Ausgabe 
11.10.1877
 
Einzelbild herunterladen

Heinrich's V., von den Agenten des Syllabus und des Papstes hält, welche alle durch das Wahlpatronat des Präsidenten der Republik, zweifelsohne um die republikanischen Einrichtungen bester zu beschützen, gedeckt sind; es wird s^gen, was es von der persönlichen Politik des Staatsoberhauptes und von den aristokratischen und rückschrittlichen Ansprüchen des von dem Herzog Le Broglie geleiteten Cabinets hält; es wird sagen, was es von der nicht zu rcchtfertigenden Auflösung der republikanischen und liberalen Mehrheit hält, welche es am 20. Februar 1876 durch beinahe fünf Millionen Stimmen mit der Ausführung feines Willens betraut hatte; es wird sagen, was es von den kleinlichen Verfolgungen hält, mit welchen die Regierung des Kampfes gegen die Zeitungsverkäufer, Schullehrer, Händler, Wirthe, gegen die bescheidensten Angestellten vorgeht, mit einem Worte, was es von diesem elenden Kriege gegen die kleinen Leute hält; es wird sagen, was es von der Forderung der Re­gierung hält, ihm auf drei weitere Jahre Beamte einer jeden Elaste aufzu- zwingen, die sich in offener Feindseligkeit mit seinen Erwählten befinden; es wird sagen, was es von den Plänen und Complotten dieser monarchischen Verbündeten hält, welche nach dreijährigen inneren Kämpfen und Spaltungen für 1880 eine schreckliche Krisis, vielleicht eine Revolution vorbereiten; es wird sagen, was es von jener schmutzigen Preffe hält, die, ohne Strafe fürchten zu müsten, die brutale Gewalt gegen die Erwählten des allgemeinen Stinlmrechts anrufen und unsere tapfere und edle Armee, heute die Elite der Nation und die letzte Hoffnung des Vaterlandes, beschimpfen darf; es wird sagen, was es von der durch den Brief vom 16. Mai, welcher das republikanische Mimsteriuin verabschiedete, eröffneten Politik, von dem nach der Heerschau am 2. Juli an die Truppen gerichteten Tagesbefehl, von der präsidentschaftlichen Botschaft vom 22. September, von dem ganzen Regierungssystem hält, welches das Oberhaupt der vollziehenden Gewalt als ein der Verfassung voranstehendes Recht in An­spruch nimmt. Frankreich wird auch sagen, daß es, auf dem Boden der Gleichheit und der Demokratie, die Republik als die für seine Erhebung und feine Größe nothwendige Regierung verlangt; es wird sagen, daß es der Anarchie und Dictatur ein Ziel setzen, die französische Revolution friedlich be­enden will, indem es durch die nationale Erstehung die Geistesbildung aller feiier Kinder fördert, durch den innern und den äußeren Frieden den allge­meinen Wohlstand und das allgemeine Wohlergehen sichert, und auf der Frei­heit und der Gerechtigkeit nicht die sogenanntemoralische Ordnung", wohl ober die republikanische Ordnung gegründet. Es wird sagen, daß es sein Wille sei, daß der Staat wie die Gemeinde, die Nation wie der Einzelne von der clericalen Herrschaft befreit werde, daß der Priester geachtet und auf seinen Tempel beschränkt sei, daß der Schullehrer in der Schule, der Richter in dem Gerichtssaal bleibe und daß die öffenlliche Macht niemals anders als im Dienste des Gesetzes verwandt werde. Meine tiefe, auf sichere Angaben gestützte Ueberzeugung gestattet mir, ohne besondere Kühn­heit und acht Tage vor der Abstimmung zu behaupten, baß Frankreich trotz aller gegen seine Stimmfreiheit gerichteten Umtriebe den Verwaltungsdruck ver­dammen, die ofstcielle Candidatur und ihre Agenten brandmarken und die Roya­listen, die Cäsariauer, die Clericalen, die Schurken wie die Gewaltthätigen weit von sich stoßen wird. Es wird die Politik der Dictatur verdammen, es wird dem in einem aus der Volksabstimmung hervorgehenden Candidaten umgestal­teten Oberhaupte der vollziehenden Gewalt keine andere Wahl lasten, als sich zu unterwerfen oder zu verabschieden. Was uns anbelangt, die wir des auf solche Weise feierlich festgestellten Schutzes des Landes sicher sind, so werden wir seinen Willen gegen den Widerstand einer maßlosen und unverbesterlichen Minderheit zur Geltung bringen. Ohne Leidenschaft, ohne Schwäche, ohne Zorn werden wir unsere Pflicht erfüllen. Die Einigkeit aller guten Franzosen, der Liberalen, der Vernunfts- oder der Geburts Republikaner, der Arbeiter, Bauern, Bürger, der Welt der Arbeit und der Ersparniß wird uns in der Weisheit erhalten und uns für das Vaterland und die Republik unbesiegbar wachen.

