den vier oberhessischen Kreisen noch die viel näher bei Kassel als bei Marburg gelegenen niederhessischen Kreise Homberg und Rotenburg, der noch entfernter gelegene Kreis Hersfeld, sowie auch der waldeck'sche Eifenberg-KreiS zugewiesen werden. Diese Eintheilung würde aber wegen der Entfernung der Kreise Homberg, Rotenburg und Hersfeld eine durchaus unzweckliche sein, und es dürfte sich deshalb vielmehr empfehlen, statt dessen die an den hiesigen Kreis unmittelbar angrenzenden beiden Kreise Biedenkopf und Wetzlar dem hiesigen Landgerichtsbezirk zuzutheilen, wodurch der letztere ein gut und zweckmäßig arrondirter mit dem Sitz des Gerichts im Mittelpunkt desielben würde; ein Vortheil, der Angesichts des Zustandes, daß bei allen Schwurgerichtssachen die Geschworenen und Zeugen, wie auch in allen Beweis-Erhebungen bei Civil- und Strafkammer- Fällen die Interessenten und Zeugen an den Gerichts-Sitz zu reisen haben, von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit ist. Dem Vernehmen nach regt sich auch im Kreise Biedenkopf eine lebhafte Agitation für die Zutheilung zum hiesigen Landgerichtsbezirk, und es wäre im Interesse der Bewohner sehr zu wünschen, daß dieselbe diesmal von Erfolg wäre.
Oesterreich.
Wien, 30. Juni. Der Ausschuß über den Ausgleich mit Ungarn nahm den Antrag des Sub-Comitss, eine Resolution an die Regierung zu richten und dieselbe aufzufordern, durch die Vorlegung von Bestimmungen über die Rübenzucker-Besteuerung eine Berichterstattuug des Ausschusses über diesen Gegenstand zu ermöglichen, an. — In der heutigen Sitzung der Quoten- Deputation wurde die Berathung über das zweite Nuntium beendet und zugleich beschlossen, die von der ungarischen Regnicolar-Deputation beantragte Comite-Wahl anzunehmen. Gewählt wurden die Herrenhaus-Mitglieder v. Plener und Winterstein und die Abgeordneten Demel, Gras Hohenwart, Dr. Herbst und Sturm.
Wien, 1. Juli. Die „Montags-Revue" schreibt: „Die habsburgische Politik in der orientalischen Frage sei noch absolut ungebunden und frei und werde es im Verlaufe des Krieges bleiben. Es sei die sichere Gewähr vorhanden, daß der Krieg ein localisirter bleiben werde. Wenn man in Petersburg den wiederholt versicherten uneigennützigen Grundgedanken festhalte und nur das Loos der Christen verbessere, so wäre dies die verhältnißmäßig erfreulichste Lösung. Graf Andraffy könne sich aber unmöglich verhehlen, daß die Kriegs- Entscheidung auch Consequenzen habe, die die bestgemeinten Versprechungen umstoßen. Die österreichische Diplomatie werde Nichts dazu beitragen, daß, ausgenommen die Verbesserung des Looses der Christen in der Türkei, wesentliche Veränderungen in den derzeitigen politischen Machtverhältnissen eintreten. Oesterreich könne mit Zuversicht auf mächtige Bundes-Genossen rechnen, die in eigenstem Interesse zur Förderung der Interessen Oesterreichs gezwungen seien. Oesterreich werde seine Interessen in vollem Umfange geltend machen, wenn nöthig allerdings auch sein Schwert in die Wagschale werfen.
Irankreich.
Paris, 1. Juli. Heute hat im Bois de Boulogne, wie alljährlich, die große Revue stattgefunden. Das Wetter war prächtig, die Zuschauermenge enorm. Der Marschall wurde sympathisch empfangen. Alle Minister und das diplomatische Corps waren anwesend. Im Gefolge des Marschalls befanden sich zahlreiche Osficiere. Die Haltung der Truppen war ausgezeichnet. Nach der Revue ertönten Rufe: „Es lebe der Marschall!" Ein Zwischenfall hat sich nicht ereignet.
