also wohl noch. Ob sie die Neuwahlen in vermehrter Zahl, wie es zu wünschen wäre, in die zweite Kammer bringen werden, ist kaum zu sagen. Im Allgemeinen wird man die Wiederwahl der ausgetretenen Mitglieder erwarten können, denn Ueberfluß an Männern von unerschütterlichem Freisinn haben wir im Lande nicht. Vier oder fünf Mandate werden in den Namen, in der Parteirichtung wohl kaum wechseln, irgend eine erhebliche Aenderung in der Zusammensetzung der Kammer ist nicht zu erwarten und so werden bet uns die Dinge einfach ihren seitherigen Gang weiter gehen. Die Wahlen der Wahlmänner, welche gewöhnlich entscheiden, werden am 10. September vor sich gehen.
Berlin, 3. Septbr. Während in der zunächst auf den Krieg von 1870 folgenden Zett oft Klagen laut wurden über die Vernachlässigung, ja Beschimpfung, welche den Gräbern unserer gefallenen Krieger Seitens fanatischer Franzosen zu Theil wurde, kommt jetzt die erfreuliche Kunde, daß die Ruhestätten unserer Krieger in würdiger Weise gepflegt und erhalten werden. Ma; Bauer, welcher unermüdlich im Dienste des rothen Kreuzes und der Armen pflege ist, veröffentlicht in der soeben ausgegebenen Nummer der „Gegenwart" einen interessanten Bericht über einen Ausflug, den er während seines jüngsten Aufenthalts in Paris nach denjenigen Orten der Umgegend unternahm, wo er 1870/71 den blutigsten Kämpfen beigewohnt hatte. Er sand die Ruhestätten unserer Gefallenen, welche überall mit Gittern umgeben sind, auf das Sorgsamste erhalten. „Allüberall — schreibt er — sind Ehrfurcht und Pietät die Wächter unserer deutschen Gräber, überall habe ich sie sorglich und gut erhalten gefunden."
Berlin, 3. Septbr. Die Zusammenkunft des Cultusministers Falk mit dem Reichskanzler in Gastein ist im gegenwärtigen Augenblick der schwebenden Verhandlungen mit der Kurte ein Ereigntß von hohem Jntereffe. Man konnte bisher schwanken zwischen der Besorgniß, die Regierung könne bei diesen Unterhandlungen der Würde und Ehre des Staates etwas vergeben, und andererseits der erfreulichen Aussicht, es werde ein Friede zu Stande kommen, wie wir ihn Alle erstreben, ohne Preisgebung der staatlichen Stellung. Die Besorgniß vor einem schwächlichen Rückzug des Staates knüpfte sich nicht zum wenigsten an die Thatsache, daß man ein Eingreifen des Cultusministers Falk, mit dessen Namen eine ehrenvolle Lösung des Conflictes fast untrennbar verbunden ist, in jene Verhandlungen nirgends bemerkte. Es schien fast, als würden sie gänzlich über seinen Kops hinweg geführt, und nichts ließ darauf schließen, daß man seinen Rath und seine Zustimmung einhole. Wir sind nun freilich auch jetzt keineswegs unterrichtet, in welchem Stande die Verhandlungen sich gegenwärtig befinden, worin die beiderseitigen Vorschläge oder Concesstonen bestehen und ob der Reichskanzler und der Cultusminister zum Einvernehmen über die zu befolgende kirchliche Politck gekommen sind. Jndeß schon allein die Thatsache, daß der Minister Falk sichtbar wieder persönlich in diese Verhandlungen eingreift, hat für uns etwas ungemein Beruhigendes. Ob wir über diese, für unser gesammtes politisches Leben so überaus wichtigen Fragen schon in allernächster Zeit Aufklärung zu erwarten haben, ist allerdings zweifelhaft. Eine Rückwirkung der Verständigungsversuche mit Rom auf unsere parlamentarischen Verhältnisse dürfte jedenfalls noch nicht in der nächsten Zukunft zu verspüren sein. Au der Thatsache, daß die Regierung im Reichstage und im Landtage das Centrum vollständig in der alten schroffen Opposition sich gegenüber sieht, ist nicht zu zweifeln. Die Führer des Centrums haben sich überhaupt theils so stark in den klerikalen Fanatismus hineingeeifert, theils sind ihre kirchlichen Bestrebungen so eng mit den Jntereffm des politischen Partiku- larismus verbunden, daß eine Förderung der Friedensoerhandlungen von dieser Seite schwerlich zu erwarten ist. Es könnte sich möglicher Weise zeigen, daß das Zentrum ia den gesetzgebenden Körperschaften und überhaupt die ultramontane Agitation in Deutschland päpstlicher ist als der Papst selbst.
