Ausgabe 
11.7.1878
 
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des deutschen Kaisers" verhaftet worden sei. Zur Richtigstellung des Sachver­haltes bemerken wir, daß allerdings gegen Herrn Dr. Sigl anläßlich seines aeaen dieGermania" polemisirenden Artikels eine Untersuchung wegen Auf- reimng zum Ungehorsam und wegen Majestärsbeleidigung schon seit einiger Zett schwebte, daß aber seine Verhaftung nicht unmittelbar w^gen dieser Sache, son­dern zu dem Zwecke verfügt wurde, um einen etwaigen Fluchtversuch hintanzu­halten, da inzwischen seine nächste Verweisung vor das nächste Schwurgericht "^Kulmbach, 8. Juli. In einer gestern gehaltenen Versammlung von Vertrauensmännern des ganzen Wahlkreises Kulmbach Forchheim wurde Herz (Nürnberg) (Fortschrittspartei) fast einstimmig als Netchstags-Candrdat aufge­stellt; derselbe hat die Candidatur auf dringendes Bitten angenommen.

ich der Conzreß mit den noch zu regelnden Details betreffs B ltums beschäftigen; wesentlich handelt sich es noch um die Abgrenzung des von den Lazen bewohnten Districts; letztere wollen bekanntlich nicht unter russische Botmäßigkeit .treten. Die italienischen und französischen Vertreter scheinen durch die englisch-türkische Verabredung hinsichtlich Cyperns sehr überrascht. Man meint, daß die gegen­wärtige Publikation der Convention erfolgt ist, um die Stimmung des englischen Publikums, welche sich für Batum zu enzaziren begann, durch anderweitige Erfolge zu befriedigen.

London, 9. Juli, Abends. DasReuter'sche Bureau" meldet auS Konstantinopel: Es sei bezüglich der Occupation Bosniens eine Emigung auf Grundlage der gemeinsamen Besetzung durch Oesterreich und die Pforte erzielt worden.

Die nationale Vereinigung aller liberalen Vereine veröffentlicht einen Aufruf, welcher das Land auffordert, sofort energisch zu protestiren gegen die Annexion Cyperns und die geheimnißvolle Art und Weise, in welcher die Regie­rung die Allianz mit der Türkei abschloß.

aussprechen.

Paris, 9. Juli. DerMoniteur" sagt: Cypern ist eine ausgezeichnete Position für eine eventuelle Vertheidigung Egyptms und Kleinasiens. Nur die Erwerbung kommt theuer zu stehen, denn sie implicirt die schwierige Aufgabe der Verteidigung der Türkei. DerConstitutionnel" glaubt, England werde nach Cypern Egyvten nehmen. DieFrance" sagt: Cypern wird in den Händen Englands ein neues Gibraltar werden. DieLiberty sagt: Die Occupation Cyperns muß einen Schatten auf jede Mittelmeer-Macht werfen. DiePresse" betrachtet die Annex'on Cyperns als eine Compensation, welche England gebührt, nicht als eine Drohung gegen Rußland.Temps" und Journal des Mbats" enthalten keine Besprechung der Thatsache. Kein Journal bekundet ein England' feindliches Gefühls

Vermischtes.

(Höhlenbewohner inmitten Deutschlands.) Wer hätte nicht schon die Beschreibung einer Esktmohütte gelesen, nach welcher diese nicht einem Hause oder Zelte, sondern mehr einer Höhle gleicht; denn sie ist dadurch entstanden, daß Steine roh übereinander gelegt worden sind. Um das Dach zu machen, das einem Keller- qewölbe nicht unähnlich steht, werden besonders schwere Steine ausgesucht und diese so übereinandergelegt, daß einer immer einen halben Schuh über den andern hinaus­geht. So entsteht ein rundes Gewölbe, ohne daß der Eskimo ein Wort vom Wölben verstände, oder gar Werkzeuge hätte, di« Steine zu behauen. Die Hütte besteht immer nur aus einem Gemach von länglich runder Gestalt. Um die Wärme in dem­selben möglichst zu erhalten, wird diese Hütte auswärts von allen Seiten dicht mit Rasen belegt, daß keine Ritze oder Spalte bleibt Janen wird jedes Fleckchen mit Moos ausgestopft, so daß man so weich liegt, wie in einem Flaumenbett. Fenster von Glas kennt natürlich der Eskimo nicht. Deßwegen ist doch ein Fenster da. Statt des Glases nimmt er das Eingeweide vom Seehund und schabt dieses so lange, bis es durchsichtig wird. Oben im Dache hat die Hütte ein Loch, welches als Rauchfang dient, wie auch als Abzugskanal für die bösen Dünste, die sich in einer solch kleinen, von Menschen wimmelnden Höhle, entwickeln müssen. Wenn man die Beschreibung einer Esktmohütte liest, so staunt man über solch arme Wohnung und bedauert die Menschen von Herzen, die in einer solchen Hütte wohnen. Aber wie viel mehr möchte man staunen, daß es inmitten Deutschlands, einem von ctvtlistrten Völkern bewohnten Lande, dennoch Menschen gibt, die jetzt noch, in einem aufgeklätten Zeitalter, in einer, einer Eskimohütte nicht unähnlichen Hütte wohnen müssen.

