Rom, 4. Juni. Gestern Abend bewegten sich aufgeregte Volkshaufen gegen das Quirinal, zogen sich indeß aus das Einschreiten der Sicherhcitswache unter dem Ruse: „Es lebe der König! Es lebe die Verfaffung!" zurück und begaben sich vor das Ministerium des Innern unter Hochrufen auf den König und Nicotera. Auch von hier wurden sie von der Polizei fortgewiesen. — In der heutigen Sitzung der Deputirten-Kammer erklärte der Munster Nicotera, die gestrige Kundgebung sei verboten worden, weil Grund vorlag, anzunehmen, daß sich der Menge, welche eine Demonstration der Ergebenheit für den König beabsichtigte, andere Individuen angeschlossen hatten, denen daran gelegen war, Unordnungen hervorzurufen.
Rußland.
Petersburg, 5. Juni. In Folge einer Verordnung des Ministers des Innern wird vom 6. Mai ab das Journal „Golos" wieder erscheinen.
Griechenland.
Athen, 4. Juni. Die Depntirten-Kammer hat eine Resolution angenommen, betr. die Bildung eines Fusions-Cabinets. Der Minister-Präsident Kumunduros berichtete zugleich über die von ihm geführten Unterhandlungen mit den Parteiführern. Gelegentlich einer gestern veranstalteten Demonstration versprach Kumunduros, daß den Bürgern Waffen-Uebungen gestattet werden sollten.
Amerika.
Washington, 3. Juni. Laut Telegramm des amerikanischen Gesandten in Madrid ist die Angelegenheit bezüglich der den Fremden auf Cuba auserlegten Kriegssteuer geordnet, indem dieselbe von 30 auf 22y2 pCt. redu- cirt wurde.
Der orientalische Krieg.
Wien, 4. Juni. Die „Polit. Corresp." meldet aus Ostrog: Der Fürst von Montenegro führte am 3. Juni ein Truppen-Corps aus Bielopawlice nach der Herzegowina, um sich mit dem Corps zu vereinigen, welches unter der Führung von Dakovits die Duga-Pässe besetzt hält. Die bei Veljebrdo stehenden Türken versuchten vergeblich durch Vorwärtsbewegung gegen die Höhen von Nasinje die Vereinigung zu vereiteln und wurden zurückgeworsen. In Albanien rücken die Türken gegen Spuz vor.
— Die „Presse" meldet aus Bukarest: Heute Nachmittag wurde wiederum von Kalafat aus ein heftiges Bombardement auf Widdin unterhalten. — Das „Tageblatt" berichtet aus Belgrad: Die serbische Regierung hat gegen die Besetzung der Drina-Insel Bujuklije durch die Türken protestirt und fordert unter Androhung von Gewalt die Räumung der Insel. In einem an die Großmächte gerichteten darauf bezüglichen Rundschreiben wird von der serbischen Regierung hervorgehoben, eine allfällige Wiederholung solcher Uebergriffe gefährde ihre Neutralität.
London, 4^ Juni. „Reuter's Bureau" meldet aus Erzerum: Die Türken haben sich bei dem Erscheinen der russischen Avantgarde vor Olti zurückgezogen. Kars ist gut verproviantirt; gleichwohl ist die Garnison auf halbe Rationen gesetzt. Die Festung ist vollständig eingeschloffen, die telegraphische Verbindung seit zwei Tagen unterbrochen. Ein Detachement des russische!« Centrums steht bei Soghani. Die Stellung Mukhtar's bei Zivin ist unhaltbar, da die Russen ihm durch forcirte Märsche über Gentschiwan und Milidagh in den Rücken kommen können. Die Valis von Diabekir und Siva lasten sich die Beischaffung von Proviant angelegen sein. Zur Verstärkung Mukhtar Pascha's wird ein Corps von Wan erwartet.
— Eine Privat-Depesche aus Erzerum bringt Details über die Niederlage der Tscherkesten unter Musta am 31. Mai bei Beklahmed. Darnach wurden die 4000 Tscherkesten Nachts überfallen und fast gänzlich aufgerieben. Nur 200 wären entkommen. Musta wird vermißt. Mukhtar Pascha büßte durch diese Katastrophe fast seine ganze Kavallerie ein.
