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Zu den Rüstungen Oesterreichs.

Beständiges Schwanken und Wechseln in den politischen Verhältnissen ist der Grundzug der orientalischen Frage bis jetzt stets gewesen. Ließ der eine Tag auf eine baldige Beseitigung der orientalischen Wirren hoffen, so brachte der folgende wieder drohende Aussichten auf Krieg. Diese Unsicherheit der Verhältniffe hat jetzt eine eigenthümliche Erscheinung hervorgerufen. In Berlin sind die leitenden Staatsmänner der Vertragsmächte zusammengetreten, um nn imehr eine endliche Neugestaltung und Ordnung der Dinge im Orient zu schaffen, doch gleichzeitig dauern auch die Rüstungen in der Türket, Rußland, England und auch Oesterreich noch fort. Bei den ersteren Staaten nimmt diese Thatsache weniger Wunder. Die Türket und Rußland ergänzen ihre deci- mirten Heere und England, welches Rußland gegenüber gewiffermaßen im Feld­lager liegt, will seine militärische Stellung vor einer definitiven Regelung der Orientfrage jedenfalls nicht aufgeben. Anders liegt die Sache mit Oesterreich. Seit sich die Aussichten auf das Zustandekommen des Congreffes günstig gestal­teten , hat sich Oesterreich erst aus seiner früheren abwartenden Politik auf­gerafft. Die Beschaffung des 60- Millionen -Credits war die erste Maßregel, welche die österreich-ungarische Regierung traf, um Mittel zur Wahrung ihrer Jntereffen im Orient zu haben. Mit der Besetzung der türkischen Donau-Insel Ada-Kaleh griff Oesterreich dann handelnd in die Orientfrage ein und als jüngster und wichtigster Schritt dieser Macht ist die theilweise Mobilisirung des österreichischen Heeres zu nennen. Obwohl diese Rüstungen Oesterreichs Anfangs von Wien aus in Abrede gestellt wurden, so haben nunmehr doch österreichische offictöse Preßstimmen bestätigt, daß beträchtliche Theile der öster­reichischen Armee, man spricht von 6 Divisionen, auf Kriegsfuß gestellt worden sind. Es betrifft dies namentlich die in den Provinzen Siebenbürgen, Kroatien, Slavonien und Dalmatien stehenden Truppen. In Siebenbürgen sind die Päffe der transsylvanischen Alpen besetzt und Truppen in Hermannstadt, wie auch hauptsächlich in der bedeutenden Festung Kronstadt, concentrirt worden. Truppenanhäusungen haben auch stattgefunden in dem an der Donau liegenden Alt-Orsova und Agram, der Hauptstadt Kroatiens. Der bosnischen Grenze entlang waren übrigens schon seit längerer Zett militärische Maßregeln getroffen, welche etwaige von den bosnischen Flüchtlingen ausgehende Unordnungen ver- hindern sollten. Ausgedehntere Mobilisirungen werden noch nachfolgen; djes beweist auch ein Befehl des österreichischen Kriegsministeriums, wonach bie Osficierprüfungen der Einjährig-Freiwilligen schon jetzt, statt wie gewöhnlich erst im September, erfolgen sollen.

