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Gießener Anzeiger.
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Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.
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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.
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Ux, O. Freitag den 21. Februar 1S73,
Die letzte Revolution in Spanien.
Der Correspondent der „Time-" derichtlt: „Das Einzige, was an den jüngsten Vorgängen in Spanien überrascht, ist, daß Jemand, der nur einiger- maßen aufmerksam gewesen ist, überrascht sein kann. Nichts war gewisser, als die Abdankung oder Entfernung des König- Amadeus. Eie war nur eine Frage der Zeit und er mußte seit lange davon überzeugt sein, obgleich ich behaupte, daß er sich durch seine Ehre gtbnnden hielt, bis zuletzt auszuhalten, selbst als die Hoffnung geschwunden war. Ein König, der seinen Pa'.ast von oßen höheren Elasten der Gesellschaft gemieden sieht, dem die höchsten AvelStitel für solch erbärmliche Dienste wie, daß man ein HauS zu seiner Verfügung stellt (®tc eS letzten Sommer in den baskischen Provinzen vorkam), erpreßt und rund- weg anzunehmen verweigert werden, dessen Unterthanen kaum aus dem Wege gehen, wenn er durch die Straßen rettet, und dem sie die Höflichkeit eines Grußes verweigern — bei diesen und anderen Demülhigungen und dem Bewußtsein, daß die Männer seiner Umgebung wahrscheinlich in ihrem alten Geschäft der Der- schwörung, uw ihren Herrn bei der ersten günstigen Gelegenheit zu stürzen, fort- führen, hatte er sehr recht, die erste passende Gelegenheit zu ergreifen, um sich selbst von der Last der Größe zu befreien, die man ihm auserlegt hatte. Aber was soll «an von den Kammern, diesem Senat und diesen Deputirten denken? Amadeo hatte 191 Stimmen zu seinen Gunsten und von diesen 191, Vie man wit einer Redensart „die spanische Nation" nannte, scheint nicht eine einzig« gegen seine Abdankung protkstlrt zu haben, denn diese wurde einstimmig angenommen.
Awadeo, noch einmal Herzog von Aosta, muß jetzt so gut als sein Vater überzeugt sein, daß ein fremder Fürst dar Glück des spanischen Volke- nicht befördern kann. Er muß bemerkt haben, daß seine Sache verloren war und daß, wenn er nicht eiligst den ersten Schritt that, er mit Gewalt vertrieben wurde. So lange er dachte, daß er auf vie Armee zählen könne, hielt er (einen Posten; aber die Wendung, die die Angelegenheit Hidalgo nahm, bewies, daß er nur wenig von ihr zu hoffen hatte. Eie war der letzte Tiopfen, der die Schaalc überfließen wachte.
General Hidalgo war ton dem Kriegsminister, General Cordova, zum cowmandireoden General der Provinz Alasa bisirmrvt; hierauf wurden die Artttte- rteofficiere dieser Dtvifion sämwtlich krank. Hidalgo, der die wirkliche Ursache der Krankheit kannte, bat vm Instructionen von Madrid; die des Kriegswini- sterS lauteten einfach dahin, auf (etnem Posten zu bleiben. Als dies bekannt wurde, sandte das ganze Oificierscorps, 700—800, seine Resignation ein mit dem Verlangen, auf die Pensionöliste gesetzt zu werden. Der Minister mußte ihre Stellen mit Sergeanten ausfüllen, denen da- ganze Material ausgehänvlgl wurde.
In einigen französischen Blättern wird behauptet, der Grund, warum die Officiere sich weigerten, unter Hrdalgo zu dienen, (et seine Theilnahwe an der Militär-Revolution gewesen, die die Königin Isabella stürzte; — «weil er seine Epauletteu in dem Aufstand von 1868 in Mißkredit brachte."
Das ist, wie ich glaube, nicht der Fall. Die Männer, die die Revolution von 1868 wachten, find olle am Ruder gewesen und hoch geehrt worSen und ter Rumpf der Partei sitzt noch im Amt. WoS die Artillerieofficiere Hidalgo vorwarfeu, war, daß er die Hauptrolle tu einem Ausstand spielte, der zwei Jahre früher in den Artillericbaracken von Madrid vorfiel, den die Sergeanten durch Arretirung und Erschießen ihrer Officiere erhoben. Der Aufstand wurde nach vielem Blutvergießen medergeschlsgen, und ich glaube, Drrrano war besonders energisch in der Bestrafung dessen, was er damals als das größte Verbrechen betrachtet, das ein Militär im Dienst begehen könne, die Erhebung gegen seinen Souverain.
