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folgt der Etat des Ministeriums des Innern. Bei den Einnahmen aus der Strafanstalts-Verwaltung fragt Abz. Eberty, ob eine Vorlage in Betreff der Unterbringung verwahrloster Kinder einzehe. Minister Friedenthal erwidert, daß ein solcher Entwurf sich in den letzten Stadien der Vorbereitung befinde und dem Landtage demnächst zugehen werde. Äbg. Golting plaidirt für das Zellen-System. Abg. Richter (Hagen) erörtert die Agitationen gegen tue Ge fängniß-Arbeit. Um 3>/4 Uhr wird Vertagung beschlossen. Nächste Sitzung morgen. __

Berlin, 6. November. DieNordd. Allg. Ztg." dementirt die Mel­dung, daß die Berufung des Reichstags für den Februar in Aussicht genom- nien sei und die Vorlagen sich auf Ergänzung der Justiz-Gesetze beschränken winden.

Heflerreich.

Wien, 6. November. DiePolit. Corresp." meldet aus Konstanti­nopel von vorgestern: Auf Befehl des Großvezirs wurden viele hervorragende Würdenträger verhaftet. Wie verlautet, ist eine Verschwörung der Partei des abgesetzten Sultans Murad entdeckt worden. Der nämlichen Corrcspondenz wurde aus Belgrad gemeldet: Die Bewegung serbischer Truppen nach der Grenze dauert fort, ohne daß hieraus auf eine Action zu schließen wäre. Theil- weise werden nur die Miliz-Brigaden an der Grenze abgelöst. Die anwesen­den bosnischen Jnsurgenten-Chefs verlangen von der serbischen Regierung die Ernennung eines neuen Ober-Commandanten.

Pesth, 6. November. In der Deputirten-Kammer interpellirte Apponyi wegen der Vorlegung aller auf die Vertrags-Verhandlungen mit Deutschland bezüglichen Documente noch vor der meritorischen Berathung des allgemeinen Zoll-Tarifs.

Araukreich.

Paris, 6. November. In der gestrigen Versammlung der Fractions- Vorstände der Linken wurde der Beschluß gefaßt, während der ganzen Dauer der gegenwärtigen Krisis den Journalen über die Berathungen der Linken kei­nerlei Mittheilungen zu machen. Demgemäß desavouirt die Versammlung der Linken im Voraus und erklärt für apogryph jede Mittheilung oder Information, welche in den Journalen ohne Unterschrift des Präsidenten oder des Secretärs jeder Versammlung erscheinen sollte.

Eine in den legitimistischen Journalen veröffentlichte Note theilt mit, daß in einer gestern abgehaltenen Versammlung der Rechten der Kammer Dele- girte beauftragt worden seien, sich zu Mac Mahon zu begeben, um ihm die Gefühle des conservativen Landes auszudrücken, welches, nachdem es dem Mar­schall in dem letzten Wahlkampfe gefolgt sei, auf sein Wort und seine Festig­keit rechne, um den revolutionären Umtrieben Widerstand zu leisten. Heute Abend findet wiederum eine Versammlung der Rechten statt.

Paris, 6. November. Das Ministerium hielt heute Abend lange Zeit Berathung

Dem Vernehmen nach werden die Fractionen der Rechten morgen im Senat den Antrag einbringen: Unter dem Ausdruck des Vertrauens zum Mini­sterium, sowie der Billigung der Politik des Marschall-Präsidenten zur Tages­ordnung überzugehen. Die Fractionen der Linken würden auf die sofortige Berathung dieses Antrags eingehen. Viele Senatoren und Deputirte der conservativen Parteien haben im Laufe des heutigen Nachmittags im Elysäe- Palast Besuch gemacht. Es sind nunmehr die Ergebnisse von 1369 General- raths-Wahlen bekannt, davon fielen 764 auf Republikaner, 511 auf Conserva tive und 84 müssen durch Stichwahl entschieden werden. Nach dem aus 80 Departements bekannten Ausfall der Wahlen würden in 40 derselben die Republikaner, in 39 die Conservativen die Majorität haben. Die Republikaner haben 107 Sitze gewonnen.

England

London, 6. November. General-Feldzeugmeifler Campbell erhielt Ordre, den Krupp'schen Schießversuchen bei Bredelar beizuwohnen. Contre-Admiral Hay wurde zum Kommandeur des Canal-Geschwaders ernannt.

Kossand.

