Ausgabe 
3.6.1877
 
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Contreadmirals Bätsch zum Schuhe der deutschen und russischen Staatsange­hörigen nach dem ägäischen Meer entsandt. -

Fürst Bismarck ist nach mehrtägigem Aufenthalte in Berlin, während besten das auswärtige Amt eine besonders lebhafte Thätigkeit entwickelte, zur Kur nach Kissingen gereist. Die Verurtheilung des Landraths a. D.. v. Diest- Daber, wegen Beleidigung des Reichskanzlers zu dreimonatlicher Gefängniß- strase hat den verleumderischen Angriffen, deren Gegenstand der letztere so lange Zeit hindurch war, aller Wahrscheinlichkeit nach für immer ein Ende gemacht. Die Abberufung des bayerischen Gesandten in Berlin, Grafen Perglas, von der seit 1868 inne gehabten Stellung ist wohl ohne tiefere politische Bedeutung. Der Bundesrath hat den vom Reichstage angenommenen Gesetz-Entwurf über die Aufhebung des Zeugnißzwanges abgelehnt.

Auf dem Gebiete des Cu lturkampfes ist zunächst wieder die römische Curie zu erwähnen. Wie zu erwarten, ist diese durch die Wendung der Dinge in Frankreich in ihrem Widerstande gegen die preußische Regierung nur bestärkt worden; sie erklärt, so lange Preußen die Regelung der kirchlichen Angelegen­heiten für sich allein beanspruche, jede Verhandlung für unmöglich und will den Kampf von nun an noch entschiedener als bisher geführt wissen. Anderer­seits denkt aber auch die preußische Regierung nicht daran, von ihrer bisherigen Kirchenpolittk abzuweichen: das beweist u. A. eine Bekanntmachung des Ober- Präsidiums von Schlesien über die Besetzung erledigter katholischer Pfarrstellen, welche darauf aufmerksam macht, daß nach Lage der Gesetzgebung nur zwei Möglichkeiten vorhanden seien: entweder Fortdauer der Bisthums-Erledigung, während welcher eine regelmäßige Seelsorge in erledigten Pfarrstellen nur auf dem gesetzlichen Wege zu beschaffen möglich sei, oder Wiederbesetzung des bischöf­lichen Stuhles unter Anerkennung dessen, was sich inzwischen auf Grund des Gesetzes vollzogen habe. Auch die Verurtheilung des Cardinals Ledochowski durch das Posener Kreisgericht wegen Vergehens gegen den Kanzel-Paragraphen, Beleidigung des Reichskanzlers und Aneignung des TitelsErzbischof von Posen und Gnesen" zeugt von fortgesetzter stricter Ausführung der bestehenden Gesetze.

In Oesterreich war trotz der tiefen Erregung, welche der russisch- türkische Krieg unvermeidlich hervorruft, der Ausflug der Reichstags-Mitglieder nach Triest das Ereigniß des Tages. Der äußerst herzliche und glänzende Empfang, den dieselben Seitens der Bevölkerung, aller Agitationen der Jtalia- nissimi ungeachtet, fanden, stellte es außer allen Zweifel, daß Triest auch heute noch die alte, reichstreue, gut österreichisch gesinnte Stadt ist.

Rumänien ist durch seine Unabhängigkeits-Erklärung und seinen Eintritt in die kriegerische Action gegen die Türkei in eine neue Periode seiner Geschichte eingetreten. Den Königstitel hat Fürst Karl bisher noch nicht angenommen, auch haben die fremden Mächte die Unabhängigkeit des Landes bisher noch nicht anerkannt, beides steht indeß bei einem glücklichen Verlaufe des begonne­nen Krieges in sicherer Aussicht.

Auch für Griechenland scheint jetzt endlich mit der Wiedereröffnung der Kammer der Zeitpunkt für seine Betheiligung an der das Osmanenreich auflösenden Bewegung eingetreten zu sein. Da die Kammer ihren Präsidenten ans den Reihen der Opposition wählte, reichte der bisherige Minister-Präsident Deligeorgis sofort seine Entlastung ein mit der Bemerkung, daß der Staat unter den gegenwärtigen schwierigen Zeitverhältnisten einer starken Regierung bedürfe. Von der neuen, aus allen Parteien zu bildenden Regierung erwartet man, daß sie der Türkei bald den Krieg erklären werde. Der König selbst hat auf die Hälfte seiner Civilliste zu Rüstungszwecken verzichtet.

