Telegraphische Depeschen.
Wagner's telegr. Torresp-ndenz-Vucea«.
Berlin, 3. Juni. Die Zahl der bei dem Schiffsunglück Geretteten beträgt nach am 1. Juni vorgenommener Zählung 218. Möglicherweise wurden noch Leute in und um "Folkestone durch Fischerboote gerettet; der deutsche Consul in Dover ist desfalls befragt worden. Für die Auffindung einer jeden Leiche ist eine bestimmte Geldsumme als Prämie gesetzt.
London, 3. Juni. Unterstaatssecretär Bourke empfing eine Deputation der evangelischen Allianz, welche davon Mittheilung machte, daß der Rath der Allianz beschlossen habe, eine Deputation nach Darmstadt zu senden, um dem Großherzog Vorstellungen zu machen bezüglich der Verfolgung von evangelischen Geistlichen wegen Abhaltens von Gottesdiensten in Privathäusern.
Petersburg, 3. Juni. Der türkische Botschafter Schakir Pascha ist von Odessa nach Petersburg abgereist.
Wien, 3. Juni. Die „Polit. Corrsp." meldet aus Konstantinopel vom 3. d.: Savfet und Edhem Pascha sind als Bevollmächtigte für den Congreß ernannt. Demeter Bratiano ist hier eingetroffen und hat sofort Savfet Pascha besucht. Totleben urgirte neuerlich die Räumung der Festungen; die Pforte ist geneigt theilweise nachzugeben. Gestern fand dieserhalb Ministerrath unter dem Vorsitze des Sultans statt.
Wien, 3. Juni. In der Sitzung der ungarischen Delegation beantragte Appony: die Delegation möge in Vertretung der ungarischen Nation nicht blos ihrem schmerzlichen Bedauern darüber Ausdruck geben, daß seit kurzem ein zweites Mal auf den deutschen Kaiser ein schmähliches Attentat ausgeübt wurde, sondern auch den Minister des Auswärtigen ersuchen, dem deutschen Hofe das Gefühl ihrer Freude darüber zu vermelden, daß die Vorsehung den deutschen Kaiser am Leben erhielt. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Andrassy erklärte, er werde mit Vergnügen dem Wunsche der Delegation unverzüglich nachkommen. — In Beantwortung einer Interpellation erklärte Andrassy: die Regierung habe bisher keine Gelegenheit versäumt, auf die Verbesserung des Looses der Israeliten des Orients im allgemeinen, also auch Rumäniens hinzuwirken, und werde, falls auf dem Congresse sich die Gelegenheit biete, in derselben Richtung für das Princip der Gleichberechtigung, welches sie nach innen wie außen vor Augen habe, vereint mit anderen Regierungen eintreten.
Berlin, 3. Juni. Fürst Bismarck ist Nachmittags 5 Uhr hier eingetroffen.
Berlin, 3. Juni, Nachm. 4 Uhr 20 Min. Der Contre-Admiral Bätsch berichtet an den Chef der Admiralität, General v. Stosch, über den Untergang des Panzerschiffs „Großer Kurfürst": Die Katastrophe vollzog sich Vormittags 10 Uhr, als ich eben das Deck verlassen hatte und im Begriff stand, wieder hinaufzugehen. Oben angekommen, sah ich den „Kurfürst" in diagonaler Stellung vor dem Steuerbordbug des Flaggenschiffs und erschien mir der Zusammenstoß schon da unvermeidlich. Derselbe erfolgte auch sogleich derart, daß der Rambug dieses Schiffes den Hinteren Theil des Unterschiffes des anderen aufriß; daß Letztere glitt zwar ab, aber füllte sich doch so schnell, daß die Absicht ^es Commandanten (mit der vorhandenen Maschinenkraft das Schiff auf den Strand zu setzen und dadurch vor dem Kentern und Sinken zn bewahren) nicht mehr erreicht werden konnte. Das Schiff neigte sich zusehends, füllte sich dann auch von oben durch die Pforten, kenterte und sank. Die Mannschaft war, soweit die kurze Zeit von einer Viertelstunde gestattete, aus allen Räumen auf Deck gerufen. „König Wilhelm" und „Preußen" sandten ihre sämmtlichen Boote; eine Anzahl englischer Lootsen (Fischer und Lootsen) war ohnehin da; trotzdem befürchte ich, daß der größere Theil der Verunglückten sein Grab in den Wellen fand. — Der Admiral berichtet dann über die Havarie des „König Wilhelm" und fährt fort: über die Ursache der Collission lasse ich alle Betheiligten vernehmen und kann hier nur an- führen, daß ein Befehl des Wachhabenden, das Backbordruder zu stützen und dasselbe Steuerbord zu legen, falsch verstanden ward und statt Steuerbord hart Backbord gelegt wurde, so daß auch das Rückwärtsgehen der Maschine nichts mehr fruchtete. Die Formation des Geschwaders war doppelte Kiellinie mit gewöhnlichen Distanzen, aber mit geschlossenem Treffenintervall von 1 Hectometer. Der „Große Kurfürst" befand sich jedoch wohl reichlich vor seiner Position. Beide vorderen Schiffe wollten dem quer vorübersegelnden Schiffe ausweichen; thaten es auch und schor namentlich der „Kurfürst" weit nach steuerbord aus, lenkte aber, als das Schiff vorbei, wieder zurück in seinen Cours; dies wollte auch „König Wilhelm" thun und ereignete sich dabei gerade die umgekehrte Ausführung des Rudercommandos, welche die entsetzliche Katastrophe herbeiführte.