Paris, 5. October 1877. Löon Gambetta.

Paris, 8. October. Gegen Gambetta ist wegen seines Wahlschreibens von Neuem eine Anklage eingeleitet worden, wenn auch, wie es heißt, der Ver­breitung des Schriftstückes kein Hinderniß entgegengestellt werden soll. Der Fran^ais" sucht die Anklage aus der unerhörten Heftigkeit und Grobheit des Manifestes zu begründen, besonders aus der Dreistigkeit, womit es die Aeuße- rungen wiederhole, wegen deren Gambetta schon verurtheilt worden. Das sei nicht nur eine Wiederholung der Beleidigungen gegen den Präsidenten der Republik, sondern auch eine Frechheit gegen das Gericht.

Paris, 8. October. Gambetta beabsichtigte, am Dienstag Abend im Circus auf dem Chateaud'eau-Platze eine Rede zu halten, wird jedoch wahr­scheinlich darauf verzichten, da jetzt nach Einleitung der Verfolgung wegen des von ihm erlastenen Wahl-Programms seine Verhaftung nicht unwahrscheinlich ist. Die Zeitungs-Meldung, daß die französische Negierung officiell das römische Cabinel über die Bedeutung und Tragweite der Reise Crispi's inter- pellirt habe, ist sicherem Vernehmen nach unbegründet.

Paris, 8. October. DieAgence Havas" meldet, daß das Budget für 1878 den Kammern bald nach deren Zusammentreten vorgelegt werden solle; der in demselben veranschlagte Ueberschuß der Einnahmen über die Aus­gaben betrage 21 y2 Mill. Frcs. Der Finanz-Minister habe die Absicht, eine Verminderung der Patent-Steuer, sowie eine Ermäßigung der Stempel-Steuer auf Handels-Effecten und des Steuerzuschlages auf den Frachtenverkehr vorzu- fchlagtn, ferner auch Gesetzvorlagen, betr. die Herabsetzung der Post- und Ttlegraphen-Gebühren und die Reduction der Abgaben für Getränke, ein- zubringen.

Spanien.

Madrid, 7. October. Gestern Abend wurden neun mit Waffen und Schießbedarf versehene Männer verhaftet. Da sie Widerstand leisteten, so kam es zu einem Kampfe, worin einer derselben getödtet und ein anderer verwun­det wurde. Die gerichtliche Untersuchung hat begonnen.

Außland.

Petersburg, 9. October. Die Meldung eines Wiener Blattes von der Reducirung des Metall - Capitals der Eisenbahnen beruht auf absichtlicher Entstellung. Die fragliche Maßregel betrifft ausschließlich die Action einiger Compagnien und wurde feiner Zeit durch Ministerial-Schreiben au Berliner Bankhäuser mitgetheilt, dieses Schreiben auch veröffentlicht. Die garantirten Obligationen bleiben von dieser Maßregel unberührt.

Der orientalische Krieg.

Wien, 8. October. DasTageblatt" meldet aus Serajewo: Die Durchzüge türkischer Truppen gegen Mostgr und an die serbische Grenze dauern fort. Die Insurgenten wurden neuerdings geschlagen.

Konstantinopel, 8. October. Nach weiteren Meldungen Mnkotar Pascha's vom 5. d. Haven stärkere russische Streitkräfte die Höhen von Kabak verlassen; dieselben sind an den Fuß des Karatmol gezogen und haben, nach Abbruch der gegenüber den türkischen Linien aufgeschlagenen Zelte, bei den Verschanzungen von Kabak 6 Bataillone als Arriere-Garde zurückgelassen. Bei Daldirvan, Kisilvan und Oghongli ist keine Spur von den Russen mehr bemerk­bar ; das Lager derselben ist abgebrochen.