In Spanien ist wieder einmal eine angebliche Militärverschwörung ent­deckt und eine Zahl von Ofsicieren eingekerkert worden.

Aus der sudamerikanischen Republik Ecuador, dem Eldorado der Jesui­ten, kommt die Nachricht von der Vergiftung des Erzbischofs von Quito wäh­rend der Messe durch den Meßwein, und die ultramontane Partei diesseits wie jenseits des Oceans beeilt sich, das von einem Officier, wie es heißt, für 30,000 Franken verübte Verbrechen denliberalen Culturkämpfern", d. h. den Freimaurern Schuld zu geben!

Japan ist am 1. Juni dem Weltpostverein beigetreten.

Arankreich.

Paris, 1. Juni. Gegenüber den Gerüchten über den Rücktritt des Marschalls Mac Mahon schreibt derMoniteur": Es sei nicht abzusehen, welche Gründe den Marschall bestimmen könnten, seine wiederholt ausgedrückte Absicht, vor Ablauf seiner Amts-Periode im Jahre 1880 nicht zurückzutreten, zu ändern. Nur wenn beide Kammern gegen ihn wären, würde er Anlaß zur Prüfung der Frage haben, ob er seinen Posten aufgeben solle. Uebrigens hofft derMoniteur" aus ein günstiges Ergebniß der künftigen Wahlen.

Melgien.

Brüssel, 31. Mai. Morgen wird Fröre-Orban in der Deputirten- kammer die Regierung wegen gewisser Reden des hiesigen päpstlichen Nuntius interpelliren, welcher offen den nahen Kampf gegen Italien gepredigt und die Fürsten und Regierungen der katholischen Länder wegen ihrer Muthlosigkeit tadelt. DasEcho du Parlement" verlangt, die belgische Regierung solle dem Msgr. Vanntelli seine Pässe zusenden.

Kossand.

Haag, 1. Juni. Der Zustand der Königin ist bedenklich; der König wird heute Vormittag vom Schloß Loo erwartet.

Rußland.

Petersburg, 31. Mai. DieAgence Russe" erfährt über die augen­blickliche Lage Serbiens, daß dasselbe beschlossen habe, Angesichts der Verwick­lungen, die ein Krieg Serbiens gegen die Türkei herbeiführen könnte, stricte Neutralität zu bewahren.

Petersburg, 31. Mai. DieAgence Russe" meldet: Der Fürst von Serbien würde den Kaiser von Rußland in Bukarest begrüßen, eine Begegnung des Letzteren mit dem Kaiser Franz Joseph sei nicht in Frage gekommen.

Kriechenland.

Athen, 31. Mai. Kumunduros hat unter Mitwirkung von Triknpis und Deliannis folgende Minister-Liste aufgestellt: Kumunduros Inneres, Kon- tostorkos Auswärtiges, Papmicholopolos Inneres, Stiropulos Finanzen, Soti- ros Petmezas Krieg, Kanaris Marine.

Der orientalische Krieg.

Konstantinopel, 31. Mai. Das ottomanische Hülfs-Comit6 für die Verwundeten hat bei dem Genfer Central Comit6 einen Protest gegen die Be­schießung des Spitals zu Widdin durch die in Kalafat errichteten Batterien eingereicht.

Bukarest, 31. Mai. Die Berathung der Vorlage über die Ausgabe von Papiergeld ist vertagt worden, da die Deputirten-Kammer seit einigen Tagen nicht beschlußfähig ist. In die Position bei Kalafat sind neuerdings 60 russische Geschütze eingeführt.

Wien, 31. Mai, Abends. Das Tageblatt meldet aus Kladowa: Der größte Theil der rumänischen Armee ist in der Umgegend von Kalafat concenlrirt. Durch das Bombardement von Widdin ist eine türkische, durch Dampf be­triebene Militärbäckerei zerstört. Um der von den Türken ausgeführten Donau- Lperre entgegen zu wirken, soll Adakaleh demnächst bombardirt werden. Dasselbe Blatt meldet aus Belgrad: Das Moratorium wurde bis zum 4. Juli verlängert. Die Skupschtina ist zum 15. Juni einberufen. Als Nach­folger des rnrückgetretenen Kriegsministers Gruitsch wird Alimpics genannt. Die hier liegenden österreichischen Monitors sollen den Handelsschiffen als Be­deckung dienen.

