stand zu leihen, um, wenn irgend nur möglich, den unglücklichen Krieg zu beenden.
London, 29. August. „Reuters Bureau" meldet aus Konstantinopel : Gestern richtete die Pforte neuerdings eine Note au Musurus Pascha, in welcher sie ihn auffordert, Englands Aufmerksamkeit auf die Rüstungen Griechenlands zu lenken und zu erklären, die Türkei werde im Falle einer Jnsurrection ihre Truppen nach Athen marschiren lassen, um das Uebel an der Wurzel auszurotten. England machte der griechischen Regierung Vorstellungen. Letztere hat der türkischen Regierung eine Note zugestellt, worin sie derselben ihre friedlichen Gesinnungen versichert und das Versprechen gibt, wenn nothwendig, gemeinsam mit türkischen Truppen das Räuber-Unwesen zu unterdrücken. — Eine fernere Meldung von „Reuter's Bureau" lautet: Der Abschluß einer neuen türkischen Anleihe sei noch imperfect. Die Banque Ottomane habe ein Syndicat gebildet in Betreff eines Vorschusses von einer Million Pfund auf das Erträg- niß der neuen Anleihe.
Türkei.
Konstantinopel, 27. August, Abends. Der General-Gouverneur von Tripoli, Mustapha Pascha, Mitglied des hiesigen Kriegsraths, ist an die Stelle Mahmud Damat Pascha's, welcher Großmeister der Artillerie bleibt, zum Kriegs-Minister ernannt worden. Der Kammer-Präsident Ahmed Vefik Pascha ist zum Gouverneur von Adrianopel ernannt worden. — Der Sultan beglückwünschte Mukhtar Pascha zum Siege von Gedikler.
Der orientalische Krieg.
Wien, 27. August. Der „Polit. Corresp." wird aus Bukarest unterm Heutigen telegraphirt: ' Aus dem russischen Hauptquartier wird von gestern Abend gemeldet, daß der Schipka-Paß noch vollkommen im Besitze der Ruffen und die Verbindung derselben mit Gabrowa intact sei. — General Loris-Me- likoff meldet, er habe, von Mukhtar Pascha angegriffen, denselben mit unge- beuren Verlusten zurückgeworfen. — Ein großes türkisches Panzerschiff wurde von dem russischen Kriegsdampfer „Constantin" vor Sukum-Kale durch Torpedos in die Lust gesprengt.
Wien, 28. August. Meldungen der „Presse": Bukarest, 28. Aug. Gerüchtweise wird aus dem russischen Hauptquartier gemeldet, daß Suleiman Pascha die Angriffe gegen den Schipka-Paß eingestellt habe. — Tiflis, 27. Aug. Vorgestern griff Mukhtar Pascha die russischen Positionen bei Kürükdara an, wurde aber zurückgeschlagen.
Konstantinopel, 28. August. Die „Agence Havas" meldet: Suleiman Pascha bemächtigte sich der Verschanzungen am Eingänge zum Schipka- Paffe, ist aber noch nicht Herr des Paffes. Die gestrige Schlacht war sehr blutig, besonders auf russischer Seite.
Petersburg, 28. August. Officiell. Gorni-Studen, 27. Aug. Seit gestern Mittag und heute unterhielten die Türken nur ein schwaches Feuer gegen den Schipka-Paß. Unsere Braven behaupten alle Positionen. Die Tür- ken setzten sich auf den benachbarten Bergen fest und lösen einander fortwährend im Kampfe ab. Sie bringen Wasser, Proviant, Patronen und Gebirgs-Geschütze auf Lastthieren heran, und zwingen, wo letztere nicht passiren können, Bulgaren zum Schleppen.
Wien, 28. August. Ein Telegramm der „Polit. Corresp." aus Bukarest vom 27. d. meldet: Nach speciellem Uebereiukommen Rumäniens mit dem russischen Hauptquartier nimmt die rumänische Armee unter dem Befehl des Fürsten von Rumänien an dem Kriege Theil. — Die rumänischen Truppen errichteten eine feste Brücke bei Karabia, deren befestigter Brückenkopf auf dem türkischen User von denselben besetzt wurde. In der Nacht vom 24. auf dem 25. d. passirte eine rumänische Infanterie-Brigade die Brücke, während bei Turn-Magurelli gleichzeitig drei rumänische Kavallerie-Regimenter über die Donau gingen. Ein von Widdin kommendes 6000 Mann starkes türkisches Corpv traf zu spät ein, um den Uebergang zu verhindern, und trat wieder den Rückmarsch an. — Ein Manifest des Fürsten von Rumänien ist zu gewärtigen. — Oberst Catargiu, welcher mit der serbischen Regierung militärische Vereinbarungen treffen soll, ist in Belgrad eingetroffen.