Konstantinopel, 8. October. Die hiesigen Zeitungen bezeichnen da- Gerücht, daß Achmed Ejub und Mehemed Ali Pascha vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollen, als unbegründet; Beide würden im Gegelltheil andere Commando-Stellen erhalten-

Petersburg, 8. October. Die Nachricht von dem angeblich in Aus­sicht genommenen Winter-Aufenthalt des Kaisers in Cotroceni entbehrt der Begrüadug. Von einer Abänderung resp. Verminderung der Soldaten-Ratio- nen ist selbstverständlich keine Rede. Gegen den Fürsten Andronikoff in Daghe- stan wurde ein Attentat begangen, bei welchem derselbe leicht verwundet wurde; doch befindet er sich außer jeder Gefahr, lieber die Ergreifung des Thäters liegt noch keine weitere Meldung vor.

Paris, 8. October. Aus Ragusa wird gemeldet, daß die Montene- grmer in der Herzegowina sich in dec Defensive halten. Die Türken werden fortwährend verstärkt und bereiten sich vor, die verlorenen Positionen wieder zu gewinnen.

Wien, 8. October. DiePresse" meldet ans Tiflis: Privat-Nache richten geben Kunde von dem Rückzüge Mnkhtar Pascha's nach Kars. Di- Zahl der in Gefangenschaft gerathenen Türken belaufe sich auf 1500.

Petersburg, 8. October. Amtlich wird aus Gorni-Studen, 7. d. gemeldet: Bei Plewna nehmen die Sappeur-Arbeiten der Russen ihren Fort­gang ungeachtet des kalten und regnerischen Wetters. Die Rumänen haben ihre Laufgräben bedeutend erweitert. Kein Schuß ist in der letzten Zett ge» wechselt; auch an den übrigen Stellen ist es still. DieNeue Zeit" be­richtet aus Gorni-Studen, 7. d.: General Gurko ist zum Commandeur der gesammten bei Plewna concentrirten Kavallerie, Skobeleff zum Commandeur der 16. Division, ^)ondukoff Korfakoff zum Commandeur des 13. CorpS, Fürst Jmeretinsky zum Stabs Chef der russisch-rumänischen Armee ernannt worden. Zotoff hat das Commando über das bisher von Jmeretinsky geführte Corps übernommen. Wie verlautet, leiden die Türken Mangel an Lebensmitteln.

Konstantinopel, 8. October. Mehemed Ali erhält das Ober- Commando der gegen Serbien bestimmten türkischen Armee. Die bosnischen Begs haben zahlreich freiwillig angeboten, eine starke Zahl von Truppen anf- zustkllen. Aus dem Kriegs-Theater sind die Operationen durch Unwetter ge­hindert. AuS Sistowa wird gemeldet: General Stoljetoff ist mit der Anwerbung von Bulgaren behufs Ausfüllung der Lücken beauftragt.

Wien, 8. October. DasNeue Wiener Tagebl." meldet aus Schumla, 7. Octbr. : Suleiman Pascha's Hauptquartier ist heute von Kareljewo nach Jowar Cisflik verlegt worden. Es herrscht fortwährend Regen und strenge Kälte.

Petersburg, 9. October. Ofstcielle Meldung aus Gorni-Studen vom 8. d.: Von unserer auf der Straße nach Osman Bazar stehenden Abtheilnng wurde am 5. d. eine fliegende Colonne südlich von Kesrowo gegen das Dorf Koslubeg entsandt, um die Baschi-Bozuks für ihre Räubereien und Mordthaten zu bestrafen. Die Türken wurden unvermuthet überfallen, erlitten bedeutende Verluste an Todten und Gefangenen und ergriffen die Flucht. DaS Dorf wurde niedergebrannt. Unsererseits wurden zwei Soldaten getödtet, zwei Osfi- ciere und zehn Soldaten verwundet. Sonst herrscht überall Ruhe. Das Wetter ist schlecht

Wien, 9. October. DiePresse" meldet ans Sistowa: Die Russen haben ihre Positionen am Lom und am Schipka-Paß verstärkt und Vorbereitung zur Ueberwinterung der Vortruppen getroffen. Bei Plewna sind außer den Rumänen 6000 Mann Russen mit Erdarbeiten Tag und Nacht beschäftigt. In der allernächsten Zeit wird die Erweiterung der Befestigungen von Sistowa und Nikopolis zu Brückenköpfen begonnen.