Kaffel, 4. Septbr. Die in Folge der gestrigen Mittheilunzen gehegte Besorgniß, daß die Hierherkunft des Kaisers in Zweifel stehe, wird durch das heutige vom Continental-Telegraphen-Bureau aus Gastein mitgetheilte, die Abreise des Kaisers betr. Telegramm wieder zerstreut. Obgleich ganz bestimmte Dispositionen über die Anwesenheit des Kaisers bei den in Betracht kommenden hiesigen Behörden noch nicht eingegangen sind, so deuten doch andere Umstände darauf hin, daß Se. Majestät seinen Plan, den Manöoern beizuwohnen und der Stadt Kaffel einen Besuch zu machen, zur Ausführung bringen wird. Vor allen Dingen wird eine günstige Witterung viel zur Entscheidung nach der gewünschten Richtung beitragen. Dürfen wir nach den beiden^ jüngst verfloffe- nen Tagen einen Maßstab anlegen, so scheinen wir an der schwelle des sog. Altweibersommers zu stehen. (Heff. Mrgztg.)
Hesterreich.
Wien. Der Correspondent der „Nar. Nov." entwirft folgende Schilderung nach dem Straßenkampfe in Serajewo: „In der dritten Gaffe zur Rechten der Hauptstraße, unweit der brennenden Häuser, sahen wir drei Leichen unserer braven Soldaten. In einem Hofe, der Thüre zunächst, liegt ein Officier- Stellvertreter — die Kugel muß ihn getroffen haben, als er die Thüre öffnete. Etwas weiter liegen vier Mann von Sachsen-Meiningen-Jnfanterie — einer über dem anderen. Im nächsten Hause liegen abermals zwei Mann, der eine da, der andere dort. Ein todter Türke liegt nach seiner ganzen Länge hingestreckt zwischen unseren Soldaten. Inmitten von 40 brennenden Häusern liegt eine Türkenleiche neben und über der anderen, die Pflastersteine sind mit Blut bedeckt. Dichter Rauch erfüllt die Straße, jetzt fällt ein Balken krachend nieder, dann stürzen Ziegel herab, in den Häusern brennen die zurückgebliebenen Kleider, Leichen und Geräthschaften. Es erhebt sich ein Nordwestwinv. Unsere Geniesoldaten reißen Häuser ein, um den Brand zu localisiren, sie plagen sich, daß ihnen der Schweiß vom Angesichte rinnt — endlich ist der Verbreitung des schrecklichen Elements Einhalt gethan. In den brennenden Häusern explo- diren Patronen; auch die Dschamien (Kirchen) sind voll Munition — man staunt darüber, wer die Insurgenten damit versehen haben mag. Vor der ersten Dschamie liegen drei von einer Kanonenkugel erschlagene Leichen, ein Türke, ein Christ und eine Mohamedanerin, die gerade in die Dschamie wollte, um zu beten. Zur Linken in einer Gaffe liegt ein todtes Kind, neben ihm hin- gestreckt Vater und Mutter und zu ihren Häuptern zwei weinende verwundete Kinder, die von unseren Soldaten in's Spital getragen werden. Um 2 Uhr ist Alles ruhig in den Straßen. Christen, Juden und die angesehensten Moha- medaner empfangen unsere Truppen als Befreier aus einem Zustande des schrecklichsten Terrorismus. Seit 23 Tagen waren alle Läden geschloffen. Hadschi Loja zog mit seinen Handlangern durch die Straßen, nahm und raubte, was wegzutragen war. Wer Geld besaß, mußte es bei Todesstrafe herausgeben;
wer die Stadt verließ, dem wurde daS Haus niedergebrannt. Am ärgsten waren die österreichischen Untertanen daran, etwa 30 an der Zahl. Während des Bombardements auf die Stadt flohen dieselben in das preußische Consulat. Das war ihre Rettung. Sie wären sonst Alle maffacrirt worden. Endlich nach 23 schweren Tagen durften wieder die Glocken läuten und nicht minder die teiroriprte besitzende mohamedanische Bevölkerung, athmeten wieder auf. Hadschi Loja, der sich zufällig und leicht am Fuße verwundet hatte, floh in der Nacht vor der Erstürmung der Stadt und überließ diese ihrem Schichate. Dir empörten Mohamedaner brannten fein Haus lieber."
