Ausgabe 
16.10.1877
 
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Mittlerweile befestigt sich in der öffentlichen Meinung die Anschauung, daß Europa selbst für den Fall, oaß Rußland definitiv unterliegen sollte, den Stand der Dinge im Orient nicht so lassen könne, wie er bisher war. Die türkische Schreckensherrschaft, welche gegenwärtig in Bulgarien geführt wird, und die neuen Greuelthaten, welche Baschi-Bozuks und Tscherkeffen in den von Griechen bewohnten Districten Thessalien- verüben, werden immer allgemeiner als eine nicht länger zu duldende Schmach für das civilisirte Europa empfun­den. Sollte sich also Rußland als zu schwach erweisen, die Pforte zur Durch­führung der verheißenen Reformen zu zwingen, so würde dem gesammten Europa die Pflicht obliegen, die Zwecke, über die man sich auf der Conferenz zu Kon­stantinopel geeinigt, zu erreichen. Oesterreich dürfte bei dem neuesten Putsch- Versuche die Erfahrung gemacht haben, daß es die Entwickelung der Dinge im Orient unmöglich fernerhin sich selbst überlasten kann, und England wird sich an einem Werk christlicher Humanität und Civilisation nach Beseitigung der von Rußland befürchteten Gefahr um so lieber betheiligen, da es sowohl die ihm von der Pforte seit einiger Zeit bewiesene Mißachtung, wie die durch den Krieg herbeigeführte Stockung im Handel und Verkehr in unangenehmster Weise empfindet.

Während somit die orientalischen Wirren Aussicht auf eine, wenn auch nicht baldige, so doch schließlich friedliche Lösung bieten, schaut Europa dem un­mittelbar bevorstehenden Ausgange der Krisis in Frankreich mit um so gespann­terer Erwartung entgegen. Der Ausfall der französischen Wahlen ist augen­blicklich ungewisser alS je zuvor. Nur daS ist im Laufe der Wahlbewegung immer zweifelloser geworden, daß der Triumph der Regierung einen Sieg der schwarzen Internationale bedeuten und somit den Frieden der Welt in bedenk­licher Weise gefährden würde. Unterstützen doch selbst die belgischen Klerikalen ihre Gesinnungsgenosten in Frankreich durch öffentliche Gebetsandachten! In der Hoffnung auf ein günstiges Wahlresultat schwelgt ein officiöses Organ deS Vatikans schon in der Aussicht auf eineZüchtigung des lutherischen deutschen Uebermuthes", den es lächerlicher Weise in der Aeußerung unseres Kaisers bei Gelegenheit der Truppeninspection in Baden findet, mit solchen Truppen könne man allen Ereignisten ruhigen Herzens entgegensetzen! Hoffentlich wird die deutsche Rcichsregierung seiner Zeit nicht mit der Versicherung zurückhalten, daß man sich von dem Laufe der Dinge jenseits der Vogesen nicht überraschen zu lasten gedenke. Beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine osfictöse Bemerkung über die Bedeutung der Crispi'schen Reise. DieNordd. Allg. Ztg." deutet nämlich an, daß gegenwärtig aus Anlaß dieser Reise Verhandlungen zwischen Deutschland und Italien schwebten, welche die Tendenz hätten, ein Zusammen­halten beider Mächte für den Fall zu sichern, daß dieselben sich nach den Wahleneinem klerikalen, also aggressiven Frankreich" gegenüber finden sollten. Dieser nach Paris gerichtete kalte Wasterstrahl wird seine Wirkung gewiß schon jetzt nicht verfehlen, und da man wohl annehmen kann, daß Mac Mahon und der Vatican bei einem etwaigen Wahlsiege nicht alle Klugheit und Be­sonnenheit verlieren werden, so dürfen wir wohl der ferneren Entwicklung der Dinge in Frankreich trotz der augenblicklichen Unsicherheit der Situation mit einer gewisten Ruhe entgegensetzen.

Deutschland.

