Darmstadt, 30. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht, mittelst allerhöchster Entschließung vom 23. Öctober d. I. zu verleihen:
Dem Ministerial-Secretär 2. Klasse bei Großh. Ministerium der Finanzen, Joseph Moyat, und dem Krelsbaumeister Großh. Kreisbauamts Grünberg, Dr. Karl Dieffenbach, den Charakter als Baurath, dem Distncts-Einnehmer Ludwig Haller zu Vilbel den Charakter als Rendant.
Berlin. Eine für den Welthandel überaus wichtige Nachricht kommt aus Washington. Ein Kabel-Telegramm von dort constatirt nämlich, daß nach aus allen Theilen Nord-Amerikas eingehenden Berichten die diesjährige amerikanische Weizenerndte die ergiebigste ist, die überhaupt jemals in den Vereinigten Staaten gemacht worden ist, und das will viel sagen, denn Amerika ist das reichste Getreide Productions-Gebiet. Besonders in London, dem „Herzen des Welthandels", dürfte diese Mittheilung großen Eindruck machen. Bis vor Ausbruch des türkisch-russischen Krieges bezog das industriereiche, aber kornarme England fein Korn zum größten Theile aus dem kornreichen, aber industrie- armen Rußland. Mit dem Kriege änderte sich die Sache wesentlich; England, das bisher viel englische Kohle nach Rußland exportirte und dafür russisches Korn einlud, warf plötzlich die in Rußland nicht mehr absetzbare englische Kohle in solchen Mengen auf den amerikanischen Markt, daß es die amerikanische Kohle selbst dort verdrängte; es zog zum Ausgleich dafür amerikanisches Korn auf den englischen Getreidemarkt, das nunmehr auf dem letzteren die Hauptrolle spielt. Uebrigens macht sich auch bereits in Süddeutschland der Einfluß des amerikanischen Getreidehandels geltend, indem das ungarische Getreide gegen das amerikanische dort immer mehr zurücktritt und über Triest nach Frankreich seinen Abfluß nimmt. Bei den großen Anstrengungen, welche seit der letzten Ausstellung die Amerikaner machen, um für sich Süddeutschland als Absatzgebiet zu occupiren, werden wir wohl bald genug Gelegenheit haben, den Einfluß der jüngsten guten amerikanischen Ernte sehr merklich zu spüren.
— Unter den demnächst an das Abgeordnetenhaus gelangenden Vorlagen wird sich, wie wir hören, auch eine auf Uebernahme der Strecken DeutzMeßen und Oberhausen-Arnheim der Köln-Mindener Eisenbahn Seitens des Staats hinausgehende Vorlage befinden.
Berlin, 29. October. Die Vermittlungs-Versuche der auswärtigen Diplomatie werden fortgesetzt, obwohl bisher erfolglos. — Den Verhandlungen zum Zweck der Erleichterung des russischen Grenz-Verkehrs werden günstige Aussichten gestellt.
Hesterreich.
Wien, 29. October. Im Budget-Ausschuß beantragte Skene die Wahl eines Comit6s von fünf Mitgliedern, welches zu erwägen hätte, ob und welche Abstriche bei dem Budget vorzunehmen wären. Lienbacher beantragte, daß der Ausschuß in eine General-Debatte eintrete, da solche aufklärend wirken könnte. Nach längerer Debatte wurden diese beiden Anträge, und zwar der erstere fast einstimmig, abgelehnt. Der Ausschuß genehmigte sodann mehrere Capitel des Budgets.
Pefth, 30. October. Die hier eingetroffenen österreichischen Minister haben bereits mehrmals mit den ungarischen Ministern conferirt. Die österreichische Regierung steht auf dem Standpunkte des autonomen Zolltarifs. Die ungarische Regierung dürfte diesem Standpunkte nur gegen anderweitige Com- pensationen Concessionen machen.
Arankreich.
Pari-, 29. October. Die Fraetions-Vorstände sämmtlicher Gruppen der Linken des Senats und der letzten Kammer beriethen gestern gemeinsam, um über ein letztes Manifest Beschluß zu faffen, welches genau die Forderungen der republikanischen Majorität enthalt.
— Bet den gestern stattgehabten Stichwahlen zur Deputirten-Kammer siegten 11 conservative und 4 republikanische Candidaten; im Ganzen umfaßt nunmehr die Kammer 320 Republikaner und 210 Conservative.
Paris, 29. October. In Chateau-Chinon wurde gestern der Bonapar- tist Espenille mit 8256 Stimmen zum Deputirten gewählt; der republikanische Gegen-Candidat erhielt 7180 Stimmen.
Paris, 29. October, Abends. Das Journal „Temps" spricht die Ansicht aus, der Marschall-Präsident sei zu der Erkenntniß gelangt, daß die Lage gebieterisch eine Aenderung seiner Politik erheische. Die einzige Frage sei, ob der Marschall selbst diese Aenderung vollziehe oder solches Anderen überlaffe.
