ohne Debatte genehmigt. Hierauf folgt die zweite Berathung des Gesetzes über den Jnvaliden-Fonds. Staats. Minister Delbrück spricht gegen die von der Commission erweiterte Form des Gesetzes und sagt, daß die Bundes-Regierungen zwar keine principiellen Gründe gegen dieselbe hätten, aber den jetzigen Augenblick zur Durchführung der Commissionsbeschlüsie für nicht günstig gewählt hielten. In dem Verlause der Debatte erklärt der Abg. Rickert im Namen der National-Liberalen, sie würden für jetzt gegen den von der Commission beschlossenen § 1 stimmen, für die dritte Lesung aber die Interessen Aller wah rende Schritte vorbereiten. Bei der hieraus folgenden Abstimmung wird § 1 abgelehnt. Bei der Debatte über § 2 erklärte Delbrück zu der vom Abg. v. Schorlemer hierzu beantragten Resolution, dieselbe involviere ein Tadels- Votum gegen das Reichskanzler-Amt; ven Reichskanzler könne keine Verantwortung für die Anlage des Jnvaliden-Fonds treffen, da er selbst (Delbrück) solche allein übernehme. Diese moralische Verantwortlichkeit wiege schwerer, als die formelle politische. Delbrück beleuchtet hierauf das Verfahren bei Belegung des Fonds und weist nach, daß dabei correct zu Werke gegangen und das Jntereffe des Jnvaliden-Fonds in vollem Umfange wahrgenommen sei. Jede Willkür sei bei Anlegung der Gelder vermieden; weder Gunst noch Ungunst habe nach dieser oder jener Seite hin vorgewaltet; man habe zur Anlage Papiere gewählt, zu denen man volles Vertrauen halte. Delbrück schließt seine Rede mit den Worten: Ich wiederhole die Erklärung, daß ich die Resolution als Tadels- Votum auffaffe, und überlaste dem Hause die Entscheidung. (Beifall.) Hierauf wird die Resolution Schorlemer gegen die Stimmen des Centrums und der Social-Demokraten abgelehnt und demnächst § 2 und der ganze übrige Gesetz- Entwurf angenommen. Nächste Sitzung morgen.
Berlin, 4. Februar. Der „Reichs-Anz." publicirt die Aufhebung des Pferde-Ausfuhr-Verbotes und schreibt bezüglich der gestrigen Zeitungs-Nachricht, welche besagt, daß der Reichskanzler bei dem Kaiser Vortrag gehalten habe, daß dieselbe unrichtig sei. Fürst Bismarck ist noch unwohl und der Kaiser beehrte denselben zur Entgegennahme des Vortrages mit seinem Besuche.
Berlin, 4. Februar. Die elsaß-lothringischen Abgeordneten haben im Reichstage eine Interpellation eingebracht, ob die Reichs-Regierung beabsichtige, die städtische Vertretung von Straßburg wieder zu constituiren.
Berlin, 4. Februar. Die „Post" schreibt: „Graf Eulenburg hat in Folge seiner neulichen Rede eine Mitgliedskarte des hiesigen social-demokratischen Vereins erhalten nebst Quittung über einen Monatsbeitrag.
Berlin, 5. Februar. Reichstag. Der Vice-Präsident Hänel zeigt dem Hause an, daß der Präsident Forckenbeck in Folge des Ablebens seiner Ehegattin noch den übrigen Sitzungen ferngehalten sein werde. Das Haus drückt seine Teilnahme für Forckenbeck durch Erheben von den Sitzen aus und ermächtigt den Vice-Präsidenten Hänel, dies Forckenbeck telegraphisch mitzutheilen Das Haus nahm sodann in dritter Lesung die drei in der vorgestrigen Sitzung iu zweiter Lesung erledigten finanziellen Gesetzes-Vorlagen und in zweiter Lesung die Uebersicht der außeretatsmäßigen und außerordentlichen Einnahmen und Ausgaben des Jahres 1874, die durch den deutsch-französischen Krieg veranlaßt sind, an. Zu dem Berichte der Reichs-Schu!den>Commisfion über den unter ihrer Aufsicht stehenden Jnvaliden-Fonds wird Decharge ertheilt. Bei der darauf bezüglichen Debatte beschuldigt der klerikale Abgeordnete Ludwig den Abgeordneten Miquel der Bereicherung bei Belegung der Jnvalidenfonds-Gelder; er bleibt jedoch jeden Beweis schuldig und wird zweimal zur Ordnung gerufen. Windthorst erklärt, daß der Abg. Ludwig ohne die Zustimmung des Centrums handelte. Abg. Miquel spricht sich über seine Thätigkeit als Director der Disconto-Gesellschaft aus und fordert Jeden, der ihn einer uncorrecten oder unredlichen Handlung zeihen könne, auf, hervorzutreten.
