Ko. 901.
Freitag, den 31. August
183».
Kietzener Wyeiger
Anffize- nnb Amlsblait für bk« Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS MontagS» Expedition r Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 3 Mark 50 Pf.
Amtlicher HHeil.
Gießen, am 28. August 1877. Betreffend: Den Coloradokäfer.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Büraermeistereien des Kreises.
Cs werden Ihnen, soweit dies noch nicht geschehen ist, Exemplare von Beschreibungen des Coloradokäfers zugehen, welche Großherzogliches Ministerium des Innern in Placatform hat anfertigen lassen. Ein solches Placat ist an das Gemeinde- oder an ein Schulhaus anheften zu lassen.
Es ist ferner dafür Sorge zu tragen, daß die Kartoffelfelder häufig nach dem etwaigen Auftreten des Käfers untersucht werden und Ihnen ungesäumt Anzeige von dem Auffinden des Käfers gemacht wird. In einem solchen Falle haben Sie sich sofort an Ort und Stelle zu begeben und uns selbst dann auf kürzestem Weg Anzeige zu erstatten, wenn Sie den Käfer nicht genau zu erkennen vermögen, vielmehr nur Verdacht haben, daß das aufgefundene Jnscct der Coloradokäfer sei. Das von dem Käfer befallene Kartoffelfeld ist sogleich absperren zu lassen, damit derselbe nicht durch Menschen weiter getragen wird.
Dr. Boekmann.
Wir sehen der Erledigung unsrer Auflage in rubr. Betreff, Amtsblatt vom 27. Juli d. I., seitens der noch rückständigen Schulvorstände unfehlbar
innerhalb 8 Tagen entgegen.
Dr. Boekmann.
Gießen, am 29. August 1877.
Gießen
Betreffend: Das Auftreten des Colorado-Käfers.
Die Großherzogliche Kreis-Schul
an die Schulvorstände deö
Das Büreau der Districts-Etnnehmerei Gießen I. befindet sich vom nächsten Monat an im Hause des Herrn C. Leib kirche Lit. A Nr. 17.
Gießen, den 30. August 1877.
(Lackirer) hinter der ^radt-
Folitisch
Deutschland.
^armftabt, 29. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst zu verleihen geruht:
Am 25. August: den Charakter als Geheimer Oberbaurath dem Vortragenden Rath in der bautechnischen Abtheilung des Ministeriums der Finanzen, Oberbaurath Renner, das Comthurkreuz II. Klaffe des Philipps-Ordens dem Obersteuerdirector, Geheimerath Ewald, das silberne Kreuz des Philipps-Ordens dem Pfandmeister Basiert in Gießen, das allgemeine Ehrenzeichen dem Haupt- fteueramtsdiener Weidig in Gießen, dem Steueraufseher Limberger in Mainz und dem Förster Unkelbach auf dem Forsthaus Vorholz;
Am 28. August: den Charakter als Oberforstdirector dem Geheimen Obersorstrath Bose, das Ritterkreuz I. Klaffe des Philipps-Ordens dem Forst- nleister Herpel in Friedberg und dem Oberförster Schmitt in Butzbach.
Berlin, 27. August. Die Annahme, daß sämmtliche Großmächte, selbst England nicht ausgenommen, nicht zögern würden, sich den deutschen Vorstellungen wegen türkischer Grausamkeiten gegen russische Soldaten anzuschließen, wird bereits von dem „Reichs-Anz." bestätigt. In der That wäre die Genfer Convention das Papier nicht werth, auf welches sie geschrieben ist, wenn die Theil- nehmer an derselben die Mißachtung der selbstverständlichen Voraussetzung der Convention unbeachtet lasten wollten. Auffallender Weise wird in der Presse als Gegenstand dieser diplomatischen Vorstellungen auch die von dem preußischen Major v. Liegnitz berichtete Verletzung der Parlamentäiflagge bei Kesanlyk bezeichnet (so auch in dem Bericht der „Daily News"), obgleich dieser Vorfall nicht eine Verletzung der Genfer Convention, sondern eine solche des Völkerrechts beweist. Hier kommt die Stelle des Berichtes des Majors v. Liegnitz in Betracht, wo es heißt: „Die Krankenträger fanden (am 19. Juli bei Besetzung des von den Türken aufgegebenen Schipka- Paffes) fast keine Verwundeten mehr vor; den liegengebliebenen Todten waren zum Theil, den Verwundeten scheinbar sämmtlich, der Kops abgeschnitten. Die Köpfe lagtu in den Zelten zerstreut. Unter Jenen befand sich ein Krankenträger mit der Binde des Genfer Kreuzes (also ein Nicht-Türke) um den Arm und ein Mann auf einer Krankentrage. Einige Verwundete waren scheinbar gräßlich gemartert worden." Ferner die Stelle aus dem Berichte eines anderen preußischen Offi- ciers: „Die Türken vrllführen übrigens Schändlichkeiten, die Alles übersteigen. Nicht genug, daß sie alle Verwundeten, die in ihre Hände fallen, ihrer männlichen Attribute berauben, so bringen sie dieselben nachher noch auf die grausamste Weise um, indem Fälle constatirt sind, daß Leichen mit Beilen in Stücke geschlagen sind."
