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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mir Ausnahme Sonntag-.
Expebittsn: Lanzleiber^ At. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiessen.
Rr. 123. Freitag den
Deutfdjfanö.
Darmstadt, 28. Mai. Der Finanzausschuß hat eine Erhöhung des Schulgeldes für alle Gymnasien des Landes in Anregung gebracht. Das Ministerium erkennt die Zweckmäßigkeit der Erhöhung für die höheren Classen an. Für Besoldung der Volksschullehrer hat der Finanz-Ausschuß die geforderten 201,518 fl. (gegen 134,518 fl. für 1872, also 67,000 fl. mehr) zu bewilligen beantragt, von welcher Summe jedoch nur der wirklich notwendige Bettag verausgabt werden dürfte. Hierbei hat er sich auch gegen die Errichtung eines dritten Lehrer-Seminars, vielmehr für eine Vereinigung der beiden bestehenden Seminarien in eine einzige mit tüchtigen Kräften besetzte, für alle Consessionen bestimmte Anstalt ausgesprochen.
Darmstadt, 29. Mai. Zuverlässiger Nachricht zufolge ist heute Morgen das zweite Söhnchen des Prinzen Ludwig, der 2 ^jährige Prinz Friedrich Wilhelm, aus dem ersten Stock des prinzlichen Palais auf die dortige Terrasie gefallen und bis Mittag nicht zum Bewußtsein zurückgebracht worden.
(Franks. Journ.)
Berlin, 28. Mai. Ob das Münzgesetz noch in dieser Session zur Erledigung kommen wird, ist augenblicklich noch nicht abzusehen. Die Arbeiten bezüglich der Ergänzung des Gesetzes über das Reichs-Papiergeld sind noch nicht weit genug gefördert, um es wahrscheinlich zu machen, daß auch noch diese Angelegenheit zum Abschluß gelangen möchte. Es fehlt übrigens nicht an Stimmen, welche diese Wendung nicht beklagen und es im Gegentheil für vor- theilhafter erachten, wenn das Münzgesetz in der nächsten Reichstags-Session erledigt wird, zumal da in derselben die Vorlegung des Banknotengesetzes mit Sicherheit zu erwarten ist.
Berlin, 28. Mai. Die „Prov.-Corresp." enthält ausführliche Mittheilungen über die Ereignisse in Frankreich. Der Artikel schließt: „Die Einsetzung der neuen Negierung in Frankreich, welche sich lediglich auf Grund der inneren Verhältnisse in Frankreich vollzog, scheint die Beziehungen zum Auslände, nainentlich die Erledigung der noch schwebenden Verpflichtungen Deutschland gegenüber, nicht zu berühren. So sehr es als eine politische Ehrenpflicht erscheint, gerade in dem Augenblick, wo der bisherige Präsident der französischen Republik unerwartet die Stellung aufzugeben genöthigt ist, nochmals auszusprechen, wie derselbe durch loyales, staatsmännisches, umsichtiges Verhalten vor Allem beitrug, das Friedenswerk zwischen Frankreich und Deutschland und die Ausführung desselben zu beschleunigen, so liegt es doch der deutschen Regierung fern, ihre Erwägungen und Wünsche betreffs der Beziehungen zu Frankreich irgendwie auf das Gebiet der inneren Politik des Nachbarlandes auszudehnen. Unser Verhältniß zur neuen französischen Negierung wird sich einzig nach der Haltung bestimmen, welche dieselbe zu Deutschland, namentlich bezüglich der Erfüllung der übernommenen vertragsmäßigen Verpflichtungen, beobachtet. Nach den ersten Ankündigungen ist zu erwarten, daß die jetzige Regierung in dieser Beziehung lediglich die bisherige Politik fortzusetzen Willens ist. Wenn von verschiedenen Seiten theils Hoffnung, theils Besorgniß geäußert wird, daß Frankreich unter der neuen Negierung von confessionellen Gesichtspunkten aus einen Einfluß auf die auswärtige Politik einränmen werde, so mag diese Annahme sich auf Erwägung innerer französischer Parteiverhältnisse gründen. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß dieselben nut irgend welchem Erfolge in Betreff der Stellung Frankreichs in Fragen der auswärtigen Politik zur Geltung gelangen sollten. Unter allen Umständen darf Deutschland mit völliger Sicherheit und Ruhe auf die neue Entwickelung der französischen Verhältnisse blicken." — Der Schah von Persien trifft Sonnabend Nachmittag 51/2 Uhr hier ein. Auf dem Potsdamer Bahnhof findet feierlicher Empfang statt.
