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Erscheint täglich, «it Aus« nähme Sonntags.
Expedition: Canzletberg, Ltt. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hiessen.
Nr. 270 ~ Dicnstirg den 18. November ""18?3«
Amtlicher Theit.
Gießen, am 15. November 1873.
Betreffend: Die Reinigung der Schullocale.
gruppe und übernahm das Commando. Man mußte immer weiter in der Zeitenfolge hinanfgehen, als noch ein reiches mannigfaches Leben in sehr verschiedenen Formen von den Armen der kirchlichen Organisation umspannt wurde. 26ie schwierig sich jene neuen religiösen Lebensformen, damals in den alteren Mönchsorden sich kundgebend, in den hierarchischen Organismus einfügten, davon zeigen sich ja noch Spuren in den Privilegien der Siebte und in den Streitia- keiteil zwischen Bischöfen und Ordensobern. Und bald hat sich gezeigt, daß der energische Widerstand gegen die päpstliche Jnfallibilität etwas weit anderes war, als nur ein theoretisches Bedenken der deutschen Stubengelehrsamkeit, die ihre alten dogmatischen Hefte ein wenig zu corrigiren sich sträubte. Es galt den Widerstand gegen das Auslöschen des letzten Nestes kirchlicher Selbststan- dlgkeit, gegen die gewaltsame Aenderung der Kirchenverfassung aus einer Aristo- klatie in reinen Absolutismus; cs galt den Widerstand ächt germanischer Auf- fassung Dci Religion gegen das erdriickende Ilebergewicht des centralisirendcn und nioellirenden Romanismus. Freilich war es mit der bloßen Ablehnung der neuen „Lehre" nicht gethan. Daß der Conflict tief in das Herz der katholischen Kirche eindrang, in die Berfassnng, das hat sich jetzt klar gezeigt. Normal wäre es gewesen, wenn nun die deutschen Bischöfe die Fahne der Selbstständigkeit aufpflanzten, ruhig zuwarteud, ob ein künftiger Inhaber der päpstlichen Tiara die alten Rechte der Kirche anerkennen wolle. Sie haben geredet und dann widerrufen. Dadurch fiel die Pflicht, die alte Selbstständigkeit der ^trche zu wahren, der Gemeinde zu und den priesterlichen wie rechtsgelehrten Führern. Daß heute Doctoren der Theologie (ganz abgesehen von ihrem priesterlichen Charakter) lind des kanonischen Rechtes, die Führung übernehmen das ist zwar vortridentinisch, aber um so mehr katholisch. Die Constanzer Klichenordnung hat auf die Jnfallibilitätscrklärung in rechter, durchgreifender Weise geantwortet.
Das freilich unterlag keinem Zweifel, daß der Altkatholicismus den sta- ^"0 kurz vor dem vaticanischen Dccret unmöglich aufrecht erhalten konnte, ^er auch das Tridentinilm in seiner ganzen Breite lieferte feinen festen Boden- 5)16 Demoralifirung der päpstlichen Jnsallibilikät erwies sich ja dem kundigen Historiker als die Frucht einer langen Bewegung, die da anhob, als man alle reformatorischen Elemente gewaltsam aus der Kirche entfernte, als man die eigentliche Leitung des religiösen Lebens in die Hände der Jesuiten übergehen ließ. Was Anfangs nur Freischaar war, gestaltete sich bald zur regulären'
Der Altkatholicismus in seiner Stellung zunr Protestantismus.
