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Expedition: Lanzletber», SIL. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiessen.
Str. LRS.
Freitag den 23. Mai
183Z.
Erklärung des Dornherrn v. Richthofen.
Breslau, 20. Mai. Die hiesigen liberalen Blätter veröffentlichen folgende Erklärung: „Da eine durch mehrere Zeitungen verbreitete Angabe über meine „Anerkennung des unfehlbaren Lehramtes des Papstes" die Ursache fast allgemeiner Täuschung über meine kirchliche Stellung geworden ist, so fühle ich mich verpflichtet, Folgendes öffentlich zu erklären. Vielseitiges freundschaftliches Drängen, die von mir geforderte Unterwerfung unter die vaticanische Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes auszusprechen, nebst der Erfahrung, daß die genannte Lehre unter ihren Anhängern die verschiedenste Auslegung finde, führten mich zu der Vorstellung, als könne auch eine solche Auffassung der Jnfalli bilität statthaft sein, wonach der Papst nur das verkündende Organ des in der Kirche bereits festgestellten depositum fidei sei. Kränklichkeit, kurzgestellie Zeitfristen für die abzugebende Erklärung u. s. w. trugen gleichfalls nicht wenig dazu bei, mich einer Auffassung des Dogmas zugänglich zu machen, die sich als friedfertig erwies, ohne mich sachlich in Widerspruch mit meiner vorherigen Ueberzeugung zu führen. Auf Grund dessen gab ich eine kurze Unterwerfungs- Erklärung ohne Darlegung meiner Anschauung. Die Zweifel über das Concil selbst glaubte ich bei den widersprechenden Darstellungen desselben süßer Acht lassen zu dürfen. Allein da sich diese Zweifel größtentheils auf das Zeugniß von Zeugen des Concils selbst gründen, so sind dieselben doch zu schwer wiegender Art, als daß man bei ruhiger Ueberlegung über dieselben hinweggehen dürfte. Die Folge meiner Erklärung war, daß man auf der einen Seite mit Freude meine Unterwerfung begrüßte und vollständigen Gesinnungswechsel in mir voraussetzte, während auf der anderen Seite jene, welche sich zu der Unfehlbarkeitslehre nicht bekennen, sich bitter in mir getäuscht fanden. Ich glaube daher, nm der Wahrheit und des Gewissens willen, beiden Parteien das Ge- ständniß schuldig zu sein, daß es mir leid thut, Täuschung verursacht zu haben. Meine oben ausgesprochene Anschauung über die Unfehlbarkeit (zu welcher ich durch die ungenügend vorgetragenen verschiedenen Deutungen ihrer Ausleger verleitet worden war) stimmt offenbar nicht überein mit dem Wortlaut des vati- canischen Decreis, wonach der Papst „ex sese. non autem ex consensu ec- clesiae“ unfehlbar sei Daß letzteres göttliche Offenbarung sei, daß diese Lehre bereits von den Aposteln verbreitet worden sei, daß sie ohne Verlust der Seligkeit zu glauben nothwendig sei, daß sie immer und überall und von allen in der Kirche gelehrt und geglaubt worden sei — dies als Wahrheit anzunehmen und zu glauben, widerstrebt meinem Gewissen, und ich kann nimmermehr annehmen, daß das vaticanische Concil, welches diesen Glauben verlangt, als ein Organ des heiligen Geistes anzusehen sei (ganz abgesehen von allen formellen und rechtlichen Bedenken, die gegen seine Gültigkeit als eines freien ökumenischen Concils vielfältig erhoben worden sind.) War es denn auch ganz bedeutungslos, daß ein Schreck durch die ganze nichtkatholische Welt und zum Theil auch durch die katholische Welt erging, als bekannt wurde, um was es sich bei dem vaticanischen Concil besonders handeln solle! Und war etwa der Eindruck, den das Concil selbst zur Zeit seines Bestehens machte, der Art, daß man es als ein Organ des heil. Geistes leicht ansehen konnte! Wurden nicht die schärfsten Proteste gegen unkanonisches Verfahren, gegen starke moralische Beeinflussung seitens der leitenden Partei, gegen die Mittel, deren man sich dazu bediente u. s. w., innerhalb und außerhalb des Concils lautbar! Wenn außerdem das Nichtglauben an die päpstliche