Daß Oesterreich ernstlich rüstet, ist also eine offenbare Thatsache, was aber die Zwecke dieser Rüstungen anbetrifft, dafür giebt es keine einfache Ant­wort. Zunächst mag es den österreichischen Staatsmännern, deren Elite gegen­wärtig in Berlin am Friedenscongrefle theilntmmt, darum zu thun sein, die Praxis des alten Sprüchwortes:Si yis pacem, para bellum (wenn du den Frieden willst, rüste dich zum Kriege) zu erproben, denn die Kriegsbereitschaft Oesterreichs wird seinen Forderungen auf dem Congreffe wohl mehr Nachdruck geben, als die Beredtsamkett seiner Diplomaten. Dann scheinen uns aber diese Forderungen Oesterreichs nicht gerade gegen Rußland gerichtet zu sein, sondern dieselben enthalten wahrscheinlich vorzugsweise die Ansprüche, welche Oesterreich Angesichts des Zerfalles der Türkei als Orientmacht stellen muß. Es ist schon genugsam darauf hingewtesen, daß der österreichische Staat in Bezug auf seine politische Sicherheit und seinen Handel Lebensintereffen im Orient hat und die Wahrung derselben kommt nunmehr zum Austrage. Wie Rußland östliche Theile des türkischen Gebietes unter seine Suprematie zu bringen sucht, ebenso muß Oesterreich die westlichen Gebietstheile der Pforte direct oder indirect in seine Machtsphäre ziehen, wenn ihm nicht durch die Neugestaltung der Dinge im Orient große Gefahren und Nachthetle erwachsen sollen. Bosnien, Serbien und Montenegro, die schon längst die Entwickelung Oesterreichs im Orient gehemmt haben, werden daher höchst wahrscheinlich in die Machtsphäre Oesterreichs ge­zogen und unter Umständen sogar durch Congreßbeschluß dazu gezwungen wer­den. Die Rüstungen Oesterreichs haben deshalb offenbar den Zweck, jene Länder zu occupiren. Bosnien dürfte darauf dem Habsburger Kaiserreiche ein­verleibt und Montenegro und Serbien unter deffen Oberhoheit gestellt werden. Ob auch Oesterreich in Bezug auf Rumänien Absichten hat, scheint gegenwärtig nicht wahrscheinlich. Die österreichischen Truppenanhäufungen an der rumäni­schen Grenze sollen daher wohl nur die russischen Truppenbewegungen in Rumänien paralysiren.______

Deutschland.

Berlin, 16. Juni. Eine von Socialdemokraten einberufene Versamm­lung sollte heute um 10y2 Uhr unter den Zelten Nr. 4 statthaben. Die ,/Berl. Fr. Pr." machte in ihrer heute erschienenen Nummer diese Versammlung alsVersammlung socialistischer Wähler Berlins" bekannt. Thatsächlich war jedoch die Versammlung bet dem Wirth des Locales alsVereinsversam nlung" angemeldet ^worden und die Polizei war genöthigt, die Volksversammlung, welche an Stelle der Vereinsversammlung abzehalten werden sollte, zu verbie­ten. Die zahlreich Versammelten nahmen von dem Verbot Kenntniß, nicht ohne ihrer verbissenen Wuth Luft zu machen. Der Haufe zog dann zu dem neben­anliegenden LokalZelt Nr. 3" hinüber. Aber hier erklärte der Inhaber der Restauration,daß er nicht gewillt sei, jetzt Bier zu verschänken." Die Polizei benahm sich den Waffen gegenüber ebenso energisch als taktvoll.

Berlin, 17. Juni. DieNordd. Allg. Ztz." bezeichnet die Zeitungs­nachrichten über ein angebliches Programm für die heutige Sitzung des Con­greffes und über eine angeblich den Congreßmitgliedern zugegangene gedruckte Vorlage des Fürsten Bismarck aus Grund zuverlässiger Mittheilung als erfun­den, es zugleich als rathsam erklärend, allen Mitthetlungen über den Gang der Congreß-Verhandlungen vollständiges Mißtrauen entgegenzusetzen. Bei dem an dle Versammlung gerichteten Verbot strengster Discretion hieße es die Loyalität der Congreßmitglieder wie der mit dem Congreß in Verbindung stehenden Be­amten in Frage stellen , wenn man annehmen wollte, daß diesem Ehrengebote entgegen so genaue Mitthetlungen in die Oeffentlichkeit dringen könnten, als einzelne Blätter zur Befriedigung ungeduldiger Neugier ihren Lesern bringen zu müffen glaubten. Zeitungen von ernsthaftem politischem Ruf, die auf die Wah­rung deffelben Werth legten, würden sich gewiß mit richtigem Taktgefühl der Wiedergabe der Congreßmythen enthalten, mit denen die auf den Gesckmack eines unpolitischen Publikums berechnete Tagespreffe ihre Spalten fülle.