Konstantinopel, 31. Mai. Die Pforte hat bekannt gegeben, daß sie an verschiedenen Punkten der Dardanellen und der Bay von Smyrna Tor­pedos zu legen beabsichtige.

Wien, 1. Juni DiePresse" meldet aus Bukarest von heute: In vergangener Nacht fand eine heftige Kanonade an der Sulina-Mündung statt; man vermuthet, daß die russische Flotte die Einfahrt zu erzwingen suche.

Petersburg, 1. Juni. Telegramme des Ober-Befehlshabers der Kaukasus-Acmee vom 31. Mai: In der Bevölkerung des Kabulets (?) ist eine friedlichere Stimmung bemerkbar. Einige Dörfer lieferten ihre Waffen aus eigenem Antriebe aus, andere erklären ihre Unterwerfung. Das Regen­wetter verhindert noch immer die Bewegungen. Unsere Hauptkräste stehen bei Kars. Eine Colonne ist südwestlich vorgeschoben, um die bei dem Saghanlü erschienenen Türken zu beobachten. Im Terek-Gebiet war in einigen Dörfern ein neuer Ausstand entstanden. Es wurden dorthin zwei Colonnen gerichtet, die Insurgenten zerstreut und die Ansiedlung des Haupt-Anführers des Auf­standes, Ali Bey, zerstört. Eine der Colonnen unter Oberst Nakaschidse stieß bei Siuch auf 200 bewaffnete Einwohner, von denen 80 getodtet und 100 ge­fangen genommen wurden. Die aufständischen Aule Artlnch und Danuch wur­den zerstört. Die übrige Bevölkerung verhält sich ruhig.

Das Telegramm der türkischen Regierung über die Wieder-Einnahme Ardahans ist augenscheinlich unrichtig, da vom gestrigen Tage darirte, hier ein­getroffene Telegramme aus Tiflis nichts davon erwähnen.

Lokal-Sitotiz.

Gießen, 2. Juni. Die gestern Abend auf Lony's Bierkeller tagende Bürger-Ver­sammlung war, wie nicht anders zu erwarten, sehr besucht. Wir werden in nächster Nummer ein ausführlicheres Referat folgen lasten und beschränken uns für heute darauf, unsere Ver» wunderung auf die Wahl dieses für größere Versammlungen völlig unzweckmäßigen Locals auszusprechen.

Oratorium von F. Mendelssohn-Bartholdy.

Ueber dieses Werk des unsterblichen Meisters sagt A. Reitzmann in seinem Buche über Mendelssohn (Berlin 1867, Guttentag) p. 286:

Mit demElias" hatte sich Mendelssohn, unserer Anschauung nach, schon tm Stoff vergriffen. Das Leben des gewaltigen Eiferers für den Herrn bietet eine Reihe anziehender Situationen, aber diese sind zu keinem künstlerisch zusammenhängenden und in sich abgerundeten Bilde zu vereinigen, weiles vergeblich gewesen", weil EltaS seine Kraft umsonst und unnütz zugebracht hat." Nicht deßhalb erscheint uns die Wahl dieses Stoffes als eine unglückliche, weiler uns zu fern Heal" das gilt von allen Begebenheiten des alten Testaments, oder weil er durch' einzelne Züge, wie die Grausamkeit EliaS' gegen die Baalspriester unser Gefühl beleidigt hier war strengste historische Treue geboten, um die Zeit zu charakterisiren; sondern nur deßhalb, weil er keine bestimmte Idee darstellt. Die symbolische Deutung am Schluß, der Hinweis aufden, welcher erwacht vor Mitternacht" vermag diesen Mangel nicht zu ersetzen; wir fühlen uns unbefriedigt, weil wir den gewaltigen Eiferer als lebensmüden Greis scheiden sehen.

