treten. Die Finanzlage sei in den letzten Jahren günstig genug gewesen, um die Tilgung der Staatsschulden aus Etatsüberschüsten zu gestatten. ..Die Finanzlage Preußens ist fest begründet und wird es bleiben." (Beifall.) v. Benda sprach sich für den Etat und die Anleihe aus. Rickert nahm die Politik des Handelsmtnisters hinsichtlich der Eisenbahnen gegen die Anklagen Richter's in Schutz, rühmte die Finanzlage und empfahl seinen Antrag. Letz' terer wurde auch schließlich angenommen. Die Nachweisung über die Verpachtung von Domänen-Borwerken wurde für erledigt erklärt, der Nachtrags-Etat für 1877/78 in zweiter Lesung fast ohne Debatte angenommen. Nächste Sitzung Dienstag.
— Der Kriminal-Senat des Kammer-Gerichts erkannte in zweitinstanzlicher Verhandlung gegen Graf Hermann Arnim und Gehlsen wegen Beleidigung des Reichskanzlers durch die Artikel der „Reichs-Glocke" auf vierwöchiges Gefäugniß gegen Arnim, auf vierjähriges gegen Gehlsen. Letzterer war in erster Instanz zu fünfjährigem, Arnim zu dreimonatlichem Gefängniß verur- theilt worden.
Berlin, 2. November, Abends. Die deutsche Regierung hat unterm 30. October, gegenüber der österreichischen Regierung den Vorschlag gemacht, den bisherigen Handels-Vertrag um ein Jahr zu verlängern.
Berlin, 3. November. Eine kaiserliche Cabinets-Ordre bestimmt, um das Andenken Wrangel's zu ehren, daß sämmtliche Ofstciere der Armee 8 Tage Trauerflor tragen und daß das ostpreußische Kürassier-Regiment den Namen „Graf Wrangel" beibehält.
Hesterreich.
Wien, 2. November. Heute hat ein cisleithanischer Ministerrath stattgefunden. Eine Einbringung des autonomen Zoll-Tarifes im Parlament erfolgt nächsten Dienstag. Die Vertreter zur Erneuerung der Verhandlungen mit Deutschland sind bereits designirt.
Wien, 3. November. Die „Neue fr. Preffe" meldet aus Bukarest vom 2. b.: Die Einberufung der Kammer sei zum 15. November bevorstehend; sofort nach ihrem Zusammentritt werde aus der Initiative des Hauses der Antrag eingebracht werden, die Kammer auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Der von der Regierung unterstützte Anrrag dürfte die Majorität erlangen. — „Deutsche Zeitung" meldet aus Salonichi, daß daselbst ununterbrochen türkische Truppen landen, welche auf der macedontschen Bahn nordwärts gehen. Man glaubt, daß die Pforte beabsichtige, südlich des Balkans eine Reserve-Armee aufzustellen, um Osman Pascha Hülfe zu schaffen.
Pesth, 2. November. In der heutigen Konferenz der liberalen Partei! legte der Minister-Präsident Tisza die morgen zu ertheilende Antwort auf die Interpellation Apponyi's in Betreff des Abbruch« der Zoll-Verhandlungen mit Deutschland dar. Die Partei nahm dieselbe zustimmend zur Kenntniß. Bezüglich des Zoll-Bündniffes behielt sich die Partei ihren Beschluß bis zur Vorlage des Zoll-Tarif« vor.
Arairkreich.
Paris, 2. November. Die Meldung der „Times", der Rücktritt des Herzogs Decazes sei bereits Thatsache, ist der „Agence Havas" zufolge unrichtig. Decazes habe sich bisher nicht von seinen College» getrennt, die nach wie vor bereit seien, vor die Kammer zu treten ober zu bemiffloniren, sobald es ber Marschall wünsche. Im Falle eines Cabtnets-Wechsels gelte bie Bildung eines rein geschäftlichen Cabinets ohne ausgeprägte politische Partei- Stellung für wahrscheinlich.