Man mag die Grausamkeiten, welche die Baschi-Boznks, Saibaks u. s. w. gegen die bulgarische Bevölkerung verüben, durch das Beispiel motiviren, welches die Bulgaren vielfach der mohamedanischen Bevölkerung gegenüber gegeben haben; — obgleich die Baschi-Bozuks im vorigen Sommer solcher „Motive" nicht bedurften — die Grausamkeiten türkischer Soldaten gegen russische Soldaten gehören in ein ganz anderes Capitel; und auf dieses beziehen sich die Vorstellungen der sämmtlichen europäischen Großmächte.
Würzburg, 29. August. Der Kronprinz des deutschen Reiches ist heute früh 7 Uhr nach Bamberg abgereist. Gestern Abend sand eine große Serenade zu Ehren desselben statt.
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Hesterreich.
Wien, 29. August. Die türkische Botschaft erhielt osficielle Nachricht von großen errungenen Vortheilen Suleiman Pascha's im Schipka-Paffe. — In diplomatischen Kreisen wird versichert, Midhat's Rückkehr nach Konstantinopel stehe bevor. Die Wahlen in's türkische Parlament fänden bestimmt Mitte September statt. Die Zahl der Abgeordneten soll vermehrt werden. — Aus Krakau wird gemeldet, daß Oesterreich und Deutschland die Grenzen gegen Rußland besetzen, nm den Uebertritt der zahlreichen russischen Deserteure zu verhindern. — Die Congregation des Pesther Comitats richtet an die Regierung eine Adreffe, worin eventuell die Inanspruchnahme der Wehrkraft zum Zwecke der Erhaltung der türkischen Integrität verlangt wird.
Wien, 29. August. Das „Tageblatt" meldet aus Belgrad : Der Ministerrath hat Aenderungen in der Ordre de Bataille beschlossen. Leschjanin wird das Timok Corps, Horvatovic ein aus der stehenden Armee combinirtes Corps commandiren.
England
London, 28. August. Der britische Botschafter in Konstantinopel, Layard, wurde vom Großvezir benachrichtigt, es sei, um etwaige Wiederholungen der Verletzung von Bestimmungen der Genfer Convention durch türkische Truppen vorzubeugen, befohlen worden, daß die bezüglichen Bestimmungen der Convention in's Türkische übersetzt und unter die ottomanischen Truppen ver- rheilt würden. Ebenso seien alle erforderlichen Anordnungen getroffen, um fernere Ausschreitungen der Tscherkeffen und anderer irregulärer Truppen zu verhüten. — „Reuters Bureau" meldet aus Erzerum vom 26. d.: Die Türken griffen die gegenüberstehenden Ruffen bei Auhe und Kisiltepe an und bemächtigten sich nach hartnäckigem Kampfe der feindlichen Stellungen. Demnächst rückte jedoch ein russisches Corps von Baldirman in die Ebene bei Soubatan, wo sich eine große Schlacht bis 4 Uhr Nachmittags auf 12 Meilen Umkreis entwickelte. Die Ruffen zogen sich in guter Ordnung zurück, die Türken blieben Herren des Schlachtfeldes; auf beiden Seiten wurden starke Verluste erlitten. — Immer neue Verstärkungen für die Russen kommen in Alexandropol an. Auch in Eriwan sind 12,000 Mann mit 48 Geschützen zur Verstärkung des Generals Tergukasoff eingetroffen. Dasselbe Bureau meldet aus Korfu vom 27. d.: Der Kronprinz Rudolf von Oesterreich ist hier eingetroffen. Das griechische Königspaar hat sich nach Tenos begeben. Der König wird demnächst zur Besichtigung der Truppen an die Grenze reisen.
London, 28. August. In einer zu Plymouth gehaltenen Rede versicherte der Schatzkanzler Northcote wiederholt, daß England eine Politik des Friedens verfolge; sollten es jedoch seine Jntereffen erheischen, so werde seine Macht auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen. England werde seine Neutralität bewahren bis zu ""dem Augenblicke, wo es mit der Hoffnung, dem verderblichen, grausamen unb barbarischen Kriege ein Ziel zu setzen, werde interveniren können. England dürfe in der Ausübnng seines Einflusses, ein zeitiges Ende des Krieges berbeizuführen, nicht Ursache zur Verdächtigung seiner Motive und seiner Aufrichtigkeit geben. Englands Entschluß, seine Jntereffen zu vertheidigen, muffe nicht in engherzigem und selbstsüchtigem Sinne interpretirt werden. England wünsche im Interesse der Humanität Europas und der Welt seinen Bei-