Wien, 3. Juni. Die „Wiener Abendpost" schreibt über das Berliner Attentat: Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ist das Leben des greisen Monarchen von verruchter Hand bedroht worden; zum zweiten Mal hat sich das Walten der Vorsehung beschützend über dieses Leben gebreitet. In höherem Grade als je zuvor wenden sich in Deutschland Liebe und Verehrung, die der Preis seiner Monarchenlausbahn geworden, der Person des Kaisers zu. Die Welt theilt die Gefühle, welche das deutsche Volk in diesem Augenblicke kummervoll zugleich und freudig bewegen. Mit Bangeii sieht man den nächsten Nachrichten über das Befinden des Kaisers entgegen.
London, 3. Juni. Das in Berlin verübte Attentat gibt den Zeitungen Veranlassung, die ivürmsten Sympathien für den deutschen Kaiser auszusprechen. „Times" äußert: der Tod des Kaisers wäre ein Unglück für ganz Europa gewesen. Seine reinen Verdienste räumten ihm einen größeren Platz in den Geschäften des Landes ein, als irgendein Herrscher einnahm. Die deutsche Nation könne nie vergessen , daß sie ihm ihre Einigkeit danke. Der jetzige Moment zeige, das; sein Einfluß es gewesen, der die Verständigung zwischen England und Rußland herbeisühren half. — Die Mannschaften der deutschen Knegsjchrffe feierten die Erhaltung des Lebens des Kaisers durch stürmische freudige Kundgebungen. Der Club deutscher Arbeiter des Londoner Ostends sandte an den Kaiser ein Glückwunschtelegramm ab.
Konstantinopel, 3. Juni. Der „Levant Herald" ist in Folge der Veröffentlichung eines anonymen aufrührerischen Schreibens über die Vorfälle un Ltcheragan - Palatt unterdrückt und der Director dieses Journals des Landes verwiesen worden.
Stuttgart, 3. Juni. Der „Staatsanzeiger" meldet: Der König hat
auf die Nachricht von dem Attentate auf den Kaiser sofort telegraphisch seine herzliche Theilnahme und innigsten Wünsche ausgedrückl.
Londou, 3. Juni. Im Unterhause theilte Schatzkanzler Northcote mit: der deutsche Botschafter Graf Münster hat am 3. d. zum Congreß nach Berlin für den 13. Juni eingeladen zur Discussion über die Stipulationen des Vertrages von San Stefano, unter der Versicherung, daß England mit der Annahme der Einladung die freie Discussion des Gesammtinhalts des Vertrages zulaffe. Salisbury nahm die Einladung an in der Meinung, daß die anderen Eingeladenen unter der selbigen Bedingung zustimmen. Beaconsfield, Salisbury und Odo Ruffel vertreten England aus dem Congreffe.
Im Fortgänge der Sitzung gab Northcote Namens der britischen Regierung und des britischen Volkes der Entrüstung über das Attentat auf Kaiser Wilhelm Ausdruck (lauter anhaltender Beifall); er hoffe, daß der Kaiser bald wieder hergestellt sei. Hartington schloß sich den Wünschen Northcotes an. — Hartington besprach die Wahl Beaconsfields und Salisburys als Abgesandte zum Congreß und bemerkte, die Regierung werde bei dieser Vertretung ohne Controle sein. Hanbury kündigte eine Resolution an, welche Tadel über einen Artikel Gladstones in der Zeitschrift Nineteenth Century ausspricht, weil derselbe geeignet sei, Unzufriedenheit in Indien hervorzurufen. — Im Oberhause äußerte sich Salisbury ebenso wie Northcote im andern Hause.
Rom, 3. Juni, Abends. In der Deputirtenkammer theilte der Präsident mit, daß eine Anzahl Deputirter folgenden Antrag eingebracht habe: die Kammer, empört über das verabscheuungswürdige Attentat gegen den deutschen Kaiser, gibt den Gefühlen des italienischen Volkes gegenüber der deutschen Nation Ausdruck, indem sie die lebhaftesten Wünsche für baldige Wiederherstellung des Kaisers ausspricht. Ministerpräsident Cairoli erklärte, die Regierung habe bereits im Namen der Nation die gleichen Gefühle ausgedrückt; dieselben bezeugten den allgemeinen Schmerz und die allgemeine Entrüstung über solche unbegreifliche Verirrungen und Verbrechen. Glücklicherweise lauteten die Nachrichten über das Befinden des Kaisers günstig; er (Cairoli) hoffe, daß bald jeder Grund zu Befürchtungen schwinde. Die Bande der Freundschaft, welche Italien mit Deutschland und seinem Oberhaupte verbänden, seien so vielfältig, daß Italien bei keinem Ereigniß, welches jenes Land oder jenen Monarchen betreffe, gleichgültig bleiben könnte. — Der gestellte Antrag wurde darauf angenommen.
