Deutschland.
Gießen, 22. März. Wie aus der Ankündigung in Ihrem Blatt heroorgeht, so soll der heutige Tag, an welchem unser Kaiser sein achtzigstes Lebensjahr zurücklegt, durch eine allen Klassen der Bevölkerung zugängliche gesellige Vereinigung in Wenzel's Saalbau gefeiert werden. Hoffen wir, daß die Absicht, die Feier zu einem erhebenden Volksfest zu gestalten, durch eine recht zahlreiche Betheiligung verwirklicht wird. Wenn, nach einem Zeugniß des Reichskanzlers Fürsten Bismarck aus den jüngsten Tagen, schon im siebenten Jahre nach Wiederherstellung der Deutschen Kaiserwürde die parti- cularistischen Bestrebungen mit neuer Kraft sich breit machen, dann gilt es, einen so denkwürdigen Tag wie Kaisers achtzigsten Geburtstag nicht vorübergehen zu lassen, ohne öffentlich Zeugniß dafür abzulegen, daß man in unserer Stadt einmüthtg und treu zu dem Begründer der Deutschen Einheit steht. Indem wir den Kaiser ehren, ehren wir uns selbst. Wenn jeder reichstreue Mann die Betheiltgung am heutigen Feste als die Erfüllung einer patriotischen Pflicht betrachtet, dann wird die Zahl der Theilnehmer den Beweis liefern, daß die Bewohner unserer Stadt volles und dankbares Verständniß für die Segnungen des neubegründeten Reiches haben.
Darmstadt, 19. März. Se. Großh. Hoheit der Prinz Heinrich ist gestern Abend dahier eingetroffen.
Darmstadt, 20. März. Se. Großh. Hoheit der Prinz Carl haben in der vergangenen Nacht theilweise geschlafen, die Gesichtsrose hat sich aber weiter verbreiret, die Schluckbeschwerden sind vermehrt und die Kräfte im Allgemeinen geringer geworden.
Dr. Göring (Leibarzt). Dr. Bennighof.
Darmstadt, 20. März. In dem Befinden Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Carl ist bis jetzt keine Befferung eingetreten. Die Kräfte sind im Abnehmen begriffen.
Dr. Göring. Dr. Orth. Dr. Bennighof.
Berlin, 19. März. Die Sache Stosch's schwebt noch. Der Beurlaubung deö Ober-Poft-Dircctors Jahn (Bromberz) folgt zuverlässigem Ver- nebmen nach dessen Pensionirung. Die Maßregel führt sich auf den Fall Kantecki zurück.
— Die Fraction der National-Liberalen hat beschloffen, beim Reichstage einen Gesetz-Entwurf (Nothgcsetz) hinsichtlich des Zeugniß-Zwanges einzubringen, wonach die Bestimmungen der Reichs-Strafproceß-Ordnung über den Zeugniß- Zwang sofort in Kraft ireten und dieselben auch auf Disciplinar-Untersuchun- gen ausgedehnt werden sollen.
— In der heutigen Reichstags-Sitzung wurde über den Gesetz-Entwurf, betr. den Sitz des Reichs-Gerichts, in erster Lesung berathen. Für die Wahl Berlins traten ein v. Kleist-Retzow, v. Treitschke, Löwe und v. Gräoenitz, für Leipzig Reichensperger (Crefeld), Stephani und Demmler. Das Haus beschloß, d»e zweite Lesung der Vorlage im Plmum vorzunehmen. — Nächste Sitzung morgen.
Berlin, 20. März. Gestern Abend hat der Marine-Minister, General Stosch, die Entlaffung erhalten. Der Nachfolger ist noch nicht bekannt.
— Der „Nat.-Ztg." zufolge wäre von Seiten der Regierung die Hoffnung auf die rechtzeitige Feststellung des Reichs-Etats aufgegeben und seien bereits alle Schritte vorbereitet, um einen Credit behufs Fortführung der Verwaltung bis zur Feststellung des Etats zu erlangen. Die Vertagung des Reichstags werde voraussichtlich am 24. März eintreten.
