Tyrannei in Armenien und den griechischen Provinzen. Wer den letzteren an- gerathen habe, von der Rebellion abzustehen, habe eine ernste Verantwortlichkeit übernommen. Stanley, Buccleuch und Fortescue mißbilligten die von Lrgyll geführte Sprache, die dagegen von Ripon gerechtfertigt wurde. Derby erklärte: Er lege Armenien nicht die Wichtigkeit für die britischen Interessen bei, wie dies von mancher Seite geschehen sei, aber er bezweifele die Weisheit einer Sprache, die den russischen Vormarsch nach jener Richtung hin ermuthige. Argyll habe den zunehmenden Fanatismus der Mohamedaner Asiens der politischen Bedeutungslosigkeit Frankreichs nach dem Kriege von 1870 zugeschrieben, allein die Steuervermehrung in Folge der finanziellen Verlegenheit der Türkei liefere eine einfachere Erklärung der fraglichen Verhältnisse. Die britischen Depeschen trügen keine Schuld. Der Kriegsausbruch und der russische Vormarsch seien wahrscheinlich schon vor der lokalen Ruhestörung in der Herzego- wina geplant worden. Betreffs des jetzigen Zustandes der Türkei möchte er (Derby) erst klarer sehen, wodurch derselbe ersetzt werden solle. Die erste Sorge der Regierung sei gerichtet auf eine Lösung mit Zustimmung und unter Mitwirkung aller europäischen Mächte; sobald die Friedensbedingungen bekannt seien, werde sie hierüber die eingehendsten und ernstesten Erwägungen pflegen. Es sei Pflicht der Regierung, in einem halbctvilisirten Staate, wo starker Fanatismus herrsche, Sicherheit zu schaffen und gleiche Gerechtigkeit für Mohamedaner und Christen herzustellen.
Italien.
Nom. Man versichert, der Cardinal - Staatssecretär Simeoni habe wichtige Papiere im StaatSsecretariat eingepackt, die von Rom in die Welt versandt werden sollen für den Fall, daß ungewöhnliche Eretgntffe beim Con- clave einträten. In Folge der Bitten vieler Bischöfe, welche sich über einige von dem unvollendeten Concil ungelöst gelaffene Zeitfragen in Verlegenheit befinden, wird eine Bulle vorbereitet, welche Normen zur Erklärung des Sylla- bus enthalten soll.
— Die Todtenfeter für Victor Emanuel in Mailand ist leider von schweren Unglücksfällen begleitet gewesen. Man hörte aus der Menge, die sich dort im Eingänge des Domes zusammendrückte, fürchterliches Geschrei, besonders von weiblichen Stimmen; ein Mädchen von 23 Jahren, eine Shneiderin, ward .alsbald aus der Menge tobt heroorgezogen. Auch ein unbekannter Mann von 60 Jahren ist tobt und ein junger Arbeiter von 15 Jahren liegt schwer verletzt darnieder. Zwei andere junge Mädchen geriethen unter die Füße derjenigen, welche durch ein Seiten-Portal des Domes eindrangen. Eine von 15 Jahren, ebenfalls Schneiderin, und eine von 20 Jahren, noch unbekannt, welche im wahren Sinne des Wortes zerquetscht worden ist. Die Wittwe Sala, von 48 Jahren, ist gleichfalls dem Volksandrange zum Opfer gefallen. Die Gesichter aller dieser Erdrückten sollen nach dem Tode ganz schwarz gewesen sein, Die Leichname sollen auf den Beschauer einen ganz furchtbaren Eindruck machen. Sie erinnern fast an die 34 Erdrückten auf dec Berliner alten Schloßbrücke, beim Einzuge König Wilhelm IV. nach seiner Heirath. Damals stand die neue, gegenwärtige Schloßbrücke schon, war aber durch Polizei-Mannschaften gesperrt worden. Noch furchtbarer war das Erdrückungs-Unglück in Paris, bei dem Feuerwerk zur Feier der Hochzeit Ludwig XVI. und Marie Antoinettes, wobei 1700 Menschen im Gedränge umkamen.
Flußland.
