Wahl Hasenclever'- im 6. Wahlkreise, nachdem sie von der Commission einstimmig für ungültig befunden worden, vom Reichstage kassirt werden wird. Nach den Resultaten der Stich- und Nachwahlen in den übrigen Berliner Wahlkreisen dürfte auch hier der Fortschrütepartei der Tieg zufallen, wofern sie mit einem geeigneten Candidaten in die Arena des Wahlkampfes tritt und es an derjenigen Rührigkeit nicht fehlen läßt, welche der erschöpfenden Agitation der (Gegenpartei geboten ist.
Berlin, 27. März. Wie die „Wef.-Ztg." hört, wird eine veränderte Organisation der Admiralität beabsichtigt und zwar sollen die militärischen und Kommando-Angelegenheiten von der eigentlichen Verwaltung abgesondert werden.
— Dem Bundesrath ist vom Präsidium ein Gesetz-Entwurf unterbreitet worden, betr. die Verwendung eines Theiles des aus dem Verlage des Werkes des Großen Generalstabs über den deutsch-französischen Krieg gezogenen Reingewinns. Danach sollen 300,000 Mk. zur Verfügung des Kaisers gestellt werden, um eine Stiftung zu errichten, welche im Interesse deS Generalftabs selbst und unter Verwaltung des Generalstab-Chefs zur Förderung militärisch- wissenschaftlicher Zwecke und zu Unterstützungen dienen soll.
— Cardinal Simeoni arbeitet, wie der „Köln. Ztg." aus Rom mitge- theilt wird, im Auftrage deS Papstes eine Denkschrift aus über die zwischen Deutschland und dem päpstlichen Stuhle seit dem Abbruche der Beziehungen schwebenden Streitfragen. Die Denkschrift soll die „kirchenfeindlichen" Gesetze Deutschlands und die Ursachen derselben aufzählen und auseinandersetzen, was der päpstliche Stuhl gethan hat, um die Bedrängniß des Katholinsmus abzuwenden. Sie wird, mit Gutachten von deutschen Bischöfen belegt, an die Car« dinäle vertheilt werden, damit sie thre Meinung über die künftige Haltung des Papstes abgeben.
Berlin, 27. März. Der vom „Reichs-Anz." veröffentlichte Erlaß de» Kaisers an den Fürsten BiSmarck hat folgenden Wortlaut:
„Der Tag, an welchem Ich Mein achtzigstes Lebensjahr vollendete, Hai im deutschen Volke eine Mich tief rührende Theilnahme gesunden. Die Beweise derselben sind Mir aus allen Theilen des Reiches in der mannigfachsten Weise, namentlich in der Form von Adresicn, schriftlichen und telegraphischen Glückwünschen, Gedichten, Corupositionen, Bildern, Blumen und anderen sinnigen, zum Theil kostbaren Spenden zugegangen. Städte und Dorfschaften, Corpo- rationen und Vereine, Fest-Genossenschaften und einzelne Personen aller Stände haben sich beeilt, Mir die allgemeine festliche Stimmung des Tage- zu zeigen, und nickt allein aus den Gauen des Vaterlandes, sondern auch von jenseits der deutschen Grenzen, selbst aus den fernsten Ländern habe Ich die Versicherung empfangen, daß überall, wo Deutsche weilten, Meiner in Liebe gedacht worden ist. Diese überreiche Fülle freudiger Wünsche hat Mir den Tag zu einem besonders weihevollen gestaltet. Umgeben von einem mächtigen Kreise verbündeter und befreundeter Fürsten, habe Ich mit Genugthuung den Werth gefühlt, als Mittelpunkt dieses nationalen Empfindens betrachtet zu werden; auS diesem Bewußtsein schöpfe Ich neue Kraft, Mich der Sorge für die Wohlfahrt des Vaterlandes zu widmen. In diesem Sinne möchte Ich allen jenen Glückwünschenden Meine« Dank für Ihre Aufmerksamkeit kundgeben; Ich beauftrage Sie zu dem Zwecke, Vorstehendes alsbald zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.
Berlin, 24. März 1877. Wilhelm."