Haag, 6. November. DasAmtsblatt" veröffentlicht die Errichtung eines neuen Departements für Handel, Industrie und Schifffahrt.

Der orientalische Krieg.

Wien, 6. November. DiePresse" meldet aus Tiflis: 6 Bataillone Türken, welche auf der Straße von Datum nach Erzerum am Fuße des Daman-Dagh südwestlich von Tortum von einer russischen Colonne angegriffen wurden, mußten den Rückzug nach Datum antreten. Sie ließen viele Waffen und Pferde zurück und verloren Gefangene. Die russische Colonne steht in Bar, 6 Meilen nördlich von Erzerum.

DiePolit. Corresp." meldet aus Bukarest vom heutigen Tage: Gestern versuchten die rumänischen Batterien in Kalafat die Errichtung einer neuen türkischen Batterie in Widdin zu verhindere Der Versuch gelang in­dessen nicht, da die Türken die bereits fertige Batterie demaskirten und die gegenüberliegende rumänische Batterie 4 Stunden hindurch beschossen. In Ka- lasat wurden nur einige Häuser beschädigt.

Wien, 6. November. Aus Bukarest wird gemeldet: Der Czar hat die Bildung einer Reserve-Armee von 100,000 Mann mit einem selbstständigen Generalstab angeordnet, welche vorläufig in Rumänien verbleiben soll.

Konstantinopel, 6. November. DieAgence Havas" meldet, Mukhtar Pascha sei in der Stellung von Erzerum am Sonntag und gestern angegriffen worden. Ueber das Resultat des Kampfes ist bisher Nichts veröffentlicht worden.

Lokal-Vkotiz.

Gießen, 6. Nov. (Auszug aus dem Jahresbericht der Handelskammer in Gießen für das Jahr 1876.) (Fortsetzung.)

b) Eisenbahnwesen.

Eisenbahnen im Allgemeinen.

Die Frage der für Deutschland zweckmäßigsten Etsenbahnpolistk wurde von uns dahin erledigt, daß wir gegen die Erwerbung der deutschen Eisenbahnen durch das Reich uns aussprachen und den Resolutionen, welche der bleibende Ausschuß des deut­schen Handelstags an seine Mitglieder zur Begutachtung übersandte, mit einigen Ab­änderungen der Pos. 1 und unter Hinweglassung der letzten Alinea der Pos. 2 und

derjenigen der ganzen Pos. 3 zustimmten, die hiernach folgende Fassung erhalte würden:

Pos. 1. »Die Eisenbahnen deS deutschen Reichs können nur dann in vollem Maße die wtrthschaftltche Wohlfahrt der deutschen Nation fördern, wenn sie als ge- meilmützige Anlagen nach festen Grundsätzen und Bestimmungen beaussichtigt werden." Der Ausschuß des deutschen Handclstages heißt deshalb jeden Schritt der deut­schen Staatsreglerungen und des deutschen Reiches willkommen, welcher diesem Zwecke dient."

Er erkennt es als eine Nothwendigkeit, daß alle deutschen Eisenbahnen, mögen sie einzelnen Parttcularstaaten oder Privatgesellschaften angehören, sofern sie nicht aus­schließlich dem localen Verkehr dienen, bezüglich ihrer Einrichtungen, ihres Betriebes und ihrer Tarife den Forderungen entsprechen, welche vom Standpunkt der allgemeinen deutschen Interessen aus erhoben werden müssen."

Pos- 2.Zur Durchführung dieses Gesichtspunktes ist die Vereinigung einer starken Aufsichts- und Anordnungsgewalt in den Händen des Reichseisenbahnamtes unerläßlich."

Der Versuch, dieß im Wege der Gesetzgebung zu erreichen, ist bereits im Vor- bereitungsstadium auf ernste Bedenken gestoßen, die einestheilS in der berechtigten Rück­sichtnahme auf die Prioattnterefsen einzelner Staaten und Eisenbahngesellschaften, andernthetls in den parttculanstischen, mit der Förderung des Wohles der gesammten deutschen Nation unverträglichen vorurtheilen wurzeln."

Bet Bekämpfung der letzteren Schwierigkeit hat der deutsche Handels- und Ge­werbestand, die deutsche Retchsregierung kräftig zu unterstützen, dringende Pflicht."