Petersburg, 4. Juni. Amtliche Telegramme von der Kaukasus-Armee: Zugdidi, 1. Juni. General Krawtschenko hatte am 28. Mai ein heftiges Gefecht gegen 3000 Türken bei dem Uebergang über die Bogada-Brücke, ebenso am 29. Mai ein Scharmützel, nach welchem seine Colonne den Fluß Kodor überschritt und den Tigers erreichte. Oberst Batjanoff zerstörte den Aul Samsir und schlug die Aufständischen von Salataver bei Jaktam-Aucha. Fürst Naka- schidse schlug bei Zisk 500 andere Aufständische, welche 80 Todte und 100 Gefangene verloren. — Zwei türkische Monitore bombardirten fünf Stunden lang Sotschi und versuchten dann mit fünf Dampskuttern die Landung. Die Kuttermannschaft wurde meist gelobtet, die Landungs-Truppen vollständig vernichtet. Die Monitors retteten nur die Kutter und gingen dann nach Pinbandi. In Sotschi sind die Kirche und fast alle Gebäude beschädigt. General Lamakin wurde bei Kissilarwat am 24. Mai von 6000 Tikinern angegriffen. Er schlug dieselben in einem vierstündigen Kampfe, worauf die Khans und Gemeinde- Aeltesten ihre Unterwerfung anzuzeigen begannen.
Konstantinopel, 4. Juni. Die „Agence Havas" meldet: Nach Depeschen aus Erzerum soll sich das Hauptquartier Mukhtar Pascha's in Koe- pukoei befinden. Die Rusten ständen bei Olti. Kars leiste den Rusten noch kräftigen Widerstand. Neue für die letzteren ungünstigen Gefechte hätten bei Sukhum-Kale stattgefunden. Vom Kriegsschauplatz an der Donau wird gemeldet : Die Rumänen mußten in Folge der gestern zwischen Widdin und Kalafat stattgehabten Kanonade die Befestigungs-Arbeiten aufgeben. Gegen die Montenegriner habe ein energischer Angriff stattgefunden, Die Donau-Schifffahrt ist von der Mündung des Timok bis zur österreichischen Grenze wieder frei- gegeben.
— Einer Regierungs-Meldung zufolge wären die Rusten aus dem tscherkessischen Gebiet bis auf 16 Stunden Entfernung von Sukhum-Kale zurückgedrängt ; nach dem Elbrus-Gebirge und Georgien hin hätten dieselben gleichfalls Terrain verloren. — Der Sultan begab sich heute zum Seraskeriat.
— Depeschen aus Erzerum melden: Kars ist eingeschlosten; die Verbindungen mit dieser Festung sind unterbrochen. Mukhtar Pascha hat sich nach Zewin zurückgezogen. Die Lage in Asien ist ernst.
Konstantinopel, 5. Juni. Der Commandant von Sukhum Kale hat 15 erbeutete Kanonen nach Konstantinopel übersendet.__________________
Die Armenpflege in Darmstadt.
Dor nun vier Jahren erschien in der Jonghaus'schcn Verlagsbuchhandlung in Darmstadt eine anonyme Broschüre über die Nothwendigkeit einer Reform der Armenpflege, deren Inhalt
tn vielen Städten Deutschlands, wie der Nachbarländer und in der gesammten Presse lebhafte Anerkennung fand. Von der auf gründlicher sachkundiger Prüfung beruhenden, mit ungewöhnlicher Klarheit oargelegtcn Schilderung der* vorhandenen Zustande des Armenwesens sagten die localen Blätter der meisten Städte mit vollem Rechte: „das ist ja Alles gerade wie bei uns", und die Beurtheilungen der großen Zeitungen und Fachblätter lauteten überall zustimmend zu der Darlegung der Ursachen der Ucbelstände und den angerathcnen Mitteln wie dieselben zu beseitigen seien, und wie eine Neugestaltung geschaffen werden könne, welche das Loos der Armen menschenwürdig erhalte, der Zunahme der Verarmung cntgegenwirke, und die socialen Zustände der Städte vor dem Schaden übermäßigen Zuzugs arbeitsscheuer Bevölkerung bewahre.
Aber von den theoretischen Säßen, welche am einsamen Schreibtische ausgearbcitet werden, ist oft ein weiter Weg zur praktischen Ausführung, ein Weg, umlagert von flnanziellen und localen Schwierigkeiten, namentlich aber bei dieser Sache von zahllosen tief eingewurzelten Vorurtheilen.
Um so mehr wird es von Interesse sein zu hören, daß diese gejammte Reform der Armenpflege, genau nach dem in der erwähnten Broschüre aufgestellten Programm, in Darmstadt aus- geführt ist.
Zuerst wurde die städtische Armenpflege von dem ebenso umsichtigen als energischen Bürgermeister nach Grundsätzen und Vorarbeiten eingerichtet, welchen die in jener Broschüre beleuchtete und hiesigen Verhältnissen angepaßte Elberfelder Armenpflege als Muster diente.