Darmstadt, 12. October. Nachdem der Ausbruch der Rinderpest zu Geisenheim nach einer Mittheilung der königlich preußischen Negierung zu Wies­baden constatirt worden ist, hat Großh. Ministerium des Innern die zur Ver­hütung der Einschleppung und Weiterverbreitung der Seuche erforderlichen Maßregeln angeordnet und die Großh. Kreisämter mir deren alsbaldigen Aus­führung beauftragt.

Darmstadt, 15. October. Die zweite Stände-Kammer erwählte in der heutigen Sitzung einen besonderen Ausschuß von 9 Mitgliedern für die Be­handlung der Vorlage über die Civilliste.

Wiesbaden, 12. October. DerRhein. Kourier" meldet: Der Kronprinz und die kronprinzliche Familie werden am 22. d. zu. mehrmonat- lichem Aufenthalt hier eintreffen.

Kesterreich.

Wien, 12. October. Londoner, Pariser und Konstantinopeler Mel­dungen berichten von einer eingeleiteten Mediation. Graf Zichy habe die Grundlagen zu einem eventuellen Frieden der Pforte mitgetheilt; Prinz Reuß habe die Mittheilung wärmstens empfohlen. England und Oesterreich vermit­telten gemeinsam, England sei bereit, die Garantie für die Durchführung der türkischen Reformen zu übernehmen. Alle diese Combinationen sind indesten wahrscheinlich verfrüht. Crispi wird heute in Wien etntreffen. Die Mel­dung, Gortschakoff habe Andrasty anläßlich der Vereitelung des Siebenbürger Putsche- gedankt, ist erfunden. Ungarische Blätter bringen neue sensationelle Enthüllungen über die Putsch - Affaire. Eine Legion von 3000 Mann be­stände noch.

DiePolit. Corresp." meldet aus Bukarest, es seien dort über einen angeblichen Einfall ungarischer Freischaaren verschiedene unbeglaubiqte LeSarten verbreitet. Nach der einen hätte die Fahnenweihe eines Honved-Batatllous in Orsowa das betr. Gerücht veranlaßt, andererseits wird behauptet, es sei wirk­lich eine Anzahl ungarischer Freischärler über Closiani in Rumänien eingedrun­gen. Im Fall, als sich Letzteres bestätigen sollte, sind alle Maßnahmen zur Entwaffnung der Eindringlinge getroffen.

DieNeue Fr. Pr." enthält ein Telegramm aus Pera vom 10. d., der österreichische Botschafter Graf Zichy auf Grund von Weisungen seiner Regierung der Pforte Eröffnungen über die Grundlagen eines Friedensschlustes gemacht habe; der deutsche Botschafter empfehle der Pforte diese Eröffnungen in ganz besonderer Weise. Das hiesigeTelegraphen-Correspondenz-Bureau" erachtet diese Nachricht derNeuen Fr. Pr." als vollständig unbegründet.

^remdenblatt" schreibt: Die dem Besuche des Grafen Beust bei Lord Derby unterlegten ernsten Mediations-Verhandlungen sind bei der vorherrschen­den politischen Situation jedenfalls eher Phantasiegebilde.

Nrarrkreich.

Paris, 12. October. Der Marschall-Präsident erläßt folgendes Mani­fest. Franzosen! Ihr seid im Begriff zur Wahl zu schreiten. Das gewaltsame Vorgehen der Opposition hat. alle Illusionen zerstreut. Keine Verleumdung kann fernerhin die Wahrheit altenren, daß die republikanische Verfassung nicht m Gefahr ist. Wie sehr auch die Regierung die Religion achtet, so gehorcht