Gegenüber ben Melbungen von ber bevorstehenden Bilbung eines reinen Geschäfts-Ministeriums ohne ausgesprochene Partei-Farbe schreibt ber „Moniteur", Mac Mahon sei geneigt, zunächst mit einem auf ben Senat gestützten Ministerium ber Rechten einen Versuch zu machen, im Falle bes Mißlingens aber sich an bie Führer ber Kammer-Majorität zu wenden.
Paris, 2. November. Dem „Meffager be Paris" zufolge wäre ber ehemalige Minister Pouyer-Quetrtier in ben Elysve'Palast berufen worben.
Paris, 2. November, Abenbs. Die Bemühungen, ein Cabinet ber gemäßigten Rechten zu bilden, dauern bis zur Stunde fort, ohne ein Ergebniß erzielt zu haben. Sämmtliche republikanische Organe erklären, daß alle Jntri- guen, um ein Kompromiß ober eine Transaction zu Staube zu bringen, vergeblich seien, ba nur ber Rücktritt bes Marschall-Präsibenten bie republikanische Majorität befriedigen könne. — „France" enthält die Sensations-Nachricht, der Architect der Kammern, Joly, sei ofsiciell befragt worden, ob er im Stande fei, binnen 24 Stunden in dem neuen von ihm errichteten Gebäude der Kammer die nothigen Dispositionen behufs Vereinigung beider Kammern zum Kongreß zu treffen. Bekanntlich tritt ber Kongreß zusammen zum Zwecke ber Revision ber Constitution ober bie Ernennung eines neuen Präsibenten ber Republik. — Außer Pouyer-Quertier würbe auch Graf Daru in ben Elysäe-Palast berufen.
Paris, 3. November. Neuestens verlautet, Decazes sei Senats-Can- bibat nnb werbe noch vor ber Wahl-Prüfnng ben Marquis be Vogu6 als Botschafter in Wien ersetzen. Pouyer Quertier werbe bie Finanzen unb ben Vorsitz eines neuen Ministeriums mit einer Schutzzoll-Politik als Diversion im Einverständniß mit ber Kammer übernehmen. Die Nachricht von ber Berufung Canrobert's ist unbegrünbet.
— Der „Soleil" sagt: Die Wahl Pouyer-Quertiers zur Bilbung eines Geschäfts-Ministeriums ist für ben Marschall ein Act ber Beschwichtigung.
Kugland
London, 3. November. Die gestrige Nachricht ber „Times", England fonbire bie Großmächte bezüglich einer Mebiation auf Basis ber Beschlüsse bezcichnet^"""o^^^ Konferenz, wirb vom „Daily Telegraph" als unbegrünbet
Holland.
. November, Abenbs. Das „Amtsblatt" veröffentlicht be
stätigend die Bildung des neuen Cabinets in der bereits gemeldeten Zusammensetzung; bie Errichtung des neuen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten ist noch nicht bekannt gemacht.
Amerika.
12)orf, 3. November. Hiesigen Blättern aus San Francisco -«gegangenen Nachrichten zufolge ist die Meldung von dem Ausscheiden des Staate- Senora aus der mexikanischen Republik unbegründet.
Der orientalische Krieg.
Wie«, 2. November. Die „Polit. Corresp." meldet aus Bukarest vom 1. Novbr.: Chefket Pascha versuchte am 31. Octbr. von Orkhanie aus bte bei Telisch stehenden ^Russen anzugreifen unb aus ihren Stellungen zu vertreiben. Nach mehrere Stunben dauerndem Kampfe würbe berselbe von ben Ruffen cor Rabomirze geschlagen; in volle Auflösung gebracht, wurden bie Türken auf ihrer wilden Flucht von den Russen verfolgt. Plewna ist nunmehr von allen weiten vollständig eingeschlossen. — Dasselbe Organ meldet in einer Korrespondenz aus Simnitza unter Reserve, daß eine 70,000 Mann starke russische Balkan-Armee in voller Bilbung begriffen sei, welche noch vor Em- bruch des Winters ben Balkan zu überschreiten unb burch schnelles Vorgehen auf Abrianopel bie Campagne zu beenbigen suchen würbe, ohne ben Fall von Plewna ober bie Operationen des Großfürsten-Thronfolgers gegen Osten hin abzuwarten.