Hidalgo, ter in dieser Zeit Capitän, wie ich glaube, in derselben Waffe war, entrann glücklich aus Spanien und blieb im Exil bis zu der glorreichen Revolution von 1868. Kurz vorher erschien ein Brief von ihm in den Zeitungen, der einen Bericht in der oben erwähnten Angelegenheit gab. Seine Befördc- rung vom Capitän zum General innerhalb weniger Jahre geschah ohne Zweifel aus Erkenntlichkeit für seine Verdienste um die Revolution; ober letztere war wahrscheinlich nicht die wahre Ursache der Weigerung der Art-llericosficiere unter ihm zu dienen. Dieselbe war vielmehr der Umstand, daß er, ein Artillerieofficier, seine Leute zur Empörung anreizte, und daß diese ihre Officiere zu erschießen an- fingen. Der Vorwurf ist verständlich genug. Die Artillerie ist in Spanien so gut wie sonst wo ein auSgkwählte- und wissenschaftliches Corps, so gut wie das Geuiecorps, und aus einleuchtenden Gründen gibt es keine Beförderung außerhalb der Reihe. —"
Aus Paris schreibt man uns: Rach viertägiger Pause ist die „Madrider Post" heute wit den Briefen vom 10., 11., 12., 13. und 14. d. emgetroffen. Dieselben enthalte» in thaisächlicher Hinficht nichts, was nicht schon durch den Telegraphen bekannt wäre. Uebtr die Abreise der königlichen Familie schreibt der Madrider Correchonvent dcS „Tewps" vom 12. Februar:
„Der König und die Königin sind heute früh nach Lissabon abgereist. Man kann sich etwas Feierlicher,- und zugleich Traurigeres nicht denken. Die Königin schien sehr leidend; hinter ihr trug eine Dame ihres Gefolges das jungt geborene K>nv; der Marquis von Dragonetii gab den beiden alteren Kindern die
Hand. Herr Zorilla begleitet nicht Ihre Majestäten, wird sich ab.r demnächst/ sowie Herr Montero-Rios für längere Zeit nach Portugal begeben. Der gestrige Abend verlief nicht so ruhig, wie man gehofft hatte; einige, wenn auch nicht starke Banden von Studenten und Arbeitern zogen mit rothen Fahnen und phry- gischen Mützen unter den Rusen: Viva la republica social k durch die Straßen. In dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, findet eine Kundgebung vor dem Ministerium de la Gobernacion statt. Arbeiter aus den Vorstädten, zum Theil bewaffnet, waren mit zwei dreifarbigen Fahnen (roth, weiß und violett) herbeige- kommen, um den neuen Minister zu beglückwünschen, und sind, da sie ihn nicht gefunden hoben, nach dem Congreß gezogen. Alles das geht sehr ruhig von Statten und die Haltung des Volkes von Madrid im Allgemeinen ist eine bewunderungswürdige."
Ein Specialcorrespondent, welchen der „Temps" nach Madrid seinen ordentlichen Correspondenten zu Hülfe geschickt hat, ist, nachdem er kaum die französische Grenze passirt hatte, zu Beasain zwischen Tolosa und Zumarraga im Schnee stecken geblieben und schreibt von dort, daß, da die Carlisten da- Reisen bei Nacht nicht gestatten, es ihm erst am nächsten Tage möglich fein werde, Al- fasua zu erreichen; von hier ab sei ver Echneeweg bis Vittoria durch die Schneefälle unpractikal gemacht, der Schnee jedoch eben im Schmelzen begriffen; in Irun und St. Sebastian kannte man die Madrider N-uigkeittn lediglich au- den französischen Zeitungen.
Deutschland.