Berlin, 28. Mai. Die außerordentlichen Mehrforderungen für militärische Zwecke scheinen gar kein Ende zu nehmen. So haben die vereinigten Ausschüsse für Landheer und Festungen die extraordinäre Verwendung einer Summe von 13,253,800 Thlr. zur Verbesserung der Kasernen und Ergänzung der Traiudepots und artilleristischen Etablissements beim Vundesrathe beantragt. In den Motiven zum bezüglichen Anträge heißt es: Die Erfahrungen der letzten Kriege haben, indem sie die Vortheile einer vorsorglichen Bereithaltung des Kriegsmaterials in ausgedehntestem Umfange und damit auch die Unentbehrlichkeit der zur Aufbewahrung der Vorräthe erforderlichen Räume unter allem Zweifel gestellt haben, Die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit dieser Einrichtungen noch mehr besestigt. Ferner hat die ui jüngster Zeit allerorts plötzlich eingetretene unverhältnißmäßige Steigerung der Wohnungspreise die Schwierigkeit der Unterbringung der Truppen in Vürgerquartieren mit) damit die Nothwendigkeit der außerdem zur besseren Ausbildung der Soldaten äußerst wünschenswerthen Erbauung von Kasernements noch schärfer als früher auf- treten lassen. Trotz des unausgesetzten Strebens der Militärverwaltung, jenen Erfordernissen aus den etatsmäßigen Mitteln gerecht zu werden, ist es bisher nicht gelungen, in völlig genügendem Maße die Befriedigung der vielfachen Anforderungen zu fördern, auch ist bei den gesteigerten Preisen des gesammten Armeebedarfs für die nächste Zukunft keine Aussicht vorhanden, den bedeutenden Kostenaufwand zu den hier beregten Zwecken innerhalb der Grenzen des Militäretats aufzubringen zu können. Angesichts des in allen Nachbarstaaten
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bemerkbaren Strebens, die Heereseinrichtungen in jeder Beziehung und möglichst rasch zu vervollkommnen, erscheint ein längeres Säumen in Beschaffung der für nothwendig erkannten Einrichtungen bedenklich. Vielmehr erheischt es die Lage des Deutschen Reichs zwischen mächtigen Staaten mit starker Heeres- Organisation, die Einrichtungen, welche zur Erhöhung der Kriegstüchtigkeit unseres Heeres und zur Vollendung der Vertheidigungsfähigkeit des Landes als nöthig erkannt worden sind, schleunigst auszuführen ....
Berlin, 29. Mai. Herr Lasker ist von der Leipziger Universität zum Doctor juris honoris causa creirt worden.
— Die heute ausgegebene Nummer der „Germania" ist von der Polizei mit Beschlag belegt worden.
München, 25. Mai. Die „Südd. Post" schreibt: „Nachdem über den Gang der Voruntersuchung gegen Adele Spitzeder Mittheilungen in die Presse gelangten, die nach amtlicher Ansicht nur durch eine Verletzung des Amtsgeheimnisses sich erklären Mßen, wurde Disciplinar-Untersuchung eingeleitet. Da der vom Untersuchungsrichter in dieser Sache eidlich vernommene hiesige Correspondent des „Niederb. Kur." sich weigerte, die Quelle anzugeben, so wurde er vom Untersuchungsrichter zu einer Haftstrafe von drei Tagen ver- urtheilt, wogegen ihm auch die ergriffene Berufung nichts half."
