Deutschland.
Darmstadt, 4. Januar. Durch eine vom 28. v. Mts. darirte Verordnung ist das Medicinalwesen in unserem Lande neu organisirt worden. Die Obermedicinal-Direction ist mit Beginn dieses Jahres als besondere Behörde aufgehoben und tritt an ihre Stelle eine besondere Äbtheilung des Ministeriums des Innern unter der amtlichen Benennung: Äbtheilung für öffentliche Gesund' heitspflege, welche aus einem Referenten für Mediciual-Angelegenheiten aus dem Ministerium als Vorsitzenden und mehreren technischen Rüthen (zwei Aerzten einem Veterinärarzte und einem chemisch-pharmaceutischen Sachverständigen) be steht. Diese Minlsterial-Abtheilung hat bei der oberen Verwaltung des Sani täts- und Medicinalwesens theils durch Begutachtung oder Vortrag im Ministerium, theils durch unmittelbare Thätigkeit mitzuwirken. Zur Vorberathung besonders bezeichneter Angelegenheiten des öffentlichen Gesundheitsdienstes sollen zeitweise auch andere Sachverständige zugezogen werden und ist zu diem Behufe ein ärztlicher, ein veterinärärztlicher und ein pharmaceutijcher Central-Ausschuß in Aussicht genommen, welchen ärztliche Krelsvereine, veterinärärztliche und phar- maceutische Provinzialvereine zur Seite treten. Regelmäßig bilder jeder Kreis den Bezirk eines Kreisgesundheitsamts, welchem ein Saaitätsbeamter unter der Benennung „Kreisarzt" vorsteht. Dtesem kann ein Kreisassistenzarzt beigegeben werden. Die sehr bewährten Mitglieder der aufgelösten Obermedicinal-Direc tion wurden in die neue Ministertal-Abtheilung versetzt. Wir haben somit an Stelle der Oberstudien-Direction eine Äbtheilung für Schulangelegenheiten, an Stelle der Obermedicinal-Direction eine Äbtheilung für öffentliche Gesundheitspflege im Ministerium des Innern, an Stelle der Oberbaudirection eine bautechnische Äbtheilung im Ministerium der Finanzen.
Berlin, 3. Januar. Die „Prov.-Corresp." bestätigt, daß die Eröffnung des Landtages am 12. Januar erfolgen wird; voraussichtlich werde der Kaiser in Person den Eröffnungsact vornehmen. Außer dem Staatshaushalts- Etat und dem Gesetz-Entwurf über die Vorbereitung zum höheren Verwaltungsdienst würden dem Landtage nur ganz dringende, minder erhebliche Vorlagen zugehen.
Berlin, 3. Januar. Das kaiserlich deutsche Gesundheitsamt wird, der „Nordd. Allg. Zlg." zufolge, unter dem Titel: „Veröffentlichungen des kaiserlich deutschen Gesundheitsamtes", vom Januar 1877 ab eine Wochenschrift herausgeben, die alle diejenigen thatsächlichen Mittheilungen von allgemeinerem Jntereffe enthalten wird, welche dem Gesundheitsamt bezüglich der Erkrankung und Sterbllchkeits-Verhältmffe im In- und Auslande zu Gebote stehen, insbesondere einen regelmäßigen wöchentlichen Nachweis der Sterblichkeit in den deutschen Städten von 15,000 oder mehr Einwohnern, und in den großen Städten des Auslandes, zugleich mit einer Witterungs-Uebersicht über die verschiedenen Klimakreise Deutschlands für jede BerichkSwoche. Außer diesen aus die Erkrankung und Sterblichkeits-Verhältnisse, auf den Gang der Epidemieen im In- und Auslande, sowie auf den Witterungsverlauf bezüglichen fortlaufenden Mittheilangen, werden in den Kreis der Veröffentlichungen auch alle sani- tanschen Gesetze und Verordnungen gezogen werden, welche im deutschen Reiche oder in den deutschen Einzelstaaten zur Einführung gelangen, sowie diejenigen neuen Einrichtungen zur öffentlichen Gesundheitspflege und Fortschritte der sani- tarischen Gesetzgebung und Verwaltung im Auslande, welche einer allgemeinen Beachtung werth erscheinen. Wiffenschaftliche Ausführungen oder Controversen liegen vorläufig außerhalb des Zweckbereichs dieser Veröffentlichungen. Dagegen werden alle thatsächlichen auf sauitarische Zustände ober Vorgänge im deutschen Reiche bezüglichen Mittheilungen aus zuverlässigen, insbesondere ärztlichen Berichtsquellen zur etwaigen Verwerthung gern entgegengenommen.