Unfehlbarkeit (von der wenigstens bis zum 18. Juli die Seligkeit nicht mittabhängig war) mit der schwersten kirchlichen Strafe, dem Anathem, von dem Concil belegt wurde, wenn dasselbe auch gegen treue Glieder der Kirche verhängt wird, die nur um des Gewissens willen der gedachten Lehre bisher fern blieben — ist es wohl möglich, annehmen zu können, daß solches dem Geiste Gottes entspreche?! Wo durch die innigsten Beziehungen einer Seele zu Gott auch offenbar ein festes Band zwischen der Seele und Gott besteht, ist es da verständlich, wenn dieses Band durch Anathem, Excommunication, Entziehung der Sacramente u. s. w. auf Erden gelöst wird, während es im Himmel doch sichtlich nicht gelöset ist! Gedenke ich ferner dessen, wie an den Früchten der Baum soll erkennbar sein, so trägt auch dies wahrlich nicht dazu bei, die Zweifel in Betreff des vaticanischen Concils zu lösen. Als das Concil zusammentrat, wurde es von der katholischen Christenheit mit Freuden begrüßt, denn man knüpfte die schönsten Hoffnungen, die reichsten Erwartungen an dasselbe; und eine Fülle des Segens wurde in Aussicht gestellt! Wie aber haben sich diese Hoffnungen, Erwartungen und Verheißungen erfüllt? Viele, und oft nicht die^ schlechtesten Katholiken , sind an ihrer Mutter beinahe irre geworden; viele fühlen sich in ihrem Gewissen auf das Aeußerste bedrängt; tiefgreifende Spaltungen sind in Mitte der Kirche entstanden, nicht wenige Glieder haben sich bereits von ihr getrennt, so manche tüchtige Kraft ist lahm gelegt; welch bedauerlicher Zwiespalt ist in so vielen Familien in Folge der vaticanischen Beschlüsse ausgebiochen; wie ist die Kirche an Ehre und Ansehen — selbst vor frommen Andersgläubigen — gesunken; wie ist der Zutritt der Kirche erschwert; wie wesentlich haben die politischen Verhältnisse derselben gelitten. Wäre das vaticanische Concil auch nur als Vorwand aufzufassen, dessen sich — wie vielfach behauptet wird — die Agitatoren gegen die Kirche bedienen, um sie zu schädigen, so sind doch die
Demüthigungen seit dem vaticanischen Concil zu grell, um nicht wenigstens eine Mitursache in dem letzteren suchen zu müssen. Nur mit tiefbetrübtem Herzen kann man diese Schäden beobachten, wie sie seit dem vaticanischen Concil in der Kirche um sich greifen. — Doch vielleicht hat unter den Jnfallibilitäts- Gläubigen selbst Frömmigkeit Und Gottesfurcht zugenommen! Vielleicht hat das Reich Gottes unter ihnen an Werth und Ansehen gewonnen! Viel ist seit dem Juli 1870 für die Lehre der Jnfallibilität gewirkt und gearbeitet, gepredigt und geschrieben worden, allein als ein freude- und segenbringendes Evangelium hat es sich bis jetzt wohl kaum erwiesen! Wie ein Alp vielmehr scheint die Lehre auf den Gemüthern zu lasten, die zum Theil die Gewiffen beschwert, die Freiheit hemmt, die rechte Freudigkeit unterdrückt. Man bedauert vielfach, daß das Concil nicht lieber von der Lehre geschwiegen, während man doch eine Offenbarung Gottes mit Freuden begrüßen sollte; man schweigt lieber von der Lehre, als daß man von ihr redet (außer von den Kanzeln) ; man thut sich Gewalt an, um die Zweifel dagegen zu unterdrücken und den Stachel nicht zu fühlen. Manche bekennen die Lehre mit dem Mund, und mit dem Herzen verläugnen sie dieselbe. Vielfach hegt und nährt man auch eine Bitterkeit gegen die eigenen Glaubensbrüder, die sich — um des Gewiffens willen — nicht zur Jnfallibilität bekannt haben, sucht lieber jede Verbindung mit ihnen abzuschneiden, anstatt Versöhnung zu suchen u. dergl. mehr. Kurz, ein Segen scheint auf dem Jnfallibilitätsdogma nicht zu ruhen, so daß ich dasselbe auch darum nicht auf die Quelle der himmlischen Wahrheit zurückführen kann! Dagegen sind die Zweifel, die sich dawider erheben, so bedenklicher Art, und — meiner Ueberzeugung nach — auch so begründeter Art, daß ich nur eine Gewissenspflicht erfülle, wenn ich offen bekenne, daß es