Petersburg, 3. Februar. Ofstciell. Adrianopel, 29. Jan. General Strukoff erhielt heute von dem Vice-Consul in Rodosto die schriftliche Bitte, dorthin zu eilen, um die Stadt vor Plünderung zu retten. General Strukoff beorderte eine Abtheilung, nach Rodosto zu marschiren. Am nämlichen Tage rückte General Strukoff mit dem Vortrab von Lüleburgas gegen Tschorlu vor. Seiner Meldung zufolge verüben die in Mafien flüchtenden Muselmänner Brandstiftungen, Plünderung, Gewaltthaten und Mord. Unweit Lüleburgas holte General Strukoff 180,000 bis 200,000 Türken ein, entwaffnete dieselben und stellte ihnen die Heimkehr oder das Wetterziehen frei. Die Flüchtlinge zeigten sich darüber sehr verwundert und sagten aus, sie seien von den türkischen Behörden gezwungen worden, zu emigriren, da die Rufien sie niedermetzeln würden. Eine Anzahl derselben kehrte heim, ein Thetl zog weiter nach Rodosto. General Strukoff nahm mehrere Partien Tscherkeffen und Reguläre gefangen, erbeutete einen Train und zwei Fahnen.
Griechenland.
Athen, 3. Februar. Gestern überschritten griechische Truppen unter Führung Soutzc's die türkische Grenze, die Avantgarde in der Stärke von 1 Escadron, 1 Bataillon Tiratlleurs und 1 Bataillon Infanterie; das Gros, bestehend aus 8 Bataillonen Infanterie, 5 Batterien und 2 Tirailleur-Bataillonen folgte nach. Die türkischen Grenztruppen zogen sich gegen Domono zurück. Man nimmt an, daß die Griechen auf Domat marschiren, defien Garnison 200 Mann stark ist.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr» Eorrespondenz-Bureau.
Petersburg, 4. Febr. Der Kaiser besichtigte gestern das 85. Wi- bvrgfiche Regiment und sagte in seiner Ansprache an die versammelten Generale und Officiere: Ich beglückwünsche die Herren zu dem Waffenstillstände, defien Bedingungen befriedigend sind. Wir verdanken ihn unseren braven Truppen, welche bewiesen haben, daß ihnen nichts unmöglich ist. Aber dies ist noch nicht zu Ende: wir muffen uns in Bereitschaft halten, bis wir einen dauerhaften, Rußlands würdigen Frieden erreicht haben, wozu Gott helfen möge.
Paris, 4. Februar. Die „Agence Havas" meldet aus Athen vom 3. d.: Die griechische Regierung hat dem hiesigen türkischen Gesandten Pho- tiades Bey eröffnet, Griechenland beabsichtige nicht, der Türkei den Krieg zu ei klären, sondern seine Landsleute gegen die Angriffe der Tscherkessen zu beschirmen. Ungeachtet des Waffenstillstandes sei die Ausführung dieses Programmes fest beschloffen und rücke die Armee nach Thessalien vor.
Das „Journal des Döbats" enthält folgende Depesche aus Alexandrien vom 3. d.: Eine große Versammlung sämmtlicher Jntereffenten der egyptischen Staatsschuld, die in der Börse stattfand, richtete einen energischen Protest gegen das Decret der Negierung, welches eine neue Untersuchung hinsichtlich der Schuldverhältniffe anordnet. Gegen den Khedive wurde unter heftigen Angriffen die Beschuldigung erhoben, daß er die Entscheidungen der Gerichtshöfe nicht zur Ausführung bringe, obwohl ihm mehr als genügende Mittel zu Gebote
ständen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Eine entsprechende Petition soll an die europäischen Mächte gerichtet werden.
London, 4 Februar. Der Herzog von Northumberland ist als Geheim- Siegelbewahrer, welchen Posten bisher Beaconsfielv bekleibete, in bas Crbinet eingetreten. — Der deutsche Botschafter Graf MÜ ister veranstaltet am 6. b. ein Ballsest zu Ehren des Kronprinzen von Oesterreich, wozu über 1000 Einladungen ergangen sind.
Wien, 4. Februar. Särnrntliche Morgenblätter melden, daß die unveränderte Reactivirung des Cabinets Auersperg eine vollendete Thatsache ist.