England
London, 1. Juli. Die Ausstellung von Schutzmarken ist gestern eröffnet worden. Eine große Anzahl von Vertretern der fremden Mächte wohnte diesem Acte bei. Das Markenschutz-Gesetz tritt heute in Wirksamkeit. Behufs Herbeiführung eines internationalen Systems der Eintragung der Schutzmarken haben sich mehrere Comit^s gebildet. Dieselben haben zu besserer Erreichung ihres Zwecks zur Bildung ähnlicher Comit6s im Auslände aufgefordert.
Der orientalische Krieg.
Wien, 30. Juni. Telegramm der „Deutschen Zeitung" aus Konstantinopel vom heutigen Tage: Ein türkisches Geschwader von zehn Schiffen ist vor Kanea angekommen. — Die Reserve-Armee von Sofia hat sich in Bewegung gesetzt.
Konstantinopel, 30. Juni. Einem Telegramm Derwisch Pascha's aus Datum vom 29. d. Mts. zufolge hätten sich die Türken der von den Russen besetzt gewesenen Höhen von Khutzubani bemächtigt. Auch sei der Tschuruk-Fluß von den Türken besetzt.
Bukarest, 1. Juli. Der Czar besuchte die Lazarethe in Simnitza und ging dann über die Donau nach Sistowa, wo er von der bulgarischen Bevölkerung enthusiastisch empfangen wurde. — In Matschin ist bereits ein von den Einwohnern gewählter nationaler Municipalrath eingesetzt, sowie eine Polizei- und Gerichtsbehörde constituirt worden.
Wien, 2. Juli. Meldungen des „Tageblatts": Rustschuk, 1. Juli. Die in West-Bulgarien zerstreuten Truppentheile ziehen sich auf Timowa und Sofia zurück, wo ein Armee-Corps zur Bewachung des Balkan-Passes zusammengezogen wird. Konstantinopel, 1. Juli. Der Sohn Schamyl's verläßt demnächst den Kaukasus, um als activer Osficier in die anatolische Armee einzutreten.
— Die „Presse" meldet aus Bukarest: Die Russen drangen unter Vor- poften-Gefechten von Sistowa bis Timowa vor. — Drei türkische Monitors liefen in der Sulina-Mündung ein und bombardirten die Ufer-Orte.
Petersburg, 2. Juli. Officiell. Simnitza, 1. Juli. Der Bau der am 28. Juni begonnenen Brücke sollte gestern vollendet werden, die halbvollendete Brücke wurde aber durch den in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni ausgebrochenen Sturm fortgerissen. 26 Pontons versanken. Die Brücke wird daber erst heute Abend fertig.
— Officiell. Aus Simnitza wird vom 24. Juni gemeldet: Gestern ist das Hauptquartier des Kaisers und des Großfürsten Nicolaus nach Simnitza verlegt worden. Heute Morgen besuchten der Kaiser und der Großfürst die Verwundeten in den Spitälern. Der Verlust der Russen ist noch nicht genau bekannt Bis jetzt sind iOO Todte und 360 Verwundete aufgezählt, darunter einige Officiere. Der Kaiser verlieh den Georgs-Orden dem Chef des Generalstabs der Armee, General Nepokoitschitzki, den Generalen Radetzki, Dragomikoff, Richter und dem Großfürsten Nicolaus dem Jüngeren; ferner drei Brigade-
Generalen. Am 28. Juni ging der Kaiser auf das rechte Donau-Ufer über, unter begeisterten Hochrufen der Truppen, denen er seinen Dank aussprach. In Sistowa wurde der Kaiser durch die Geistlichkeit und die christliche Bevölkerung enthusiastisch begrüßt. Er wohnte dem Gottesdienst in der Kathedrale bei. Frauen bestreuten den Weg mit Blumen. Abends kehrten der Kaiser und der Großfürst nach Simnitza zurück. Die Ueberfahrt der Truppen wird auf Pontons fortgesetzt.
A-then, 2. Juli. Die britische Flotte ist mit versiegelten Befehlen aus dem Piräus ausgelaufen.