Berlin, 4 Januar. Die Nachricht, daß Feldmarschall Gras Moltke kein Reichstags-Mandat mehr annehmen wolle, bestätigt sich nicht. Der Landrath des Memeler Kreises erklärt, wie der „Graudenzcr Gesellige" constatirt, ausdrücklich, daß Graf Moltke wieder als conservativer Candidat des Wahlkreise- Memel-Heydekrug auftreten werde. — Officiös wird geschrieben: Es war beantragt worden, daß die Bestimmung im § 26 des Reglements für die Reichstagswahlen, nach welcher die Ermittlung des Wahlergebnisses am vierten Tage nach der Wahl erfolgen soll, mit Rücksicht darauf, daß dieses Mal der vierte Tag aus einen Sonntag fällt, für die bevorstehenden Wahlen abgeändert werden möge. Nach einer jetzt erfolgten Verfügung des Ministers des Innern hat das Reichskanzler-Amt eine solche Aenderung abgelehnt. Doch soll die Feststellung erst nach Beendigung des Gottesdienstes erfolgen.
Berlin, 4. Januar. Die hiesige Juristen-Fakultät verlieh dem Abg. Miquel wegen seiner hervorragenden Verdienste um die Begründung des neuen Reichs-Rechtes das Chren-Doctor-Diplom.
— Den Bemühungen des auswärtigen Amtes und des General-Postmeisters Dr. Stephan ist es gelungen, daß vom 1. Februar d. I. zwischen Deutsch- la d und der Schweiz durch die Post Gepäckstücke bis 10 Pfund gegen eine Gebühr von einem Frauken befördert werden können. Weitere Verhandlungen bezwecken, nun eine gleiche Paket-Beförderung mit Belgien, Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen zu erreichen. Die dänische Regierung hat bereits ihre Geneigtheit erklärt, in weitere Verhandlungen zu dem genannten Zweck einzutreten, und wird voraussichtlich ein glücklicher Erfolg wie mit der Schweiz erreicht werden. Obwohl Oesterreich-Ungarn mit dem deutschen Reiche auf derselben Grundlage des Briefportos verbunden ist, so hat sich für das Gepäckporto eine gleiche Einheit noch nicht erreichen lassen, jedoch darf ma: die Erwartung hegen, daß fernere Bemühungen nach dieser Richtung nicht erfolglos bleiben werden.
Posen, 4. Januar. Die Criminal-Abtbeilung des Kreisgerichts ver bauoelte heute gegen den Redacteur des „Kuryer Pozn.", Herrn v. Geyzler, in • liier Anklage wegen Verleumdung des Fürsten Bismarck, begangen durch Aufnahme eines Artikels aus der „Reichs-Glocke." Der Gerichtshof beschloß die Vernehmung des Frhrn. v. Rothschild in Frankfurt a. M.
Hesterreich.
Wien, 3 Januar. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel ÜD' gestern, daß Angesichts Der großen Spannung der Sachlage im türkiichen Ministerrath nicht mehr volle Einigkeit herrsche. Midhat Pascha fei gegen jede Nachgiebigkeit und drohe für den Fall einer solchen mit feinem Rücktritt.!
In Folge beffcn sei die Möglichkeit des Ausbruchs einer Ministerkrisis mit etwaigem Rücktritte Midhat's vorhanden.
Wien, 3. Januar. Die rumänische Kammer nahm ihren Beschluß in Betreff der Truppen - Entlastung zurück. In dem Donau - District Rumäniens sind schwere Juden-Hetzen vorgcfallen. — Es geht das Gerücht, Rußland wolle noch 6 Armee Corps mobilisiren. — Die „Neue Fr. Pr. erfährt, Elliot ermuntere die Pforte zum Widerstand.
A-uS dem südlichen Oesterreich, 2. Januar. Die österreichische Regierung bat jetzt an die Directionen der meisten größeren Eisenbahn-Linien den Befehl erlösten, alle Personen- und Güterwagen, welche irgenwie entbehrlich sind, in möglichster Bereitschaft zu halten, um solche aus die erste telegraphische Weisung sofort dem Armee-Obercommando zur Benutzung für militärische Zwecke zur Verfügung stellen zu können. Alle zeitweilig beurlaubten Officiere und Soldaten sollen sich ebenfalls bereit halten, auf die erste Ordre sofort bei ihren Trnppen-Corps einrücken zu können. DaS Verbot der Pferdeaussuhr wird streng gehandhabt und kein Pferd mehr »ach Italien durchzelasten, was für die italienischen Händler, welche große Transporte in Ungarn und Böhmen angekauft hatten, von dem empfindlichsten Nachtheil ist. Die Regimenter, welche die drei Corps in Siebenbürgen, Kroatien und Dalmatien bilden sollen, sind schon bezeichnet nnb werden marschfertig gemacht; auch für die Transporte von Lebensrnitteln und Munition ist schon die umfastenvste Sorge getragen.
Aranöreich.
Paris, 4. Januar. Aus Konstantinopel telegraphirt man dem „National" : Die Conferenz soll fortan in Bern tagen, ohne Zulassung der Türkei. Rußland vertagt feine militärische Action in Erwartung der Beschlüste d.eser zweiten Conserenz.
tznglaud.