Karlsruhe, 4. Februar. Anläßlich einer Interpellation betreffs der Tabakssteuer gab ber Finanzminister folgcnbe Darlegung bes von der Regierung eingenommenen Standpunktes in dieser Frage: die Regierung sei nicht princi- piell gegen bie Erhöhung der Steuer, da bas Reich und bie Einzelstaaten derselben bedürften; indeß sei der Satz von 24 Mark zu hoch und höchstens ein solcher von 18 Mark zulässig; falls letzterer nicht angenommen würde, stimme Baden gegen das Gesetz. Die Regierung werbe die noch zu burchlaufenden Slabien ber Angelegenheit benutzen, um ihrer Auffassung Geltung zu verschaffen. — Das Haus billigte die Haltung der Regierung.
Wien, 4. Februar. Das hiesige „Telegr.-Corresp.-Bureau" meldet: Wie wir vernehmen, ist die formelle Einladung zum Zusammentritte der Con- feienz in Wien gestern von dem Wiener Cabinet an die Cabniete der Pariser Li.zuatarmächte abgesendet worden.
Paris, 4. Februar. General Cialdini, Botschafter Italiens, ist hier eingetroffen. — Nachrichten aus Shanghai vom 3. d. melden von einer Feuersbrunst in Tientsin, wodurch ein Frauen- und Kinder-Asyl zerstört und wobei mehr als 2000 Menschen umgekommen sein sollen.
Berlin, 4. Februar. Das Herrenhaus genehmigte heute einige kleinere vom Abgeordnetenhause bereits angenommene Gesetzentwürfe unverändert.
— Die Abendblätter melden, Se. Maj. der Kaiser werde den Reichstag nicht in Person eröffnen; die Eröffnung finde Mittwoch Nachmittag 2 Uhr statt.
Versailles, 4. Februar, Abends. Die Deputirtenkammer hat den Gesetzentwurf, betr. die Herabsetzung der Telegraphen-Gebühren, im internen Verkehr angenommen.
Madrid, 4. Februar. Die Nachricht von dem Erscheinen carlistischer Banden in der Provinz Gerona wird als unbegründet bezeichnet; es handle sich nur um eine Schaar von 8 Taugenichtsen, die plündernd unter dem Ruse: Es lebe die föderale Republik I umherzogen und nun sämmtlich verhaftet seien. — Die Lovsziehung zum Zwecke ber Rekrutirung in ben baskischen Provinzen erfolgt in vollkommener Ruhe.
Wien, 4. Februar. Die „Presse" bestätigt, daß Andraffy am 3. d. die Einladungen an bie Pariser Signatarmächte zum Zusammentritt der Con- ferenz in Wien hat ergehen lassen.
— Abends. Die „Polin Corresp." enthält folgende Meldungen: Aus Petersburg vom 4. d. Nach Unterzeichnung der Friedenspräliminarien wird in Adrianopel unverweilt zur Verhandlung des definitiven Friedensoertrages geschritten; Jgnatieff ist mit Führung der Unterhandlungen betraut. — Aus Belgrad vom 4. d. Großfürst Nikolaus hat der Anzeige von dem Abschluß deS Waffenstillstandes die Versicherung beigefügt, die Interessen Serbiens würden gebührende Berücksichtigung finden. — Aus Cettinje. Der russische Agent Ionin hat den Fürsten vom Abschluß des Waffenstillstandes benachrichtigt und denselben aufgefordert, die Feindseligkeiten einzustellen.
Darmstadt, 3. Febr. (Bericht über den am 26. Januar in Darmstadt abgehaltenen hessischen Städtetag. Schluß.)
Da die zweijährige Frist zum Erwerb des Unterstützungswohnsttzes vom that- sächlichen Aufenthalt und nicht vom Tag der polizeilichen Meldung deS Anziehenden berechnet wird, und nur die Verabreichung öffentlicher Unterstützung zur Abweisung berechtigt, so wird von vielen Personen ber Unterstützungswohnsitz geradezu erschlichen. Während der erforderlichen zwei Jahre leben sie vom Betteln bei Vereinen und Privaten und treten mit dem Anspruch an öffentliche Unterstützung erst hervor, wenn die zwei Jahre herum sind; dann reden ste aber eine energische Sprache. Es gibt Landgemeinden in der Provinz Starkenburg, welche sich in ben letzten Jahren fast ihres sämmtlichen Proletariats zu Lasten ber städt. Armenkasse entlebißt haben, inbem ste bie; selben inbirect zu bem Zweck unterstützten, in bie Stadt zu ziehen und darin den Unterstützungswohnsitz zu erwerben.
