Paris, 3. August. Das XIX. Siecle verkündigt heute an hervorragender Stelle und mit großer Bestimmtheit, der europäische Kongreß sei beschlossen und werde in einigen Tagen in Brüssel zusammentreten. In ministeriellen und diplomatischen Kreisen weiß man nichts davon! Der Telegraph meldet, die Mächte wollten Italien, als das wenigst interessirte Land, beauftragen, die Vermittlung im Orient zu übernehmen. Auch das gilt in unterrichteten Kreisen für sehr unwahrscheinlich, zumal da Italien keineswegs der wenigst interessirte der europäischen Staaten ist. — Die Türken haben die Niederlage, welche die Montenegriner ihnen beigebracht, sofort eingestanden, scheinen übrigens das Vertrauen zu Mukhtar Pascha noch nicht verloren zu haben. Sie behaupten, Selim Pascha habe den Angriff, der ihm seine Schlappe eintrug, gegen den ausdrücklichen Willen Mukbtar's unternommen.
Paris, 3. August.. Wie „Opinion" meldet, läßt der Herzog v. Au- male den Bau der detachirten Forts von Besan^on mit der größten Thätigkeit betreiben. Die Zahl der Arbeiter ist seit einem Monat verdreifacht worden.
— Die Korrespondenz „Havas" versichert, Don Carlos sei gestern in Paris angekommen.
PariS, 3. August. Der „Agence Havas" wird aus Nagusa von heute gemeldet: Die Aufständischen haben in der letzten Nacht die Straße von Tre- binje nach Nagusa besetzt. Mukhtar Pascha ist somit von allen Seiten eingeschloffen. — Marschall Mac Mahon wird am 24. August abreisen, um den Manövern bei Dijon und Lyon beizuwohneu.
luste, die Türken geringe. General Tschernajeff soll in Saiischar sein
Konstant,nopel, 4. August. Di- Regierung hat ihren Vertretern bei den auswärtigen Mächten mittheilen lasten, die Gerüchte über den ®eiunh H°its-Zustand des Sultans seien gruitdlos, sein Befindei, bester- sich ’£ zu Tag. o
Amerika.
New-York, t. August. Die „Mercantile Agency" macht Mittbei- lungen über die Ge,chäftslage in den Vereinigen Staaten von Roed-Amerika' Darnach sind im ersten Semester d. I. daselbst 4600 Fallissements mit ei,J Passivmaste vou 108,415,429 Doll, angemeldet worden. Auf New-Vork allein kommen ihrer 442 mit. einer Passivmaste von 18,766,660 Doll.
Washington, 2. August. Präsident Grant hat eine Proclamation eriasten, wonach das Territorium Colorado als Staat in die Union aufaenom men worden ist. Dem Senat hat der Präsident in einer Botschaft anqe-eia, er habe in einem Schreiben an den Gouverneur von Südcarolina sich mißbill," gend über die Niedermehelung der schwarzen Milizen in Hamburg (Distriit Edgefield in Südcarolina) ausgesprochen, de» Gouverneur zur Ergreifung der ernstesten Maßregeln und zur Bestrafung der Schuldigen aufgefordert und denn felbeu jeden verfastungsmäßigen schütz zugesagt. Nach einer Mittheilung bet Tribüne" sind wegen der Ermordung der Schwarzen in Hamburg 53 Weiße in Anklagestand versetzt worden.
Alakie«.
Rom, 4. August. Am Dienstag kündigte der Papst den Cardinälen, welche er zur Berathung berufen hatte, den Erlaß einer an sä-nmtlicbe Bischöfe zu richtenden Encyclica an behufs Hintanhaltung der Ketzerei, die man unter den Katholiken zu verbreiten suche.
England.
London, 3. August. Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus Sernlin von heute gemeldet: Man schlägt sich fortwährend vor Pandiralo. Gestern und heute früh haben mehrere Gefechte stattgefunden, deren Ausgang unentschieden ist. 2000 Freiwillige von der Drina-Armee haben die Reihen derselben verlassen und sind in Bosnien emgebrungen, um den Krieg als Parteigänger zu führen.
