Lokal-Motiz.
Gießen, 13 Jan. Mittheilungen aus der Sitzung der Stadtverordneten- Versainmlung vom 6. Januar 1876.
Nachdem der Großberzogliche Bürgermeister mit Eröffnung der Sitzung die Herren Stadtverordneten zum neuen Jahre begrüßt und dieselben zu erneuerter gemeinschaftlichen Thättgkett, welche der Stadt zum Segen gereichen möge, willkommen geheißen hat, flieht derselbe einen Ueberbltck über die im Jahre 1875 von der Stadtverordneten - Versammlung und von den einzelnen Deputationen und Commissionen abgehaltenen Sitzungen. Hiernach vereinigte sich die Stadtverordneten-Versammlung zu 52 Sitzungen. Von der Baudeputation wurden 35, von der Finanz Deputation 9, von der Schuldeputation 10 und von der Armendeputation 20 Sitzungen abgehalten. Außerdem traten die Bau, Finanz- und Schuldeputation mehrmals zu vereinigren Sitzungen zusammen, wie denn auch die für besondere Angelegenheiten gebildeten Commissionen, insbesondere diejenigen für die projectirte Quellwasserleitung, für day Feuerlöschwesen rc. mehrfache Sitzungen abhielten.
Altz Gegenstände der Tagesordnung wurden sodann erledigt:
1. Durch den Ankauf des Neg.-Rath Elbel'schcn HauseS auf dem Asterweg ist das für die 5. Stadtmädchenschule bei Herrn Karl Rahn gemietete Lokal nicht mehr erforderlich gewesen. Die demselben vom 1. October 1874 bis Ende Dccember 1875 für Miethe, Heitzung, Reinigung rc. zu leistende Vergütung von 412 Mk. erhielt die Genehmigung.
2. An Stelle des abgehenden 2. Baubureaugehülfen soll ein andererer Bautechniker angenommen werden.
3. Herr Schreiner Hermann Werner, welcher vom Gr. Stadtgericht verurtheilt worden ist, den an seinem Hause angebrachten auf städtische« Eigenthum vorspringenden Holzsockel zu entfernen, hat um Belassung des jetzigen Zustandes
geworden ist, für seine Forschungen ihre hie und da in Bibliotheken noch vor- haudenen Reste an's Tages-Licht zu ziehen. Die quietistische Mystik in der katholischen Kirche erlosch; in der evangelischen hak ste niemals tiefe Wurzeln geschlafen. ung interessante Buch, dem wir gerade in der heutigen »eit recht große Verbreitung unter den Gebildeten wünschen, ein Stück Kirchen- Geschichte vor die Augen, aus dem. nm des Verfassers eigene Worte zu gebrauchen .sonnenhell die Thatsache hervortritt, daß dieselbe Religiosität von der hierarchischen Autorität der katholischen Kirche, von den Bstchofcn, von der Jnanisinon und von dem Papst über ein Jahrhundert hinaus sanctionirt, gepflegt und vertreten worden ist, die nachher von ihr verflucht und zertreten worden schliß Heppe sein Vorwort, und jeder Freund wahrer
Gewissens-Freiheit wird ihm darin beistimmen —, welche gegenwärtig angeblich nm ihrer kirchlichen Pflicht und um des Gewissens willen dem Kaiser nicht geben wollen, was des Kaisers ist, Die mögen sehen, was Alles der Episkopat einst um seines Nutzens willen ohne alle Gewissens-Beschwerde dem vierzehnten Ludwig gegeben hat 1" (S1, 3>)
Deutschland.
Mainz, 10. Januar. Nach einer CorrespoiMttj der „Nat.-Ztg." dürfte das episkopale Preußenthum des Bischofs v. Ketteler nicht mehr von langer Dauer sein. Denn cs stehe auf Antrag der preußischen Negierung die Lostrennung der Pfarreien Homburg v. d. Höhe, Kirtorf und Rödelheim von der hessischen Landesdiöcese bevor. Differenzen mit dem hell. Stuhle könnten sich nur bezüglich de« ehemals zum Großherzogthum Hessen gehörigen Rödelheim erhe'ben, da die später zur hessischen Diöcese geschlagei,-,, erstgenannten früheren hessen-homburgischen Orte in der sog. Circumscriptionsbulle aufzuführen Der aeffen rourben.
