feine ermutigenden Erfahrungen gemacht; er (Bismarck) kämpfe dafür mit aller Kraft, habe aber, da der Plan noch nicht für die Ausführung reif, zur Erhöhung der Matrikular-Beiträge greisen müssen, wobei ihm die Verfassung zur Seite stehe. „Ich erkläre, daß wir im Reichskanzler-Amt unter Zuziehung der preußischen Finanzverwaltung mit der Steuer-Reform beschäftigt sind, und zwar mittelst besierer Ausbeutung der indirecten Steuern. Ich bestreite, daß die ärmeren Classen dadurch gedrückt werden, und verweise auf den Vorgang bei Aushebung der Mahl- und Schlachtsteuer in Berlin. Während der jetzigen Session war die Vorlegung des Reform-Projectes nicht möglich. Mit einer einzelnen Steuer vorzuzehen, erschien nicht rathsam, zumal die Ablehnung von Seiten des Reichstags wahrscheinlich war. Ist dies ein Jrrthum, so steht es dem Reichstage jeden Augenblick frei, solche Steuer zu fordern. Ich hoffe aus die Bereitwilligkeit der Regierungen, in die Erhöhung der Matrikular-Umlagen zu willigen, und auf die Unterstützung des Reichstages. Reichs-Minister ohne Macht werden nichts nützen, auch nicht zu schaffen fein. Ich erinnere an den Präsidenten des Reichs-Eisenbahn-Amtes, der sein Amt niederlegte, weil er sich hülslos fühlte und alle seine Anordnungen an dem Widerstand der Partikular- Staaten scheitern sah." Gerade so würde es etwaigen Reichs-Ministern gehen. Der größte Gegner eines Reichs-Finanz-Ministers würde der preußische Finanz- Minister sein. „Gerade deshalb (so suhr der Reichskanzler fort) strebte ich danach, einem hohen Reichsbeamten Sitz und Stimme im preußischen Ministerium zu schaffen, um den größten Partikular-Staat für das Reich zu gewinnen, wobei ich bemerken möchte, daß die anderen Staaten nicht minder partlkulari- stisch wie Preußen sind. Der partikularistische Strom war stets bedeutend bei uns, und scheint jetzt wachsen zu wollen, ist vielleicht auch nur ein Durchgangspunkt. Jedenfalls brauchen wir Zeit, um solche Hinderniffe zu überwinden. Ich empfehle das Budget Ihrer wohlwollenden Beurtheilung; mögen Sie den Umstand, daß Sie eine provisorische Bewilligung aussprechen, in einer Resolution erklären, das kann ich hinnehmen, obwohl ich damit nicht einverstanden bin, aber seien Sie überzeugt, daß das Menschenmögliche geschah, um das Reformwerk fertig zu stellen; es ist aber nicht fertig und war mit Menschen- fräften nicht fertig zu stellen. (Beifall.) — Nach der Rede des Fürsten vertagte sich das Haus auf Montag.
— Wie die „Kreuz-Ztg." erfährt, habe der Kaiser kürzlich das Staats- Ministerium aufgefordert, ihm einen Bericht über die gegenwärtigen Nothstands- Verbältniffe zu unterbreiten und wäre demzufolge eine bezügliche Denkschrift zur Vorlegung an den Kaiser ausgearbeitet worden.
Hesterreich.
Wien, 10. März. Das Abgeordnetenhaus beschloß in feiner heutigen Sitzung, in die Special-Debatte über die Anträge auf Revision des Preßgesetzes einzugehen, nahm die bezüglichen zwei Gesetz Entwürfe betreffs Abänderung der Sirasproceß-Ordnung und des Preßgesetzes an; bezüglich des Preßgesetzes unter Ablehnung der §§ 5, 6 und 7, fcetr. die Aufhebung der Cautionm der Zeitungen, sowie die eventuelle Straflosigkeit des Verlegers, Druckers^oder Verbreiters einer Druckschrift. — Der „Polit. Corresp." zufolge sind die Osterferien des Reichsraths für die Zeit vom 25. März bis 19. April in Aussicht genommen. Die Landtage werden auf den 4. April zu kurzer Session berufen werden.
Frankreich.