Darmstadt, 19. Febr. (Kammerverhandlungcn.) In der heute stattgkhab- ten 7. Sitzung der zweiten Kammer würden zuerst die n u eingelretenen Abgeordneten List und Heydenreich verpflichtet. Die Abg. Buff und Schenk fehlen unter Entschuldigung. Die bereits witgetheilten neuen Regierungsvorlagen über die Kreisordnung u. s. w. werden, zur Anzeige gebracht, ebenso einige Anträge von Mitgliedern »nd Petitionen. Die Interpellation des Abg. v. Rabenau über Führung der Eisenbahn Eyrtkuhnen-Metz, beziehungsweise die Umgehung hessischen Gebietes und Gießens, wurde dahin beantwortet, daß unsere Regierung mit Preußen Unterhandlungen über eine Eisenbahn Hersfeld-Alsfeld und die Erwerbung der oberhess. Bshnstrecke AlSfeld-Gießen angeboten habe, ober ohne Erfolg, da die Bahnstrecke Treysa-Wetzlar mit Umgehung Marburgs und Gießens als geradeste Lj^nie in militärijchem Interesse und in dem der berührten Gegenden den Dorzug gefunden habe. Der großh. Regierung ständen keine Mittel zu Gebot gegen dieses Projekt zu wirken, fie werde sich jedoch bemühen, das Interesse möglichst ru wahren, v. Rabenau glaubt, daß es nach dem Beschluß der Commission des preußischen Abgeordnetenhauses aufgegeben werden müsse, die Bahn über Gießen geführt zu wissen, er wünsche jedoch möglichste Annäherung an diese Stadt. Ebenso wünscht er neue Verhandlungen über die Concesfionirung der Bahn HerSfeld.Alsfeld, um durch Anschlüsse die unglückseligen dem Land zur Last fallenden oberhessischen Bahnen rentabler zu machen. Er erwägt die Richtung der oberhesstschen Bahnen, will nicht untersuchen, warum nicht die Bahn Alten- Hunden-Gießen concessionirt worden sei, sonst könnten Geschichten a la Lasker zum Vorschein kommen. Ministerpräsident Hoffmann erklärt, die Richtconcessionirung jener Bahn liege an Preußen, die hessische Regierung treffe kein Makel. Die Regierung werde bemüht fein, daß die Linie Hrrsseld-Alsfeld gebaut werde, v. Rabenau dringt nochmals auf raschen Betrieb der Sache; ein großer Theil des UDstaudeS, daß Altenbunden-Gießen nicht sedaut werde, liege an der Lud- Digsbahn. — Die Iaterpellation des Abg. Stübers über die Competenz der Gezirksstrafgerichte bei Bagatellsachen und über den Mißstand, daß bei Bezirks- straffällen dem Ankläger der Weg der Beschwerde nicht offen stehe wurde dahin beantwortet, daß das Justizministerium bereit fei, die Bagatellsachen wieder an die Landgerichte zu verweisen uno ein dahin zielendes Gesetz vorzulegen. Bezüglich des zweiten Punktes sei es im Angesicht des Erlasses einer neuen deutschen Strasproceßordnuug nicht rathsam noch Aenverungen eintreten zu lassen, es sollen aber Vie Staatsanwälte instruirt werden in Fällen, wo die Ankläger sich beschwert erachten, die Appellation zu verfolgen, eventuell dem Oberstaatsanwalt oder Dem Justizministerium die Entscheidung vorzubehaltcn. Der Abg. Allmana interpellirt, ob die Regierung die Erlaubniß zum Bau von Hänsern nächst dem Friedhof in 'Bingen ertheilt habe und ob sie Vie bestehenden Gesetze in dieser Beziehung für aufgehoben erachte. Abg. Derndurg stellt Den Antrag auf Einrichtung eines Brbeiterzuges von Erfelden, Egelsbach u. f. w. nach Frankfurt und begründet venfelben damit, daß durch diese Einrichtung den in letzterer Stadt arbeitenden Leuten eine Heimath und ein Familienleben erhalten und dadurch der Ueberfül- lung der Städte und Den socialtstischen Agitationen vorgebeugt werde. Die Verhältnisse der Main-Neckarbahn seien allerdings Neuerungen nicht günstig, die Regierung werde es jedoch erreichen können, diese zum Eingehen auf Die Sache zu bestimmen. Abg. EDinger will überhaupt die Einführung von Arbeiterzügen auf all-n Bahnen. Metz verliest eine lange Zusammenstellung von vachtraglicheu C>edit-Anforderungrn der Regierung, von denen wir Hervorheden 450,000 fl. für Wiederherstellung des Hostheaters, eine noch incht zu bestimmende Summe für Ausbau des IustizpalastcS, verschiedene Posten für neue Bautin an Gymnasien und Seminare« u. f. w.
Als erster Punkt der Tagesordnung kommt darauf die Wahl im 11. Wahl-