Berlin, 28. März. Nachdem der Magistrat den Rathhaus-Saal zu einer Gedenkfeier für Jacoby verweigert hat, bewilligten die Stadtverordneten denselben gestern aus Antrag verschiedener Bürger, sowie Stadtverordneten ohne Debatte.
Oesterreich.
Wie«, 26. März. Aus Konstantinopel wird dem „Neuen Wiener Tagebl." berichtet, der Scheck 61 Islam habe den Sultan benachrichtigt, daß die Ulemas in den Moscheen das Gebet für ihn einstellen wollen, was nach dem Koran mit seiner Absetzung gleichbedeutend wäre. Der Großvezir — wird erzählt — habe vor ungefähr 8 bis 10 Tagen bei dem russischen Geschäftsträger in Konstantinopel angesragt, ob ein türkischer Special-Gesandter in Petersburg werde empfangen werden. Die Antwort darauf habe gelautet: „Bevor der Friede mit Montenegro geschloffen sein werde, könne dem vertraulich geäußerten Wunsche der Pforte nicht entsprochen werden."
Wie», 27. März. General Jgnatieff empfing heute Vormittag längere Besuche von dem Botschafter Rußlands, Novikoff und dem französischen Botschafter, Grasen Voguö. Prinz Tzereteleff empfing den serbischen Obersten Becker und den russischen Agenten Weszelitzky.
— General Jgnatieff wurde heute Mittag 1 Uhr in besonderer Audienz vom Kaiser empfangen. Nach der Audienz, die etwa eine halbe Stunde währte, besuchte Jgnatieff den Grasen Andraffy und verweilte längere Zeit bei demselben.
Wien, 37. März. General Jgnatieff nahm heute an der Hoftafel Theil und hatte Nachmittag- Besprechungen mit dem italienischen Botschafter Gras Robiüant und dem russischen Botschafter v. Novikoff. Abends 8% Uhr reiste derselbe mit dem Kurterzug der Nordwestbahn nach Berlin ab; Gras Robillant mit Gemahlin, v. Novikoff nebst dem Botschaft--Personale und der hiesige diplomatische Agent Rumäniens geleiteten ihn au den Bahnhof, wo er sich nochmals mit Novikoff längere Zeit unterhielt.
Kraukreich.
Paris, 28. März. Man erwartet, daß die von klerikalen Blättern veröffentlichte Notiz, nach welcher der Herzog v. Decazes einer Deputation ultramontaner Senatoren in Betreff der Lage des Papste- eine für Italien zweideutige Antwort ertheilt und die republikanische Presse herb getadelt habe, von dem Minister desavouirt werde.
Gagla«^
Lo»do», 27. März. Sitzung des Unterhauses. Der Sckatzkanzler Northcote erklärte auf eine Anfrage Hartington's, die Unterhandlungen über die Orient-Politik unter den Großmächten dauerten fort. Der Text de- Protokolls sei noch nicht gänzlich festgestellt. Aber die hauptsächlich noch zu erwägende Frage sei, unter welchen Bedingungen unterzeichnet werden solle. Er habe Hoffnung, nach den Osterferien befriedigende Mittheilungen machen zu können.
27. März. Im Unterhause erklärte der Unter-Staatssecretär Bourke auf Anfrage von Jenkins, die Regierung habe keine Mittheilung über von den Türken in Bosnien und der Herzegowina angeblich neuerdings verübte
grausame Handlungen erhalten. Auf Anfrage von Samuelson erwiderte sodann Bourke, Consul Holmes habe am 13. t. Mts. an die Regierung berichtet, daß sich in Bosnien verschiedene Jnsurgenten-Abtheilungen gezeigt, auch Ruhestörungen, jedoch nicht ernster Natur, vorgekommeu seien. Die Auswanderung aus den aufständischen Provinzen nach Oesterreich dauert noch fort. Rylandö wt- versprach lebhaft der etwaigen Rückkehr Elliot's nach Konstantinopel, ebenso Forster und Gladstone, welche die Regierung zugleich eriuchten, Vorkehrungen zu treffen, um die christliche Bevölkerung zu schützen. Bourke und der Schatz- kanzier Northcote vertheidigtcn dagegen Elliot; Northcote fügte dem noch hinzu, die Regierung fühle die Pflicht, zur Verbefferung der inneren Verwaltung der Türkei beizutrageu, müsse sich aber gegen eine Zwangs-Politik verwahren, welche die zu Gunsten der christlichen Unterthanen der Türkei gemachten Anstrengungen unwirksam machen würde. Das Haus vertagte sich hieraus bis zum 5. April. Das Oberhaus hat seine Sitzungen bi- zum 13. April vertagt.