Konstantinopel, 2. November. Die Pforte fenbet Schefket Pascha fortwährend Verstärkungen, um bie Straße von Orkhanie nach Plewna frei zu machen. Es geht bas Gerücht, baß russische Abtheilungen in ber Nähe von Orkhanie erschienen seien. — Mukhtar Pascha hat sich in ber Position Dewe- bojun stark verschanzt. — Vorgestern erschien eine Sosta-Deputation im Seras- feriat; sie erhielten Auskünfte, worauf sie sich ruhig zerstreuten.
Konstantinopel, 2. October, Abenbs. Das Kriegsministerium hat kemerlet Nachrichten veröffentlicht. — Heute fanb unter bem Vorsitz des Sultans ein Mimsterrath statt. — Der britische Botschafter Layarb hat häufige Besprechungen mit dem Großvezier und Server Pascha.
Lokal-Skotiz.
cn . Gießen, 5. Nov. (Auszug aus dem Jahresbericht der Handelskammer in Gießen für das Jahr 1876.) (Fortsetzung.)
Im Gebiete des parttculären hessischen Landrecht« haben wir eines Gesetzentwurfs betrAend die Besteuerung der Händler im Umherziehen mit vorübergehenden Verkaufsniederlagen zu verzeichnen. Nach demselben haben Personen, welche außer dem Meß- und Marktverkehr außerhalb ihres Wohnortes vorübergehend ?^^Ä^lokale zum Absatz von Waaren halten, oder Waarenversteigerungen selbst oder durch Andere vornehmen, für jeden Ort des Betriebes sowohl al« jede« einzelne Verkaufslokal je für eine Woche oder den Theil einer Woche in den Städten Darmstadt mit Bessungen und Mainz mit Kastel 40 J4, in den Städten Offenbach, Worms, Gießen und Bingen 30 JL, in allen übrigen Städten und Dörfern des Großherzog- thums 20 Gewerbesteuer zu entrichten. Soll das Gewerbe mit Gehülfen betrieben werden, so wird für jeden Gehülfen die Hälfte der genannten Beträge zugesetzt.
Zum Betrieb des Gewerbes ist ein Gewerbspatent erforderlich und wird die Gewerbesteuer gleichzeitig mit der Ausfertigungsgebühr des Patents mittelst Stempels erhoben. Soll das Gewerbe nach Ablauf der angemeldeten Zeit am nämlichen oder an einem anderen Orte fortbeirieben werden, so ist ein neues Patent zu erwerben.
Wir begrüßen diesen Gesetzentwurfs mit Freuden und wünschen, daß er die er- forderliche Annahme finde und recht bald Gesetzeskraft erhalte, möchten jedoch den Wunsch aussprechen, daß dieser Geschäftsbetrieb, wie jeder andere, auch zu den Com- munalfteuern herangezogen würde. Wir hatten Gelegenheit, die in einer an Großher- zogltches Gesammtministertum gerichteten Note des Reichskanzleramt«, betreffend Erhebungen bezüglich der durch die sogenannten Wanderlager und Waaren- auctionen hervorgerufenen Uebelftände, gestellten Fragen in einem Gutachten in folgender Welse zu beantworten:
1) Der Betrieb der fraglichen Geschäfte umfaßt hauptsächlich Kurz-, MaNufactur-, Leinen- und Weißwaaren, Schreibmaterialien, Portefeutllewaaren, Schuh- waaren und fertige Garderobe.
2) Die Beschaffung dieser Maaren geschieht meist
a) durch Aufkäufen geringer und billiger Fabrikate,
d) durch Erwerbung von Lagerresten aus größeren Magazinen unb auf den Messen,
c) durch Uebernahme von Lagerbeständen nothleidmder Geschäfte, von fehlerhaften Fabrikaten, sogenanntem Ausschuß u. dgl.
Besondere Fabrik-Etablissements, bte ausschließlich für Wanderlager arbeiten, existiren nicht.