Konstantinopel, 2. Juli. Am Mittwoch wurden die türkischen Truppen, die bei Tschamischova Befestigungen errichteten, von 15,000 Russen angegriffen. Nach einem erbitterten Kampfe, während dessen die Türken Verstärkungen erhielten und in welchem sie durch das Feuer mehrerer Panzerfregatten unterstützt wurden, mußten sich die Russen zurückziehen- Ihr Verlust wird auf 2000 Todte angegeben. Der Verlust der Türken ist relativ gering. — Einer Depesche aus Widdin zufolge ist die nächst Sistowa von den Russen geschlagene Brücke zerstört worden. — Die Russen wurden in der Umgebung von Bjela geschlagen.________________________________________________________________________________
Lokal-SLotiz.
Gießen, 3. Juli. An der am Sonntag in Ems stattgehabten Kaiser-Regatta errang den Ehrenpreis des Kaisers die Frankfurter Ruder-Gesellschaft „Germania". Die hiesige Rudergesellschaft wollte sich auch an dieser Regatta betheiliqen, scheint aber durch irgend ein Manöver des Kötner Ruder-Vereins Union mystisicirt worden zu sein. Rach uns vorliegenden Correspondenzen des Präsidenten oes Kölner Ruder- Vereins „Union* wurde die Gießener Ruder-Gesellschaft veranlaßt, gestützt auf ein Vorgehen des Kölner Ruder«Elub, sich vorderhand an der Kaiser-Regatta nicht zu betheiligen, eoent. bet einer später zu arrangirenden Regatta mit zu concurriren, wie auch dieses von der Union beabsichtigt war. Die Gießener Rudergesellschaft vertraute fest auf das Wort der Union und concurrirte am Sonntag nicht mit, während die Union von Köln, entgegen dem gegebenen Versprechen ruhig mtlstartete, aber dennoch keinen Preis errang. Ein derartiges Vorgehen einer kameradschaftlichen Gesellschaft gegenüber richtet sich von selbst.
Gießen, 4. Juli. Wir lassen nachstehend die T age S ord nu ng für die Stadt- oerordneten-^itzung am Donnerstag den 5. Juli 1877, Rachmittags 4l Uhr, folgen:
1. Die Anlegung einer Straße zwischen Wallthor und Neustadt.
2. Gesuch der Kaufleute Heinzerling u. Tribus wegen Anlegung einer Ueberfahrt.
3. Die Erbauung eines neuen Justizgcbäudes.
4. Rohrlegung auf dem Seltersweg betr.
5. Waldwegbau im Gießener Stadtwald.
6. Die öffentlichen Anlagen um die Stadt.
7. Das Bauwesen des Bauunternehmers Kraus grill betr.
8. Gesuch der Frau Elise Lind um Bauerlaubniß.
9. Gesuch des L>chmtedmeisters Theodor Vogl um Erlaubniß zur Vornahme von Bauoeränderungen.
10. Desgl. des Spenglermeisters Rühl.
11. Gesuch wegen Errichtung eines Grabdenkmals.
12. Gesuch des Justus Benner wegen Anlegung einer Pumpe.
13. Gesuch um Erlaß von Communalsteuer u. s. w.
14. Decretur von Kostenrechnungen.
V ermischteS.
Gotha, im Mai 1877. Der Rechenschaftsbericht der hiesigen LebenSver- sicherungsbank für 1876, welcher jetzt den Ausschüssen der Versicherten zur Prüfung vorliegt und demnächst veröffentlicht werden wird, liefert Nachweis über die fevr günstigen Ergebnisse dieser Periode. Der Zugang an neuen Versicherungen betrug 35d5 Personen mit einer Versicherungssumme von 28,814,400 Kein früheres Jahr hat einen so starken Zugang nachzuweisen. Nach Abzug des mäßigen Abganges, der, soweit er bei Lebzeiten Statt fand, nur Vs Procent des ganzen Versicherungsbestandes betrug, erhob sich dieser Bestand für den Jahresschluß auf 48,707 Personen mit 307,551,700 V*L Versicherungssumme und es fand im Vergleich mit dem Bestände am Anfang des Jahres ein reiner Zuwachs von 2104 Personen mit 19,292,300 JL Statt. — Gleich günstig waren die finanziellen Ergebnisse des vorigen Jahres. Die Einnahme an Prämien und Zinsen im Jahre 1876 betrug 13,979,720 JL Nach Abzug der in 10,051,987 bestehenden Ausgabe stellt sich ein Zuwachs zum Bankfonds von 3.927,733 JL und nach Feststellung der Bilanz ein reiner Ueberschuß für 1876 von 3,773,573 JL heraus. Der letztere Betrag ist höher als in jedem früheren Jahre. Der Grund dieses günstigen Resultates liegt theils in dem guten Zinsertrag des Bankvermögens (der Durchschnittszinsfuß beträgt 4,78 Procent), theils in der mäßigen Ausgabe für Sterdefälle (507,985 JL unter Der rechnungsmäßigen Erwartung), theils in den geringen Verwaltungtzkosten, welche noch nicht 5</2 Procent der Jahreseinnahme betrugen.
