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Plewna nach der Uebergabe.
I» „Daily News" und „Times" hegen wiederum Berichte über Plewna vor, welche sich diesmal hauptsächlich mit der Schilderung der Lage nach der Capitulatiön befassen. Gleich nach Beendigung der kurzen Verhandlungen bestieg — wie der Korrespondent der „Daily News" berichtet — Osman Pascha einen Wagen und fuhr auf Plewna zu. Kaum hatte er sich entfernt, als der Großfürst Nikolaus eintraf, um Parade über die Truppen abzuhalten. Er ward mit lautem Zuruf empfangen, der wahrhaft stürmisch wurde, nachdem der Großfürst eine kurze Ansprache an die Grenadiere gehalten hatte.
Während dessen war in der Scene jenseits der Brücke bei den türkischen Truppen eine gewaltige Veränderung eingetreten. In der gegen 2 Uhr mit Osman Pascha stattgefundenen Verhandlung war nämlich die übliche Bedingung aufgestellt worden, daß die Türken ihre Waffen ntederzulegen hätten. Schlag 3 Uhr war diese Bedingung erfüllt, und zwar buchstäblich, da jeder Mann sein Gewehr gerade dort, wo er zufällig stand, in den Schmutz niedergelegt hatte. Der Boden war mit Waffen wie besäet und auch die Straßen waren damit bedeckt, so daß die Hufe der Pferde Hunderte von guten Peabodybüchsen ver darben. Wir ritten — so fährt der genannte Korrespondent fort — langsam auf Plewna zu, indem wir die Anhöhe von Kcischina rechts liegen ließen. Balo gelangten wir zu einer Menge von Ochsenkarren — es müssen ihrer etwa 5 bis 600 gewesen sein — die den Troß des Ausfallheeres gebildet hatten. Viele derselben schienen Privatleuten zu gehören, denn sie waren mit Hausrath, türkischen Weibern und Kindern beladen. Der bloße Gedanke, daß diese armen Kleinen in den Bereich des schrecklichen Geschütz- und Gewehrfeuers hätten kommen können, macht einen erzittern.
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Wien, 22. December. Die „Presse" meldet aus Pera: Ein Theil der iiach Erzerum bestimmten Verstärkungen wurde nach Aorianopel dirigirt. Das "Leraskierat hofft daselbst 120,000 Mann concentriren zu kö inen.— Das „Neue Wiener Tageblatt" meldet aus Belgrad: Eil türk scher Uebergangs- Versuch bei Leschnitzi am Drina-Fluß ist mißglückt. Die Türken mußten die Zusel Bujuklitsch räumen. Die dritte Claffe der serbischen Miliz hat Ordre jir Marschbereitschaft erhalten. Vor Risch ist bereits Belagerungs-Material eingetroffen.
Petersburg, 22. December. Der Kaiser ist heute Vormittag 10 Uhr Pingetroffen und wurde am Bahnhof von den Mitgliedern der kaiserlichen /Familie, sä amtlichen Mitgliedern des Reichs-Raths und Senats, sowie vo i allen höheren Beamten und Militärs empfangen. In den Straßen wogten zahllose Menschenmassen, die ihrer Begeisterung unaufhörlich Ausdruck gaben. Auf dem ganzen Wege vom Bahnhof bis zum Palais bildete die Bevölkerung L-palier und begrüßte den Kaiser mir enthusiastischen Hurrahs. Die hier anwesenden Garde-Ofstciere bildeten die Escorte des Kaisers.
— Die Stadt ist zu Ehren des Kaisers reich geschmückt. Am Abend findet Illumination statt.
Wien, 22. December. Die „Presse" meldet aus Sistowo: Die Armee des Großfürsten - Thronfolgers hat den Lom überschritten. Der linke Flügel besetzte die Straße Rustschuk-Piscmca. Die Eisenbahn Rustschuk Varna ist von Kosaken unterbrochen.
Konstantinopel, 22. December. Gestern ließ der Sultan auf dem Seraskierats-Platze alle hiesigen Truppen, einschl. der Bürgergarde und der Zöglinge der Militärschule, im Ganzen 40,000 Mann, Revue passtren. Der Sultan ließ den Truppen, von denen ein Theil auf den Kriegsschauplatz abzugehen im Begriffe steht, durch den Palast-Marschall seinen Gruß entbieten und die Hoffnung aussprechen, daß im Falle des Bedürfniffes die Bürgergarde denselben Patriotismus zeigen werde, wie die reguläre Armee, der Gott den Sieg ver. leihen möge.
Wien, 22. December. Das Herrenhaus hat den Gesetz-Entwurf, betr. die Rekcuten-Aushebung pro 1878, ferner die Vorlagen, betr. Verlängerung des Handels-Vertrages mit England und die theilweise Abänderung des Ueber- einkommens mit der Südbahn vom Jahr 1867, angenommen.
Wien, 22 December. Die „Polit. Corresp." meldet aus Bukarest vorn 22. b.j Neuerdings passirten einige russische Regimenter Bukarest. — Ler Großfürst Nikolaus richtete anläßlich der Entgegennahme der rumänischen Tapferkeits-Medaille ein überaus anerkennendes Schreiben an den Fürsten von Rumänien.