Berlin, 5. Februar. Im weiteren Verlaufe der heutigen Reichstags- Sitzung wurde die Vorlage, betreffend die Verlängerung des Mandats der Eoneurs-Ordnungs-Commission bis zur nächsten Session in erster und zweiter Lesung genehmigt. Hierauf wurde ein von Lasker und den Mitgliedern des Vorstandes sämmtlicher Fractionen eingebrachter dringlicher Antrag, zur Unterstützung des Vice-Präsidenten Hänel, den früheren Präsidenten Stmson in das Präsidium zu wählen, einstimmig angenommen. Simson erklärte sich dankend bereit, der Aufforderung zu entsprechen. Bei der alsdann erfolgten Berathung der Gesetzvorlage über Verlegung des Etats-Jahres auf den 1. April wurde der diese Verlegung aussprechende erste Paragraph genehmigt, dagegen die übrigen Paragraphen, darunter auch der auf die Bewilligung eines Pauschal- quantums für die Finanz-Verwaltung vom 1. Januar bis 1 April 1877 bezügliche, abgelchnt. Bei Berathung der Vorlage betreffs Errichtung des Reichstags-Gebäudes traten die Handels-Minister Achenbach, die Abgeordneten v. Unruh und Duncker für die Vorlage, dagegen Berger für den Platz hinter dem jetzigen Reichstags-Gebäude ein. Um 53/4 Uhr vertagt das Haus die weitere Berathung bis Montag.
Oesterreich.
Wien, 5. Februar. Die «Wiener Abendpost" erfährt von competenter Seite, daß beabsichtigt gewesen sei, mit der Publication der Note des Grafen Andraffy zurückzuhalten, bis die Antwort der Pforte vorliege. Auf bisher vollständig unaufgeklärte Weise sei die „Kölnische Zeitung" in die Lage versetzt worden, die Depesche zu veröffentlichen. Da aber diese Publication sowohl in dem französischen Texte, als auch in der Uebersetzung wesentliche Unrichtigkeiten enthalte, ss veröffentlicht die „Wiener Abendpost" nunmehr den authentischen Text.
Irankreich.
Pari4, 4. Februar. In einer Grube bei Saint-Etienne hat eine große Gas-Explosion stattgefunden. Von 230 Arbeitern sind erst 26 hervorgezogen; davon sind zwei todt. Die Explosion hat starke Einstürze in der Grube verursacht.
St. Etienne, 5. Februar. Durch die gestern hier stattgehabte Gruben- Explofion sind 216 Arbeiter verschüttet worden. Davon sind bis heute Morgen 24 lebend und 26 todt herausgezogen. Die übrigen werden für verloren gehalten.
Italien.
Rom, 4. Februar. Die „Agencia Stefan!" versichert: Der Cardinal Hohenlohe-Schilling-fürst bezwecke außer der Beilegung der Differenzen, die ihn von Rom fern hielten, auch die Einleitung von Unterhandlungen, um die Feindseligkeiten der deutschen Regierung mit dem deutschen Episcopate zu beendigen.
Hohenlohe besuchte gestern die Cardinäle und begab sich sodann nach Tivoli, wo er feinen Wohnsitz nehmen wird; doch ist sein Aufenthalt in Italien noch kein definitiver. — Der spanische Botschafter bei dem päpstlichen Stuhle, Car- denas, trifft morgen hier ein.
Rom, 5. Februar. Nach einer Meldung der „Opinione" hat der Staatsrath dem Ersuchen der preußischen Regierung um gerichtliche Insinuation des Strafnrtheils gegen den in Florenz sich anfhaltenden Grafen Arnim gestern stattgegeben.
England.
London, 4. Februar. In Dorsethire ist der Conservative, Digby. mit 3060 Stimmen in das Unterhaus gewählt worden. Fowler erhielt 1866 Stimmen.
London, 4. Februar. Lord Rüssel erklärt in einem Briefe an Farley seinen Beitritt zu der Schutzliga für die Christen in der Türkei, indem er sagt: es sei^ unmöglich, die Hoffnung eines ersprießlichen Resultats auf die Decrete des Sultans zu setzen, da die Türken den Christen niemals gleiche Rechte zu- gesteheu würden. Lord Rüssel räch den Insurgenten, die Waffen nicht niedeizul^gen.
London, 5. Februar. Einer Meldung des „Globe" aus Jamaica zufolg' begibt sich ein französisches Geschwader nach Santiago de Cuba behufs Einleitung einer Untersuchung über die daselbst verübte ' Ermordung eines französij. en Ui'terrhanen.
Türkei.
Konstantinopel, 4. Februar. Eine Amts-Depesche des türkischen Consuls in Ragusa vom 2. d. Mts. meldet, daß Muktar Pascha vergangenen Sonlitag cie Positionen bei Polizza ohne Schwertstreich besetzt habe. Die Insurgenten zerstreuten sich bei der Annäherung des Paschas.
AmeriLa.
