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Mo. t£9. Mittwoch, den 5 Juni 1878.
Aietzener 'AnMger
Anikige- nai Amtsblatt für den Kreis Gieftn.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Zum Attentat auf Kaiser Wilhelm
Wilms.
v. Langendeck.
v. Lauer.
Leben vorzubereiten, zu besonderem Danke verpflichtet fühle. Dasselbe Princip: non scholae sed vitae discimus, war das leitende auf dem königlichen Pädagogium zu Züllichau, welches ich darauf besuchte und dessen fünf oberste Elasten Ober-Tertia, Unter- unkt Ober-Secunda, Unter- und Ober-Prima ich in 4Vz Jahren, von Ostern 1863 bis Michaelis 1867, durchmachte. Nach zurückgelegter Schule widmete ich mich zunächst drei Jahre der praktischen Landwirthschaft, studirte darauf während drei Semester von Michaelis 70 bis Ostern 72 Staatswissenschaften und Landwirthschaft in Halle an der Saale, ging nochmals zwei Jahre in die Praxis zurück, theils auch auf mehrmonatliche Reisen, um eine größere Anzabl Wirthschaften, industrielle Etablissements verschiedener Art kennen zu lernen. Von Ostern 74 bis 75 studirte ich alsdann nochmals dieselben vorhergenannten Fächer in Halle a. S. und von da ab das 6., 7. und gegenwärtige 8. Semester an hiesiger leipziger Universität. Leipzig, im Mai 1876. Karl Nobiling." Nachdem er das Doctor-tLxamen gemacht, kam Nobiling vor etwa zwei Jahren ^nach Berlin. Er hat sich seitdem vergeblich bemüht, Stellung zu finden, hat auch kurze Zeit beim Geheimrath Engel im Statistischen Bureau gearbeitet und sich, wie er Herrn Landes-Oeconomierath Thiel erklärte, seit etwa acht Wocken auf die Schriftstellerei geworfen. Nach den Aussagen desselben Herrn rnackte cr den Eindruck eines in seinem Fache bewanderten, sonst aber geistig nicht hervorragenden Menschen." So wett das Montagsblatt.
Berlin, 3. Juni, Vorm. 10 Uhr. Se. Maj. der Kaiser haben die Nacht gut und im Ganzen schlafend zugebracht. Fieber findet nicht statt: das Gesammtbefinden ist durchaus befriedigend; der Eisumschlag auf dem Arm thut wohl.
— Das Befinden des Kaisers ist fortdauernd befriedigend.. Se. Maj. ist bei leutseligster Laune und nimmt vollen Antheil an den zahllosen von auswärts eingehenden Kundgebungen der Sympathie.
— Das hier verbreitete Gerücht von dem erfolgten Tode des Attentäters Nobiling entbehrt der Begründung. Die in Posen wohnenden Schwestern des-
zustande des Kaisers.
Berlin, 4. Juni, Morgens 63/4 Uhr. Bulletin. Der Kaiser hat diese
Nobiling am Leben zu erhalten.
Berlin, 4. Juni, 2 Uhr 10 Min. Nachts. Se. Maj. der Kaiser bat li/2 Stunden geschlafen; die Aerzte sind sehr zufrieden mit dem Gesundheits-
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
»«-aeltsnObirrechirr Sartenstraße B. 165. r Schalstraße B. 18.
selben sind vernommen worden.