Wir gingen von der Erwägung aus, daß die Erwerbung der deutschen Eisen­bahnen durch das Reich ein Monopol zur Folge haben würde, welches schwerlich auf die Dauer dem Verkehr die gleichen Vorthelle bieten könne, als die freie Eoncurrenz. Nicht nur.lschenswerth, sondern unumgänglich nothwendig würde eS dagegen sein, daß das Retchsctsenbahnamt mit weiter gehenden Befugnissen alS seither ausgeftattet werde, da eine Behörde, die keine directe Verwaltung, wohl aber genügende und ent­sprechende Aufsichtsrechte haben wird, die hier in Betracht kommenden mannigfaltigen Interessen am besten und nachhaltigsten zur Geltung bringen könnte. Wenn auch bis zur Dtunoe die Grundlage für vollständig genügende Bestimmungen noch nicht ge­funden, so sei doch keineswegs nachgewtesen, daß ein zeitgemäßes, die dringenden For­derungen befriedigendes Gesetz nicht Herbetzuführen wäre. Für den Fall der Er­werbung der deutschen Eisenbahnen durch das Reich sprachen wir in theilweiser Ueber- einsttmmung mit der Pos. 3 des Antrags des Referenten des bleibenden Ausschusses des deutschen Handelstags die Erwartung aus, daß dann dem deutschen Reichstage eine fortwährende Einwirkung aus die Verwaltung und den Betrieb zustehen müsse, daß die Reichsregierung die Verwaltung der Reichsbahnen, mag sie diese selbst in die Hand nehmen oder Dritten übertragen, nach Grundsätzen regele, welche fiscaltsche Interessen über das Ziel einer mäßigen Verzinsung und Amortisation deS CapttalS hinaus aus- schließen und die Mitwirkung erfahrener Männer aus den Kreisen deS Handels, der Industrie und der Landwtrthschast sichern.

Speciell Gießen berührende Eisenbahnen.

Zu einer Beanstandung gab uns der in der vergangenen Periode herausgezebene Winterfahrplan der Matn-Weser-Bahn Anlaß.

Wir sprachen uns dahin aus, daß es im Interesse des Verkehrs höchst wünschens- werth und nothwendig sei, daß den Bewohnern der Wetterau und dem reisenden Publi­kum überhaupt Gelegenheit geboten werde, den hiesigen Platz schon vor Abgang der ersten Züge der Oberhessischen Eisenbahnen erreichen zu können, und daß diesem Be- dürsntß etwa durch die Einrichtung Genüge geleistet werden könne, wenn der gemilchte Zug Nr. 20, welcher um 7 Uhr 20 Min. Abends von Cassel abgeht, bis Frankfurt laufen und Morgens etwa um 5 Uhr von dort wieder abgelassen würde. Es wurde uns hierauf von Großherzoglichem Kreisamte dahier eine Verfügung deS Großherzog- lichen Ministeriums der Finanzen mitgethetlt, nach welcher keine Veranlassung ge­nommen werden könne, jetzt noch eine Aenderung für den Gang der Eisenbahnzüge zwischen Frankfurt und Gießen eintreten zu lassen, weil der Wtnterfahrplan schon seit dem 15. October zur Ausführung gekommen set. Wir sahen uns daraufhin zu einer Eingabe an das Großherzogliche Ministerium veranlaßt, worin wir das Wünschens- werthe der alsbaldigen Einrichtung eines Frühzuges eingehend darlegten; wenn auch der Wtnterfahrplan schon 3 Monate lang in Kraft set, so würde doch der Gang der Züge noch 4 Monate derselbe bleiben und die In Frage stehende Cnlamität so lange fortbesteben, abgesehen davon, daß auch der Zug 5 des Sommerfahrplans diese nur dann beseitigen könne, wenn er in Frankfurt so früh abgelassen würde, daß er in Gießen vor 7 Uhr 30 Minuten eintrifft. Wenn auch unfern Wünschen bis jetzt noch nicht entsprochen worden, so glauben wir uns doch der Hoffnung htngeben zu dürfen, daß bei Aufstellung des Winterfahrplans der Matn-Weser-Bahn pro 1877/78 dieselben die geeignete Berücksichtigung finden werden und erlauben unS unsere dahin gehende

Landwirthschaftliche s.