Paris, 30. October Grevy's Abwesenheit wird bis Ende dieser Woche dauern. Sie verzögert die eingeleiteten Versöhnungs-Versuche. — Leon Say ifl nach Deutschland abgereist. — Die Heirath des Königs Alfonso von Spanien ist auf den 23. Januar festgesetzt.
Italien
Rom. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß im Vatican von gewiffen Cardinälen eine Agitation in's Werk gesetzt ist, um den Papst zu bestimmen, Ledochowski als seinen Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl zu bezeichnen. Die Bemühungen treffen aber noch auf Widerstand.
— Pater Curci ist aus der Gesellschaft Jesu ausgeschlossen worden, weil er das Versprechen verweigerte, seine politischen Gedanken nicht nur öffentlich, sondern auch privatim nicht mehr zu entwickeln.
Aumänien
Bukarest, 29. October. Heute Vormittag fand ein Trauer-Gottes- dienst für den gefallenen Prinzen Sergius von Leuchtenberg statt, welchem Großfürst Nikolaus der Jüngere, Fürst Gortschakoff und die rumänischen Minister beiwohnten. — An Stelle des Obersten Anghelescu, der zur Reserve getreten ist, wurde General Racowitza zum Commandeur der vierten rumänischen Division ernannt.
Amerika.
New-Nvrk, 29. October. Zum Gesandten der Vereinigten Staaten in Petersburg wurde Stoughton ernannt. Wie hiesige Blätter aus Japan melden, bestünde England auf einer Tbeilnahmc an allen Vortheilen, welche Japan aus der Eröffnung Coreas erwachsen. Japan lehne die Forderung Englands ab und Rußland habe ihm seine Unterstützung hinsichtlich dieser Weiae rung jugefagt., wenn Japan seinen Anspruch auf einen Hafen im Norden auf gebe und dafür einen südlichen Hafen wähle.
Der orientalische Krieg.
Konstantinopel, 28. October. Die Pforte benachrichtigte den bri- lischen Botschafter, Layard, daß Ismail Hakki Pascha mit 40 Bataillonen seine Vereinigung mit Mukhtar Pascha am 27. Octbr., Abends, bei Jenikoi vollzogen habe. Der Letztere concentrire, nach stattgefundener Vereinigung, seine Truppen bei Köprikoi, wo er in starker Position die heranrückenden Russen erwarte.
— Abends. Ein Telegramm Ismail Hakki Pascha vom Gestrigen bestätigt dessen Ankunft in Köprikoi, welcher ein Kavallerie-Scharmützel bei Delibaba vorhergegangen war, in welchem die Russen 150 Mann verloren. — Aus Dchipka und Rasgrad eingelaufene Telegramme berichten nichts Neues. — Von Plewna liegen keine Meldungen vor. — Die Beschießungen von Rustschuk und von Silistria dauern fort.
Konstantinopel, 29. October. Suleiman Pascha meldet oom 27. d.: Das Artillerie- und Gewehr-Feuer zwischen den auf der Insel Saba vor Silistria aufgestellten türkischen Truppen und den am anderen Donau-User befind- ilchen Russen dauern fort; die dabei erwachsenden Verluste sind unbedeutend. — Reuf Pascha meldet vom 27. d.: Die Artillereie- und Infanterie-Kämpfe dauern auf allen Punkten fort; der Feind erleidet beträchtliche, die Türken nur leichte Verluste.
Petersburg, 29. October. Eine Depesche des „Golos" aus Alexan- dropol vom 27. d. meldet: Die Hauptkräfte des Generals Loris - Melikoff haben das Thal von Karstschai und die benachbarten Anhöhen besetzt und blo- kiren Kars. General Tergukasoff fährt fort, die Truppen JSmail Hakki Pascha's in der Richtung nach Erzerum zu treiben, während General Heymann über Saganlugh eilt, um den Türken den Rückzug abzuschnetden. Bajasid ist von den Russen besetzt. Die Bewobner von Kagisman haben sich den russischen Kriegs-Behörden unterworfen.
Wien, 29. October. Die „Polit. Corresp." meldet aus Bukarest, daß die Russen am 28. d. Telisch genommen hätten; dabei seien sieben türkische Compagnien, ein Pascha und mehrere Officiere in russische Gefangenschaft gefallen und drei Geschütze erobert worden.
Petersburg, 29. October. Amtliche Meldung aus Wisinkoi vom 28. Octbr.: Das Detachement des Generals Tergukasoff, welches seit dem 18. d. sich zur Verfolgung des gegen Erzerum zurückgehenden Ismail Pascha in Marsch gesetzt hatte, befand sich am 25. d. bei Karakilissa in Sicht der türkischen Nachhut. Mit ihrer Hauptkraft zogen sich die Türken am 25. d. nach Seidekan zurück. Von dem Gros des operirenden russischen Corps wurde am 22. d. aus Tikma ein besonderes Detachement unter General Heymann hinter den Saganlugh nach Köprikoi in Khoraffan dirigirt.
Konstantinopel, 29. October. Nihad Pascha (vormals Billinski) ist zum Chef des Gmeralstabes der Armee von Schumla ernannt.
