteinischen Eisenbahn in dritter Berathung ohne Debatte genehmigt. Darauf wurde hinsichtlich der geftern erörterten Petitionen über die Ertheilung des katholischen Religionsunterrichts in katholischen Volksschulen der Commissionsantrag auf Uebergang zur Tagesordnung in namentlicher Abstimmung mit 276 gegen 104 Stimmen angenommen. — Bezüglich der Petition katholischer Einwohner des Dorfes Neuhof bei Heilsberg wegen der Auflösung der dortigen Simultanschule wurde der von der Unterrichts-Commission gestellte Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung nach mehrere Stunden währender Debatte angenommen. Windthorst hatte Überweisung an die Regierung event. Aufhebung des Zwanges zur Theil- nahme am Religionsunterricht in Der Volksschule beantragt. An der Debatte beteiligten sich Windthorst, von Schorlemer und Franz im Sinne deS Antrages Windthorst, während die Regierungscommisiare Stander und Wätzold wie die Abgeordneten Lasker und Miquel die Ausführungen Windthorfts bekämpften und für den Commissionsantrag eintraten. Nächste Sitzung morgen.
Versailles, 24. Januar. Die heute im Senat wiederholte Wahl eines Senators auf Lebenszeit blieb wiederum ohne Resultat, gleich dem gestrigen Wahlact. Auf den Herzog Decazes fielen 128, auf Victor Lefranc 129 Stimmen; die übrigen Stimmen von den Gruppen der Rechten zersplitterten sich auf verschieden- andere Namen; zur absoluten Majorität waren 136 Stimmen erforderlich. — Die abermalige Wiederholung der Abstimmung wurde um 14 Tage hinausgeschoben.
Wien, 24. Januar. Mittheilungen zufolge, welche der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel zugehen, sind die Verhandlungs-Schwierigkeiten, welche insbesondere die künftige Gestaltung Bulgariens und die Kriegsentschädigung betreffen sollen, keineswegs behoben. Trotz ihrer Vollmachten suchten die türkischen Delegirten gestern um neue Instructionen nach. Ehestens wird die zur Ver- theidigung der Hauptstadt zu concentrirenbe Armee 110000 Mann zählen.
— Einer Meldung der „Polit. Corr." aus Athen zufolge veranlasie die Bildung des Cabinets Comunduros im ganzen Lande neue kriegerische Kundgebungen, deren Einflüsse die im Cabinete enthaltenden zahlreichen Actions- elcmente sich um so schwerer entziehen dürften, als der König persönlich sich immer mehr als Anhänger einer actioen Politik deklartre.
London, 24. Januar. Sitzung des Unterhauses. Hanbury fragt: Kennt die Regierung die Friedensbedingungen? Schatzkanzler Northcote verneint. Lord Hartington wünscht Aufklärung darüber, wie die heutige Ankündigung eines Credites mit Nortbcote's Versprechen vereinbarlich sei, daß er keine Anträge machen werde, bis er die Friedensbedingungen kenne? Er fragt weit-r an, ob Northcote irgend welche Mittheilung machen könne, welche die Besorgniß. zu beschwichtigen geeignet sei, die die heutige Ankündigung sicher Hervorrufe


