Ausgabe 
18.12.1873
 
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Darmstadt, 17. December. Die erste Kammer hat auf den Antrag v. Dalwigk's über das Schulgesetz beschlossen und zur Bedingung der Annahme desselben gemacht, daß die von der Abgeordneten-Kammer beschlossene Aus­schließung der geistlichen Orden in das Gesetz nicht ausgenommen werde. Das Schulgesetz ist hiermit als gefallen zu betrachten.

Berlin, 14. December. Das Nachspiel des Processes Baza ine nimmt seinen Fortgang. Dem Marschall wird die Insel Marguerite zum Aufenthalt angewiesen, in dem festen Schloß, unweit der Küste des Französischen Festlandes soll er seine Strafe verbüßen, bis eines Tages^eine Umwandlung in den Ge­schicken Frankreichs ihn vielleicht über die kurze Strecke, die ihn vom eigentlichen Frankreich trennt, zurück, vielleicht noch einmal in den Strudel der Ereignisse führt. An den Marschall-Präsidenten hat der Verurtheilte ein Schreiben ge­richtet, in dem er erklärt, gern würde er den Tod erlitten haben. Mac Mahon aber hat der Gemahlin Bazaiues einen Besuch gemacht, um ihr sein Beileid zu bezeugen man fühlt sich noch immer zu einander gehörig. In der Presse Frankreichs findet die Verurtheiluug, findet die Gnade, die man dem Lerurtheilten angedeihen ließ, die heterogenste Verurtheilung.Er ist gerichtet" rufen die Einen,gerettet" die Anderen. Besonders derPariser Figaro" ist über die Veurtheilung des Marschall Bazaine er wußte noch nicht, daß ihr End­resultat das Auweiseu eines Landaufenthalts auf der Insel Marguerite zum Aufenthalt sein würde ganz aus dem Häuschen. Er läßt sich folgender­maßen vernehmen: Der gestrige Tag sollte ein Tag der Trauer für Frankreich werden. In anderen Ländern würden die Theater geschlossen sein, öffentliche Gebete würden erschallen, Niemand würde dem Schuldigen fluchen, Niemand würde ihn vertheidigen, Alle würden das Haupt senken, alle würden sich von dieser nationalen Katastrophe berührt fühlen. Anders in Frankreich. Kaum ist die Kunde bekannt, so ertönen ehrlose Rufe, düstere Bravo's, ein Murmeln wilder Freude, von denselben Leuten ausgestoßen, welche die Commune gemacht haben, von den Preußischen Henkersknechten, (II) dem Sturze des Marschalls Beifall jubelnd, wie sie zum Sturze der Vendomesäule gejubelt haben; denn Alles, was stürzt und fällt ist eine Quelle der Freude für diese Barbaren." Und nun k.mmt Figaro im äußersten Momente der Aufregung sogar zu einer gewissen Selbsterkenntniß. Nun sagt er: Ein solches Schau­spiel zwingt uns', zu erkennen, daß es große Anstrengungen kostet, um Frank reich aus schnürenden Umschlingungen der politischen Leidenschaft zu lösen und cs zu einer wahren Nation zu machen--Armer Figaro, es muß ihm viele

Kämpfe gekostet haben, bis er sich zu dieser Selbsterkenntniß hindurchgerungen.