sie doch nicht, wie behauptet wird, den Klerikalen. Nichts würde sie zu einer Politik hinreißen, welche den Frieden gefährden könnte. Ihr seid nicht bedroht von einer Rückkehr zu den Mißbräuchen der Vergangenheit. ES handelt sich um einen Kampf zwischen der Ordnung und der Unordnung. Ihr habt schon ausgesprochen, daß Ihr das Land nicht durch feindliche Wahlen in eine unge­wisse Zukunft von Krisen und Conflicten werfen wollt. Ihr wollt Ruhe, welche im Innern wie nach außen hin gesichert ist. Ihr wollt Uebereinstim- mung der öffentlichen Gewalten, Sicherheit der Arbeit und der Geschäfte. Ihr werdet für Eandidaten stimmen, welche ich Eurer freien Wahl empfehle. Die Stunde ist gekommen; gehet furchtlos zur Wahl! Folget meinem Rufe! Ich, der ich durch die Verfassung auf einen Posten gestellt bin, den zu verlassen mir die Pflicht verbietet, trete für die Ordnung und den Frieden ein.

Das von den Bureaux der Linken des Senats erlassene Manifest richtet die Mahnung an die Wähler, nicht Denjenigen Glauben zu schenken, welche behaupten, daß die republikanischen Institutionen außer Gefahr seien und das Ministerium den klerikalen Einflüssen nicht nachgebe. Daran wird die Versicherung geknüpft, daß alle officiellen Eandidaten Feinde der republi­kanischen RegierungSform seien; die Wähler sollten gegen das Verfahren der Regierung durch die Wiederwahl der 363 republikanischen Deputaten protestiren.

DasJournal officiel" veröffentlicht ein Rundschreiben des Justiz- Minister-, durch welches die General-Procuratoren angewiesen werden, unnach­sichtlich die Wahlmanöver zu verfolgen, die in Verbreitung von Gerüchten über Unterhandlungen oder Allianzen zwischen den fremden Mächten anläßlich der möglichen Folgen bestehen, welche die neuen Deputirten-Wahlen haben könnten.

Paris, 12. October. In dem Proceß gegen Gambetta wegen Ver­breitung seines Wahl-ManifesteS verhandelte heute das Gericht in contuma­ciam und verurtheilte Gambetta zu 3 Monat Gefängniß und 4000 Frcs. Geldbuße, den Drucker Lefevre zu 14 Tagen Gefängniß und 2000 FrcS.

In einem Circular an seine Wähler in Ribörac äußert sich der Mini­ster des Innern, Fourtou, folgendermaßen: Meine Gegner wollen aus der Republik ein Werkzeug des RadicaltSmuS machen; ihr Triumph wäre das Signal zu einem unentwirrbaren Conflicte, bedrohlich für die conservativen Prtncipien, auf denen alle Staaten Europas beruhen. Ich will ein regelmäßi­ges Functioniren der republikanischen Verfassung unter dem Präsidium deS Marschalls Mac Mahon, welches die Zunahme des Wohlstände- durch die Sicherheit der Arbeit garantirt. Ihr werdet nicht zaudern.

Mac Mahon empfing heute den italienischen Botschafter, General Cialdini.

Amiens, 12. October. Auf Anordnug deS Minister- des Innern hat der hiesige Präfekt sämmtliche öffentliche Anschläge und Journale des Depar­tements, durch welche der von den Senatoren Gaulthier de Rumilly und Dauphin an die Wähler erlassene Aufruf veröffentlicht wurde, in Beschlag nehmen lassen. Begründet wird diese Maßregel durch die Anschuldigung der Verbreitung falscher Nachrichten.

Rumänien

Bukarest, 11. October.Romanul" meldet in seiner heutigen Abend- Nummer, es sei eine größere Anzahl Ungarn nördlich von Baja Arema in die kleine Walachei eingerückt. General Karalamb, davon benachrichtigt, habe die erforderlichen Maßregln getroffen.

Der orientalische Krieg.

Konstantinopel, 12. October. Nachrichten aus Varna vom 10. d. zufolge sind die Wege durch anhaltende Regengüsse fast vollständig aufgeweicht und daher unpassirbar. Größere Operationen sind augenblicklich unausführbar. Die türkische» Truppen haben längs den Ufern des Lom-Flusses Erdhütten zu ihrer Unterkunft gebaut. Mit den Russen fand nirgendwo ein Zusammenstoß statt. Prinz Hassan von Aegypten wird in Varna erwartet.