Im Ganzen waren während des vorigen Jahres 5,916,500 JL für 996 Sterbefälle zu vergüten.
Der Fonds der Bank stieg durch obigen Zuwachs auf 73,973,606 JL und umfaßt 52,015,183 Prämienreserve, 5,142,600 Prämien-Uebertrag, sowie 15,747,916 jl reine Ueberschüsse. Letztere kommen in den nächsten 5 Jahren (in diesem Jahre mit 41 Procent der 1872 eingezahlten Prämien) zur Vertheilung. Auf die im Jahre 1873 eingezahlten Prämien werden im nächsten Jahre sicherer Voraussicht nach ebenfalls 41 Procent Div-vrnde zurückgewährt werden.
Am 9. Juli d. I. wird die Lebensversicherungsbank das erste halbe Jahrhundert seit ihrer Begründung zurückgelegt baden. _________________
(Kingesand t.
Der hiesige Anzeiger brachte unter dem 28. ds. eine Notiz, in welcher die auf den 27. berufene Bürgerversammlung kurz besprochen und deren trauriger Verlauf bedauert wird ,
Es wird darin ferner von persönlichen Vorwürfen und Austrag schwarzer Wasche gesprochen. Die Auffassung und Behandlung des Einsenders läßt darauf schließen, daß derselbe, wie die meisten der Besucher jener Versammlung über die Art und Weise wie solche berufen, im Unklaren blieben.
Wäre es anders, dann würde der Verfasser jenes Artikels die Gründe des Herrn K. aus denen er den ihm angetragenen Vorsitz ablehnen zu müssen glaubte, gewiß gewürdigt haben. ir ,
Das Nachstehende diene zur Aufklärung, zur Feststellung der wahren Thatsache und zur Beseitigung verbreiteter Nachreden und Verläumdungen. Wie in dem durch dieses Blatt veröffentlichten Protokolle bereits mitgetheilt wurde, war eine Commission bestehend aus 7 Mitgliedern gewählt, welcher die Aufgabe gestellt wurde, daS von Herrn W. in der Versammlung eingebrachte Material zu prüfen und das Ergebnttz einer zu berufenden Bürgeroersammlung zu unterbreiten, um die Abhülfe oorgebrachter Beschwerden bei den Stadtverordneten zu versuchen.
Die Majorität der Commission überzeugte sich, daß das vorliegende Material zum größten Theile unbrauchbar oder bereits in der Versammlung vomi 1 2uni zur Besprechung gebracht worden war und beschloß, den Rest der noch zu erledigenden Vorlagen, mit noch weiterem etwa sich ergebenden bezw. erst zu beschaffenden Material, einer später zu berufenden Bürgeroersammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten.
Der Vorsitzende dieser Commission Herr K. hob ganz besonders hervor, daß bet Mangel bestimmt formulirter Anträge und vor erfolgter Antwort der Großherzoglichen Bürgermeisterei bezw. der Stadtverordneten Versammlung auf die Eingaben in Betreff der Krausgrill'schen Angelegenheit und die Bewohner der Reichensand-Bahnhofsstraße, die Einberufung einer Bürgeroersammlung nicht nur nutzlos, weil verfrüht, sondern gerade zu nachtheilig wirken könne.
Die Majorität der Commission schloß sich diesen Ausführungen an, und verschob mithin die Einberufung einer Bürgeroersammlung bis zum Vorhandensein greif» barer Beweise für die vorgebrachten Beschwerdepunkte in der städt. Verwaltung.