Rom, 22. December. Der „(Sortiere d'Italia" sagt: Die italienische Negierung, welcher zuerst die Circular-Note der Pforte zukam, beeilte sich, der Pforte die Versicherung zu geben, daß sie, obwohl in der Orientfrage nicht so direct interessirt, wie andere Mächte, doch, nachdem sie an der Conserenz in Konstantinopel und an dem Londoner Protokolle betheiligt war, nicht ermangeln werde, im gegebenen Momente den guten Gesinnungen der Pforte ihre guten Dienste zu leihen.
London, 22 December. „Reuter's Bureau" meldet aus Pirot: Die Serben, welche die Gegend von Bulpalanka auf Vildiz durchstreiften, wurden von drei Bataillonen Türken angegriffen und geschlagen. — Aus Erzerum wird demselben Bureau berichtet, daß die Russen Olti besetzt haben.
Konstantinopel, 22. December. Oer Ministerrath berieth heute übet Maßregeln, welche bezwecken sollen, die Entverthung der Kaimes hintanzuhalten. — Die Encyclica des griechischen Patriarchen bezüglich deS Militärdienstes wird morgen in den griechischen Kirchen verlesen werden. — Muha- medanische Delegirte aus I Wien sind mit Unterstützung^ Geldern hier ringe« rroffen. — Telegramme aus Erzerum vom 22. d. deuten auf Bewegungen der Russen hin, aus welchen die Absicht heroorgeht, Erzerum zu cerniren. Die Verbindungen der Stadt mit dem Meere find indeß noch nicht abgeschnitten.
London, 22. December. Heute Nachmittag hat in Windsor eine Mini- sterrath stattgefunden. — Lord Hartingto.i labet die Führer der Liberalen zu einer Versamml mg behufs Berathung in der Orientfrage ein. — Die amtliche „Gazette" veröffentlicht die Verfügung der Königin, wodurch das Parlament wegen dringender und wichtiger Angelegenheiten auf den 17. Januar einberufen wird.
Wien, 23. December. Die heutige „Wiener Ztg." schreibt: Die „Neue Fr. Pr." bringt eine Reihe von Details aus der letzten geheimen Aus- sckußsitzung der reichsräihlichen Delegation. Wir beschränken uns darauf, zu erklären, daß die betr. Mittheilungen entweder aus Mangel an Verständlich oder aus tendenziöser Absicht gerade in den wesentlichsten Punkten so hand-
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Noch waren wir nicht viel weiter geritten, da ertönte der Ruf „Osman." Es war in der Thal Osman Pascha, der gehört hatte, daß der Großfürst Nikolaus des Weges komme, und deshalb seine Kutsche wenden ließ, um mit ihm zusammenzutreffen. Osrnan's Wagen war von 50 Kosaken geleitet und hinterher ritten 25—30 türkische Officiere, von denen kaum einer das 30. Lebensjahr überschritten hatte. Der Großfürst ritt an den Wagen hinan, und ein paar Secunben lang sahen sich die beiden Heerführer scharf an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann ergriff der Großfürst die Hand Osrnan's und schüttelte sie herzlich, indem er sagte: „Ich statte Ihnen meinen Glückwunsch zu ber Vertheidigung Plewnas ab. Sie gehört zu den glänzendsten Kriegesthaten, welche die Geschichte auszuweisen hat." Osman lächelte trübselig, erhob sich trotz seiner schmerzhaften Wunde, sprach ein paar Worte, die ich nicht hören konnte, und setzte sich wiederum. Sämmtliche russische Officiere riefen Bcaoo 1 Bravo! und grüßten voller Hochachtung. Nicht einer befand sich unter ihnen, ter nicht mit der größten Bewunderung und der lebhaftesten Teilnahme auf ben Helden von Plewna geblickt hätte. Mittlerweile war Fürst Karl von Rumänien herangekommen. Dieser ritt gleichfalls an den Wagen, wiederholte, ohne es zu toiffen, fast genau die vom Großfürsten gesprochenen Worte und schüttelte ebenfalls Osman's Hand. Dieser erhob sich wiederum und verbeugte sich, beobachtete aber diesmal ein grimmes Stillschweigen. Er trug einen weiten blauen Mantel ohne alle Rangabzeichen und einen rochen Fez. Seine Statur ist grwß und kräftig. Aus jedem Zuge des ernsten Gesichts spricht Thatkraft und Entschlossenheit, und doch zugleich eine Mattigkeit, die wohl erst die letzten fünf Monate ihm eingeprägt haben. Hierzu stimmt der traurige, duldende und gedankenvolle Blick der schwarzen Augen. Die Nase ist römisch gebogen, in dem kurzgehaltenen schwarzen Bart erscheint kein graues Haar.
„Es ist ein gewaltiges Gesicht!" rief Oberst Gaillard, der französische Militär-Attachch aus. „Mir bangte fast, es zu sehen, da ich befürchtete, meine Erwartungen würden enttäuscht werden. Aber es übertrifft noch das Bild, was ich mir in Gedanken davon gebildet hatte."