Metz, 26. Mai. Die gestern früh aus Versailles hierher gelangte Nachricht von den dortigen Vorgängen, dem Sturze Thiers' und seiner Ersetzung durch Mac Mahon, hat unter der französisch redenden und meistens auch noch so denkenden Bevölkerung von Metz wie eine Erderschütterung gewirkt. Bestürzung und Verwirrung zeigte sich auf allen Mienen über dies unerwartete Ereigniß. Noch größer wurde diese Erregung der Gemüther, als schon gegen Abend desselben Tages mehrere angesehene und reiche Familien, die früher dahier gewohnt, jedoch optirt hatten und ausgewandert waren, schleunigst hierher zurückkehrten, um ihren Wohnsitz wieder dahier zu nehmen, da sie Angesichts solcher bedenklicher politischer Evolutionen lieber unter dem verhaßten, aber doch ruhigen und starken Scepter Deutschlands leben wollen, als täglich neuen und beunruhigenden Ueberraschuugen ausgesetzt zu sein. Einer dieser Zurückgekehrten, den wir heute Morgen sprachen, ein Mann von politischer Bildung und Einsicht, behauptet, daß kein Franzose, der sein Vaterland liebt, trotz des bisher makellosen Namens des neuen Präsidenten der Republik, der gewissermaßen nur den Schild bilden soll, mit dem die ultramontanen und monarchischen Parteien ihr verderbenbringendes Gebahren verdecken wollen, Vertrauen zu der über Nacht in Scene gesetzten Negierung haben kann, namentlich wenn man die Ministerliste betrachtet, und daß selbst die Anhänger der siegreichen Parteien, dies Mißtrauen wohl fühlend, sich ihres Sieges in Wahrheit nicht zu freuen wagen. — Auch wir halten diese Auffassung für die richtige. Für die Befestigung der deutschen Regierung im Neichslande können aber solche Vorgänge im Nachbarlande nur von günstiger Wirkung sein, den die Bevölkerung ist bei Vergleichen der Regimes beider Länder unbedingt gezwungen, unserer staatlichen Ordnung den Vorzug zu gewähren, und geben die fortwährenden Nückwanderungen in die alte Heimath ein sprechendes Zeugniß von dem Umsichgreifen dieser Anschauung.
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Wien, 28. Mai. Bis zur Stunde ist die Regierungsveränderung in Frankreich auch hier nicht notificirt worden. — Der Kaiser von Rußland wird nächsten Sonntag hier ankommen.
Frankreich.
Paris, 27. Mai. Ein Theil der Deputirten, die sich am letzten Samstag hmreißen ließen, gegen Thiers zu stimmen, bereuen dieses bereits. Dazu gehören vor Allem die, welche bis zur Krisis zum linken Centrum Perier gehörten, sowie viele Orleanisten, die angefangen, einzusehen, daß sie nicht für sich, sondern zunächst für die Bonapartisten die Kastanien aus dem Feuer geholt haben. Da die Legitimisten unter dem Vorwand, daß man die Imperialisten nicht vor den Kopf stoßen dürfe, viel auf diese halten, so sind die Führer «.derselben bereits mächtiger, als die der Orleanisten, und die Regierung ist gezwungen, den bonapartistischen Forderungen wegen Besetzung der Präfectur- Stellen mehr Rechnung zu tragen, als den Ministern vielleicht lieb ist. Im neuen Cabinet selbst wird wegen der Polizei-Präfectur von Paris gewühlt. Die Bonapartisten verlangen nämlich, daß man Renault (er sei Orleanist) entsetzt, und einem der Ihrigen seine Stelle gibt. Die Orleanisten wollen aber nichts davon wissen, weil sie befürchten, daß dann eines schönen Morgens ein Staatsstreich (die Polizei ist bekanntlich ganz bonapartistisch gesinnt) gelingen könnte und sie wie 1851 nach Mazas geführt werden. Ob das Cabinet sich halten kann, wird zum großen Theil davon abhängen, wie die Republikaner und Radikalen sich verhalten, und ob sie der neuen Negierung keine Gelegenheit geben, daß sie durch Gewaltmaßregeln der schwierigen Lage, in der sie sich befinden, ein Ende macht. — Auch'die Clericalen von Lyon zogen gestern Nachmittag, 3000 Mann stark, vom Place St. Jean nach dem bei Lyon gelegenen Wallfahrtsorte Fourviers, um der Schutzheiligen der Stadt ihren Dank für die „Befreiung von Thiers" vorzubringen. Unterwegs sangen sie das „Magnificat.“