Am 23. October hielt der landwirthschaftliche Local-Verein Gießen seine zweite Sitzung. Eine Frage, welche die Landwirtbe neuerdings sehr beschäftigt, wie man sich gegen eines der verderblichsten Unkräuter die Kleeseide Cue- cula europaea schützen kann", kam zunächst zur Besprechung. Da der Samen dec Kleeseide tn der Regel mit dem Kleesamen selbst gekauft wird, würde man sich nach der Ansicht der meisten der Anwesenden zunächst beim Einkauf des Kleesamens oorzu- sehen haben. Gute Samenhandlungen garantiren für den von ihnen geführten Samen, d. h. sie machen sich verbindlich, Kleesamen frei von Kleesetdesamen zu verkaufen. Die Erfahrung der Landwirthe liefert jedoch Beispiele, daß selbst Kleesamen aus reellen Handlungen, immer noch genug Kleeseidesamen führte, um den jungen Klee in seiner Entwickelung noch sehr zu beeinträchtigen. Da außerdem der Kletsetdesamen, ohne seine Keimfähigkeit einzubüßen den Darmkanal unserer Hausthtere pafftren oder jahre­lang tn der Erde liegen kann, so ist es sehr wahrscheinlich, daß auch im Klee Kleesetde Vorkommen kann, ohne daß der Kleesetdesamen mit dem Kleesamen auSgesäet ju sein braucht.Das Ratbsamste bliebe danach nur möglichst reinen Kleesamen zu säen und falls trotzdem Kleeseide tm wachsenden Klee vorkommen sollte, diese durch Untergraben und zwar ehe sie zum Samentragen kommen kann, zu vernichten. Würde von allen Setten in dieser Weise die Kleesetde bekämpft, so würde sie bald aufhören unsere Klee- äcker zu verwüsten. An der Gleichgültigkeit vieler Landwirthe scheitert zumeist der Vernichtungskrieg gegen die Kleesetde; was hilft es, wenn der Eme seine Kleefelder davon frei hält, während der Nachbar die Kleesetde Samen tragen läßt und auf diese Weise sorgt, daß für eine ganze Gemarkung Kleeseide vorräthig wird! Und hieraus entsteht die Frage, sollte nicht von Seiten der Polizei gegen solche fahrlässige Nach­barn oorgegangen werden müssen? Andere landwirthschaftliche Vereine haben mit Er­folg entsprechende Anträge gestellt, doch fand man, daß diese darin zu wett gegangen seien Es ist in manchen Gemarkungen der GrundetgenthÜmer in Folge jener Anträge gezwungen, die Kleesetde, wo sie sich auf seinem Eigcnthum findet, vor der BlÜtbe zu »ernichten. Soll eine solche Bestimmung consequent durchgeführt werden, so den viele Grundeigentümer werihvolle Wiesen in denen Kleeseide vorkommt, ohne dem Gr is- wuchs mehr zu schaden als unzählige andere Unkräuter einfach umbauen, b. h. Jahre hindurch als Ackerland behandeln müssen, um die Kleesetde zu zerstören, ein Verfahren, das für viele Wirtschaften absolut verderblich sein würde.

Um nicht zu wenig und nicht zu viel vor allem um nichts Uebcreilres in ' er Klee- seidefrage für unsere Gemarkung zu unternehmen, wurde der Antrag, jene nochmals auf die nächste Tagesordnung zu setzen, angenommen. r ,

Ein weiterer Gegenstand der Vereinssitzung war die Frage, ob die begehenden Schäfereigesellschaften noch existenzberechtigt seien oder nicht. Man hatte speciell die Gefellschaftsschäferelen oer Stadt Gießen tm Auge. Daß dtese Schäfereien renttren und besonders dem kleinen Grundeigenthümer manche Vortheile einbringen, sollte nicht bestritten werden; daß sie aber auch für viele Grundbesitzer und Pächter, selbst wenn sie Schäfereiantheile haben ober haben könnten, eine Landplage geworden sind, wurde von mancher Seite geklagt. Es ist Landwirthen eine alte Erfahrung, daß Schäfer und besonders gute Schäfer am liebsten die ganze Gemarkung als Weideplatz für ihre Schafe ansehen und daß nur bestimmteste Weisungen, empfindliche Strafen sie abhalten können danach zu verfahren. Die vielfachen Uebergriffe, welche sich städtische Lrchäfer beim Hüten der ihnen anvertrauten Heerden zu Schulden kommen lassm, ver- rathen jedoch, daß ihnen von Setten der Schäfereioorsteher bis dahin nicht mit der ge­hörigen Entschiedenheit entgegengetreten ist. Es wurde das von maßgebender Seite