Bei dem Dorfe Lauter in der Nähe von Grünberg kann man eine solche Höhle schauen, welche von einer aus sechs Gliedern gestehenden Familie bewohnt wird. Ein Schneider, der schon einige Monate mit seiner Familie in einem Kuhstalle wohnen mußte, hat sich, fast zur Verzweiflung getrieben, um dem Stallgeruche zu entfliehen,

einstimmig angenommen. , , r,,

Berlin, 9. Juli. Die Verhandlungen über die auf Batum bezüglichen Detailfragen werden fortgesetzt, um den Modus der Erledigung der Ettfesti- aungs-Angelegenheit zu regeln. Heute vor der Congreßsitzung fanden Bespre­chungen der englischen und russischen Delegirten statt. Man glaubt nicht, daß Bmconsfielv bereits Freitag in London eintreffen werde.

. Petersburg, 9. Juli. In hiesigen hohen Kreisen eircnlirt ein auto- graphirtes Memorandum des Prinzen Peter von Oldenburg. Das Memoran­dum knüpft an den Zusammentritt der Congreßdelegirten in Berlin und die schmerzlichen Umstände an, unter denen derselbe erfolgte. Die ganze Welt, erschreckt durch die entsetzlichen Ereigniffe in Berlin, frage: sollen wir eine Beute der Internationalen werden, die darauf abzielt, die Grundlagen der Gesellschaft zu erschüttern, die Throne und Regierungen zu stürzen, die Religion zu vernichten? Die Ideen der Socialisten verbreiteten sich tn erschreckender Weise. Die Geschichte beweise, daß man Ideen nicht mit Bayonnetten be­kämpfen könne; daß, um die Keime verbrecherischer Ideen auszurotten, es der gleichzeitigen, übereinstimmenden Action aller Regierungen und Souveräne bedürfe. Leider hätten die Regierungen trotz aller Verkehrtheiten der Ideen des Socia- lismus demselben Vorwände zur Unzufriedenheit gegeben, besonders durch die Blutsteuer, die schver auf dem Volke laste. Es genüge nicht, einen Frieden zu schließen, so ehrenvoll derselbe sein möge, wenn man einen bewaffneten Frieden sortsühre, der den Regierungen die Mittel raube, das Volk zu unterstütze und verläßliche Verbefferungen in der inneren Verwaltung einzuführen. Jede Regie­rung bedürfe einer ihrer politischen und geographischen Lage entsprechende bewaff­nete Macht. Sie abzuschaffen, wäre eine verbrecherische, sinnlose Idee, aber die gegenwärtige, von Robespierre eingesührte Maffenaushebung muffe geändert werden.

Berlin, 9. Juli. Die heutige (16.) Congreßsitzung begann um 2*/4 Uhr und schloß gegen 5 Uhr. Das große Diner zu Ehren der Congreß-Bevoll- mächtigten im Weißen Saale des königl. Schloffes ist nunmehr auf nächsten

Lokal-Notiz.