Berlin, 3. Juns. Den neuesten Extra-Blättern entnehmen wir folgende Mttthetlungen: Der Zustand des Mörders Nobiling ist hoffnungslos. In den Erbrechungen haben sich bereits Gehirntheile gezeigt. Die Aerzte halten es für unwahrscheinlich, daß er den heutigen Abend noch erlebt. Seine Vernehmung war unter den Umständen mit außerordentlichen Schwierigkeiten verknüpft. Gleichwohl ist sie nicht resultatlos geblieben. Nach den uns von verbürgtester Seite zukommenden Meldungen hat Nobiling auf die Fragen des Untersuchungsrichters die deutlichen Worte gesprochen: „Habe viele Mitwisser, will sie nicht schonen, aber sie auch nicht verrathen. Mich hats getroffen." Die letzte Aeußerung legt den Verdacht eines gemeinschaftlichen verbrecherischen Unternehmens, für deffen Ausführung der Thäter sich irgend einer zufälligen Macht, vielleicht dem Lose, hat unterwerfen müffen, sichtlich nahe. Aus den Aeußerungen des hier wohnhaften Stiefvaters des Mörders (Majors v. G.) geht hervor, daß Nobiling zu seiner Familie in sehr losen Beziehungen gelebt und seit längerer Zeit ein höchst geheimnißvolles Wesen gezeigt hat. Bon elterlicher Seite ist er mit Geldmitteln nicht unterstützt worden, hat indeß gleichwohl in nichts weniger als dürftigen Verhältnissen gelebt und mehrfach Reisen unternommen, bet denen Niemand seiner Angehörigen wußte, woher er die Mittel dazu genommen. So habe er vor einiger Zeit seinem Stiefvater erklärt, „er muffe nach London", und auf die Frage, was er dort wolle, erwidert, darüber könne er nichts sagen, das fei feine Sache". In einem andern Falle habe er feinen Verwandten in gleicher Weise erzählt, daß er nach Posen reisen werde. Befragt, von welchen Mitteln er die Kosten dieser Reisen bestreite, antwortete Nobiling, „das habe keine Noth, er werde das Geld schon auftreiben".
Berlin, 3. Juni. Die Aussagen von Bediensteten in dem Hause, wo Nobiling wohnte, ergeben, daß derselbe während der letzten Zeit stets in frühester Morgenstunde Personen in Arbeiterkleidung bei stch empfing, welche ebenso still gingen wie sie gekommen waren. Nobiling unterhielt auch intimen Verkehr mit einem eifrigen Anhänger der Socialdemokratie aus den besseren Ständen, der sich jetzt in Paris aufhält.
Berlin, 3. Juni, 4 Uhr 30 Min. Nachm. Bulletin. Der Gesund- \ heitszustand Sr. Majestät ist befriedigend, der Kaiser hat geschlafen und ' etwas Nahrung zu stch genommen.
Berlin, 3 Juni. Der Kaiser hat die Kaiserin und die Großherzogin von Baden aus einige Minuten gesehen. Die Kaiserin, die Großherzogin von Baden, Prinz Karl, der Großherzog von Sachsen, Prinz Heinrich der Niederlande und die hier anwesenden Mitglieder der königlichen Familie weilen in der Nähe des Kaisers. Von sämmtlichen auswärtigen Hofen, von zahllosen Vereinen und Privatpersonen giftgen theilnehmende Telegramme an den Kaiser ein. - Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge soll Nobtlmg die Frage seiner ihn in der Haft aufsuchenden Mutter: „hast du etwas dafür bekommen?" verneint, die weitere Frage: „hat dich denn das Loos getroffen?" kopfschüttelnd mit • ach Gott! beantwortet haben. Es ist Aussicht vorhanden, den