Esten. Herr Alfred Krupp hat Angesichts der jetzigen social-demokratischen Wühlereien dieser Tage wieder eine einfache und herzliche Ansprache an die Angehörigen seiner gewerblichen Anlagen, der Gußstahlfabrik, der Gruben und Hüttenwerke erlassen, die nur vertraulich und ausdrücklich beschränkt ist auf den Verband seiner Arbeiter, Meister und Beamten. Wir wollen indeß daraus doch einige, die jetzige Nothlage betreffende Stellen veröffentlichen, da die darin ausgesprochenen Ansichten des hervorragendsten Industriellen in Europa für Beurtheilung der zahlreichen und bitteren Anschuldigungen mancher unserer, minder objectiv denkenden Fabrikanten und Kaufleute ein bedeutendes Gewicht in Anspruch nehmen. Herr Krupp sagt:
Die jetzt allgemein verbreitete Geschäftsstille hat bereits viele Fabriken, Hütten und Gruben unseres Landes empfindlich berührt. Geringe Preise haben geringe Löhne zur Folge gehabt, und bei einigen Werken ist schon vollständiger Mangel an Arbeit und dadurch Stillstand einzctreren. In den verschiedenen Klaffen der Gesellschaft gibt es Leute, die trrthümltch die Besierung ihrer Lage von der Aenderung der Verfaffung, der Regierung und der Gesetze erwarten, dabei aber das Wesentlichste vernachlässigen, was in ihrer eigenen Gewalt liegt' Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit ist der erste und sicherste Schutz gegen die beklagte Noth, und wo sie fehlen, helfen auch die beste Regierung und die besten Gesetze nichts. Umwälzungen jeder Art sind ebenso verkehrte Mittel zur Besse- rung der Lage, als wenn man ein Haus wegen einzelner Fehler abbrechen wollte. Dann wird man obdachlos. Man verbeffcrt und reparirt und erhält das Bestehende. Die augenblickliche Noth hat ihre Hauptursache in den übertriebenen Unternehmungen der vergangenen Jahre, in einer allgemeinen Verirrung. Der Arbeiter hatte aber für sich dabei zunächst nur einen höheren Lohn erzielt, und wenn er von demselben nicht so viel erübrigt hat, daß er damit über die schleckte Zeit sich hinweghilft, so hat er damals seinen großen Lohn, der schließ lick die Arbeitgeber häufig ruinirte, leichtsinnig vergeudet und nur sich selbst Vorwürfe zu machen. DaS kann er nur ausgleichen durch Sparsamkeit, Ordnung und Fleiß. Mit Gewalt und Umwälzungen geht das nicht. In den 70er Jahres haben wir das Beispiel erlebt, daß trotz der nie daaewesencn Höhe der Löhne Bergleute ihre Grube verließen, und ebenso Arbeiter ihre Fabriken, nm die Besitzer zu unmöglichen Erhöhungen der Löhne zu zwingen Das hat keinen Segen gebracht und hat auch nur zurückgeführt werden können auf Verführungen Fremder, die auch jetzt noch fortfahren, Aufregung bervorzu- brmgen. Ich erinnere daran, daß Bergwerke festgelegt wurden, um dadurch auch meine Fabrik zum Stillstand zu zwingen, und daß nur mit Aufwand sehr großer Kosten dieses Unheil von meinen Leuten abgewandt wurde indem ich sogar bis von Saarbrücken Kohlen bezog. England ist groß und mächtig geworden durch Industrie, die Arbeiter haben dann Vereine gegründet sind die Arbeit eingestellt, um höhere Löhne zu erpreffen. Dadurch ist jum großen Thkil
die Arbeit von England auf das Ausland übergegangen. Die deutsche Industrie bat von diesem Fehler der englischen Arbeiter Nutzen gehabt. Dies ist auch eine Warnung! Die Nachahmung des schlechten Beispiels würde auch unsere Industrie in's Ausland treiben.
Aus Bayern, 20. März. Einem Ersuchen des Reichskanzler-Amtes entsprechend, läßt die bayerische Staats-Regierung Erhebungen über die Fra re der Wander-Lager und Wander-Auctionen pflegen. Es find daher die Handelsund Gewerbe-Kammern Bayerns vom Ministerium des Innern zur ^Berichterstattung und zur Beantwortung nachstehender vom ReichSkanzler-Amte ausgestellter Fragen aufgesordert worden: „1) Welche Maaren werden in der fraglichen Art deS Geschäfts-Verkehrs hauptsächlich betrieben? 2) Aus welchen Duellen werden die Waaren hauptsächlich bezogen , rühren sie namentlich zu einem beträchtlichen Theile aus den Lager-Rückständen großhändlerischer Magazine, aus den Waaren-Resten Der großen Mafien und Jahrmärkte her, oder bildet die Herstellung derselben etwa einen ngeuthümlichen Zweig der Fabrikation, insoferne letztere sich auf Bestellung mit der Anfertigung billiger, lediglich für den hier fraglichen Geschäfts-Verkehr bestimmten Waaren in großem Umfange befaßt? 3) Liegen Umstände vor, welche die Annahme rechtfertigen, daß das Publikum in diesem Geschäfts-Verkehre der Regel nach übervortheilt wird, indem der innere Werth der Waaren den geforderten Preisen nicht entspricht? 4) Wird der fragliche Geschäfts-Verkehr in der Regel auf eigene Rechnung der umherziehenden Händler betrieben, oder stehen dieselben in Diensten der Geschäfts- Häuser größerer Städte? 5) Wird er regelmäßig unter der Form des Gewerbe-Betriebes im Umherziehen oder im Wege des stehenden Gewerbe Betriebes geführt?'' Indem die Handels- und Gewerbe-Kammern zur Beantwortung dieser Fragen in getrennter Weise aufgefordert werden, werden sie beauftragt, auch bei jenen Gewerbtreibenden Erkundigungen einzuziehen, welche in ihren Interessen von dem fraglichen Verkehr nicht berührt weroen, aber Kenntniß hiervon haben. Schließlich sind noch die Handels- und Gewerbe-Kammern aufgefordert, sich darüber -u äußern, ob der gedachte Geschäfts-Verkehr durch die Bestimmungen der neueren Gesetzgebung eine besondere Begünstigung erfahren habe, und ob ein gesetzliches Einschreiten gegen die vorbandenen Mißstände als Bedürfniß zu betrachten fn. Etwaige Vorschläge mit Rücksicht auf die früheren gesetzlichen Bestimmungen seien zu machen.