Gastein, 4. Septbr. Gestern machte Kaiser Wilhelm trotz der ungünstigen Witterung seine gewöhnliche Morgenpromenade und Abendspazierfahrr. Heute nahm er das zehnte Bad.
Hvgkand.
London, 3. Septbr. Das Kriegsgericht in Portsmouth hat betreffs des Unterganges der „Eurydice" gestern folgendes Urtheil gefällt: Das Schiff sei am 24. März gesunken durch Druck des Windes auf die Segel während eines plötzlichen und außergewöhnlich dichten Schneesturmes, das Offenstehen der oberen Luken habe wesentlich zu dem Unglücke beigetragen, sei aber durch die Umstände gerechtfertigt gewesen. Niemandem sei ein Tadel beizumeffen, da der Capitän häufig auf dem Deck sich befunden; auch die Festigkeit der „En- rydice" sei gehörig überlegt worden. Die (zwei) Ueberlebenden treffe gar kein Tadel.
großen Tapferkeit der Truppen zu danken. Der Verlust übersteigt jedenfalls .«M unb fr
130, von denen die meisten verwundet sind. — Das Militärcommando von
Castelnnovo meldet die Räumung der Sntorina Seitens der Montenegriner, welche auf Befehl der montenegrinischen Regierung erfolgte.
Wien, 5. September. Der Armee-Commandant Philippovich berichtet aus Serajewo von heute: Auf die Nachricht von der Ansammlung zahlreicher
Sehlffsberle
»> W. vietz in Gie
Bremen, 4. A ^deutschen Lloyd in iKdommen.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. Torresp-udenr-Vnrea».
Konstantinopel, 4. Septbr. D.r griechische Gesandte, Konduriot'-, stellte an den Großoezir das Verlangen, daß die Pforte vor Ende der W)che die griechisch; Note in Betreff der Grenzberichtigung beantworte. Die Pforte wird wahrscheinlich erwidern, daß Griechenland das Eintreffen der Antworten der Großmächte auf die letzte diesbezügliche türkische Note abwarten möge.
Berlin, 5. Septbr. Der „Reichs-Anz." meldet: Se. Majestät der Kaiser und König ernannte den bisherigen Chef der Oeconomie-Abtheilung des württembergifchen Kriegsministeriums, v. Mand, zum Director des Rechnung-' Hofes des deutschen Reiches.