Airßland.
Petersburg. Die officiöse „Agence Ruffe" verkündet, daß die Großmächte bereits über die Grundzüge einer Mediation einig sind, aber noch nicht den richtigen Moment dazu als gekommen erachten. Welcher Art diese Me diation sei, ist nicht gesagt; es scheint doch aber aus jener Nachricht hervorzugehen, daß die Gerüchte falsch waren, welche von englisch-russischen Vorschlägen, die Serbien gemacht sein sollten, sprachen; auch wird die Reise der serbischen Minister ins Haupt-Quartier eine andere Veranlassung haben, als die angeblich von Rußland gemachte Proposition eines Waffenstillstandes, die zu gleicher Zeit in Konstantinopel übergeben sein soll. Um so mehr beeilen sich russische Militärs der serbischen Sache zu dienen, General Fadejeff, der nach einem uns zugehenden Privattelegramm in Belgrad angekommen ist, soll bereits in serbische Dienste getreten sein. An russischen Ambulancen und anderweitiger Hilfe fehlt es auch nicht. Die Gerüchte, daß Tscherkessen im Kaukasus gegen die russischen Behörden revoltirt hätten, sind bereits dementirt worden; vielleicht haben die Türken dergleichen Demonstrationen erwartet, sie haben wenigstens, wie wir dies vor einiger Zeit erwähnten, Ulemas als Emissäre hingeschickt, um dort Unordnungen hervorzurufen.
Der serbisch-türkische Krieg, der nunmehr einen vollen Monat dauert, hat noch immer keine entscheidende Wendung eingenommen, woraus sich das Zurückhalten der Mediation erklärt. In Der Herzegowina stehen neue Kämpfe bevor. Bilek wird von den Montenegrinern eingeschlossen, und Mukhtar Pascha, der, wenn auch leicht verwundet, nach Trebinje entkommen war, sucht Bilek mit seinen wiedergesammelten Truppen zu entsetzen.
Die türkische Armee von Risch scheint in der That ziemlich weit in Serbien und zwar bis nach Kujajewacz am Timok (Gurgoffowatz ist ein anderer Name für denselben Ort) vorgedrungen zu sein; es liegen über diesen Vormarsch bis jetzt nur türkische, beziehungsweise Telegramme der „Neuen Fr. Presse" vor, welche lauten: Nisch, 30. Juli. Die Brigade Hafiz Paschas, welche die Avantgarde der von Achmed Ejnb kommandirten Armee von Nisch bildet, stieß gestern Mittags bei Gramada auf die serbische Avantgarde. Nach sechsstündigem mörderischem Kampfe wurden die Verschanzungen und dann der Ort selbst genommen; alle in demselben befindlichen militärischen Etablissement? wurden resirt. Der Ort und die Einwohner deffelben wurden geschont; die Serben retirirten nach Dervent. Die Verluste sind noch nickt festgestellt. Heute wird die Vorrückung fortgesetzt; wenn die Serben Stand halten, so kommt eS zur Hauptschlacht.
Rumänien.
Bukarest, 4. August. Trotz der Einsprache mehrerer der Minister beschloß die Kammer heute, eine Commission zu wählen, welche den Auftrag erhalten soll, die Anklage gegen die früheren Minister aufrecht zu erhalten und als Instructions-Richter zu fungiren. Die Angeklagten sollen in Präventivhaft genommen werden.
Serbien.
Belgrad, 3. August. (Amtliche Meldung.) Gestern wurde ein An- griff der Türken gegen Klein-Zwornik abgewiesen. Heute haben letztere unsere Truppen in ihren Stellungen diesseits Gramada angegriffen; der Ausgang des Kampfes ist noch nicht bekannt. Heute hat eine Schlacht vor dem Orte Knja- sevac begonnen, über deren Ausgang bis zur Stunde noch keine Berichte eingelangt sind.
Türkei.
Konstantinopel. Eine auf der türkischen Botschaft in Paris eingetroffene Depesche aus Konstantinopel bestätigt, daß es mit dem Befinden des Sultans Murad wieder besser geht.