Gießen, 10. Juli. Die gestrige Generalversammluna brs Verein« der nationalen und liberalen Partei war nicht sehr b-sucht und zwar wohl aus dem Umstande, daß die meisten Mitglieder nach Beiwohnung der aUgcwietncn Wahleroersammlung am 5. dS. die gestrige Versammlung für überflüssig bleiten. Dieselbe hatte denn auch nur in Verfolg eines Beschlusses der letzten Verein« V-rsammlung einen formellen Werth, indem unser seitheriger Reichstagsabgeordnete Freiherr v. Rabenau, seitens des Vereins der nationalen und liberale« Partei, auch als dessen Candidat ausgestellt und angenommen wurde. Mit warmen Worten wurde seitens deS Vorsitzenden den Vereins - Mitgliedern die Pflicht anS Herz gelegt, am Wahltag Alle zu erscheinen, damit der deutsch-conservativen Partei für die Folge die Lust verginge, in unserem Wahlkreise einen Landidaten aufzuftellen. Mit der Bildung eines größere« Wahl- und AgttattonS- comit^s solle alsbald begonnen und praktische Wahlagitation demnächst etngclettet werden.

Gießen, 10. Juli. Der Schwurgerichtshof vom III. Quartal l. I. verurteilte:

Am 8. Juli den Caspar Andreas Martin von Bernsburg, wegen Urkunden­fälschung, in eine Gefängntßstrafe von 3 Monaten an welcher jedoch 2 Monate der erlittenen Untersuchungshaft in Abzug zu bringen sind. £.

Denselben, den Georg Lott VI. von Vonhausen, wegen Meineids, in ein GefSngnitz- strafe von 6 Monaten, zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 2 Jahren, sowie zur dauernden Unfähigkeit als Zeuge oder Sachverständiger vernommen zu werden. t . .....

Am 9. Juli wurde Johannes Lauf von Schotten von der angeklagten Todtung, auf Grund des Verdicts der Geschwornen fretqesprochen, dagegen wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolg in eine Gefängnißstrafe von 1 Jahr und 3 Monaten verurtheilt.

--Antigone Vorlesung. Mit Bezug auf die in der Aula stattfindende Vorlesung von Frl. R- Köhler halten wir es im Interesse der Sache für gestattet, dem kunstverständigen Publikum unserer Stadt eine Recenfion vorzulegen, welche dem »Leipziger Tageblatt" entnommen tft. Sie lautet: Leipzig, 17. Mat. Die Vorlesung der Antigone, welche Frl. Natalie Köhler irn Saale der ersten Bürgerschule vor einem zahlreichen Publikum hielt, war interessant und feffelnb. Als Einleitung gab sie einen für die jüngeren Zuhörer (die höhere Schuljugend schien reichlich vertreten zu sein) gewiß nöthigen Ueberblick über das Zeitalter de« Sophokles, schilderte den attischen Geist und sodann die Vorzüge des großen Dichters, dessen Werke sie charakterisicte und in ihren Schönheiten beleuchtete. Den Schluß der Einleitung bildete eine Beschreibung der Räumlichkeiten und der Einrichtung de« antiken Theaters. Zu ihrem Vortrag über­gehend, gab Frl. Köhler zuerst einen Ueberblick über die historischen Facta, an welche sich die Antigone anschließt, und führte so die Zuhörer gleich mitten in das Ereignitz hinein. Was nun die Vorlesung selbst anlangt, so suchte die Vortragende die einzelnen Situationen, die wahrlich nicht leicht wiederzuqeben sind, so ergreifend wie möglich zu malen, die Personen auseinander zu halten, und dem Ganzen die Weihe zu verleihen, welche das griechische Drama verlangt. Daß die Vortragende den erwachsenen Schülern und Schülerinnen Gelegenheit gegeben hat, die Gewalt und Tiefe der alten Tragödie kennen zu lernen, verdient aufrichtigen Dank. _____________________________

Rom, 9. Juli. Das JournalDiritto" äußert unter Anerkennung der großen Bedeutung der Abtretung Cyperns an England: Wenn wir den in Europa hervorgebrachten Eindruck nach demjenigen beurteilen sollen, der sich bereits in Italien kundzibt, so muffen wir constatiren, daß die öffentliche Mei­nung Europas einen solchen Act mit geringem Wohlwollen beurteilen dürfte. Diritto" schließt: Einstweilen muffen wir constatiren, daß die Frage Cyperns eine neue, erst seit gestern auftauchende ist, welche die Interessen der Mittelmeer- Mächte berührt, Denen man ohne Zweifel Freiheit und Zeit lasten wird, sich zu sammeln, bevor sie sich über die türkisch - englische Convention vom 4. I mi

Telkgraphische Depesche«.