Wien, 5. Septbr. F.-M -L. Szapary meldet aus Doboj vom 4. d., Abends: Generalmajor Pistory hat die Entwaffnung des Ortes Tesanj durchgeführt. Gleichzeitig wurde von Doboj aus ein gelungener Vorstoß zur Re- cognoscirung der feindlichen Front gemacht. Nachdem sich dieZihl der Insurgenten auf dem rechten Bosna-Ufer an der Straße nach Maglaj als bedeutend hkrausgestellt hatte, wurden das 54. und das 8. Regiment nebst einer Gebirgs- Batterie unter dem Commando des Generalmajors Waldstätten gegen Liprc vorgesendet; nach 7stündigem hartnäckigen Gefecht wurden die Insurgenten auf allen Punkte i zurückgeworfen und bis zum Einbruch der Dunkelheit verfolgt. Dieser günstige Erfolg ist der ausgezeichneten Führung Waldstätten's und bet
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Insurgenten bet Mokro wurde die erste und zweite Gebirgsbrigade der 7. Truppendivision unter dem Commando Tegetthoff's dahin entsendet. Am 3. d., Morgens, rückte Tegetthoff mit der nördlichen Seiten-Colonne bei Kadinoselo über den Krsulbach gegen Han Romanja, während die Mittelcolonne unter Oberff Mittel die Insurgenten in der Front festhielt. Als beide Colonnen in das Gefecht eingriffen, flüchtete der ca. 1000 Mann starke Gegner, sich in Heinen Haufen nach allen Richtungen zerstreuend. Die rechte Flüzel-Colo-me unter Oberstlieutenant Schlüttenberg konnte wegen Terrainschwierigkeiten am Gefechte nicht mehr theilnehmen. — Der Verlust der Insurgenten belief sich auf 30 Todte und sehr viele Verwundete; der österreichische auf 10 Tobte unb 40 Verwundete. — Oberstlteütenant Rastic ist am 4. d. mit dem 31. Jägerbataillon bis Han Romanja unb Glasinac vorgerückt, traf aber nirgends mehr Jnsm« genten an. Diese haben sich größtenteils nach Zwornik unb Srebernica, theil- weise auch nach Ragatica und Gorazda verlaufen. — Das Armee-Commands ordnet die Herstellung eines von Serajewo ostwärts gegen Visegrad führende-t Weges an, wobei Cioilarbeiter zugezogen werden sollen.
Rom, 5. September. Die „Agenzia Stefani" meldet: Die Verhand lungen zwischen dem Vatican und Deutschland sind nicht abgebrochen, sondM nur suspendirt, was seinen Grund in der Nothwendigkeit hat, beiden Theilen Zeit zum Studium der gegenseitig gemachten Vorschläge zu bieten.
— Das Journal „Capitale" erwähnt des Gerüchtes, daß Minister ßorti mehrere italienische Botschafter nach Monza berufen habe, um mit dem Köni: und ihm über die auswärtige Politik zu conferlren. Nach derselben Ouelle s)ll Rußland in euier Note Frankreich unb Italien eingeladen haben, Thessalien z occupiren, um Unruhen vorzubeugen, welche ohne Zweifel ausbrechen würdw, sobald die aus Bosni-n, Herzegowina und Bulgarien vertriebenen Mohamedaner sich in die noch unter türkischer Botmäßigkeit stehenden Provinzen flüchten würdw- Bisher hätten Italien und Frankreich das Anfinnen Rußlands entschieden cb> gelehnt.
Athen, 5. Septbr. Die griechische Regierung hat von der Pfortr hinsichtlich der in den Bestimmungen des Berliner Vertrags vorgesehenen grenzungs-Commission bestimmte Antwort bis zum 6. Septbr. verlangt. 38 Falle neuen Aufschubs oder ausweichender Antwort wird sich das gnechishr Ministerium unverwellt an die Signatarmächte wenden.
Ulm, 5. Septbr. Der deutsche Kronprinz traf heute Abend 6*/2 Uhr in Begleitung des Erbprinzen von Meiningen hier ein, wurde am Bahnhrft von den Spitzen der Civil- und Militärbehörden empfangen und fuhr durch dir reichbeflaggten Straßen unter Hochrufen des Publikums zum Gouvernemew-' Gebäude. Abends 9 Uhr findet Beleuchtung des Münsters statt.
Paris, 5. Septbr. Die „Liberty- glaubt versichern zu können,_ daß die Aussteller die ihnen verliehenen Preise spätestens Anfangs October ofsicell erfahren werden. — Das „Journal des D6bats" theilt mit, daß Midhat Pascha seine Abreise von London bis zur Beendigung der zwischen ihm und der Pforte schwebenden Verhandlungen verschoben habe.
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