— Der „Presse" wird aus Konstantinopel unterm Heutigen telegraphirt: Nach hier vorliegenden Berichten aus dem Schipka-Paß sind dte Verluste Suleiman Pascha's, dem es gelungen sein soll, zwei Forts zu cerniren, außerordentlich groß. Die Zahl der Kampfunfähigen wird auf 10,000 Mann geschätzt. — Die Entfernung Mahmud Damat Pascha's vom Kriegs-Ministerium wird allgemein dabin interpretirt, daß derselbe in Ungnade gefallen sei.
Konstantinopel, 28. August. Mehrere gefangene russische Ofsiciere sind hier eingetroffen. — Ein Telegramm Suleiman Pascha's meldet, daß mehrere russische Angriffe, welche bezweckten, die von den Türken besetzte Höhe Alikeri Zebel zur Linken des Schipka-Paffes wieder zu nehmen, von dm türkischen Truppen unter großen Verlusten auf russischer Seite zurückgewiesen wurden. Die Angriffe gegen die russischen Befestigungen am Schipka-Paffe werden fortgesetzt. Die Türken erbeuteten 2000 Gewehre. Die Russen verloren bereits 3000 Todte, der Verlust der Türken ist noch unbekannt. — Der ehemalige Minister des Aeußern, Savfet Pascha, wurde an die Stelle Hassim Pascha's zum Justiz-Minister ernannt. Letzterer wurde Präsident des Senats.
London, 29. August. Der „Times" wird aus Schumla, 28. Aug., telegraphirt: Suleiman Pascha hat am Montag nach neunstündigem Kampfe fast sämmtliche russische Positionen am Schipka-Paß erstürmt. Der russische Verlust beläuft sich auf 3000 Todte und Verwundete. — Nach Telegrammen von „Daily News" und „Daily Telegraph" besinden sich die russischen Erdwerke an der Mündung des Schipka-Paffes sämmtlich in türkischem Besitze. Dte Russen wurden an beiden Flanken angegriffen.
Petersburg, 29. August. Nach den letzten an amtlicher Stelle vom Schipka-Paß hier eingetroffeneu Nachrichten, welche bis gestern reichen, mackt sich in den türkischen Angriffs-Bewegungen allrnählig eine unverkennbare Erschlaffung geltend. Die bisherigen Sturm-Versuche der Türken waren oergeb- Iid) und ohne nachhaltigen Erfolg. — Meldungen des Ober-Commandirenden auf dem asiatischen Kriegsschauplatz laffen die Situation als unverändert erscheinen ; bei den Kämpfen am letzten Samstag sei auf keiner Seite ein positiver Erfolg zu verzeichnen.
Lokal-Notiz.
Gießen, 31. Aua- Bei dem am 28. u. 29. d. M. dahier stattgehabten Vieh- mmfte waren aufgetrieben: 4 Pferde, 2411 Stück Rindvieh und 740 Schweine.
Gießen, 30. Aug. Dte an vier Stellen ausgelegene Petition an den Reichskanzler Fürsten o. Bismarck betr. „Heilighaltung des Sonntags" wurde gutem Vernehmen nach von 14—15 Personen unterzeichnet.
Vermischtes.
— Wie wir vernehmen har der Vorstand der Bau- und Industrie-Ausstellung zu Frankfurt a. M. im ehemaligen BundeS-Palais, große Eschenheimerstr. Nr. 26 beschlossen, am 2. September einen sogenannten Handwerkertag zu eröffnen, welcher als- vann monatlich je am ersten Sonntag stattfinden soll. — Abgesehen davon, daß der Besuch dieser Ausstellung an und für sich ein sehr lohnender und interessanter für jeden Handwerker rc. ist, finden wir in der Einführung des Handwerkertages einen weiteren Beweis von der Gemeinnützigkeit dieses Unternehmens und begrüßen es mit Freuden, daß an die Besucher eine von den Ausstellern erworbene große Collection amerikanischer und deutscher Werkzeuge, Drumsägen, Panellsägen, Hämmer, Hobel, Messer, Schlosser, Winkel, Wasserwaagen, ferner Haushaltungs-Gegenstände aller Art, sogar die wirklich äußerst praktischen amerikanischen Kinderstühle zum Preise von nur 1 JL per Person ohne Nachzahlung vertheilt werden soll.