3) Es ist nicht zweifelhaft, daß dem Publikum mehr Nachtheile als Vortheile durch diese Geschäfte entstehen, da in den meisten Fällen die billigere Anschaffung durch die mangelhafte Beschaffenheit der Waaren mehr als aufgewogen wird. Während die stehenden Geschäfte behufs Erhaltung ihre« Renomme's Darauf angewiesen sind, für solide Bedienung ihrer Abnehmer Sorge zu tragen, ist das Streben der Wanderlagerbesitzer hauptsächlich dahin gerichtet, bei möglichst kurzem Aufenthalt durch umfangreiche Verkäufe großen Gewinn zu ziehen. Der bedeutende Ksstenaufwand, welcher dem Wandergeschäfte durch fortwährende Transportkosten ihrer Lagerbestände, durch die unverhältnißmäßig hohen Miethen auferlegt ist, weift sie geradezu darauf hin, billigere und mithin auch geringere Waaren zu vertreiben, alS die soliden Platzgeschäfte, um diesen die erforderliche, dem Publikum in die Augen springen ollenoe Eoncurrenz zu machen. Eine Benachthetligung, welche den Platzge- schaften durch die Wanderlazer noch indtrect zugefügt wird, ist der Umstand, daß die Einkäufe bei den letzteren gegen Baarzahlung stattfinden, wodurch die ersteren, bei welchen dies in der Regel nicht der Fall ist, vielfach durch Jn- anspruchnahme eines längeren Zahlungsziels geschädigt werden.
4) Der fragliche Geschäftsverkehr wird theils auf eigene Rechnung, theils im Dienste Dritter durch umherziehende Händler betrieben.
5) Der Aufenthalt an einem Platze richtet sich nach der erforderlichen Rentabilität, dauert wohl in den meisten Fällen einige Wochen bis zu einem Monate, und mochten die Geschäfte daher wohl als stehende, nicht als hausirende zu betrachten fein, weshalb eine Besteuerung nach Maßgabe des gewöhnlich in verhaltnlßmäßig kurzer Zeit erzielten größeren Umsatzes, zu welchem bei den einzelnen Artikeln für bte übrigen kaufmännischen Geschäfte neben der Minderung durch die Wanderlager wohl die zehnfache Zeit erforderlich sein dürfte, nur zu gerechtfertigt erscheinen muß.
Das Gesagte bezieht fich auch auf die Waarenauctionen; dieselben erscheinen jedoch noch weit schädlicher, als die Wanderlager, insofern bet ihnen eine Prüfung der Waaren von vornherein ganz ausgeschlossen, während eine solche bei den Wanderlagern noch eher ermöglicht ist; — auch werden im Wege der Waarenauctionen in noch weit kürzerer Zeit mehr Waaren verkauft, als vermittelst der Wanderlager, und sind deshalb die hervorgehobenen Nachtheile bei den ersteren in größerem Maße vorhanden, welche öfter- noch durch weitere unlautere Ausbeulung dieser VertriebSweise erhöht werden.
., cetreffenb die Reform deS Zahlungsverfahrens äußert sich der Jahresbericht: Ueber diesen Gegenstand sind seit längerer Zett alle möglichen Vorschläge gemacht worden, welche sammtlich um der guten Zwecke willen, die sie verfolgm, volle Anerkennung verdienen, jedoch ist die practtsche Durchführung meist mit den größten Schwierigkeiten verbunden, in vielen Fällen unmöglich und können wir deshalb die bereits früher ausgesprochene Ansicht, daß für den Kleinverkehr die gesetzliche Der- lahntngsfrift wohl auf ein Jahr herabgesetzt werden könne, während im Großhandel Die Abkürzung und günstigere Gestaltung des Borgsystems der freien Verständigung der Interessenten überlassen bleiben muß, nur wiederholen. (Fortsetzung folgt )
Vermischtes.
3J. Oct. Eine Mama entdeckte vor einigen Tagen in dem Arbeit-- schchen.ihres dreizehnjährigen Töchterchens eine interessante Lorrespondenz mit einem Ünfzehnjahrigen Bürschchen, welche darin gipfelt, daß sothanes Bürschchen am nächsten Montag mit der geliebten .Dreizehnjährigen" und aller beweglichen Habe durchbrennen wollte und zwar in das Land der Turkomanen, wo der „FÜnszehnjährige" Pascha von drei Roßschweisen werden wollte. Zwei nette Pflänzchen!