Berlin, 11 ’ Januar. In gut unterrichteten Kreisen Roms und auch von Seiten eines Blattes, das in vaticanischen Dingen gewöhnlich für kompetent gilt, wird versichert, daß der Papst sich zur Lösung einer Frage, die ihm und seinen Rathgebern schon seit Jahren viel Kopfzerbrechens verursacht hat, mit einem Breve sogar in's Ausland, und zwar an sämmtliche außerhalb Jta^ lien wohnhafte Kardinäle gewendet hat, um ihre Meinung darüber zu hören, ob die italienischen Bischöfe der Negierung ihre Eruennungsbullen vorlegcn dürfen, damit sie in den Besitz der Temporalien gelangen. Pius IX. scheint somit selbst nicht mehr an die eigene Unfehlbarkeit zu glaubeu und nebenbei di- ewigen Klagen der Bischöfe, über welche die Tempora'.ien-Sperre z. Z. noch ver- hängr ist, nicht länger anhören zu können.
Berlin, 12. Januar. Graf Ledochowski wird am 3. Februar aus dem Gefängnisse entlassen werden, und erst von seinem weiteren Verhalten wird es abhängen, ob die Staatsbehörde sich veranlaßt sehen wird, gegen ihn einzu- schreiten. Sollte er die Leitung der Diöcese Posen und Gnesen wieder über- nehmeii und bischöfliche Rechte in derselben, auszuüben beginnen, so würde er auf Grund des Rcichsgeseßes, betr. die Verhinderung der unbefugten Ausübung von Kirchenämtern, vom 4. Mai 1874, internirt, d. h. es würde ihm der Aufenthalt in bestimmten Theilen des Reiches untersagt, bezw. ihm die Staatsangehörigkeit entzogen werden, so daß alsdann seine Ausweisung aus dem Bundesgebiete die Folge davon sein würde.
Berlin, 12. Januar. Der „Prov.-Corresp." zufolge erfolgt die Eröffnung des Landtages wahrscheinlich durch den Finanzminister Camphausen. Die Thätigkeit des Landtags wird, nach dem gedachten Organ, neben dem Staatshaushalt die Ergänzung und weitere Ausbildung des zunächst in den östlichen Provinzen begründeten SvstcmS der provinziellen und kommunalen Selbstverwaltung und die Mitwirkung zur Begründung einer selbstständigen evangelischen Kirchenverfassung in Anspruch nehmen.
Königsberg, 12. Januar. Der Provinzial-Landtag hat Stadtrath Rickert (Danzig) mit 78 gegen 50 Stimmen, welche Graf Rtttberg erhielt, zum Landes-Director erwählt.
München, 11. Januar. Von Berlin aus sollen in München Vorstellungen gemacht worden sein, daß man in Bayern mit der Heranziehung von Theologen zur activen Wehrpflicht immer noch zu schonend und rücksichtsvoll vorgehe, weshalb in der Folge selbst die höheren Weihen und die Anstellung di- Geistlichen nicht mehr gegen die Einberufung unter die Fahne und zum Exercitiurn schützen werden.
— Zur Zeit ist man im hiesigen Kriegsministerium eifrig mit der Zusammenstellung des Militärbudgets beschäftigt, das vom Reichsmilitär-Etat abhängt, und darum nickt zugleich mit dem übrigen Budget der Kammer vorgelegt werden konnte. Ueber den Termin der Wiedereinberufnng des Landtags ist, so viele Gerüchte auch darüber austauchen, nach der „Augsb. Allg. Ztg." noch gar Nichts entschieden. Eine Entscheidung wird erst dann erfolgen, wenn der Schluß der Arbeiten des Reichstags zuverlässig bekannt ist.
Hesterreich.
zugleich zum zahlreichen Besuche der Mesie auf, die heute iw der Kirche St. Augustin zu Ehren des tobten Ex Kaisers stattsindet. — Gestern standen vor dem Zuchtpolizeigericht acht sog. „Rodeurs de carriere.“ Dieselben hatten den Grundstein der Kirche des heiligen Herzens auf Montmartre (der Bau der Kirche hat bekanntlich noch nicht begonnen) zertrümmern wollen, um sich der unter demselben vergrabenen Münzen und anderer werthvollen Gegenstände zu bemächtigen, wurden dabei aber ertappt. Jeder derselben erhielt wegen versuchten Diebstahls 6 Monate Gefäugntß.
Pari-, 11. Januar. Die „Ägence Havas" meldet: Der Ministerrath hat heute über das Wahl-Programm des Eabinets berathen. Derselbe wird die Discussion morgen fortsetzen. Man hofft auf eine Lösung, welche den unveränderten Fortbestand des bisherigen Cabinets erlauben werde.
Pari-, 11. Januar. Man versichert, daß der Ministerrath die Dis- eussion über die Wahl-Politik heute in sehr allgemeiner Weise fortgesetzt habe und daß noch keine Entscheidung getroffen sei.