Der gegenwärtige Landtag wird sich jedenfalls mit der wichtigen Frage zu beschäftigen haben, wem das Kirch en gut gehört, ob den Alt­katholiken oder den Neukatholiken. Verschiedene Altkatholiken sind schon vor Jahr und Tag bet der Regierung vorstellig geworden, sie in ihren Corpo- rationsrechten zu schützen. Die definitive Entscheidung darüber, ob die Staats- rezierung in gegenwärtiger Session dem Landtage den Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Auseinandersetzung über das Kirchenvermögen in solchen Kirchen­gemeinden, in denen eine Spaltung zwischen Altkatholiken und Neukatholiken stattfindet, vorlegen wird, steht noch aus. Geschähe dies auch nicht, so würde sich das Abgeordnetenhaus doch mit dieser Materie zu befassen haben. Alt­katholiken petitioniren nämlich, daß die bürgerliche Gesetzgebung über das Kirchenvermögen einer Revision unterzogen werden möge, und zwar dergestalt, daß alle dem Bekenntniß, wie es bis zum 28. Juli 1870 in der katholischen Kirche bestand, angehörenden Katholiken als Mitglieder dieser Kirche zu dem Mitgebrauche des kirchlichen Eigenthnms berechtigt zu behandeln seien. Die Regierung wird sich dieser Revision keinen Augenblick länger entziehen können. Nach der ganzen Stellung, welche sie eingenommen, ist von ihr bereits aner­kannt worden, daß die Partei, welche die neue Lehre aufgestellt, damit ihre Stellung zum Staate verändert hat. Ohne die Frage zu erörtern, wie weit die Rechte der Neukatholiken dadurch in Frage gestellt werden, ist doch so viel klar, daß die Stellung und die Rechte der Altkatholiken durch die Veränderung nicht berührt, geschweige denn verändert worden sind. Die Altkatholiken sind ja bei dem alten Glauben und in dem alten Verhältnisse zum Staate geblieben, müssen folglich auch in ihren Rechten bleiben.

Berlin, 17. December. Einer alten und in der Militär-Ersatz-In­struction beibehaltenen Anordnung zufolge werden Militärpflichtige durch Ver- heirathung oder Gründuug eines eigenen Hausstandes von der Erfüllung ihrer Militärpflicht weder entbunden, noch kann aus solchen selbstgeschaffenen Ver­hältnissen eine Berücksichtigung hcrgeleitet werden, da es eines jeden Militär­pflichtigen Sache ist, vor Ableistung seiner Militärpflicht im stehenden Heere keine Verhältnisse anzuknüpfen oder herbeizuführen, welche geeignet sein können, ihm die Erfüllung dieser Pflicht zu erschweren; ja, es haben diejenigen Mili­tärpflichtigen , welche sich dennoch vor Ableistung ihrer Militärpflicht verheira- theu, weder für ihre Ehefrau, noch für ihre mit derselben erzeugten Kinder auf irgend eine Unterstützung aus Militärfonds zu rechnen.

üellerreich.

Wien, 16. December. Mehrere Abendblätter melden übereinstimmend, daß der ehemalige General-Director der Lemberg-Czernowitzer Eisenbahn, Rit­ter v. Ofenheim, und der Ober-Ingenieur Ziffer aus Requisition des Straf­gerichts verhaftet seien.

8chmeiz.

Bern, 14. December. Wie man versichert, hat der päpstliche Nuntius in Vorahnung des ihm bevorstehenden Schicksals schon vor einigen Tagen beim Bundesrathe die Anfrage gestellt, wie lange er noch in der Schweiz zu bleiben haben werde. Seine Wohnung, die er bis jetzt in Luzern inne gehabt habe, sei ihm gekündigt worden; es wäre ihm lieb, zu wissen, ob er noch Zeit habe, sich nach einer andern umzusehen, und aus wie lauge er dieselbe wohl noch rniethen könne. Auf diese Anfrage sei ihm die Antwort zu Theil geworden: er möge jedenfalls nicht auf zu langen Termin miethen. Anläßlich h'.be Msgr. Agnozzi auch einen Versuch gemacht, den heil. Vater wegen seiner letzten En- eyklica zu entschuldigen, indem er naiver Weise gebeten, man möge doch aus der Sache nicht so viel Wesens machen; Pius IX. sei eben ein alter Mann, dem man Manches nachsehen müsse. Der Ständerath hat heute die Revi­sion der Niederlassungs-Artikel beendigt. Auch sie wurden unwesentlich verän­dert nach den Beschlüffen des Nationalraths angenommen. Der Nationalrath,

welcher noch immer mit dem Budget für 1873 beschäftigt ist, beschloß, sich vom nächsten Samstag an bis zum 19. Januar 1874 zu vertagen. Somit wirb die Bundes-Revisions-Berathung erst nach Neujahr beendigt werden.

Bern, 15. December. Der Ständerath ist dem Nationalraths-Beschluffe mit unwesentlichen Veränderungen in Bezug aus die Glaubens- und Gewissens- Freiheit beigetreten, mit Ausnahme der Bestimmung, daß die väterliche oder vormundschaftliche Gewalt über die religiöse Erziehung der Kinder bis zum 16. Lebensjahre verfügen soll.

