Mo «L8. Dienstag, den 6. November 1877«.
Meßmer Myeiger
Anzeige- UHh Amtsblatt für üen Kreis Gießen.
Erscheint tLgltch mit Ausnahme deS Montags.
Vrpedttionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Ist eil.
(Ließen am 1. November 1877.
Betreffend: Die Rechenschaftsberichte der Wiesenvorstände für 1877. ,
Das GroWerzogliche KretSamt Gießen
an die Grofiher^oglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstände sind, an die Erledigung unserer Verfügung in rubricirtem Betreff vom 8. v. Mts. in Nr. 235 des Anzeigers, binnen 8 Tagen.
Dr. Boeckmann. _
Gefundene Gegen st ander
Eine goldene Broche, 1 Pincenez, 1 silberner Pfeil, 1 Paar Glacehandschuhe, 1 Portemonnaie (am vorigen Jahrmarkt gefunven), 1 Messer, 1 Cigarrenetui, 1 Spannkette, 1 Gebund Stricke, 1 Stock, 2 Notizbücher, 1 goldner Uhrschlüssel.
Gießen, den 3. November 1877.
Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
Fresenius. ________
vernehmen, daß eine „Regierung des Kampfes" nur einen einzigen Freund in Europa haben würde: den Vatican. Möge er denn, nachdem er im Jahre 1870 selbst die bittere Erfahrung gemacht, daß der bloße Segen des „Unfehlbaren" nicht hinreicht, um ein Land vor Niederlagen zu bewahren, jetzt klug genug sein, um das Schicksal nicht zum zweiten Male in einem Kampfe zu versuchen, in welchem Frankreich nicht Deutschland allein gegenüberstehen würde!
Zur allgemeinen politischen Lage. (
In Asien sowohl wie in Bulgarien hat sich die militärische Lage der Russen in letzter Zeit bedeutend günstiger gestaltet. Nicht nur, daß Kars bombardirt und ! schon über «ine Capitulation dieser Festung verhandelt wird, auch Plewna ist - jetzt von den russischen Truppen vollständig eingeschloffen, die Bezwingung Os- ! man Pascha's durch Aushungerung mithin nur eine Frage der Zeit. Schon sängt England an zu fürchten, daß es sich den Hoffnungen auf einen nachhaltigen Widerstand der Türket zu voreilig hingegeben, und sucht daher die Pforte zu Friedensverhandlungen geneigt zu machen. Der englische Botschafter in Konstantinopel soll denn auch wirklich schon vom Sultan den Auftrag bekommen haben, seine Regierung um Vermittlung des Friedens anzugehen. Jedenfalls hat England bet verschiedenen Höscn angeklvpft, bisher aber überall die Antwort erhalten, daß die Entscheidung bis aus Weiteres noch dem Schwerte zukomme. In der That ist es nur allzu begreiflich, daß der gegenwärtige Augenblick nicht zu Friedensverhandlungen paßt. Rußland ist durch seine jüngsten Ersolge offenbar wieder kriegslustiger und anspruchsvoller geworden. Der Tod des zum kaiserlichen Hause gehörenden Prinzen Sergius v. Leuchtenberg, sowie die zahllosen Opfer, die der Krieg bisher gefordert, machen es dem Kaiser unmöglich, ohne einen greifbaren Gewinn noch Hause zurückzukehren. Und wenn noch ein Zweifel darüber obwalten könnte, daß die russische Regierung fest ent- schloffen ist, das begonnene Werk zu einem siegreichen Ende zu führen, so würde er durch die neueste hoch bcdeutsan e Nachricht gehoben, daß Fürst Gortschakoff mit der Ausarbeitung einer Verfaffung sür das russische Reich beschäftigt sei— die leitenden Kreise Rußlands n ürden einen so außergewöhnlichen Schritt gewiß nicht thun, wenn sie nicht die Absicht hätten, sich die Sympathie der Bevölkerung sür die Weitersührung des Kanpfes während einer vielleicht noch langen
Deutschland.
Darmstadt, 3. November. Sr. Königl. Hoheit der Großberzog haben allergnädigst geruht: ,
Am 11. October der am 26. September d. I. durch bie Stadtverordneten zu Mainz erfolgten Wahl des Advocat-Anwalt- Dr. Conrad Alexis Dumont daselbst zum Bürgermeister der Provinzial-Hauptstadt Mainz die Bestätigung zu ertheilen.