Man hat dabei die erfreuliche Erfahrung gemacht, daß nicht nur die zu Pflegern und Vorstehern berufenen Männer fast ausnahmslos diese Ehrenämter willig antraten, sondern daß dieselben auch in Ausübung derselben in dem Grade Befriedigung fanden, daß die DistrictS- vcrbände zu festen Freundschaftsbündnissen führten. Eine weitere günstige Erfahrung bietet die offenbar geringe Mehrbelastung des städtischen Budgets durch die ausreichende Unterstützung der wirklich Armen, weil derselben der Ausfall zahlreicher bisher Unterstützter gegenübcrsteht, bei denen die eingehenden Untersuchungen der Verhältnisse genügend eigene Mittel und Arbeitskräfte nachgewiesen haben.
Die städtische Armenpflege hat in der Hauptsache die Maximalsätze der Armenpflege von Elberfeld angenommen, womit man in Darmstadt nothdürftig leben kann, und wenn auch der Satz von 3 M. per Woche für die cinzelstehende Person knapp genannt werden muß für die Befriedigung aller Lebensbedürfnisse, so muß andrerseits in Betracht gezogen werden, daß einzelstehende alte oder gebrechliche Personen im Pfründnerhause und andere im Arm en Hause volle Verpflegung finden, sowie daß bei gar vielen die Nöthigung, welche injbie)cr Knappheit liegt, das einzige Mittel ist, sie zum Gebrauch ihrer Arbeitskräfte zu bewegen. Außer diesen Sätzen stellt die städtische Armenpflege ihren Pfieglmgen noch die nöthige Heizung, sowie Arzt, Arzneien und Pflege in Krankheiten.
Wo aber in der städtischen Armenpflege in besonderen Fällen noch irgend eine Lücke verbleiben sollte, da tritt, um der Stadt die so nothwendigc Erhaltung der Maximalsätze zu ermöglichen , der neue Verein helfend ein, welcher an die Stelle der bisherigen Privatwohlthätigkeit, also namentlich der Geschenke an Bettler, getreten ist, der „Allgemeine Verein gegen Verarmung unb*93etteleix, welcher auf Antrag der städtischen Armenverwaltung alle möglichen Extralcistungcn, z. B. Auslösen von Pfändern, Zahlung von rückständigen Miethen, Anschaffung nöthiger Mobilien, Kleider oder Werkzeuge rc. übernehmen kann.
Dieser von Mitgliedern aller Stände der Einwohnerschaft gegründete „Allgemeine Verein gegen Verarmung und Bettelei" ist ebenso organisirt, wie die städtische Armenpflege, nur daß er neben den Helfern auch Helferinnen, und ebenso auch Damen in seinem Vorstände besitzt.
Den Schwerpunkt seiner Thätigkeit hat der Verein in das Bestreben gelegt, zu verhüten, daß aus Fällen vorübergehender Noth die dauernde Verarmung entstehe, ein schönes Ziel, welches er durch sorgfältigste Prüfung der Verhältnisse, umsichtigen Rath und rasche energische That zu erreichen sucht.
Einen weiteren Theil seiner Aufgabe sucht der neue Verein darin, daß er Personen, welche ihr ganzes Leben in ehrbarer Thätigkeit zugebracht haben, aber nicht so viel erübrigen konnten, um im Alter ohne Unterstützung zu leben, durch kleine Zuschüsse und Pflege so erhält, daß sie die öffentliche Armenpflege sicht in Anspruch nehmen müssen.
Der dritte Theil ist die vorerwähnte Ergänzung der städtischen Armenpflege durch Extraleistungen.
So ist die strenge Pflichterfüllung der Gemeinde in glückliche Harmonie gebracht mit der freiwilligen Wohlthätigkcit der Einwohnerschaft; dabei hat der neue Verein sich alle bisher bestandenen Vereine und Hülfs-Kassen mehr ober wenig eng verbündet, so baß bie Thätigkeit Aller bem gleichen Ziele zngerichtet und soweit gemeinsam ist, daß jeder Verein dem andern mit Auskunft , Hülfe und Mitteln zur Seite steht. Der Verein zählt jetzt gegen 1100 Mitglieder mit jährlichen Beiträgen von ca. 15000 Mark.
Neben der Hülfe, welche so vielen Nothleidenden jetzt in ausreichendem Maße zu Theil wird, sind es aber die moralischen Errungenschaften des Vereins, welche uns hoch erfreuen können. Die entwürdigende Bettelei ist bereits fast ganz beseitigt, und an die Stelle gedankenlosen Almosengebens, die verständige menschenfreundliche Hilfe getreten. Die wahre Wohlthätigkeit, welche sich um das Loos des Armen kümmert und ihm durch eigene Opfer liebreich zu helfen sucht, war uns, gestehen wir es offen, im Drange des heutigen Lebens fast ganz abhanden gekommen, und wir gaben dem Bittenden das Almdsen hauptsächlich um ihn los zu werden.