Diese Mängel des Stoffs haben den Meister auch zu einer abweichenden, und wie wir meinen, wenig günstigen Behandlung desselben verleitet. Weil ihn nur die einzelnen Episoden, nicht das ganze Leben des Propheten zu iMeressiren vermochten, so hat er jene ausschließlich dargestellt, und selbst versäumt, sie unter sich in nähere Be­ziehung zu setzen. Die Erzählung ist hier ganz ausgeschteden, die handelnden Personen werden ohne Weiteres redend etngeführt, und dadurch wird, bei dem Mangel einer sich stetig entwickelnden Handlung, das ganze Werk in einzelne Scenen aufgelöst, die unter sich nur in losem Zusammenhänge stehen und uns meist erst im wettern Verlaufe ver­ständlich werden. Die fortlaufende Erzählung würde auch der Darstellung dieses Stoffes mehr inneren Zusammenhang und eine größere Anschaulichkeit und Verständlichkeit verliehen haben. Der Text ist wiederum vollständig der heiligen Schrift, und zwar ausschließlich dem alten Testamente entlehnt; doch hält Mendelssohn hier nicht so streng am Wortlaut fest, wie beimPaulus". Einzelne Bibelstellen werden verkürzt, andere oft so verändert, daß nur der ursprüngliche Sinn noch beibehalten ist. Auch diese Ab­weichung wurde größtentheils durch das Bestreben veranlaßt, die einzelnen Situationen recht dramatisch herauszubilden. Das ist denn auch unserem Meister ganz vortrefflich gelungen. Die erste Scene (bis No. 5) rollt ein erschütterndes Bild von der Noth Israels, die Elias verkündigt hatte, vor uns auf. Es ist ein vortrefflicher Gedanke: diese Verkündigung des Propheten der Ouvertüre oorauszuschicken, und dann, in einem groß und breit angelegten, in künstlichster Fugenform ausgeführten Jnstrumentalsatz uns den lastenden Druck, der auf dem Volke Gottes liegt, zu schildern, um so den ersten Chor:Hilf Herr! willst du uns denn gar vertilgen?" vorzubereiten. Mit großer Meisterschaft wird die ganze Situation in diesem Chor, in den Chorrecitatioen, wie in dem folgenden Duett mit Chor 'weiter und bestimmter ausgeführt. Obadjah fordert dann in dem Recitatio und der auSschließenden Arie:So ihr mich von ganzen Herzen suchet" zur Buße und Bekehrung auf; aber das Volk in seinem ver­zweifelnden Jammer achtet nicht darauf, es denkt nur mit Entsetzen des Fluch«, den Elias ausgesprochen hatte. Namentlich dieser letzte Chor der ersten Scene ist von großer und gewaltig wirkender Schönheit. Er knüpft an jene prophetische Verkündigung des Elias an, und des grausen Fluchs gedenkt er in den herben Jntervallenschritten der Einleitung. Bei der Erinnerung anden Gott, der da heimlich der Väter Misse- that an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied derer, die mich hassen" tritt jene Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks zurück; sie weicht einem heiligen Ernst, der sich dann bei den Schlußworten der göttlichen Verheißung:und thue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich lieb haben und meine Gebote halten" bis zu einer milden Ver­klärung hohen Gottoertrauens erhebt. Gegen diese Scene konnte die nachfolgende, welche uns den Propheten im Hause der Wittwe vorführt, einen wirksamen Gegensatz bilden, wenn sie der Meister nicht etwa zu oberflächlich behandelt hätte. Wenn das Elend der einzelnen Frau, gegenüber dem gewaltigen des ganzen Volkes, Bedeutung gewinnen sollte, mußte es in der Darstellung tiefer gefaßt werden; wir wissen, das wurde Mendelssohn nicht leicht. Die Scene ist an sich mehr ansprechend und ergreifend, als erschütternd ausgeführt, und sie macht zwischen der vorangehenden und der folgen­den keinen sonderlichen Eindruck. Zudem ist sie auch etwas zu umständlich ausgeführt; knapper und tiefer erfaßt konnte sie recht wohl hier ganz bedeutsam ihren Platz aus­füllen; zur Charakteristik des Apostels ist sie zudem unerläßlich nothwendig.