Berlin, 17. Juni, Abends. In dem Wahlaufrufe der national-liberalen

Partei heißt es: Unerhörte Zrevelthaten sind an dem ehrwürdigen Haupte der deutschen Nation verübt worden. Kummer, Scham und Zorn erfüllen alle Gemüther und werden noch gesteigert durch die in erschreckendem Umfange her- oortretenden Zeichen einer weitverbreiteten Verirrung und Verwilderung. Ja Folge der alle Culturländer umfaffenden Krisis und des orientalischen Krieges liegen noch immer Handel und Gewerbe darnieder. Politische und confessio- neüe Kämpfe lähmen die einheitliche Kraft der erhaltenden Elemente. Die politische Organisation des deutschen Reiches ist noch nicht erstarkt; das Finanz- und Steuersystem harrt der um'affenden Reform. In dieser Lage ergeht die Aufforderung der Reichsregierung an die Nation, auf's Neue Vertreter zu ent­senden, welche bereit und entschloffen sind, Hülfe zu gewähren im Kampfe gegen die Ausschreitungen der Socialdemokratie. Wir sind überzeugt, daß die große Mehrheit des aufgelösten Reichstages hierbei die Mitwirkung nicht versagt haben würde, welche unsere politischen Freunde schon damals anboten, als der Reichstag sich gezwungen sah, das im letzten Augenblicke vorgelegte Gesetz ab­zulehnen. Unsere politischen Freunde werden auch in dem neuen Reichstage es als ihre erste Pflicht erachten, der Reichsregierung in der Vertheidigung der Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung und staatlicher Sicherheit entschloffen zur Seite zu stehen, und überall, wo die aufmerksame und energische Handhabung der bestehenden Gesetze nicht ausreicht, die erforderlichen gesetzlichen Vollmachten und Besugniffe ohne Schwanken zu gewähren. Alle Vorschläge, welche darauf gerichtet sind, in wirksamer Weise auf den Umsturz der bestehenden Rechtsord­nung gerichtete Angriffe abzuwehren, ohne die dauernden Garantien der schwer errungenen bürgerlichen Freiheit zu gefährden, werden unsere Unterstützung finden. Wir werden solche Gesetzentwürfe lediglich n<tch ihrem Wesen und ihrer Wirksamkeit prüfen; gleiche Unbefangenheit setzen wir bei allen Mitwirkendeii voraus und zweifeln daher nicht, daß die Einigung der gesetzgebenden Fictoren gelingen werde. Der Aufruf betont sodann: die Wähler müßten sich erin­nern, daß der Nation unentbehrliche dauernde Rechte nicht verloren gehen dürften, daß die wahre Heilung der socialen Krankheit nicht allein von Ge­setzen zu erwarten, sondern durch die freie thätige Mitwirkung aller Theile des Volkes bedingt sei. Der Aufruf gedenkt sodann der weiteren Aufgaben des nächsten Reichstages: Es gelte, eine planmäßige Steuerreform herbeizuführen, die Handelspolitik des Reiches sestzustellen; die national-liberale Partei verlange ein Finanzsystem, welches die constitutionellen Rechte der Volksvertretungen wahrt; bei den Zollsragen dürfe nur das allgemeine Interesse des Landes be­stimmend sein. Die national-liberale Partei werde auch in Zukunft ihren bis­herigen Grundsätzen treu bleiben.

Hesterreich.

Nagufa, 17. Juni. Die Montenegriner geben an, bei dem letzten Zusammenstoß mit den Türken, welcher durch eine Grenzverletzung hervorgerufkn sei, 60 Albanesen gefangen zu haben.

England.

London, 17. Juni. DerStandard" erfährt, England beabsichtige Portugal in Betreff der Abtretung der Delagoa-Bai zu sondiren, weil die Cap-Regierung den Besitz des Platzes für sehr wichtig erachtet.