Ist es da nicht etwas Großes, daß in Darmstadt jetzt über 200 Personen in hingehender Pflichterfüllung die treuen Helfer und Pfleger, die umsichtigen Berather, die Freunde m jeher Noth sind, an deren Hand sich der Arme, der Kranke, der von Noth Bedrängte wieder aufrafft zu neuem LebenSmuth, zu neuer Kraft und Hoffnung?
Die Wahrnehmung solcher hochcrfreulichen Wirksamkeit hat denn auch bereits viele frühere voreingenommene Gegner in eifrige Helfer des Vereins umgewandelt.
~ Hoffen wir, daß die weitere Entwicklung der Thätigkeit ves Vereins ihm immer mehr die Sympathien der Einwohnerschaft und die Geldmittel gewähren wird, seine segensreiche Wirksamkeit zu erweitern.
Wegen näherer Auskunft verweisen wir auf die eingangs erwähnte Broschüre, sowie auf die Statuten und Instructionen der städtischen Armenpflege und des Vereins gegen Verarmung und Bettelei zu Darmstadt, welche von den betreffenden Vorständen gewiß gerne mitgetheilt werden.
Die Explosion deS türkischen Monitors SeVfi.
Die Nachrichten über den Untergang des zweiten türkischen Monitors gehen sehr weit auseinander, wie schon daraus ersichtlich fein wird, daß die offiziellen russiichen Telegramme die Unternehmung am Hellen lichten Tage vor sich gehen lassen, wahrend die uns zugegangenen Privattelegramme dieselbe theilweise in eine mondhelle, theilwetse in eine stockfinster-dunkle Nacht verlegen Im Ganzen spricht wohl die größere Wahrscheinlichkeit dafür, daß man sich die Nachtzeit zu diesem kühnen Handstreich erkor, und die Zeitangabe des russischen Telegraphenbüreaus hat wohl einzig und allein den Zwick, der Sache noch einen weiteren ruhmreichen Anstrich zu geben. Nach derjenigen Erzählung, welche die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat, unternahmen vier kleine russische tfanonenbote, die man eher Schaluppen als Kriegsschiffe nennen könnte, am Abend des 26. einen Angriff auf den türkischen Monitor, der in dem Donau-Arm von Matschin, nicht fern von dem türkischen Ufer, ruhig vor Anker lag. Lieutenant Duba- schew führte den Zarewitsch, Lieutenant Schestakow die ienia, Fähnrich Tersine die Dschihine un Fähnrich Bahl die Zarewna; außerdem befanden sich noch der rumänische Major Murjescu, der Lieutenant Petrow und 40 Soldaten in den Boten. Der türkische Monitor wird Seffi genannt, da aber ein solcher Name in den Schiffslisten nicht vorkommt, so war es wahrscheinlich der in Konstantinopel erbaute Seift (Schwert), welcher zwei Kanonen schweren Kalibxrs und — nach russischer Angabe — 120 Mann Besatzung an Bord führte. Man hoffte, beim ersten Angriff das türkische Schiff unbewacht zu finden, doch täuschte man sich in dieser Erwartung; dte Schild- wachen zeigten sich wachsam, bald sah man ein Umherrennen auf dem Deck, Commando- rufe wurden laut, und binnen Kurzem stand die ganze Bemannung unter Waffen. Man eröffnete ein lebhaftes Gewehrfeuer gegen die russischen Schiffchen, welches schlecht gerichtet gewesen zu fein scheint, denn trotzdem die Nacht mondhell gewesen sein soll, wurde keiner von den russischen Soldaten verletzt. Mehrere Kugeln durchschlugen indessen den Boden des Zarewitsch, und das Bot begann zu sinken, ehe man dazu gelangt war, die Oeffnungen wieder zu verstopfen. Keineswegs entmutbtgt durch diesen ersten unglücklichen Versuch, erneuerten die russischen Officiere gegen 3 Uhr Morgens, als schwarze Wolken regendrohend den Himmel bedeckten, ihren Angriff. Die Ruder waren mit wollenen Stoffen umwickelt, und eine unheimliche Stille lagerte Über dem Flusse, als die Bote nahezu geräuschlos nach der türkischen Seite hinüberglitten. All- mählig wurde die mit einzelnen Büschen bestandene graurothe Lehmwand des gegenüberliegenden Ufers sichtbar und dicht dabei der schlummernde Panzerkoloß, an dessen Bord fein Licht mehr sichtbar war. Schon hatte man das bem Verderben geweihte Schiff von allen Seiten umringt und bereitete sich gerade zur Anbringung der Torpedos vor, als es abermals an Bord rege ward und abermals eine Gewehrsaloe die Angreifenden überschüttete. Ob auch die Kanonen des Schiffes mit in Thätigkeit ge-