London, 28. März. Das Cabinet tritt heute zusammen zur Erwägung der russischen Vorschläge, betr. die Vereinbarung des Protokolls. Die Morning Post" äußert sich sehr hoffiiunzSvoll, da Rußland augenscheinlich geneigt sei, den Wünschen Englands in Bezug auf die Abrüstungs-Frage möglichst zu begegnen.
Rußland.
Petersburg, 27. März Londoner Meldungen zufolge sollte morgen dort Ministerrath ftattfinben, welcher von durchschlagender Bedeutung für die Protokoll-Frage sein dürfte. — Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß die Friedens-Verhandlungen mit Montenegro nicht abgebrochen, sondern nur suspen- dirt seien. Das hauptsächlichste Hinderniß bilde noch immer die Forderung der Abtretung von Niksic.
Kumänieu
Bukarest, 27. März. Da die Regierung in Folge der allgemeinen Krisis nicht in der Lage ist, zur Deckung des bei ihrem Amtsantritt vorgefundenen Deficits ein Anlehen im Auslande zu contrahiren, so hat sie beschlossen, durch Ausgabe von Papiergeld ohne Zwangscours eine innere Anleihe im Betrage von 32 Mill. Lei aufzunehmen, welche periodisch nach Maßgabe des weiteren Fortschreitens des Verkaufs der Domamal-Güter mrückgezahlt werden soll. Die Nachricht, daß von der Regierung 35,000 Chaffepot Gewehre angekauft seien, ist durchaus unbegründet. Die Deputirten-Kammer hat die Verlängerung der provisorischen Handels-Conventionen um 9 Monate genehmigt.
Amerika.
Washington, 27. März. Der republikanische und der demokratische Gouverneur von Süd-Earolina, Chamberlain und Hampton, haben die Einladung des Präsidenten nach Washington, um mit ihm über die Lage zu confe- riren, angenommen. — Aus New-Orleans wird gemeldet, daß Packard und Nicholls Jeder eine Proclamation erlaflen haben, in der sie die Unterstützung für sich in Anspruch nehmen.____________________________________________
L o k a l - N o t i z.
Gingen, 27. ITiäij. Die gestern Abend von dem Vorstand detz nationalen und liberalen Vereins anberaumte Versammlung, zu welcher auch Nicht Mitglieder Zutritt hatten, waren äußerst zahlreich betucht. Nachdem der Präsident, Herr Dr. Dittmar, die Versammlung eröffnet hatte, nahm zuerst Hr. Prof. GareiS das W -rt und entwickelte in einem nahezu zweistündigen Vortrag die Principien der tzoocialdemokratie.
Nach einer kurzen Einleitung, in welche auf das Interesse htngewiesen wurde, welches die Bestrebungen der Socialdemokratie für die Wissenschaft und für alle politischen Parteien bieten, ging der Redner zu der socialtstischen Grundbebauptung über: die Mißstände in der heutigen Güterverthellung hätten ihren Grund in der bish.itgen Gestaltung des Staates und der Volkswirtbschast Um die Richtigkeit oder UnrichUg- keit dieses Satzes zu prüfen, hielt Pros. Gareis für nolhwendig auf hie elementaren Grundlagen des Staats und der Wirthschaft «nnzu^ehen: eS sind dies die natürlichen Triebe im Menschen, vermöge welcher er die Lebensbedürfnisse zu befriedigen sucht und die in ihrer Äesammtheit den Egoismus (Eigenliebe, Individualismus, bilden. Würde jeder Mensch seinem Egoismus schrankenlos folgen, es wurde ein absolut unerträglicher Zustand des rohesten, blutigsten Kampfes entstehen. Diesen Zustand beseitigt oder verhütet aber ein anderer Trieb der Menschen, der Trieb, welcher Gemeinwesen gründet, der ^iechtstrieb, und der dadurch veranlaßte Staat, in seinen ältesten Formen als Familie und als Gemeinde auftretend; die Menschen anerkennen gemeinsame Interessen und haben neben hem Egoismus den diesen beschränkenden Gemeinfinn.