Vermischtes.

Darmstadt, 6. Oft. (Postpersonalnachrichten.) t. Versetzt sind: der Ober- Postdirectionssekretär Kallinich von Liegnitz nach Offenbach a. M, der Postsekretär Wolfsgramm von Bingen noch Mainz, der Obertejegraphenassistent Terras von Bingen nach Mainz, der Obertelegraphist Korte von Mainz nach Lennep, der Post- assistent Timps von Mainz nach Bingen und der Telegraphenasststent Göbel von Worm4 nach Cöln a. Rhein; 2. Angenommen sind als Vostagenten: Der frühere Steuerbote Seyler in Rüdesheim i. Rheinhessen, der frühere KeetSbote Rühl in Obermörlen und der Gemeinderechner Stengel in Ober Rosbach i. Gr. Hessen. 3. Ausgeschieden ist der Postagent Muth in Mombach. 4. In den Ruhestand getreten ist der Postcommissarius Köhler in Mainz.

Lebensversicherungsanstalten gibt es im Deutschen Reiche jetzt 36, in Deutsch- Oesterreich 14, in der deutschen Schweiz 2. Unter den deutschen Anstalten hatten die nachbenannten 6 zu Ausgang des vorigen Jahres je einen Versicherungsbestand von mehr als 100 Millionen Mark: Gotha 307,551,700 jl, Germania in Stettin 197.942,374 jd, Concordia in Cöln 129,928.695 jl, alte Leipziger 116,125,150 jt, Stuttgarter LebensoersicherungSbank 110,132,456 Lübeck 108,586.524 Zusammen waren bet diesen 6 größten Anstalten nahezu 1 Milliarde Mark versichert.

Die Zusammenstellung imBr. Handelsbl.", welcher wir diese Daten entnehmen, überzeugt uns von der soliden Fundirung der Mehrzahl der geschilderten Institute; sie be­lehrt uns aber zugleich, daß noch immer doch nur ein kleiner Procentsatz der Bevöl­kerung von den hier dargebotenen Segnungen Gebrauch macht. (Versichert waren im Deutschen Reiche Ende 1876: 541,270 Personen mit 1,755.131,012 ^) Indem sie zu­gleich diese Segnungen mit authentischen Ziffern erläutert, enthält sie eine ernste Mah­nung an olle Diejenigen, welche, obwohl ihnen die Gelegenheit so nahe gerückt ist, noch versäumen, in der zweckentsprechendsten und sichersten Weise für die materielle Zukunft ihrer Angehörigen zu sorgen.

(Die kluge Fliege.) Unter diesem Titel veröffentlichen die «Berliner Wcspen" folgende Uebersetzung einer äsopischen Fabel: Einst zogen Fliegen über Land und ge­langten in ein blühendes Kuchengefilde. Da ersah die erste einen Kuchenteig, flog auf ihn und naschte; da sie aber kein Alaun vertragen konnte, so bekam sie die Dünndarm­entzündung, siechte dahin und starb. Die zweite Fliege hierdurch vorsichtig gemacht, mied den Kuchenteig und versuchte sich an einer Taffe mit Kaffee Inhalt; aber des Eisenoxyds war zu viel, eS untergrub ihre Gesundheit, sie legte sich hin und segnete das Zeitliche. Die dritte dachte bei sich: Sind die Süßigkeiten hier alle vergiftet, so werden c5 wohl hoffentlich die Fleischwaaren nicht sein, flog auf eine Wurstscheibe und hieb wacker ein. Aber welche Fliege könnte Arsenik vertragen? Auch sie versammelte sich bald zu ihren Vätern. Die vierte Fliege aber war eine kluge Fliege, sie ließ Alles