Paris, 10. März. Graf Schuwaloff ist heute Vormittag nach London zurückgekehrt und wird nunmehr der englischen Regierung von den neuesten Dispositionen Rußlands Kenntniß geben.
Paris, 11. März. Der „Agence Havas" zufolge hatte der hiesige Correfpondent der „Times" heute Vormittag eine Unterredung mit General Jgnatieff, aus welcher er den Eindruck mit fortgenommen hätte, daß Jgnatieff auf seine Reise nach London noch nicht definitiv verzichtet habe.
England
London, 10. März. „Reuler's Bureau" veröffentlicht eine Depesche Savfet Paschas an den hiesigen türkischen Botschafter Muffurus Pascha vom 8. Marz, in welcher der Entschluß, an der Durchführung der Reformen in der Türket unablässig zu arbeiten, hervorgehoben wird; die einzelnen Reform-Maßregeln zerfielen in zwei Classen; die eine begreife die unmittelbar eönzuführenden in sich, die andere umfaffe die zuvörderst dem Parlament in Form von Gesetz- Entwürfen vorzulegenden. Erstere bezögen sich auf die Einrichtung der Gensd'ar- tnerie, die Canton-Eintheilung, die Zulaffung auch von Nicht-Mohamedanern zu den Militär-Schulen, das Verbot der Maffen-Ansiedelung von Tscherkeffen und des Gebrauches irregulärer Truppen, sowie auch des Waffentragens ohne Er- laubniß, ferner die Amnestie für die Aufständischen aus der Gegend von Phi lippopel, die Cultns-Freiheit, den Erlaß der ruckständifchen Steuern in den durch Unruhen heiingksuchten Distncten, und endlich die Anerkennung des Eigen- thumS-Rechts der Christen. Von den itr Aussicht genommenen Gesetz-Vorlagen waren die erheblichsten die, welche die Presse, daS Gerichtswesen/die Communal- Ordniing, das Budget und die öffentlichen Arbeiten in Konstantinopel betreffen. Die Eröffnung des Parlaments solle Mitte Mär; erfolgen.
London, 10 März, Abends. Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus Washington tklegraphirt: Der Senat hat nahezu etnstimmtg sämmtliche Mitglieder des neuen Cabinets in ihren Aemtern bestätigt. Der Schatz-Secretär kündigt die Einlösung von weiteren 10 Mill. 5/20tx Bonds an.
Belgien.
Brüssel, 10. März Dem „Journal de Bruxelles" zufolge ist gestern von den Bevollmächtigten Belgiens, Frankreichs und der Niederlande ein neuer Vertrag, betreffend die einheitliche Behandlung der Zucker-Zölle, abgeschloffen worden.
Italien
, 11. März. Cardinal gerrieri ist an Stelle des Cardinals Bo- naparte zum Camerlcngo des heiligen Collcgs ernannt worden. Der Deputirten- Kammer sind Seitens des Finanz Ministers Depretis Gesetz-Entwürfe betreffs Abänderung der Mahlsteuer und der Steuer auf das bewegliche Eigenthum, sowie Reorganisation der Grundsteuer vorgelegt worden.
Anßkand.
Petersburg, 10. März. Gestern hat bei dem deutschen Botschafter
v. Schweinitz eine glänzende Abend-Gesellschaft ftattgesunden, welcher Der Kaiser, der Gropfürft-Thronfolger, Großfürst Wladimir, die Minister und viele Mitglieder des diplomatischen Corps, der Aristokratie und der deutschen Colonie beiwohnte^.
Türkei.
Kouftantiuopel, 9. März, Abends. In einer heute stattgehabten Conferenz der Friedens-Bevollmächtigten wurden Seitens der molitenegrinischen Unterhändler die Gründe für die von ihnen aufgestellten Forderungen bärge» legt; letztere müßten sie behufs Herstellung eines dauerhaften Friedens für nothwendlg erschien. Wie versichert wird, erklärte hierauf der türkische Minister des Auswärtigen, die öffentliche Meinung der Türkei mache die Annahme dieser Forderungen unmöglich. Hauptsächlich soll der Minister der Abtretung von Niksic und des Hafens Spizza, sowie der Vergrößerung Montenegros nach der albanischen Seite hin seinen Widerspruch entgegengesetzt haben. Morgen sollen die Besprechungen fortgesetzt werden.