„Es Ist das Gesicht eines großen Heerführers", sprach Skobeleff der Jüngere, und ich bin froh, daß ich es gesehen habe. Osman Ghazi heißt er, und Osman der Siegreiche wird er heißen trotz seiner Uebergabe."
Vielleicht mag in dieser W-rthschätzung Osman's durch die Rusten einige Uebertreibung liegen. Aber unter dem Eindrücke seiner gewaltigen Thaten stimmte jeder von uns den Worten Skobeleff's bei.
.„Die in braune Mäntel gehüllten und mit schlechtem Schuhwerk versehenen türkischen Soldaten, dnrch deren Reihen wir hindurchschritten, sahen meistens schlecht genährt und mit Schmutz bedeckt aus, und doch erschien uns jeder derselben als ein Held, wenn wir der vielen gewaltigen Kämpfe gedachten, in denen sie sich ausgezeichnet hatten. ”
Während der Berichterstatter der „Daily N-ws'i, wie ans Vorstehendem ersichtlich, vom Westen her sich der lang umworbenen Feste näherte, ritt d-r „Times - Korrespondent von Radischewo, also von Osten aus nach Plewna. Zwischen dem genannten Orte und der Stadt lagen an den Bergabhängen Hunderte von Gerippen russischer Soldaten, die während des vergeblichen Sturmangriffs im September gefallen waren. Die meisten dieser schaurigen Ueberreste lagen offen und blos da, selbst in der Nähe der türkischen Schanze, denn hier hatte der Regen die dünne Erddecke, welche über die Gefillenen gebreitet worden war, bald hinweggespült. Die Gräben für di- türkischen Vor- posten befanden sich mitten unter diesen Ueberresten. Es war ein aräßiiches Schauspiel und wird denjenigen, die es erblickt, nie aus dem Gedächtniß schwur den. Die russischen Soldaten, welche im Rücken des AuSfallsheeres gen Plewna <V'!nar'$£tcn' m“6tc" an d-n Ueberresten ihrer gefallenen Kameraden vorbei- i'ehen. Trotzdem machte sich bei ihnen kein Gefühl der Rache gegen diejenigen bemerkbar, welch- di- Gebeine tapferer Feinde in solch herzloser Weise unb-er- digt gelassen. Plewna selber zeigte nur geringe Sparen der Beschießung Die Bu garen standen in den Thüren ihrer Häuser und boten j-d-m Vorbeigeh-ndeu Guten Tag, anscheinend bereit, ihn zu Übervortheilen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bieten wurde. Unmittelbar nach der Uebergabe wurden 15 000 G- fangtHe nebst Artillerie und Troß nach der Stadt zurückgesandt. Der Rest w'rd nach dem Lager der russischen Gart, und der Rumänen gesandt. Dem „Times -Correspondenten erschienen die Türken wohlgenährt, wenn auch schlecht gekleidet und nur mit Sandalen versehen, grub am Nachmittage schon begannen die Verwundeten anzulangen, aber erst am Tage nach ber Uebergabe waren sie alle aufgesammelt.
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, Paris, 22. December. Die „Agence Havas" meldet aus Athen: Die christliche Bevölkerung von Creta wählt eine Versammlung, von ber bie militärischen Führer ernannt werben sollen. Die Pforte Hut einen Commiffär nach ber Insel gesenbet, um ben Aufständischen Garantien für bie Ausführung ber Reformen anzubieten. Die Aufständischen fordern bie Vereinigung mit Grie chenlanb. Eine Versammlung der Einwohner von Retimo äußerte ben Wunsch auf Unabhängigkeit Cetas. Dem Vernehmen nach wird die bisherige türkische Garniwn von Creta durch das Kontingent oo.a Tunis ersetzt werden.
London, 22. December Die Handelskammer von Manchester hat be- Idjloffen, an bie Regierung eine dringliche Petition zu richten, sie möge bie neu- trale Haltung nicht aufgeben. Andere H inbelskammern bereiten ähnliche Petitionen vor. Die „T-mes" empfiehlt, bie türkische Note zum Ausgangspunkt zu machen, um die Pforte über ihre wirkliche Lage und Aussichten aufzu- klaren. Die klare Darstellung der britischen Regierung dürfte bie Türken dazu notigen, bie gebieterische Nothwenbigkeit ber Anknüpfung von Unterhandlunge i tu begreifen.
London, 21. December. „Reuter's Bureau" meldet aus Äamirlt oon 20. Decbr.: Nebel und Schnee verhindern die Operationen. Baker b.»- etzte die Anhöhen, welche bie Straßen bominiren, auf denen bie Russen bie türkischen Positionen umgehen können. — Dasselbe Bureau meldet aus Erzerum: Die B-festigungeii von Zavactabia, Topdagh und Azizie haben bedeutende Ver- tarkilngeu erhalten, da bie Russen einen Angriff zu beabsichtigen scheinen. Im Olti-Thrie wurden Kavallerie-Bewegungen beobachtet. — Es herrscht sehr strenge Kälte.