Washington, 5. Februar. Die Commission des Repräseutanteu- Haus s für auswärtige Angelegenheiten berichtet nunmehr über den Antrag auf Kündigung ded Naiuralifations.Vertrages vom Jahre 1869 mit der deutschen Regierung und erklärt einstimmig, daß eine Kündigung nicht rarhsam sei, da die deutsche Regierung de» Vertrag gewissenhaft durchgeführk habe. Viel- Deutsche ließen sich in Amerika naturalisiren und kehren dann nach Deutschland zurück, aber trotzdem, daß beinahe 11,000 dieser naturalisirten Amerikaner iu Deutschland ihren Wohnsitz hätten, seien wegen ihrer Militärpflicht nur 35 streitige Fälle vorgekommen, von denen nur drei Fälle von den deutschen Behörden zu Ungiinsten der Belangten entschieden worden seien. Deutschland habe den Vertrag stets liberal ausgelegt und werde unzweifelhaft für die Folge dasselbe thun.
Lokal-Rotiz.
Gießen, 7. gebt. In Nachstehendem lassen wir die Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten Donnerstag, den 10. Februar 1870, Nachmittags lk Uhr, im Rathhaussaale folgen :
1. Die Vergebung einer Pfründe aus der Stiftung des Andreas Löber.
2. Die Vereinigung der confessionell getrennten Schulen in gemeinsame Schulen.
3. Die katholische Confessionsschule betr.
4. Capitalaufnahme betr.
5. Die Aufnahme des HammS in den städtischen Bauplan.
6. Gesuch des Karl Schneider und K a r l Ste inmü ll er von Heuchelheim um Bau<rlaubriß.
7. Gesuch des Johannes Wagner um Bauerlaubniß.
8. Gesuch des Bahnwärters Jacob Thomas um Bauerlaubniß.
9. Gesuch des S. Katz en st ein um Bauerlaubniß
10. Die Besetzung der dritten Lehrerstelle an der Stadtmädchenschule.
11. Die Abböschung der Wieseckufer längs der fiscalischen Weid- und Burg- roiefen, insbesondere Gradlegung der Wieseck betr.
12. Den Verkauf der städtischen Gewehre.
13. DaS Sandgraben in der Lahn unterhalb des WehrS an der Neumühle betr. 14 Decretur von Druckkosten.
Gießen, 7. Febr. Der Münchener Kunstgewerbe-Verein veranstaltet aus Anlaß seines 25jährigen Bestandes während der Zeit vom 15. Juni bis 15. October d. I. eine Ausstellung von Werken der deutschen Kunst und deS deutschen KunftgewerbeS, sowie der Leistungen der deutschen Kunftgewerbeschulen. Der Anmeldungstermin für die Beschickung ist bis zum 15. d. M- verlängert worden und kann das Programm, welches die näheren Bedingungen enthält, auf der Expedition des Anzeigers einge- sehen werden.
Vermischte 4.
Essen, 29. Jan. Die von Herrn Krupp erlastene Verordnung in Betreff der Arbeitszeit an sechs gesetzlich nickt anerkannten katholischen Feiertagen hat eine Petition der Meister und anderen fest angestellten Personen der Fabriken veranlaßt, in welcher Herr Krupp gebeten wird, die Anordnung aufzuheben Herr Krupp hat hierauf geantwortet, daß er glaube, dem religiösen Bedürfnisse der Katholiken genügt zu haben, indem die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht ist und Schritte gethan sind, um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche Gewohnheit beseitigt, eine unberechtigte und nachtheilige Bequemlichkeit höre auf. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden diejenigen aus, welche im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen wer. den, daß auf der Fabrik viele Evangelische in Arbeit stände«, die mit feiern müßten, wenn die Katholiken feierten. Jeder von denen, welche die Petitionen mit unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze, Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen durch Arbeit, als durch Lohnreduction, besonders in jetziger Zeit, wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma werde daher nicht aufgehoben werden. Vor 50 Jahren, so fährt Herr Krupp fort, trat ich die Fabrik an, und so wie ich seither gedacht und gehandelt habe, wird ei auch ferner geschehen Die alten Mitarbeiter wissen noch, wie ich 1848 mein letzte- Silber einschmelzen ließ, um nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und Treue besonders meiner alteren Mitarbeiter, habe ich diesmal selbst und ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte. Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbände bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.
Haarzopf) Der Commisstonär L. in Berlin wurde wegen Nichteinlösung eines Wechsels, den seine Frau mit unterschrieben hatte, verklagt. Mittel THung der Schuld waren nicht vorhanden, und so trug der Gläubiger auf Mo- biliar-Execution an. Als der Executor in die Wohnung der Schuldner kam, saß, wie das „Tagebl." erzählt, die Frau vor einem handgroßen Spiegel und machte Toilette. Der Beamte legt sein Actenstück auf das einzig vorhandene Bett, nahm eines der mit ©umrni zum Aufkleben präparirten Gerichtssiegel aus der Tasche und sah sich nun in dem ärmlichen Zimmer um. »Ist das Alles, was Sie besitzen?" fragte er nach einer resultatlosen Umschau, und der Agent, der am Fenster saß und eine Cigarre rauchte,
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