Stuttgart, 19. März. Prinz Hermann von Sacksen- Weimar, der Schwager deS Königs, ist nach Berlin abgereist, um den Kaiser im Auftrage deS Königs mm Geburtstag zu beglückwünschen.
Hcsterlmch.
T8ten, 18. März. Wie man der „Neuen Fr. Pr." aus Lemberg meldet, wären zwei Vertheidiger, die sich bei dem letzten Moskalier Procefie allzu liberale Ueußerungen erlaubt hätten, aus Rußland verbannt worden. Zahlreiche Anhänger antichristlicher Anhänger werden nach Silistria deportirt. — Der Kaufmanns-Club in Petersburg ist wegen illegalen Vorgehens der Regierung gegenüber aufgelöst. — Die Belgrader Filiale des russiscken Wohlthätigk-its- Comit^s stellt nach einer Meldung der „Prefie" am 1. April in Folge von Zerwürfnissen mit der serbischen Regierung ihre Thätigkeit ein.
SSictt, 19. März. Einer Blätter-Meldung zufolge isf in dem gestrigen gemeinsamen Ministerrath unter Vorsitz deS Kaisers beschlossen worden, die Delegationen im September einzuberufen und die Vorlagen, den Ausgleich betreffend, beiden Parlamenten sofort nach den Osterferien zu unterbreiten. Die ungariscken Minister sind nach Pesth abgereist. Finanz Minister Szell kehrt am Mittwoch nach Wien zurück bebufs Verhandlungen über die Bankfrage und die Finanz-Revision.
Wien, 19. März. Im Abgcordnetenhause hat nunmehr Sturm seinen Antrag auf Abänderung des Gesetzes über die Delegationen eingebracht. % ,
Frankreich.
. Paris, 19. März. Der General-Adjutant des Marschalls Mac Mahon Marquis d'Äbzac, ist nach Berlin abgereist, um den Kaiser im Namen des Ersteren zu feinem Geburtsfeste zu beglückwünschen.
England
London, 19. März. Im Oberhause wurde Seitens der Regierung die Mittheilung gemacht, daß die Antwort Rußlands auf den vom britischen Cabinct redigirten Protokoll-Entwurf heute Nachmittag durch Graf Schuwaloff dem Ministerium zugestellt sei. Es würden darin von der russischen Regierung einige Veränderungen vorgeschlagen, welche das britische Cabinet bisher noch nicht habe erwägen können.
London, 19. März. Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus der Capstadt gemeldet, daß der Volksrath des Transvaal-Freistaates die mit Secocöni stipulirten Friedens-Bedingungen genehmigt habe. In einer vom Präsidenten dieses Staates, Bürgers, gehaltenen Rede wird die Union mit Großbritannien befürwortet.
Italien
Rom, 19 März. Ein von dem Justiz-Minister anläßlich der kürzlich gehaltenen Allocution des Papstes an die General - Procuratoren gerichtetes Rundschreiben constatirt den schlechten Eindruck, den die excesfive Sprache her- vorbrackte, welcke in der Allocution der staatlichen Gesetze und Institutionen, sowie gegen den Souverän geführt wurde. Der Staat werde so für die der Kirche in Italien gewährten Freiheiten mit Undank gelohnt. Durch die Allo-' cution würden die Bischöfe aufgefordert, die fremden Regierungen gegen Italien aufznhetzen. Keine Regierung könne so'che Beschimpfung und Herausforderung dulden. Unter Aufrechterhaltung des Prtnctps der Unverletzlichkeit des Papstes könnten die Procuratoren zur Verfolgung der Journale ermächtigt werden, welche die Allocution reproduciren. Die Regierung wolle jedoch von einer Verfolgung wegen der bloßen Reproducirung der Allocution absehen, denn das Ministerium sei stark in dem Glauben an die Einheit und Freiheit des Vaterlandes; dasselbe wolle der Welt den klaren Beweis seiner Langmvlh, Duldsamkeit und Kraft geben und wolle darthun. welche außerordentliche Freiheit dem Papste gewährt sei. — Das für heute anberaumt gewesene Consipo- rium ist auf morgen hinauSgeschoben worden.