Berlin, 2. Juni, 5 Uhr. Ich schreibe Ihnen unter dem ersten Eindruck des furchtbaren i Ereignisses, welches der heutige Tag über Preußen un- Deutschland gebrockt hat. Ein zweiter 1 Mordanfall nack kaum drei Wochen ist auf den Kaiser gemacht. Diesmal ist leider der Mord- anschlaa nicht spurlos an der Person des Kaisers vorbeigegangen, wenn auch unmittelbare ' Lebensgefahr zum Glück nicht vorliegt. Um 2 Uhr fuhr der Kaiser im offenen Wagen, auf deffen Kutschersitz sich in gewohnter Weise der Kutscher und ein Jager befanden, vom Palais aus, um eine Spazierfahrt in den Thiergarten zu machen, durch die Südseite der Lindenpromenade. Als der Wagen vor dem Hause Nr. 18 sich befand, fiel aus einem Fenster des zweiten Stockes ein Schuß, der den Kalser sofort in die rechte Wange traf. Der Kaiser bedeckte sofort mit Dem i Taschentuch die Wange, welche blutete; allein schon im nächsten Augenblick fiel ein zweiter Schuß, i welcher den Kaiser erheblich verwundete. Der Monarch wurde von zahlreichen Schrotkornern : getroffen, welche Helm und Mantel durchlöcherten und daher ihre Kraft verloren, zum Theil sedock in den Körper eindrangen. Der Kaiser behielt vollkommen Ruhe und Bewußtsein und nQb Befehl zum Umkehren des Wagens. Der Jäger sprang in den Wagen und unterstützte den 1 Kaiser, den nun die Kräfte zu verlassen schienen. Nach fünf Minuten der Entfernung kehrte der I Wagen in das Palais zurück, und nun wurde der Kaiser von dem Jäger und den herbeteüenden Dienern die Treppe hinaufgetragen. Schleunigst war Geheimrath v. Langenbeck zur Stelle; der Gcheimrath Wilms folgte ihm bald darauf und der Leibarzt Dr. v. Lauer wurde herbeigeholt. Der Kaiser war angegriffen, namentlich durch den starken Blutverlust, dessen zahlreiche Spuren ich im Innern des Wagens noch bemerkt habe. Jedoch verlor der hohe Herr das Bewußtsein keinen Augenblick. Die Aerzte legten thätig Hand an, um die sehr zahlreich eingedrungenen ! Schrotkörner zu entfernen. Inzwischen war gleich nach der verruchten That das Volk massenhaft in das Haus Linden Nr. 18 gedrungen. Der Mörder hatte sich in seinem Zimmer verrammelt; die Thür wurde jedoch eingetreten. Den ersten ver Hereinstürmenden, den Wirth des ■ Lindenbotels, Holtfeuer, schoß der Mörder mit einem Revolver durch den Hals, worauf er selber i Die Mordwaffe gegen sich richtete, ohne sich erheblich (?) zu verletzen. Einer der Nachdringenden, i ein junger Officier vorn 82. oder 83. Infanterie-Regiment, schlug dem Mörder die Wasft aus j der Hand, und nun erst bemächtigte man sich seiner. Polizei war zahlreich sofort zur Stell - s Es wurde festgestellt, daß der Mörder auf den Kaiser aus einer Büchsflmte mit gezogenen Läufen Schrotkugeln Nr. 3 oder Nr. 4 geschossen hatte. Er gab an, Nobiling zu heißen und Doctor der Philosophie zu sein. Man feffelte ihn und ließ sofort den Wagen zum Transport I Gefangener herbeiholen, mittlerweile wurde Herr Holtfeuer verwundet aus dem Hause getragen. Das ; Volk hielt diesen für den Mörder und nur mit Mühe gelang es, den Unglücklichen vor der Wuth ' der Menge zu schützen, leider geschah ein weiteres Unglück. Der Kutscher, der den Gefangenen führte, stieß bei der Einfahrt in das Haus so unglücklick an die Thorpsosten, daß er «ne Vn- } i letzung des Rückgrats davontrug und sofort in ein Krankenhaus gebracht werten mußte. (Der Urmeif bereits aestorbew D. Red.) Nun führte man den Mörder in jenem Wagen sofort auf die Criminalpolizei. I