Griechenland.
Athen, 10. März. Das neue Cabinet hat sich wie folgt zusammengesetzt : Deligeorgis ist Präsident und außerdem Minister des Innern und des Acußern, Leoides ist Finanz-Minister, Äntonopulos Justiz-Minister, A. Mau- romichalis Kriegs-Minister, Zochios Marine, Komvahiö Rongabls (?) Minister des öffentlichen Unterrichts.
Amerika.
Washington, 10. März. Die Commission des Senats stellt den Antrag auf Bestätigung von Schurz, Devens, Maccary und Thompson als Mitglieder des Cabiiiets. Der Präsident Hayes erklärte gegenüber einer von ihm empfangenen Deputation von Farbigen aus Carolina, unter denen sich auch Mitglieder der Legislatur befanden, er wünsche den Racen-Unterschied vollkommen aufgehoben zu sehen. Wenn die Demokraten des Südens die Rechte ihrer politischen Gegner nicht achteten, so wäre die Anwendung von Waffengewalt unvermeidlich. Schließlich befürwortete der Präsident die vorläufige Beibehaltung des status quo in Carolina; bevor er weitere Schritte thue, werde er die «Sachlage prüfen.
Lokal-Notiz.
Gießen, 13 März. Am Sonntag Nachmittag sand auf Lony's Vierkeller die vsn den hirsigen Socialdemokraten angekündigte Volksvclsammlunq statt, in welcher übrigens den Abstimmungen nach zu urtbeilen die Partei der Socialdemokraten erhetz- lich in der Minorität war. Nachdem ohne Einspruch von anderer Seite das Präsidium und Schriftführeramt an die Einberufenen besetzt war, hielt dec RcichstagSadgeordnele Fritzsche einen anderthalbstündigen Vortrag über das Wesen und die Grundlagen der sociatdemokratischen Bestrebungen, über deren Parteidisciplin und das versah!en der feindlichen Karteien, insbesondere der Nalionalliberalen und des hiesigen Kriegerverein«.
Die Rede, welche mit »oller Beherrschung des Materials in vollendeter Form, mit größter Sicherheit und Ruhe, habet durch drastische Beispiele sowie derbe und feine Stichelreden verziert, oorgetragen wurde, hat zum großen Theile die Wahrheit enthalten und darf mit den gewöhnlichen Parteiphrasen und verbrauchten Schlagwörtern keineswegs auf eine Stufe gestellt werden. Die Widerlegung der landläustgen «nsich- te» über die Theilungsgelüste und die freie Liebe der Socialdemokraten war du.chauS gut und hat der Redner, den ein einnehmendes Acußere und ein ansprechendes Organ unterstützen, die ethische Grundlage der Socisldemok,alte unter glücklichem Bezugnahme auf Männer wie Albert Lange und Eugen Dühring klargelegt; nur schade, daß bte Uebertragung solch idealer Gestaltungen in bte Wirklichkeit vorerst und auf lange hmauS ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die darauffolgende Kritik der Reichsgesetzgebung war meistens stark aufgetragen.
Der Vortrag des Herrn Fritzsche hat aber trotz deS vielen unbestreitbar Wahren und Richtigen gleichwohl ein charakterischeS Bild an der Unfertigkeit und inneren Un- oollftändigkeit der socialdemokratischen Theorien gegeßen,- man kann einem großen Theil her Ausführungen deS Redners zustimmen ohne damit den socialdemokrat.scheu Lehren ein Zugeständmtz zu machen.
Die Stärke des Redner- und deS von ihm »ertretenen Standpunkts liegt int Verneinen, in der Kritik der bestehenden socialen und wirthschaftlichen Zustände; er hat aber unterlassen, Mittel und Wege anzugeben, wie Abhülfe zu schaffen sei. Denn die Verweisung auf Produktiogenossenschaften mit Staat-Hülfe, auf sittliche Gestaltung de* Lebens und der VolkSwirthschüft und auf Volksbildung genüzt nicht und fönn.m solche allgemein gehaltene Gesichtspunkte die brennenden Fragen nicht lösen; die oom Redner angedeutete staatliche Bodenwirthschaft möchte ein bedenkliches Experiment fein.