Konstantinopel, 3. August. Vom Kriegsschauplätze wird folgende Meldung veröffentlicht: Die Türken griffen die serbischen Befestigungen bei Gur- gossowatz an und nahmen serbische Redouten. Die Serben erlitten große Ver-
3.
Lokal-Rotiz.
Gießen, 5. Aug. In der Sitzung der Stadtverordneten vom 3. August wurde Folgendes zur Verhandlung gebracht:
1. Aus den in einem Schreiben des Schulvorstandes entwickelten und auch von den Festconutemitglledern angegebenen Gründen ist sich für N.chtabhaltung des Jugendfestes tn diesem Jahre ausgesprochen worden. Dagegen soll als Andenken an die ruhmreichen Ereignisse des Jahres 1870-71 am 2. September Festgottes dienst ftattfindeu und die Herren Geistlichen um Abhaltung desselben ersucht auch dieser Lag in den Schulen entsprechend gefeiert werden. '
2. Wegen Anlegung eines Kanals durch die Heinrich Martin Jaghard'sche Besitzung zum Zwecke der Ableitung des Wassers vom Burgqraben nach der Stadtbach wurde der desfalls vereinbarte Vertrag vorgelegt und von der Stadtverordneten Versammlung genehmigt.
Projec.t des Herrn Dr. 3ett, auf den Hinlerbau feiner Besitzung an der Grunbergerstruße einen zweiten Stock zu fetzen, findet Zustimmung und fall be- fürroortet werden.
4. Herr Wilhelm Reiber will an den Fenstern seines Hauses an der Reichen- sand-Bahnhofsstraüe, welches tm Bau begriffen ist, eine Aenderung vornehmen, welche nicht beanstandet wird.
5. Dem Herrn Maurermeister Philipp Größer war gestattet worden, eine Ein. fassungsmauer vor seinem Hause auf dem Seltersberg von Osenbrandsteinen zu errichten. Da derselbe aber ganz dieser Bewilligung zuwider die lltauer von Feldbrandbackiteinen aufgeführt hat, so ist sich in Uebereinitimmung wider Großh. Polizeiverwaltung gegen sein vorgebrachtes Gesuch um Belassung der Mauer erklärt worden.
6. Um die städtische Sandgrube am Lutherberg ist ein s. g. Schutzspalier gefertigt und die Arbeit mittelst Accord aus der Hand vergeben worden. Hierzu wurde Genehmigung ertheilt.
7. Beschlossen wurde nach dem Antrag der Baudeputation, daß die nöthigen baulichen Veränderungen an dem rechtsseitigen Wachthaus am Wallthor, weil fit bedeutend und tu diesem Jahr nicht mehr ausgeführt werden können, im nächsten Jahre vorzunehmen seien.
8. Das vorgelegte Baugesuch von der Weinhandlung der Herren Ztnßer & Schmidt wurde nicht beanstandet.
9. Zufolge eines Gesuchs mehrerer Grundbesitzer hinter den Eichen um Verbesserung des Eichwegs ist beschlossen worden, die eiforderlichen Arbeiten aus der Hand zu vergeben.
10. Es wurde genehmigt, daß die zur Fortsetzung vorn gepflasterten Fußwege aus dem Seltersberg bis zur Veterinäranstalt nöthigen Arbeiten, veranschlagt ni 3655 Mark, ausgeführt werden sollen.
11. Bei allen von jetzt ab vorkommenden Holzversteigerungen im Gießener Siadt- wald soll den Steigerern eine Zahlungsfrist von 6 Monaten (gegen früher 3-4 Monate) bewilligt werden.
12. Zur Auszahlung der 469 Mark 90 Pfg. betragenden Kosten für das am Neu- städterthor aufgeftellte Pissoir wurde Ermächtigung ertheilt und beschlossen, da der 1876er Voranschlag hierfür keinen Credit enthält, diesen Betrag in das Budget für 1877 aufzunehmen.