Reuter's Bureau" meldet aus Konstantinopel vom 15. d. (via Syra): Sollte der Congreß beschließen, für Epirus, Theffalien, BoSnien und die Herzegowina Autonomie zu bewilligen, so sind die türkischen Deleglrten an­gewiesen, sich zurückzuziehen und zu erklären, die Türket werde einzig und allein die Bestimmungen des Vertrags von San Stefano ausführen.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Gorrespondenz-Bureau.

Berlin, 18. Juni. Bulletin von Vormittags 10 Uhr. Sowohl in der Heilung der Wunden als auch in dem Kcäftezustand Sr. Maj. ist wiederum ein erfreulicher Fortschritt zu verzeichnen.

(Uaterz.) v. Lauer, v. Langenbeck. Wilms.

Die Aerzte des Kaisers veröffentlichen heute folgende Mittheilung: Die Unterzeichneten halten sich zur Ergänzung der von ihnen über das Befinden Sr. Maj. des Kaisers und Königs ausgegebenen Bulletins zu folgender Aeußerung verpflichtet, um mancherlei umgehenden, unrichtigen Auffassungen ent­gegenzutreten. Durch Gottes gnädige Hülfe ist der Verlauf der Verletzung und des gesummten durch das so tief beklagenswerthe Ereigntß heroorgerufenen Kcankheitszustandes Sr. Maj. bisher ein fast über Erwarten günstiger gewesen. Die einzelnen Momente dieses Verlaufs sind in den mitgetheilten Bulletins verzeichnet. Hieraus ward nun in hoffnungsvoller Freude vielfach gefolgert, daß die Genesung Sr. Maj. in nächster Nähe bevorstehe. Unter den obwalten­den Umständen ist die Erfüllung dieses gewiß in aller Herzen lebenden Wunsches jedoch voraussichtlich leider nicht zu erwarten. Se. Maj. haben außer zeit­weiligen Schmerzempfindungen nicht nur unter der durch die Gebrauchsunfähig­keit beider Arme bedingten Unbehülfllchkeit viel zu leiden, sondern das Ziel der gänzlichen Wiederherstellung kann auch nur nach Längerer Zeit erreicht werden und auf dem W?ge dazu können manche Schwierigkeiten liegen, welche, unter Gottes Beistand hoffentlich wie die bisherigen, glücklich aber nicht ohne Be­schwerden für den hohen Patienten zu überwinden sein werden.

Dr. v. Lauer. Dr. v. Langenbeck. Dr. Wilms.

Berlin, 18. Juni. DerReichs-Anz." schreibt: Die Ernennung des Präsidenten des Reichskanzler-Amtes zum Stellvertreter des Reichskanzlers in Finanzangelegenheiten hat Zweifel veranlaßt, ob die Errichtung eines Reichs- schatz-Amtes und die Ernennung eines Unterstaatssecretärs für dasselbe über­haupt noch in der Absicht der kaiserlichen Regierung liegen. Diese Zweifel sind unbegründet. Die bezeichneten Maßregeln werden in's Leben treten, sobald die dazu nöthigen und bereits im Gange befindlichen Vorbereitungen vollständig getroffen sein werden. Bis dahin war die Anordnung einer Stellvertretung in der Fmanzverwaltung um so nöthiger, als der Reichskanzler während des Con­greffes noch mehr als sonst durch andere Geschäfte in Anspruch genommen ist. Die einstweilige Vertretung konnte, da allgemein die Finanzverwaltung zur Zeit noch zum Geschäftskreise des Reichskanzler-Amtes gehört, nach dem Wortlaut des Stellvertretungs-Gesetzes nur dem Präsidenten dieser Behörde übertragen werden.

DerNordd. Allg. Ztg." zufolge ist die altserbische Jnsurrection hier gleichfalls vertreten, und zwar durch den Archimandriten Save, das bekannte