Frankreich.

Paris, 15. December. Der gestrige große Wahlsieg der Republikaner hat unter den Deputirten große Bestürzung erregt, zumal der Umstand, daß mit Finistöre die Bretagne republikanisch gewählt hat. Swiney erhielt nicht weniger als 59,000 Stimmen gegen die 39,000 des Royalisten Le Guen.

Die Negierung will den Dreißiger-Ausschuß zur sofortigen Vorlage eines neuen Wahlgesetzes drängen.

Gestern war großer Empfang bei Broglie, dem Arnim, Orlow, Lyons und Apponyi anwohnten.

Havas" dementirt, daß Thiers an Mac Mabon wegen Bazaine's geschrieben habe. DerGaulois" hält seine betreffende Mittheilung aufrecht.

Die Regierung schreitet in vielen Departements gegen Petitionen zu Gunsten Chambord's ein.

Die republikanische Linke eröffnet eine Subscription zur Errichtung eines Denksteines in Belfort.

Versailles, 17. December. Die Armee-Commission hat beschlossen, 17 Millionen zur Einberufung des zweiten Theiles des Contingents zu fordern, auf welche der Kriegsminister früher verzichtet hatte.

Amerika.

New - N»ork, 15. December. Professor Agassiz ist gestorben. (Gebo­ren 1807 im Canton Neufchatel, studirte in Zürich, Heidelberg, München Naturwissenschaften, insbesondere Zoologie, 1847 als Professor in Charleston, Südcarolina, später an der Universität Cambridge-in Massachusetts.)

Lokal-Notiz.

Gießen, 18. December. Ueber die gestern am Friedhöfe aufgefundcne Leiche laßt sich noch nicht viel berichten. An dem Körper sind von außen keine Spuren vorhanden, welche auf Mord rc. schließen lassen. Die gerichtliche Section, welche heute Morgen stattfindet, wird jeden­falls die Todesursache feststellen.

Unsere Frauen im Allgemeinen sckeinen zur Herabsetzung der Lebensmittelpreise noch nicht gestimmt zu sein. Dieses mußte Jedem auf dem letzten Wochenmarkte einleuchten, der sich das Vergnügen machte, dem Treiben zuzuschauen. Es gab da so viele pro und contra und so verschiedene Meinungsaustausche und Höflichkeit sformcn, daß dem Beobachter der Gedanke kam, Die Sache müsse in Gießen grade so angepackt werden, wie in Cassel und Frank­furt, nämlich durch Bildung eines Vereins, wodurch Festigkeit im Angebote und Regelung des Kaufs und Verkaufs herbeigeführt wird. So lange man noch zu den höchsten Preisen kauft und auf der Butterwaage z. B- erklärt, man kaufe zum niedrigsten Preis und sich so selbst belügt, so lange ist noch auf' keine billige Butter zu hoffen. Würde man einfach erklären, wir essen einmal in 3 Tagen keine Butter oder Eier und behelfen uns, so würde dadurch eher ein Vorthcil errungen. Dann könnten auch die paar älteren Köchinnen, die für ihre Herr­schaft so besorgt sind, der Sache keinen wesentlichen Schaden beifügen.

V e r M i s rd t e s.

Motto: Was dem Einen recht ist, ist dem Anderen billig.

Das Publikum wird gewiß nur dankbar sein, wenn es daraus aufmerksam gemacht wird, daß das sogen. Liebig'sch e Fl ei sch extract, welches jetzt, d. h. December 1873, verkauft wird, laut den Annoncen der englischen Actiengesellschaft Fray Bentos und den jede Büchse Lie big'sehen Flei s ch extra c t' s verschließenden Etiquetten, noch von dem Extract ist, welches Herr Professor oon Liebig untersucht und als gut approbirt hatte. Herr Prof, von Liebig ist nun aber bereits im Mär; a. c. nach längerem Krankenlager gestorben, mithin ist das von der Compagnie Liebig heutzutage verkaufte Extract mindestens 1 Hahr alt! Dies spricht weder für einen lebhaften Konsum im Lieblg'schcn Fleqchextract (wie denn auch an maßgebender Stelle erst vor wenigen Wochen geäußert worden ist, daß die demselben sehr fühlbare Concurrenz des Buschenthal'schen Fleisch extract es auf alle mögliche Weise unterdrückt werden müsse), noch für eine besonders sorgfältige Bedienung des consumirenden Publikums von Seiten der Liebig's Fleischextract Compagnie. Unfern Dafürhalten nach würde diese Actiengesellschaft besser für eine gute Dtvibende ihrer Actionäre wirken, wenn sie entweder frischeres Extract in den Handel brächte, oder wenn sie, die ja stets den anderen Fleisch-Extract-Fabriken Unterschiebung vorwirft, nicht länger bas Publikum durch ihre Annoncen und Etiquetten damit zu täuschen suchte, als ob wirklich das von ihr so eifrig als allein ächt ausgepriesene Extract noch von dem Herrn Professor von Ltebig untersucht worden sei, resp. werde. Veritas.