Brüssel, 3. Juni. Der deutsche Kronprinz und seine Gemahlin, die Kronprinzessin, sind heute früh von Calais kommend, hier eingetroffen und alsbald nach Berlin weitergereist. Der König begrüßte die hohen Reisenden auf dem Bahnhofe.
Petersburg, 3. Juni. Schuwaloff hat angezetgt, daß er gestern London verlassen habe, um vor dem Congreß noch hierher zu kommen.
— Sämmtliche Zeitungen geben ihrer tiefen Entrüstung über das Attentat auf Kaiser Wilhelm Ausdruck. — „Golos" schreibt: Der deutsche Kaiser und ganz Deutschland soll wiffen, daß das gesammte russische Volk beim Allmäch. tigen die Errettung des deutschen Kaisers erfleht. Im gleichen Sinne spricht sich die „Neue Zett" aus.
Berlin, 3. Juni. Die bet den Signatarmächten des Pariser Vertrags beglaubigten deutschen Vertreter werden heute die Einladungen zum Congreffe, welcher Donnerstag den 13. Juni in Berlin zusammentreten soll, übergeben. Reichskanzler Fürst Bismarck wird heute Nachmittag hier eintreffen. (Wiederholt, weil nicht in allen Exemplaren der vorigen Nr. enthalten).
Prinz Karl von Preußen und der Großherzoz von Weimar sind heute früh, die Kaiserin und die Großherzogin von Baden Vormittags 10 Uhr eingetroffen. — Das kronprinzltche Paar trifft Abends 10 Uhr, der Großherzog von Baden morgen früh ein. — Der Schah von Persien reist um 6V2 Uhr Abends nach Paris ab.
Posen, 3. Juni. Heute Vormittag 11 Uhr findet auf dem Wilhelms- platze Felbgottesvienst statt, um Gottes Beistand für die Erhaltung des Lebens des Kaisers zu erbitten; die königlichen und städtischen Behörden find zur Theilnahme daran etngeladen.
Stuttgart, 3. Juni. Der „Mercur" meldet: Oberbürgermeister Hack drückte noch gestern dem preußischen Gesandten v. Magnus die Gefühle tiefster Entrüstung und der innigsten Theilnahme der Stadtbehörden aus. Dieselben bereiten eine Adreffe der Bürgerschaft an den Kaiser vor. — Aus Rottweil wird dem „Mercur" gemeldet. Der Oberamtsrichter und Reichstags-Abge- ordnete Wirth, (der kürzlich wegen Amtsvergehen verurtheilt wurde) ist am Samstag verhaftet worden.
Paris, 3. Juni. Die hiesigen Zeitungen sind einstimmig in der Brandmarkung des Attentats gegen den deutschen Kaiser, zugleich constatirend, daß es der Kaiser sei, dem man zum Theil das Zustandekommen des Con- greffes verdanke.
Berlin, 3. Juni, Abends. Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind Abends 10y4 Uhr eingetroffen, von den Prinzen Wilhelm und Heinrich, der Großherzogin von Baden und dem englischen Botschafter am Bahnhof empfangen. — Schuwaloff ist hier angekommen und im russischen Botschaftshotel abzestiegen. — Das hier verbreitet gewesene Gerücht von dem Brande des neuen Palais bei Potsdam ist völlig unbegründet.
Bern, 3. Juni. Zum Präsidenten des Nationalrathes wurde heute Philippin (Neuenburg), zum Präsidenten des Ständerathes Veffaz (Waadt) ernannt.
Petersburg, 3. Juni. Gortschakoff's Befinden ist bester und wird seine baldige Wtedergenesuug erwartet.
London, 3. Juni. „Daily News" melden aus Konstantinopel: Die Pforte brachte in Erfahrung, daß England und Rußland über die Lösung der orientalischen Frage vollständig einig find und zwar unter folgenden Bedingungen: Herstellung eines unabhängigen bulgarischen Staates, Einverleibung von Thestalien, Epirus und Kreta in Griechenland; Serbien und Montenegro erhalten Gebietszuwachs mit Einwilligung Oesterreichs; alle anderen türkischen Provinzen erhalten Autonomie unter einer internationalen Commission. Der Sultan bleibt in Konstantinopel mit nomineller Souveränität.
Schuwaloff hat gestern Abend die Reise nach Petersburg angetreten, um daselbst noch vor dem Congreß Bericht zu erstatten und Instructionen ein- zuholen. Die Morgenblätter berichten, die Regierung beabsichtige heute dem
Parlamente anzukündigen, daß die Verständigung betreffs des Congreffes erzielt sei. Beaconsfield, Salisbury und Rustell würden England auf dem Congreß