±‘ÄtUÄff™M, der Untersuchungsrichter Johl, d« Sta g-nch sprastden ; Krüger und andere hohe Gerichtsbeamte erschienen. Es begann sofort d e Vernehmung. Der , Mörder wiederholte, er sei der Doetor der Philosophie Nobiling. Auf die Fragedes Staats' anwalts Tessendorff, ob er persönlicke Gründe für die That hatte, antwortete er, im Gegenth t, STJSe ich nicht Auf die weitere Frage, welche Motive ihn sonst geleitet, erwiderte er, es seien politische Motive gewesen. Näheres und Weiteres über die Vernehmung war bis zu der Stunde, wo ick Ihnen schreibe, nicht zu erfahren. Die Stadt hat lnzwiscken eme vollig ver- änderte Physiognomie angenommen. An allen Straßenecken standen die Menschen 'n dichten Gruppen aus^llen Stadttheilen strömten die Massen nach den Linden und der Umgegend des Valais. 'Am Palais des Kaisers sowohl Unter den Linden als am Ausgang nach der Bchren ilraße war die Volksmenge indessen so stark angewachsen, daß polizeiliche Maßnahmen getroffen werden^ mußt en um^'v?e S traßen frei zu halten, überdies war aus dem Palais der strenge Befehl gekommen, die möglichste Ruhe so schleunigst wie möglich zu schaffen- Die Mas^n wurdrn hohn- in die nächsten Straßen zurückgedrängt. Im Palais hatten die berühmten Operateure schnell Hand angelegt, um dem Kaiser energisch Hülfe zu leisten. Derselbe die une^chütterlichste Ruhe. Es wurde von Personen aus der Umgebung des Mo«archen erzah , , seine erste Sorge sei gewesen, man möge der Kaiserin und denii Kronprinzen mittheilen, & 9 nur ein Stteifschuß getroffen habe. Er ließ sich sodann über Namen und Person des Mörders näbere Mittheilung machen. Nack Verlauf einer Stunde hatte der greise Monarch schon den ibm eiaenen seine^Umgebung bezaubernden Humor wieder gewonnen, so daß er ^ck)elnd fragen * Jun .ins dem Diner für den Schah von Persien werden sollte. Sammtliche Minister,
M bie»oÄ1?nb®eWttn WE im Palais -tfdjknen. Man ftÄ 7as Eintreffen des Fürsten Bismarck in Berlin unmittelbar beuorstehe^ D> Stadt ist andauernd in unbeschreiblicher Aufregung. Erschütternd toirfte b e Kunde w - Ich buTd) einen Kufall erfahre, auf die Mitglieder der rnorokkamschen Gesandtschaft, welche wemenv
! Schußwaffe auf sich abgedrückt hatte, war eine große Blutlache mit zum Theibbereits geronnen Blute Nobiling stand in der linken nach der Thür zu gelegenen Ecke des Zimmers, dwHand
! 77s Nücken mit Stricken zusammengebunden, den Kopf mit Blut überströmt; namentlich
war die reckte Seite und zumeist in der Schläfengegend, die eine starke Geschwulst zeigte, mit
Tbell aeronnenem Blute bedeckt. Der Criminal-Commiffar Schuchardt leitete unter Beistand (Xiaer Officiere und anderer Personen, welche unmittelbar nach der That zugegen gewesen waren^ da» V?rfahren In so weit als !s bei der .ugenblicklich herrschenden Verwirrung möglich i ? silberne Cylinderuhr Nobiling's, die ihm gleich abgenommen wurde, lag auf bem
; Tisch. Die Waffensammlung, welche Nobiling zur Zeit der Ausführung der Tha esaßi un
Kollno b"i Birnbaum in d-r Provinz Posen, denn Pächter mein
Vater n-nr das^kicht der Welt Den ersten Unterricht erhielt ich von -m,gen Hauslehrern, von Berlin, -*■ ~ ------- '
den n ich mich namentlich dem kfct.n, dem damaligen Candidaten der Phil°-°b^ H--tn Fr.-dt ch flut geschlafen. Kem Fieber, Schmerzen vermindert Li-ve dessen Grundsatz bei der Erziehung es war, seine Zöglinge nicht nur möglichst vicii-mg v. Lauer. V 0---
i?wiff-nfch°fttich°-B-Sl-hung au-zubilden, sondern sie eben so setzt auch für das spatere praktische