London, 3. Januar. Die Nachrichten von den neuen Verwickelungen sind hier im Allgemeinen unerwartet gekommen. Sie ändern wesentlich die Lage. Aus zuverlässiger Quelle erführe ich, daß Midhat Pascha dem Marquis v. Salisbury am Montag in einer privaten Zusammenkunft erklärt hat, ein weiteres Nachgeben sei unmöglich. Da Midhat seit Dem Antritt seine- Amtes durchaus consequent gehandelt hat, so sieht man der auf morgen anberaumten Sitzung der Conferenz-Bevollmächtigten mit Besorgniß entgegen. Jndesten wird der sofortige Ausbruch des Krieges nicht erwartet, wenn auch der Waffenstillstand, der ja nur Serbien und die Türkei, nicht aber Rußland und die Türkei bindet, solchen durchaus nicht hindern würde.
London, 4. Januar. Die meisten Morgen-Blätter bezweifeln eine friedliche Lösung der orientalischen Frage. Die „Times" spricht die Ansicht aus, daß die Hoffnung auf Frieden nicht aufgegeben zu werden brauche, selbst wenn die Conferenz ohne Ergebniß auseinandergehe; die Pforte würde in diesem Falle eben den Frieden theurer erkaufen müffen, als jetzt.
Kußlaad.
Warschau, 3. Januar. Die Nachricht, daß die neue Recrutirung in Russisch-Polen ststirt sei, entbehrt der Begründung; vielmehr werden die Rüstungen in ganz Polen mit Energie fortgesetzt. Aus Preußen langen Extra-Züge mit Pulver an.
Türkei.
Konstantinopel, 1. Januar. (Verspätet.) Die „Agence Havas" meldet: Die türkischen Bevollmächtigten erklärten nicht blos gewisse Punkte nicht discutiren zu können, sondern ihre Gegen-Vorschläge entfernen sich vollständig von den Vorschlägen der Mächte, welche ganz einig unter einander sind. Jgnatieff soll in heutiger Sitzung erklärt haben, über die türkischen Vorschläge nicht discutiren zu können. Die anderen Bevollmächtigten sollen diese Ansicht theilen. Die Sitzung am nächsten Donnerstag wird wahrscheinlich die entscheidende sein.
Konstantinopel, 2 Januar, Abends. Ueber die gestrige Unterredung des GroßvezirS mit dem Marquis Salisbury meldet die „Agence Havas" noch Folgendes: Salisbury betonte das Interesse der Türkei, die Vorschläge der europäischen Mächte anzunehmen, worauf der Großvezir erwiderte, die Pforte könne wohl in einigen Punkten nachgeben, müsse aber alle der Würde der Türkei widerstrebenden Bedingungen ablehnen. — Die Bevollmächtigten der Großmächte hielten heute Besprechungen, welche morgen fortgesetzt werden sollen. Der Großvezir hat heute mehreren Bevollmächtigten Besuche abgestatj-t. Morgen faßt der Ministerrath seine Beschlüsse, und diese werden sodann der am Donnerstag tagenden Conferenz mitgetheilt. Im Falle eines ablehnenden Bescheides der Pforte würden Salisbury und Jgnatieff sofort abreisen. Die türkische Regierung entfaltet Die eifrigste Thätigkeit betreffs militärischer Vorbereitungen. Mukhtar Pascha ist zum Gouverneur von Kreta ernannt. Kahlil Sherif Pascha soll als Botschafter nach Berlin gehen.
— Die demnächst beabsichtigte Ausgabe von 7 Millionen Livres Papier- Geld soll theils zur Amonisirung Der schwebenden Schuld, theils zur Einziehung von Kupfer-Geld dienen
Konstantinopel, 3 Januar. Es wird das Eintreffen des Legations- Raths Busch von Berlin erwartet, der angeblich als Geschäftsträger nach der eventuellen Abreise des deutschen Gesandten, Baron Werther, sungiren soll.
Kmnänierr.
Bukarest, 4. Januar. In der gestrigen Nacht-Sitzung der Depu- tirten-Kammer erklärte der Minister des Aeußern in Erwiderung auf die bezügliche Interpellation, die Pforte habe die Anfrage der rumänischen Regierung dahin beantwortet, daß sich die Art 1 und 7 der türkischen Verfassung auf Rumänien milbeziehen. Die Kammer votirte zunächst mit Einstimmigkeit eine Motion, welche die Haltung der Regierung billigt und letztere zu einem energischen Protest gegen die Auffassung Der Pforte bezüglich der staatlichen Stellung Rumäniens auffordert. Der Minister Bratiano gab hierauf die Versicherung, die Regierung werde in jedem Falle ihre Pflicht thun und nicht ruhen, bis die Türkei durch einen so feierlichen Act, wie die neue türkische Verfassung darstelle, erklären werde, daß Rumänien keinen Theil des türkischen Reiches bilde. Die Kammer beschloß ferner, keine Ferien zu halten.