Die Aufgaben, welche das Gemeinwesen, Staat genannt, im Laufe der Geschichte zu erfüllen sich vorgesetzt hat, sind vielfach wechselnd. Am meisten griff in die Sphäre der Selbstthätigkeit der Individuen jen : Staatsart ein, welche man Polizeistaat nennt, eme Staatsart die bereits das Alterthum kannte, auch das Mittelalter cultivirte und die bis in unser Jahrhundert hineinreicht. Gegenüber dem Polizeistaat ward der Rechtsstaat begründet Prof. Gareis stellte sodann ausführlich dar, worin das Wesen des Rechtsstaats besteht und wie der R.'chtsstaat zum Cultur-Rechtsstaat fortentwickett wird. Der erstere läßt die Staatsthätigkeit nur da eintreten, wo gemeinsame Bedürfnisse gar nicht ander- befriedigt werden können, als durch Staatsthätigkeit, der Cultur- rechtsstaat aber sei auch da direkt und sclbstproducirend thätig, wo eS sich um Gemein- bebürfniffe handelt, die von den Individuen zwar befriedigt werden können, aber nicht so gut wie durch Staatsthätigkeit. Das Wesen des socialdemokratstchen „Volksstaates" ergab sich nach diesen Erörterungen von selbst; derselbe macht noch einen weiteren Schritt; es hebt die Privatproduction gänzlich auf und fetzt an deren Stelle die absolute Staatsinduftrie; die gesammte Volkswirthschaft soll vom Staate betrieben werden, der Individualismus dadurch gänzlich gebrochen und durch den die ganze Arbeit organisircndcn Staat der Nutzen dieser Arbeit gerecht vertheilt werden.
Redner ging sodann zur Darstellung des Verhältnisses über, welches nach dem heutigen Rechtssysteme, indes, im deutschen Reiche, zwischen dem Individualismus und dem Gemeinsiun herrsche, er betonte, welche Fülle von Freiheitsrechten das gesammte Volk, also auch die Arbeiter, gerade den Bestrebungen der von der Socialdemokratie so lebhaft angegriffenen liberalen Parteien verdanken, und ging sodann zur auSführ- Itchcn Erörterung des social-demokratischen Programms über. Dabei beschäftigte er sich insbesondere einacbend mit der Frage der Volkswehr, dann dem Verhältnisse zu Religion, zur Ehe, zum Erbrecht u- s. w Zum Schluffe stellte er der Verwirklichung deS socialistischen Volksftaates als Haupthindernisse eine Reihe von Einrichtungen entgegen, die der Volksstaat fordere, an denen er aber nothwendig scheitern müsse; so namentlich daS im Volksstaate unvermeidlich herrschende Beamtenthum, bann der Mangel an eigenen selbständigem Interesse, die in Folge davon eintretende Erschlaffung, bet Culturrückschritt u. f. w. Absolut nothwendig sei, daß die zwei Triebe, der Gcmem- stnn und der Egoismus, letztem beschränkt durch ersteren, im Staatsleben anerkanni werd-n, und das ihue, wie z. B. die Gesetzgebung des deutschen Reiches beweise, bet heutige Staat, der Eulturrechtsstoat.
Nach birfem mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag erklärt^ zunächst Herr Schwarz seinen abweichenden Standpunkt wegen Kürze der Zeit nicht näher begrünbeit zu können; er wies auf die hohen Ziele der Socialdemokratie, sowie auf die fortschrn- tcnde Verbreitung ihrer Ideen hin und sprach von den bestehenden mangelhaften Mitz- ftänben der Gegenwart, bekannte aber dadei offen, selbst nicht zu wissen, wie der künftige Jdealstaat der Socialdemokratie beschaffen sein werde. Hr. Kler^ lud hierauf bte Mitglieder des nationalen und liberalen Vereins zu einer demnächst zu haltenden Do- cialtsten-versammlung ein, indem er ihnen einen ruhigen Berltuf der Verhandlungen