Wir constatiren gerne, daß die Bau- und Industrie-Ausstellung sich seit ihres kurzen Bestehens den Ruf eines gemeinnützigen Instituts erworben hat, welches prac- tisch dem lange gefühlten Bedürfnisse nach einem Centralpunkte technischer und industrieller Erzeugnisse entspricht.
Die Ausstellung wird Morgens um 7 Uhr geöffnet und bet 3000 Besuchern geschlossen werden.
Königshütte. Einem Elternpaar, welches zur Wartung des Jüngstgeborenen ein Dienstmädchen engagirte, fiel es auf, daß der Körper des Kindes sehr häufig mit rothen, anscheinend von Stichen herrührenden Fleckchen bedeckt war. So merkwürdig ihnen dieses aucv vorkam, so vermochten sie doch nichts anderes zu glauben, als anzunehmen, daß jene Fleckchen von Flohstichen herrührten. Jetzt, nachdem genanntes Mädchen schon längst sich anderswärts befindet, erfahren sie, daß dte Stiche dem Kinde von dem Dienstboten mittelst Nadeln beigebracht wurden und zwar zu dem Zwecke, das weinende Kind durch Zufügung von Schmerzen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Das Scheusal empfahl gleiche Operationen auch anderen Dienstmädchen an, und durch letztere ist die verwerfliche Thal bekannt geworden. Der Vater des auf diese Weise so vielfach geplagt gewesenen Kindes beabsichtigt, die Bestrafung des erwähnten Mädchens herbeizuführen. Jedenfalls liegt in diesem Vorkommniß abermals eine Mahnung. Dienstboten gegenüber, welchen man Kinder anoertraut, nicht gar zu vertrauensselig sich zu verhalten; im Gegentheil wird strenge Bewachung und Controle stets nützlich sein.
Berlin. Ein Invalide, der 63 Jahre hindurch ein feindliches Geschoß im Kopfe herumgetragen, wurde am vorigen Sonnabend auf dem hiesigen Jnvalidenktrchhofe begraben. Es war dies der Invalide Raabe der Leibcompagnie des hiesigen Jnvaliden- bataillons. Raabe wurde tm Jahre 1813 als junger Soldat beim Vorgehen in der Schlacht bet Lützen durch eine Kugel verwundet. Dieselbe drang ihm in den Kopf. Alle ärztlichen Bemühungen und Operationen, die mit dem Verwundeten damals vorgenommen wurden, um die Kugel zu entfernen, blieben erfolglos. Im Laufe der Jahre senkte sich das Geschoß, welches mittlerweile sich mit einer Fettmasse umhüllte, unter der Haut, bis ungefähr 2 Finger breit vom rechten Ohre entfernt. Bisher empfand der Invalide durch die Kugel nicht die geringsten Schmerzen, nur war er durch dieselbe verhindert, den Kopf frei zu bewegen. Im August vorigen Jahres fing die Kugel wieder an, ihm Schmerzen zu bereiten. Raabe ging also zum Oberstabsarzt des Berliner Jnvalidenhauses, ließ den Sitz der Kugel untersuchen und willigte ein, daß sie ihm herausgeschnitten werde. Wie der nun Verstorbene selbst sagte, verursachte die Operation nur dann Schmerzen, als die Kugel, welche im Laufe von 63 Jahren mit dem Fleische ganz und gar verwachsen war, vom Letzteren getrennt werden mußte. Die Operationswunde heilte bald. Der Invalide wurde wieder völlig gesund und hatte noch die Freude, am Abende seines Lebens, seinen Kopf wieder frei bewegen zu können. Die Kugel trug Raabe seither stets bei sich. Dieselbe war aus gehacktem Blei und von ziemlicher Dicke. Die Leiche wurde als interessanter Fall feccirt. Wie der „Post" mitgetheilt wird, konnte man den Kugelgang noch genau unterscheiden. Es fehlte nicht Diel, so hätte das Geschoß edlere Theile verletzt und den sofortigen Tod des Getroffenen herdeigeführt. Raabe starb in Folge von Altersschwäche.