Zu diesen Üblen Wirkungen, welche der massenhafte Zuzug in die größeren Städte auf deren materielle Lage geübt hat, sind noch die schweren Schäden zuzufügen, welche das Kleingewerbe der Städte durch unnatürliche und übermäßige Steigerung der Con- currenz erlitten hat und noch erleidet. Zu allen diesen Schaden ist^noch zuzusügen, daß durch das Zusammendrängen solcher besitzlosen Massen in ben -Städten bal so- cialtstische Element verstärkt wird, wie beim auch bie Zahl ber Vertreter beffelben in den politischen Körperschaften wie in den städt. Vertretungen wächst.
Wenn man jetzt schon zu einer Revision und Abänderung der FreizÜgizkeitS- und UnterftÜtzungswohnsttzgesetze schreiten wollte, so würden nach vorstehenden Ausführungen unter Aufrechthaltung der principiellen Grundlagen der Gesetzgebung folgende Aende- rungen alS durch die Erfahrung geboten erscheinen:
1) Erweiterung der Befugniß der Gemeinde zur Abweisung Neuanziehender in solchen Fällen, wo ungeachtet des Vorhandenseins genügender Kräfte des Anziehenden die Unmöglichkeit sich und die Familie zu ernähren menschlichem Ansehen nach im Voraus gewiß ist; „ _AL
2) Die Bestimmung, daß der Lauf ber Frist zum Erwerb be« Unterstützung« - Wohnsitzes erst von ber Anmeldung bei der Gemeindebehörde beginnt;
3) Die Befugniß zur Ausweisung vor Erwerb des Unterftützungswohnsitzes auch in solchen Fällen, wo der Betreffende zwar keine öffentliche Unterstützung beansprucht, wohl aber seinen ober seiner Familienangehörigen Lebensunterhalt durch freiwillige Mildthätigkeit von Privaten ober Vereinen, ober auf unredliche Weise fristet resp. ergänzt ;
4) Erweiterung der zum Erwerb des Unterstützungswohnsttzes erforderlichen Aufenthaltsdauer auf mindestens 3 Jahre.
Durch die Eingangs mitgetheilten Aenderungsvorschläge ist die Lage der Stabte noch bedrohter geworden.
Die AenderungSvorfchläge werden nunmehr in ber Denkschrift einer speciellen Begutachtung unterzogen, wonach dem Grundgedanken des ganzen Gesetzes gegenüber, „daß die Verpflichtung zur Unterstützung ein Äquivalent für die auS dem Aufenthalt des Bedürftigen genossenen wirthschaftlichen Vortheile bilden sollen" die zweijährige Frist überhaupt zu gering gegriffen erscheint, zumal erfahrungSmatzig die <3e« meinben von Neuangezogenen, welche schon nach 2 Jahren unterstützungsbedürftig werden, regelmäßig keine ober nur sehr geringe wirthschaftliche Vortheile, meistens vielmehr Nachtheile unb Belästigungen gehabt haben Die Theorie von ben „wirthschaftlichen Vorthetlen" entspricht bec Wirklichkeit nicht. Nun soll auch noch, wohl auS der Befürchtung, die Städte würden von den wirthschaftlichen Dortheilen zu fett und mastig, die Dauer auf ein Jahr herabgesetzt und dadurch der Anreiz zur Ueberstedelung in die Städte noch vermehrt, die Erwerbung des Rechts auf Unterstützungswohnsitz noch erleichtert werden. Damit geht das Ideal der „Mancheftermänner" seiner Verwirk ichung entgegen, wonach der Aufenthaltsort ohne Rücksicht auf bie Dauer des Aufenthalts für unlerstützungspflichtig zu erklären fei. Die deutschen Städte werden dann nur noch in ihrer B ankero tterk! ärung das letzte Schutzmittel gegen weitere Belastungen finden