Berlin, 2. November. Abgeordnetenhaus. Etngegangen sind folgende Schriftstücke: Dom Handelsminister die Nachweisung über den Fortgang des Baues und über die BetriebL-Ergebnisie der Staats-Eisenbahnen; vom Cultus- minister die Nachweisung der in Folge gesetzlicher Bestimmung seit dem 22. April 1875 bi- 1. April 1877 eingestellten Staat-leistungen an katholische Geistliche. Das Hau- trat in die erste Berathung des Etat« ein. v. Schor- lemer-Alst sprach gegen den Etat und die Anleihe-Vorlage, indem er überhaupt das System ter Negierung bekämpfe, v. Zedlitz-Neuktrch trat sür den Etat und die Anleihe ein: er halte die Ueberweisung eine- Theils der Gebäude- Steuer an die Communen für wünschenswerth; durch Erhöhung der indirecten Steuern müßten die Matricularbeiträge beseitigt werden, namentlich erscheine ihm der Tabak als hiezu geeignetes Object. Rickert beantragte, einen Thetl de« Ordinariums, sowie das ganze Extra-Ordinarium und die Anleihe-Vorlage der Bndget-Ccmmission zu überweisen, die übrigen Abschnitte des Budgets dagegen im Plenum zu berathen. Virchow wendete sich gegen die Bewilligung der im Anleihe-Gesetz vorgesehenen Geldmittel auf fünf Jahre und befürwortete, die Forderungen der Regierung nur von Jahr zu Jahr im Extra-Ordinarium zu bewilligen, v. Rauchhaupt plädirte zu Gunsten des Etats und der Anleihe. Richter erklärte, er wolle bezüglich der vom Etat untrennbaren Anleihe-Vorlage nur Das bewilligen, was innerhalb des Etats auf ein Jahr bewilligt werden könne. Letzterem Redner gegenüber legte der Handel-mintster die Einträglich- feit t er Staais-Jndustiik dar. der Finanzminister nahm das Wort zu folgenden Ausführungen: Die Erhöhung der Matricular-Beiiräge falle allerdings erheblich ins Gewicht. Tie Behauptung, daß die Einstellung der Kriegs - Coutri- butions-Ueberschüsse in den Etat nichts weiter als eine verdeckte Anleihe sei, könne er nicht als zutreffend anerkennen, ebensowenig wie die Betrachtungen über die Verfassungsmäßigkeit und über die unsystematische Ausstellung dis Anleihegesetzes. Ueber die Bedürfnisse betreffs der Staatsbauten hätten i gründliche Verhandlungen statigefunden. Bezüglich der Stellung des Ministeriums zur Steuerfrage habe er 1871 im Abgeordnetenhause bemerkt, daß er : falls eine Erböhung der Staats Einnahmen erforderlich wäre, der Vermehrung, • resp. Erhöhung der indirekten Steuern den Vorzug geben würde, und cbenso, , daß er eventuell die Vermehrung, resp. Erhöhung der indirekten Steuern em- ! pfehlen würde für den Fall, daß es sich um die Beseitigung der Matrikular- ■ Beiträge handele. Diese Ansicht habe er noch heute. Uebrigens glaube er i nicht, daß an die Beseitigung der Matrikularbeiträge zu denken sei, indem damit der Reichstag ein constitutionelles Steuerbewilligungsrecht aus der Hand : geben würde. Matrikulärbeiträge und indirekte Steuern könnten sehr wohl . nebeneinander bestehen. Die im Anleihegesetz vorgesehenen Ausgaben seien in i Interessen des Staates begründet und durch die Würde desselben erfordert. : Die allgemeine Finanzlage könne er als eine durchaus gesunde bezeichnen. : Schwankungen in den Ergebnissen der Staats-Industrie würden immer ein.
Zeit zu sichern.
Glücklicher Weise tritt die Eventualität einer c ctiven Eil mischung der Großmächte je länger um so mehr in den Hintergrund: selbst Ceibiens und Grüchenlonds Eintritt in die Action wird weder Oesterreich noch England ver- anlaffen, aus ihrer bisherigen Neutralität herauszutreten. Ter europäische Friede würde daher auch bet einer längeren Fortdauer des orientalischen Krieges vollkcmmen gesichert sein, wenn derselbe nicht fortwährend von Rom und Paris her bedroht schiene. Daß man im Vatican gegenwärtig weniger friedfertig und versöhnlich ist als je, geht aus den neuesten feindlichen Schritten der Curie gegen die italienische Regierung und aus dem Umstande, daß man dort daran denkt, den enragirtesten Deutschenhaffer, den Cardinal Ledochowski, zum Nachfolger Pius' IX. zu machen, deutlich genug hervor. In Frankreich wird aber die Lage von Tag zu Tag verwirrter, mit der Rathlostgkeit der Regierung also auch die Versuchung zu einem Gewaltstreich immer stärker. Man sollte freilich meinen, der Marschall-Präsident könne cs vernünftiger Weise gar nicht wagen, einer Kammer, in welcher seine erbitterten Gegner über mehr als 3/s aller Stimmen versügen, feindlich entgegenzutreten, um so weniger, da er auch des Senates nicht für alle Fälle sicher ist. Auch die auswärtigen Regierungen losten es wahrscheinlich, trotz aller Zurückhaltung, nicht daran fehlen, ihn vor allzu großer Nachgiebigkeit gegen den Vatican zu warnen. Hat doch jüngst ein osficiöses deutsches Organ die aufrichtig liberale Republik für die beste Bürgschaft des Friedens erklärt und die Mahnung hinzugefügt, die Factorerr, welche in Frankreich so eifrig darnach strebten, anderen Gestaltungen die Wege zu ebne», möchten es sich wohl überlegen, ob mit dem Gelingen ihrer Pläne nicht auch jene freundschaftlichen Beziehungen erschüttert würden, welche zu erhalten und zu befestigen insbesondere in Deutschland von Jedermann gewünscht werde! Leider entscheidet nur, wie die Geschichte zur Genüge beweist, über Frankreichs Schicksal weniger die politische Vernunft und Besonnenheit, als die nationale Leidenschaft und der religiöse Fanatismus. Mac Mahon hat im gegenwärtigen Augenblick — gewiß nicht ohne Absicht — die Vertreter Frankreichs an allen großen Höfen um sich versammelt. Aus ihrem Munde kann er