Konstantinopel, 12. October. Mehemeo Ali Pascha wurde gestern vom Sultan in Audienz empfangen. Im Vilayet Kostowa ist ein Armee-Corps in der Bildung begriffen.

Petersburg, 13. October. DerRegier.-Bote" veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, Bestimmungen enthaltend, nach welchen jeder auf dem Kriegschauplatz befindliche Soldat für bewiesene militärische Verdienste zum Officiersrang befördert werden kann. Die Weiterbeförderung wird von der Ablegung einer Prüfung abhängig gemacht.

Konstantinopel, 13. October. Suleiman Pascha meldet vom 10. d.: Dilaver Pascha führte heute eine RecognoScirung gegen Matschko auS und con- statirte, daß die Eisenbahn nach Pyrgos von Truppen, darunter Artillerie, besetzt ist.

Lokal-Stotiz.

Gießen, 15. Octbr. Das Schlußmanöoer unserer frei®, ftädt. Feuerwehr am Gestrigen war vom berrllchsten Wetter be< ünstigt. Aus dem Oywald'schen Garten wurde das Corps Herrn Prov.-Direktor Dr. Boekmann sowie dem neuen Regiments- Commandeur Oberst v. Westernhagen vorgeführt und exercirtedarauf mehrere Schul­übungen, welche vollkommen den Leistungen entsprachen, die man an unsere Feuer­wehr zu stellen berechtigt ist. Bet der darauf folgenden sog. nassen Uebung am Hause der Herren Gebr. Stamm, welche dasselbe in bereitwilligster Weise zur Verfügung stellten, wurde leider durch Verschlammung der Ventile am Zubringer, was bei dem bekannten Zustande unserer Stadtbach zu erwarten ist und bei einem Brande unheil­voll werden kann, der beabsichtigte Effekt nicht in der Zeit erreicht, wie di.s sonst ge­schehen wäre. Trotzdem waren später die Leistungen der Maschinen und Mannschaften musterhaft und beglückwünschten die Vertreter der verschiedenen eingeladenen Behörden die Feuerwehr über das Dargebotene. Am Abend vereinigte dann noch der Leib'sche Saal daS Corps sowie viele Gäste zu fröhlichem Bankete.

Gießen, 13. Octbr. Der Schwurgerichtshof hat heute: a. gegen Johannes Fischer III. von Ilbeshausen, wegen Körperverletzung mit tidtlichem Erfolg, eine Zuchthausstrafe von 5 Jahren, unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 4 Jahren, sowie d. gegen Georg Jacob von GeilSdausen, einen Mann von 78 Jahren, wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit, eine Zuchthausstrafe von 5 Jahren, unter Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 4 Jahren, und Zulässigkeit der Polizei Aufsicht erkannt, und hiermit die Sitzungen des IV. Quartal­geschlossen.

Gießen, 15. Oktbr. (Die DekantSsynode zu Gießen.) Am 10. Okt. tagte die Synode des Dekanats Gießen in der Kirche dieser Stadt. Es batten sich 37 Mit­glieder, welche 40 Stimmen reprälenffrten, eingefunden. Ein geistliches und ein welt­liches Mitglied waren entschuldigt- Die Predigt wurde von Pfarrer Schlosser zu Gießen über 1. Kor. 13,13 gehalten und behandelte den Satz, daß das Synodalleben nur gedeihen könne, wenn wir festhielten am Glauben, der Hoffnung und der Liebe. Hierauf erstattete der Dekan den vorgeschriebenen Rechenschaftsbericht, welcher im Ganzen ein erfreuliches Bild von dem religiösen, kirchlichen und sittlichen Leben des Dekanats .»rkennen ließ, wenn auch in einzelnen Gemeinden während der letzten Jahre der Kirchen- besuch ein wenig adgenommen hat, so hat er sich in andern wieder gehoben und ist in