Wagner'- telegr. «orrespondenz-Bureau.

Berlin, 9. Juli. Bulletin von 10 Uhr Vorm. Die Kräfte Sr. Majestät sind in dem Grade fortgeschritten, daß Allerhöhstderselb? den Versuch des Treppensteigens mit gutem Erfolge unternehmen konnte.

(Unterz.) v. Lauer, v. Laugenbeck. Wllms.

Kragujevatz, 8. Juli. Die Sknpschtina hat den Legislations-, Finanj- und Petitions-Ansfchnß gewählt und die genannten Ansschüste bearftragt, mit dem Präsidium einen Adreßentwurf auszuarbeiten. Eia Antrag, an Kaiser Wilhelm anläßlich seiner glücklichen Errettung eine Adresse zu richten, wurde

Sonnabend angesetzt.

In der heutigen Sitzung des Congrestes wurde eine weitere Anzahl von Grenzfragen erledigt. Bezüglich der Grenzen bei Batum fand eine lange minutiöse Discussion statt, die zu einem befriedigenden Abschluffe führte.

DerReichs-Anz." veröffentlicht die Abberufung des Grafen Stol­berg vom Wiener Botschafter-Posten und das Gesetz, betr. den Spielkarten- Stempel.

Konstantinopel, 9. Juli. Der englische Botfchafts-Secretär Baring ist gestern nach Kreta abgegangen. Der Korrespondent derTimes", Gal- lenga, wurde wegen Schmähartikel angewiesen, Die Türkei zu verlassen.

Wien, 9. Juli. In der-heutigen Schwurgerichtsverhandlung wurde der Redacteur des hiesigen socialdemokratischen BlattesDer Socialist", Joh. Schwarzinger, wegen des Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe zu einjährigem schweren Kerker verurtheilt.

London, 9. Juli. Die in der gestrigen Sitzung dem Parlamente mit- getheilte diplomatische Correspondenz enthält eine Depesche Salisbury's an Layard vom 30. Mai, in welcher es heißt: es sei evident, daß Rußland von den Bestimmungen des Vertrags von San Stefano bezüglich Datums und der Festungen nördlich des Araxes nicht abgehen wolle. Unmöglich könne England diesen Veränderungen gleichgültig zusehen, selbst wenn es überzeugt fein sollte, daß Batum, Ardahan und Kars nicht Punkte würden, von denen intrigante Emistäre ihren Ausgang nehmen würden, denen dann Jnvasionsheere folgten. Unter allen Umständen würde der russische Besitz dieser Plätze großen Emstuß auf die Zerstückelung der asiatischen Türkei ausüben. Das einzige Mittel, der Stabilität der türkischen Herrschaft in Asten volle Sicherheit zu verschaffen, würde darin liegen, wenn eine hinlänglich starke Macht es übernehme, jeden russischen Angriff auf das türkische Gebiet bewaffnet zu verhindern. Die Nähe von britischen Officieren und, wenn nöthig, von britischen Truppen wäre das geeignetste Sicherheitsmittel, und Cypern erscheine als geeignetster Ort zur Er­reichung dieses Zieles. Cypern fahre fort, einen Theil des türkischen Reiches zu bilden; der Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben werde an Den Schatz des Sultans abgeliefert. Salisbury ersuche daher Layard, der Pforte die (inhaltlich bereits gemeldete) Convention vorzuschlagen. Layard zeigte am 5. Juni an, daß die Convention zwischen ihm und Savfet Pascha abge­schloffen und unterzeichnet worden sei.

Morning-Post" zufolge reist General Wolseley in einigen Tagen nach Cypern ab. Eine Abtheilung der indischen Truppen geht gleichzeitig dort­hin. Alle Zeitungen,Daily News" ausgenommen, besprechen die englisch- türkische Convention in günstigem Sinne, nennen sie einen kühnen politischen Schritt, geeignet, die englischen Jntereffen in Indien und am Suez-Canal zu schützen. Daily News" tadeln die Convention und heben die große Verantwortlichkeit Englands hinsichtlich der asiatischen Türkei hervor.

Berlin, 9. Juli. Bis jetzt ist englischerseits über die Angelegenheit betreffs Cypern dem Congreffe keine Mittheilung gemacht worden. Heute soll