Pari-, 12. Januar. Die „Agence Havas" meldet: Der Ministerrath hat sich heute Morgen vereinigt. Man glaubt noch immer an einen unveränderten Bestand des Eabinets. — Das „Journal officiel" wird morgen eine Proclama- tion des Marschalls Mac Mahon an daS französische Volk veröffentlichen, welche mit der Gegenzeickuung des Ministers Buffet versehen ist und welche die Politik des jetzigen Cabinets gemäß dem am 12. März aufgestellten Programme bestätigt.
Belgien.
Brüssel, 12. Januar. Die Strike der Gruben-Arbeiter im Hennegau und im Kohlen-Becken von Charleroi dehnt sich aus, doch ist bis jetzt Die Ruhe nirgends gestört worden.
Italien.
12. Januar. Die Kammer wird heute vertagt werden und wahrscheinlich erst Anfangs März wieder zusammentreren. — Der Staatsge- nchtsbof erklärte sich in der Angelegenheit Satriano's für incompetent, da Latriano inzwischen aus dem Senat ausgeschieden sei, und hat die Proceß- Acten demzufolge an die gewöhnlichen Gerichte abgegeben.
England.
London, 11. Januar. Die Eröffnung des Parlaments wird diesmal durch die Königin in Person, welche von der Prinzessin von Wales begleitet sein wird, vollzogen.
London, 12. Januar. Nach einer Depesche der „Times" aus Paris scheinen die dort aus England eingetroffenen Nachrichten anzudeuten, daß das britische Cabinet auf dem Punkte stehe, der Note Andrassy's beizutreten.
Serbien.
Belgrad, 12. Januar. Bei der Berathung des Ausgabe-Budgets über die Peusionirung und das Avancement der Beamten wurden nach stürmischen Debatten fünf Positionen im Betrage von 504,435 Piaster von der Skupschtina gestrichen. Der Verfassungs-Ausschuß ist ferner beauftragt ^worden, die frühere Regierung wegen Ueberschreitung deS Budgets in Anklagestand zu versetzen.
Griechenland.
Athen, 11. Januar. Die Kammer ist durch königliches Decret auf 15 Tage vertagt worden, da eine bescklußfähige Sitzung nicht zu ermöglichen war.
Türkei-
Ragnsa, 11. Januar. Heute haben Peko Pavlovich, Bacevich und Valovich mit 1500 Insurgenten die Straße nach Trebinje besetzt, um die Ver- proviantirung dieses Platzes zu verhindern.
Amerika.
Washington, 11. Januar. (Repräsentanten-Kammer.) Von Seiten der demokratischen Partei wurde ein Finanz.Project eingebracht, welches versuchen soll, die verschiedenen Ansichten über die Circulationsmtttel zu vereinigen. Daffelbe schlägt vor, das Gesetz vom Jahre 1875 über die Wiederauf- nahme der Baarzahlungen zurückzuziehen und den Termin der Wiederaufnahme später, in Couferenzen des Secretärs des Staatsschatzes mit den Präsidenten der verschiedenen Nationalbanken, festzusetzen. Die Demokraten werden voraussichtlich über eine allgemeine Haltung in der Schuldfrage schlüssig werden. Dieselben schlagen ferner eine Reduktion des Ausgabe-Budgets um 3 Millionen vor, welche sich namentlich auf den Marine-Etat und den Militär-Etat erstrecken soll.
Wien, H. Januar. Hofrath Schwegel, der diesseitige Bevollmächtigte für die Verhandlungen über den Handels-Vertrag mit Italien, ist zur Fort' setzung der Unterhandlungen nach Rom abgereist.
Wien, 12. Januar. England erklärte, Andrassy's Reform - Vorschlag anzunehmen, nur erübrigt noch, einen Modus für Vertretung deffelben bei der Pforte zu vereinbaren. Es bleibt fraglich, ob England eine identische Note an den Divan richtet oder nur mündlich die Ausführung der von An- drassy formulirten Vorschläge anräth.
Schweiz.
Bern, 10. Januar. In dem unglücklichen Dorfe Hellikon hat der Oberlehrer Müller seine Entlastung eingereicht, weil ein Theil der Einwohnerschaft so unverständig ist, ihm die Mitschuld an der schrecklichen Katastrophe im Schulhause beizumesten. Der arme Mann, der selbst unter den Verunglückten eine Schwester tobt und einen Bruder schwer verwundet vorfand, erklärte, daß er unter solchen Verhältnissen in jenem Kreise ein segensreiches Wirken ferner für unmöglich halte.
Frankreich.
Pari-, 10. Januar. Das „Pays" erschien wegen des Jahrestages des Todes von Napoleon HL gestern mit schwarzem Rand. Dasselbe fordert
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