Konstantinopel, 29. October. Derwisch Pascha meldet aus Batum vom 26. Octbr.: Die bei Batum stehenden Russen wurden durch 4 Bataillone und mehrere Batterien verstärkt. — Mukhtar Pascha telegraphirt am 27. d. aus Köprikoi: Die Russen haben bei dem drei Stunden von hier entfernten Azapkioi ein Lager bezogen. — Chefket Pascha berichtet auS Orkhanie vom 27. d.: Die Russen zündeten Gradischnitza an, wurden aber von den Türken, welche 60 Russen außer Gefecht setzten, zurückgewiesen. Am 26. Octbr. fand auf der Straße von Orkhanie nach Plewna ein Zusammenstoß statt. Slatitza wurde von den Russen besetzt.
Petersburg, 30. October. Amtlich wird aus Bogot vom 29. d. gemeldet: Gestern umzingelten die Gardetruppen^unter General Gurko die befestigte Position der Türken bei Telisch auf der Chaussee nach Sofia und eröffneten ein Bombardement aus 72 Geschützen. Nachdem das Bombardement zwei Stunden gedauert, capitulirte die Garnison von Telisch und streckte die Waffen; dieselbe wurde von Ismail Chaki Pascha befehligt und hatte eine Stärke von 7 Tabors nebst 3 Geschützen. Etwa 300 Mann sind entflohen; die übrigen, darunter der genannte Pascha und über 100 Officiere, befinden sich vorläufig in der Redoute bei Gorni-Dubniak, sollen jedoch fretgelaffen werden; nur Ismail Chaki Pascha und einige andere Officiere zogen es vor, in der Gefangenschaft zu verbleiben. An der Eroberung von Telisch nahmen Theil: eine Brigade der 2. Garde-Infanterie-Division; Die 2. Garde-Kavallerie- Division und die kaukasische Kosaken-Brigade. Der russische Verlust an Jnfan- terie betrug: 1 Mann tobt, 15 Mann verwundet. Das Leibgarde -Ulanen- Regiment, welches einen Angriff auf die feindliche Infanterie machte, hatte 6 Officiere und gegen 50 Mannschaften verwundet. Die sonstigen Verluste sind noch nicht bekannt.
SofahÄotii«
Gießen, 31. October. Eine für die Zukunft unserer Hochschule äußerst wichtige Entscheidung ist dieser Tage getroffen worden: eine neue Promotionsordnung für alle Fakultäten ist eingeführt, wonach die Erlangung der Doktorwürde wesentlich an vieselben Bedingungen geknüpft wirv, wie solche an den preußischen Universitäten längst bestehen. Wer sich den akademischen Grad erwerben will, muß ein Maturitätszeugniß aufweisen können, hat nach vollendetem akademischen Triennium ein mündliches Examen zu bestehen und eine gedruckte Dissertation zu liefern. Man wird von nun an der Universität Gießen nicht mehr vorwerfen können, daß dort zu laxe Normen gelten, und es wird sich zeigen müssen, daß dieselbe die Eon- currenz mit den meisten deutschen Schwestcranstalten aufnehmen kann. Denn nach der wissen- chaftlichen Leistungsfähigkeit und nicht nach der schwankenden Frequenzziffer, die ja von vielen, oft nicht zu ändernden Verhältnissen abhängt, bemißt sich der Werth einer Hochschule. Der Großherzoglichen Regierung aber, welche durch die Einführung der neuen PromotionSordnung ihr Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit ihrer Hochschule bewiesen hat, gebührt der aufrichtige Dank aller Derjenigen, welche wünschen, daß die in Gießen erworbene Doktorwürde von allen Makeln, welche ihr in letzter Zeit anzuhaften begannen, befreit und derjenigen ebenbürtig an die fcettc gestellt werde, welche man an den meisten anderen deutschen Universitäten zu erwerben sich zur Ebre schätzt. Hierzu ist nunmehr der Weg gebahnt und eine so vielfach biSkutirte Frage in der befriedigendsten Weise gelöst.
Vermischtes.
Nr. 10 der Z-itlchrift des Tblerschutz-BeretnS für daSGroß- herzogtbum Hessen) welche eben in einer Auflage von 5000 Exemplaren erscheint und welche jedes Mitglied gratis und franco erhält, üat folgenden Inhalt: An die Herren Vertreter und Mitglieder unseres Vereins. — Zur Maulkorbfrage. — Die Entstehung des Schülervereins zum Schutze der Vögel in der Oberklasse der II. Stadtschule zu - nnelcir9rlm Hannöverschen. Bericht des Herrn Lehrer GarbS. (Schluß.) — Die rfc*uVtftrebun(Kn tn Don K. - Kleine Mittheilungen: Officielle Unterstützung. Schleswig-Holsteinischer Tbierschutz Verband. Aus dem Thierleben. — Vereinsnochrichten: Einladung zur Autzschußsttzung. Tagesordnung der diesjäbrigen Generalversammlung. Beitrage der Sparkassen. Bestellung von Nistkästen. Zweig- £er(d«8ftabtt« Neubeigetretene Mitglieder. Eingegangene Zeitschriften. Quit- tirte Beiträge. — Anzeigen.