— (Ein gestörtes Verlobungsfest.) (Pesther Blätter erzählen: Die Haus- und Gutsbesitzerin Frau von F. begab sich vor zwei Wochen von hier in Begleitung ihrer zwei noch minderjährigen Töchter nach einem auswärtigen Badeorte, wo sie bis Ende August zu verweilen gedachte. Da eines ihrer Kinder erkrankte, änderte sie ihren Entschluß und kehrte bereits Freitags Abends nach Pesth zurück. Mit Sack und Pack vor ihrer Wohnung in der Leopoldstadt angelangt, traute sie kaum ihren Augen, als sie von der Straße aus die Fenster ihrer Wohnung hell erleuchtet und zahlreiche Gestalten in ihrem Salon sich bewegen sah. Sie flog nun mehr als sie ging Über die Treppe zur Wohnung hinauf, wo sie in der Küche einen Koch und eine Köchin sand, die ihr ganz fremd nno mit der Zubereitung eines lucullischen Mahles auf das Emsigste beschäftigt waren. Erstaunt fragte Frau v. F., was denn eigentlich hier geschehe, worauf sie die Auskunft erhielt, daß „Fräulein Terka- ihre Verlobung feiere. Nun wurde der aufs Höchste Ueberraschten auch Alles klar, denn Fräulein Terka war — ihr Stubenmädchen, das sie allein in ihrer Wohnung zurückgelassen hatte. Sie eilte nun in ihre Wohnung und fand eine hübsche, mit ihrem Silberzeug gedeckte Tafel mit achtzehn Gedecken. Sie drang weiter in den Salon, wo eben beim Klavier eine Schaar junger Mädchen und Herren einen Walzer berabroirbelte. Fräulein Terka und deren Schwester hatten sich zu dieser VerlobungS-Soiröe aus der Garderobe der „Gnädigen" die hübschesten Seidenroben entlehnt und zurecht gemacht. Am Halse Terka's erglänzte eine echte Perlenschnur, Haar und Ohren waren mit dem Diamantschmuck der „Gnädigen" geziert. Erst nach einigen Minuten stummer Bewunderung gelangte Frau v. F. zur nöthigen Kraft, um den Tanzenden ihre Anwesenheit zu signalisiren. Fräulein Terka sank bet dem unerroG’teten Anblick ihrer „Gnädigen" wie vom Blitze getroffen nieder und die ganze Gesellschaft, welche zu ahnen begann, was hier oorging, lief nun verdutzt durcheinander, wie Schafe bei Donnerwetter. In wenigen Minuten hatten sich die Gäste der Terka einzeln — an der ihrer harrenden Tafel vorüber — davon geschlichen und Frau von F. konnte sich nun ihrem sonst treuen und braven Stubenmädchen gegenüber ungenirt aussprechen. Bald daraus war Terka wieder in ihrem einfachen Hauskleide und auch so glücklich, daß ihr die Gnädige diesen allerdings sehr com- munistischen Geniestreich verzieh. Der engagirt gewesene Koch übernahm die in Bereitschaften gesetzten Delicatesscn um den halben Anschaffungspreis.
Moderne Balladen.
I. An der Selterbude.
Die Spree erglänzte weit hinaus Im letzten Abendscheine.
Da trat ich an's einsame Selterhaus Und trank ein Glas „mit" ganz alleine.
Das Wasser brauste, das Waffer schwoll, Der Himbeer stieg auf und nieder.
Die Jungfrau träufelte liebevoll Den rothen Saft hernieder.
Seit jenem Tag verzehrt sich mein Leib Mein Zustand wird täglich schlimmber: Mich hat das unglückselige Weib Vergiftet mit ihrem Himbeer!
II. Fälschers Tagewerk. Wenn früh die blauen Wölkchen ziehn, Färb' ich die Weine mit Fuchsin. Lacht Mittags hell der Sonnenschein, Thu' Schwerspath ich in's Mehl hinein. Wenn dann das Abendroth erglimmt, Schütt' Ziegelstaub ich in den Zirnrnt.
So leb’ ich, jeder Sorge fern, Und preise brünstig Gott den Herrn 1
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