DieVolks-Ztg." schreibt: Eine lakonische Antwort erhielt kürzlich der Chef einer bedeutenden Peckfabrik, welcher ungünstige Auskunft über die Verhältnisse einer Act en Brauerei erhalten, nachdem er eben einen großen Posten Pech an dieselbe abgesandt hatte. Um sich nun wieder in den Besitz seiner Waare zu sehen, schrieb er sofort an die betreffende Actien-Gescllschaft, baß die diesmalige Sendung, wie ihn viele seiner Kunden haben wissen lassen, an bedeutenden Mängeln litte, und bat um deren Nichtannahme, da er sein Nenomnro nicht schädigen wolle, unter dem Versprechen, in wenigen Tagen die bessere Dualität zur Absendung zu bringen. Die oben angedeutete Antwort der Brauerei Gesellschaft lautete aber: Ihr Pech convenirt uns l"

Görlitz, 14. December. Im Kreise Hoyerswerda ist dem Vernehmen nach die Rinderpest ausgebrochen. Zur Durchführung der angeordneten Absperrungsmaßregeln ist ein Militär­detachement von hier dahin abgegangen.

Straßburg, 10. December. Welches Unheil manche Eigennamen anrichten können, davon vermag ein hiesiger Buchhändler und ein Sicherheitswächtcr zu erzählen. Ersterer hatte an einem seiner Ladcnfenster das wohlgetroffene photographische Bildniß unseres Moltke in dem Cabinetsformat" ausgestellt. Unter dem Bilde ist in großen goldenen Buchstaben die Firma des Photographen angegeben, das schreckliche WortHanfstängl I" Da ereignet cs sich, daß ein Wächter des Gesetzes die sprechend ähnlichen Züge des größten Strategen erkennt, zugleich aber auch den darunter stehenden Namen liest. Wie wogte es da in der patrioti-chen Brust unseres Biedermannes! Für ihn existirt keine weltbekannte FirmaHanfstängl," für ihn ist dieser Name nur Hohn und Spott. Entrüstet betritt er den Laden und stellt die betroffenen Commis zur Rede. Es nützt keine Aufklärung, der Patron, ein guter Deutscher muß sich eben deßhalb dop­pelte Vorwürfe gefallen lassen; denn, wird ihm entgegengehalten, beleidigen denn nicht schon die französischen Schaufenster genügend die Augen des lovalen Deutschen; muß solche Frcvelthat auch noch am grünen Holze geschehen? Nach kurzer Rede und Widerrede müssen die Bilder vom Fenster entfernt werden und ein Exemplar nimmt der Mann des Gesetzes als furchtbares corpus delicti mit sich fort. Ob eine andere Aufklärung bessere Früchte getragen hat, wer ver­mag es zu behaupten? Dem Nichteingeweihten zeigt sich bloß neuerdings wieder das Bild des großen Schweigers am Fenster und noch immer blitzert darunter der ominöse NameHans- stängl!" _________________________________________

2812) Das Annoncen - Büreau von Nndolph Mosse, vertreten durch B. Heidingsfelder, Wallthorstraße 96 in Gießen, ist für die Beförderung von Inseraten jeden Inhalts, als Empfehlungsanzetgen, Kauf- und VerkamgOuche, Stellengesuche, Familiennachrichten u. s w. als besonders zuverlässig zu empfehlen.