mir unmöglich ist, das vaticanische Concil als ein freies ökumenisches Concil anzuerkennen und seine Beschlüsse als Offenbarungen des heil. Geistes anzunehmen. Die auf willkürlicher Interpretation beruhende und im Drang der Verhältnisse abgegebene Unterwerfungs-Erklärung ziehe ich — als mit dem Wortlaut des vaticanischen Decretes nicht übereinstimmend — zurück, indem ich mein Bedauern über die verursachte Täuschung wiederhole. Die hiermit abgegebene Erklärung wird manche Wahrheitsfreunde (unter Katholiken und Nichtkatholiken), die ich durch eine Handlung mir entfremdet hatte, welche als Schwachheit mir gedeutet werden mußte, zu einer richtigeren Veurtheilung meiner im Wesentlichen sich gleichgebliebenen Ueberzeugung führen und sie nur hoffentlich auch wieder näher bringen. Sie werden für mein rätselhaftes Verhalten Verständniß gewinnen in der Erwägung, daß die vom Sturme gepeitschte Flamme leicht zur Erde geschlagen wird; gewinnt sie aber wieder Kraft, so brennt sie auf's neue aufwärts und erfüllt ihre Aufgabe. So hoffe ich auch durch vorstehende Erklärung meiner augenblicklichen Aufgabe wieder nachgekomnien zu sein. So manche wohlmeinende Freunde werden sich, zu meinem Schmerze, wohl betrübt von mir wenden; sie werden mein Bekenntniß vielleicht als einen Verrath an der Kirche bezeichnen. Wohl ist die Kirche die herrliche Dienerin der Wahrheit; allein die Dienerin steht nicht über der Herrin! Man wird weiter wähnen, daß die Kirche „die Säule und Grundveste der Wahrheit" sei; allein wenn selbst ein Engel vom Himmel käme, um ein anderes Evangelium, als daS ursprüngliche war, uns zu verkündigen, so sollen wir ihm bekanntlich nicht Glauben schenken. (Uebrigens dachte der Apostel 1. Tim. 3, 15 sicherlich nicht an Papst und Bischöfe) Auch daran wird man mich erinnern, daß, „wer die Kirche nicht hört, der soll einem Heiden und öffentlichen Sünder gleichgeachtet werden; allein zu hoch steht mir die Kirche Gottes, die der Sohn als seine Braut bezeichnet, als daß ich glauben könnte, sie habe auf dem Concil mit göttlicher Erleuchtung, oder der heil. Geist habe durch sie geredet, und als habe nicht vielmehr nur ein Theil ihrer Glieder geredet, die sich zu tief unter die päpstliche Autorität gebeugt hätten. Sollte man aber gleichwohl die angedeutete Stelle auf mich anwenden, wiewohl sie der Erlöser auf Gewissenssachen um des Glaubens willen nicht scheint bezogen zu haben, cf. Mach. 18, 15—17, so tröste ich mich mit dem Ausspruche dessen, der da sagt: „Der Geist selbst gibt Zeugniß unserem Geiste, ob wir Kinder Gottes sind." Auch auf das Wort wird man vermuthlich aufs neue Hinweisen: „Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt." Den Mißbrauch, der mit Erklärungen gleich den vorstehenden gemacht zu werden pflegt, bedauere ich auf das Höchste, allein das Aergerniß um des Bekenntnisses der Wahrheit willen kann ich nicht fürchten, denn wenn „der in Sion gesetzte, auserlesene, kostbare Eckstein, Christus selbst (1. Petri 2, 6), Vielen zum Aegerniß geworden ist, so daß er von den Bauleuten verworfen wurde," so kann auch das Aergerniß um seinetwillen nicht zu fürchten sein. Bei aufrichtigem makellosem Bekenntniß würde es vielmehr heißen: „Freuet Euch und frohlocket, denn Euer Lohn ist groß im Himmel." Endlich wird man mich vielleicht Hinweisen auf die persönlichen Rücksichten, die ich bei einer Veröffentlichung meiner Gesinnung gegen meinen Bischof und andere mir nahestehende Personen hätte nehmen sollen! Wie sehr gern hätte ich diese Rücksichten genommen, wenn ich sie nehmen dürfte; sie haben eine Weile wohl mich zögern lassen mit dem Bekenntniß, und haben mir hefttgen Kampf verursacht, allein die ewige Wahrheit sagt: „Wer Vater oder Mutter oder ttrgendetwas mehr liebt als mich, der ist meiner nicht Werth!" Gibt es noch I einen andern Ausweg als den des treuen rückhaltslosen Bekenntniffes der Wahr-