Gießen, 5. Aug. Eine sonderbare „Berichtigung" erläßt die königliche Staatsanwaltschaft zu Frankfurt a- M. in dem Berliner Central-Polizeiblatt vom 26 ö '31 ; dieselbe lautet wörtlich: „Der Kaufmann Friedrich Holberg von Gießen ist irrthü.nlich verfolgt worden, der Steckbrief betrifft vielmehr, was hiermit berichtigt wird, den Kaufmann Cäsar Feodor Holberg von Lübeck." Wir können uns füglich jeden Com- mentars hierzu entbalten.
Vermischtes.
Limburg, 29. Juli. Kürzlich passirten mehrere Waggons Ochsen den hiesig 'N Bahnhof. Einer derselben war in Folge der beißen Witterung im Waggon zusammen gestürzt und wurde als leblos aus dem Waggon entfernt. Der den Transport leitende Handelsmann verkaufte diesen leblos scheinenden Ochsen einem hiesigen Einwohner für "Ntge Thaler. Letzterer stellte nun Wiederbelebungsversuche an, ließ den Ochsen mit kaltem Brunnenwasser übergießen u. f. w. und brachte denselben wirklich zum Leben zurück. Jetzt erfreut sich der Ochs im Stalle seines neuen Eigenthümers des besten Wohlseins.
Salz wedel, 29. Juli. (Ein Blutbad.) Das hiesige „Wochenblatt" berichtet: Am vergangenen Sonntag früh hätte dem von hier gegen 5 Uhr auf Ullzen zu fahrenden Personenzuge in der Gegend des Dorfes Hestedt — kurz vor Bergen - leicht ein großes Unglück zustoßen können. Aus den Wiesen stieg an jenem Morgen dichter Nebel; der Zug war signalisirt, als der Budenwärter bet dem genannten Dorfe plöB; l'ch eine Heerde Schafe auf die Bahnschienen lssstürmen sah. Der Beamte jagte die Thiere in aller Hast und nicht ohne Mühe wieder vom Bahnkörper herunter, da bre Zug bereits im Anfahren war, und schickte sich nun an, seinen üblichen weiteren Dienst zu verrichten. Unversehens hatten die störrischen Vließträger aber wieder Kehrt gemacht und befanden sich plötzlich von Neuem mitten auf dem Fahrgeleise. Ein abermaliges Vertreiben Der Schafe war bei dem schnell sich nähernden Zuge unmöglich. Der aufmerksam gemachte Zugführer that fein Möglichstes, eine Katastrophe zu vermeiden: er ließ die Pfeife erschallen, bremsen und, an die Thiere herangekommen, dieselben mit heißem Wasser bespritzen: aber das Gethier blieb stehen und die Locomotive richtete nun ein mörderisches Blutbad an Die ganze Heerde, 21 Stück an der Zahl, wurde theils sofort getödtet, theils gräßlich verstümmelt. Glücklicherweise blieb der Zug in den Schienen, so daß sonst kein Unglück zu beklagen ist. Hätte die Bahn dort mcht so mächtiges Gefäll, so wäre der Zug von den aufmerksamen Beamten sicher zum Stehen gebracht worden, so aber war dies mit dem besten Willen nicht zu bewerkstelligen. D'e Schafe gehören dem Ackersmann Fuhrmann in Hestedt. _
— (Aus dem Eisenbahnwaggon gesprungen.) Jüngst fuhr ein ehrsamer Schuh« machermeister aus Pest mit der Eisenbahn von Felegyhaza nach Kecskemet. Der gute Mann schaute zum Fenster hinaus, da riß der Wind ihm den Hut vom Kops, bei Schuhmacher besinnt sich nicht lange und springt dem Hute nach aus dem Waggon, fällt zu Boden, ohne sich jedoch zu beschädigen Dann nimmt er seinen Hut und winkt dem Zugführer, er möge halten lassen. Der Wächter beim nächsten Wächterhause be- nierft das Zeichen, glaubt, es sei Gefahr vorhanden und gibt Signal, damit der Zug halte, worauf dann der Schuster wieder gemüthlich einstieg. Der Muth des wurde aber nicht gebührend belohnt, denn, wie „Egyetertes" meldet, wurde unser Hel> für seinen Salto mortale eingesperrt.
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