ES ist zu bedauern, daß den zahlreichen Zuhörern, welche mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vortragenden folgten, die Kehrseite der Sache nicht gezeigt wurde und hätte man wohl von een Wortführern der liberalen Partei eine Entgegnung erwarten dürfen. Ein Mann wie der Reichstagsabgeordnete Fritzsche ist einer Gegenrede werth uav vornehmes Schweigen, wie vorgestern beliebt wurde, ist sicherlich nicht geeignet, die Irrlehren der Socialdemokraten ii ihrer Verderblichkeit zu beschränken.
Vermischtes.
Darmstadl, 5. März Dem Rhein. Herold wird au8 Langkat auf Sumatra, 15. Jan. 1877, peschriebea. .vielleicht erinnern Sie sich noch, da» vor ungefähr l'/r Jahren die deutschen Behörden einen gewissen Herrn Major Steck verfolgten, da er in Hessin für die holländische Armee in Atsch-tz anwerbea wollte, derselbe entkam glückuch den Verfolgungen und begab sich altzdann nach Dell auf Sumatra. Mitte 1876 eröffnete Major ivteck eine Tabaksplantage in Langkat und hatte bald die Freude, zu sehen, daß (ein Unternehmen von dem schönsten Erfolge gekrönt «ar. Ueber Neujahr ging er nach Deli und nachdem er auf der Rückreise beinahe um das Leben gekommen, indem die Wellen des unruhigen MeereS über Deck schlugen und in dem Maschinenraume das Feuer auslöschten, kam er endlich an seinem Wohnorte an. Aber wer beschreibt sein Erschrecken, als er Alles verödet und abgebrannt findet, da ein Volksstamm der Atschinesen in sein Gebiet gedrungen wor und Alle sich zur Wehr setzenden ermordet, alle» Geld, alle beweglichen Güter rc. mitgeschleppt, da» Zurückgelassene jedoch in Stücke geschla-eu hatten. Mehr ist mir von diese» UeberfaHe nicht bekannt, denn d e Commission, die sich dorthin begeben bat, ist noch nicht -urückzekehrt. Dieser Vorfall wird vielleicht die deutschen Behörden mit ihm aussöhnen, wenn sie erfahren, wie dieser Mann, zwar ihrer Strafe entronnen, nun heimzesucht ist von Denen, gegen welche zu kämpfen, er Deutschlands Jünglinge anwerben wollte.'
Frankfurt, 4. März. Gestein Nachmittag wurde von einem großen beladenen Bierwagen an der Brücke ein etwa 9 ^Zadre alter Knabe überfahren Derselbe haschte nach dem au8 dem Spund quellenden Schaum, glitt dabei aus und kam unter das Rad. Er blieb augenblicklich tobt Die Hälfte deS KopfeS ist zerquetscht, Krm und Bein zermalmt.
Karlsruhe. Ein Vorfall, der diesem Tage zwischen zwri Schülern deS hiesigen Gymnasiums stattfand, macht gegenwärtia viel von sich reden Nach genauen Erkun- bTQU,.gcit kann die .L- Ldz.^ mittheilen, daß in genennt.-r Anstalt, in Folge geringfügigen Streite«, emtr der Streitenden plötzlich eine kleine Pistole auS der Tasche zog n-.b seinem Gegner in den Rücken schoß. So qräßlich die Mugaben auch klingen, so ist die ganze Sache dennoch nichts Anderes, der unbesonnene Streich eineß jugendlichen Hitzkopfs, der demselben indessen theuer zu stehen kommen kann.
Bremen- Eine eigentbümliche Ueberraschung wurde am 25. o M. einem hei- rathslustigen jungen Manne, der „auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Weae* eine Lebensgefährtin suchte, zu Theil. Derselbe hatte sich unvorsichtiger Weise bad Bilduiß der Bewerberinnen um sein Herz und seine Hand in dem een rhm erlassenen Inserate nicht mit den vewerbungsbriefm erbeten und war deshalb gezwungen die Anziehung«-