Auch der Kurzsichtigste und Zwcifelsüchtigste kann sich heute der Anerkennung nicht entziehen, daß in dem großen Kampfe zwischen Papsttbum und Staarsidee, Jesuitismus und moderner Cultur der altkatholischen Bewegung eme stets sich steigernde Bedeutung zufällt. Je hartnäckiger der Widerstand der neukatholischen Bischöfe sich gestaltet, um so lieber muß der Staatsregierung ein Bundesgenosse sein auf dem eigensten Terrain des Feindes. Indem die normale Weihe des Bischofs Reinkens das Gemüth des gläubigen Katholiken befriedigte, gewährte die Anerkennung durch die preußische Staatsregierung der ganzen Sache jenen festen Rückhalt, dessen solche Neubildungen dringend bedürfen. Um so dringender wird die Frage: welche Stellung zu den andern Confessionen, namentlich zum Protestantismus, dem Altkatholicismus zufallen Ede-Daß dieselbe gegenwärtig die freundlichste ist, kann leicht als eine in divlduelle Gesinnung der leitenden Persönlichkeiten oder als eine Art natürlicher Nothlage ansgelegt werden. Eben dahin gehören die freundlichen Erwiederun gen, welche in Constanz mit den Vertretern der evangelischen Allianz und des r^r an^cn_ Vereins ausgetauscht wurden. Auch die lebhaften Sympathieen, welche dem Altkatholicismus von allen protestantischen Richtungen der deutschen Lande, die nicht auf Seiten der confcisionalistischen Ultras stehen, gewidmet werden, fallen nicht so schwer in die Wagschale. Die Generation, welche im Wendepunkte des vorigen und dieses Jahrhunderts lebte, bat ja den lebhaftesten, innigsten Wechselverkehr zw.schen Protestanten und Katholiken geschaut!
1 N^u"§, welche, abgesehen von den heutigen Leitern, die altka- thousche Bewegung selbst nimmt, wird sich jene Frage beantworten lassen. Und da traf man noch vor Kurzem in sehr wohlwollenden protestantischen Kreisen auf folgendes Dilemma. Der Altkatholicismus will seine Stellung nehmen in dem Zustande vor dem vaticanischen Decrete. Entweder er folgt der Natur der Bewegung, er nimmt bedeutende Aenderungcn vor in der Lehre und im Eultiis — und dann muß er in Kurzem mit dem Protestantismus oder mit den durstigen Resten des Deutschkatholicismus und der freireligiösen Gemeinden verschmelzen. Oder er bleibt stehen — und dann bleibt die alte Scheidewand zwischen Katholicismus und Protestantismus bestehen, wenn nicht gar ein allmahliges Uebergehen in's ultramontane Lager, ein leises ^nrücksinken in den Neuk.rtholicismus die Folge ist.
, _ .Schon jetzt, namentlich seit dem Constanzer Congresse, läßt sich übersehen, daß die überaus beionnene und im edelsten Sinne des Wortes Hirne Leitung ber altkatholischen Bewegung dieses Dilemma nicht als zwingend ansieht und beide Auswege vermeiden wird. Auch ter ferner Stehende kann wahrnehmen, baß sie hierin eben so zeitgemäß, wie ächt katholisch verfährt — zwei Prä- bicate freilich, welche gerade heutzutage auf ungemein wenigen Plinkten zn- sammenfallen. 0
an die Großhklzaglichen Bürgerineistereirn.
, ^ad) AEl 12 dcs Gesetzes vom 26. November 1872, betr. die Gehalte der Volksschullehrer, haben die Gemeinden für die Reinigung der Schul- J tolt = .lluc,r atl 11118 S-langten Eingabe mehrerer Lehrer des Kreises entnommen haben, daß in dieser Hinsicht noch nicht überall die
erforderliche Vorsorge getroffen ist, so empfehlen wir Ihnen, sofort die nöthigc Anordnung für den pünktlichen Vollzug jener Bestimmung zu treffen.
v. Röder.
Nr. 29 des Neichsgesetzblatles, ausgegeben den 7. November 1873, enthält:
(Nr. 967.) Deelarallon de^Art.^I^der Zusätzlichen Uebereinkunst vom 12. Oetober 1871 zu dem Frt-densv-rlrage vom 10. Mai 1871 zwischen Deutschland und
qkq} ^kanntmachung, betreffend die Ernennung eines Bevollmächtigten zum Bundesrathe. Vom 3. November 1873.
Bekanntmachung, betreffend die portopflichtige Correspondenz zwischen den Behörden des Reichs und Oesterreich-Ungarns.
Gießen, den 14. November 1873. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________ v Röder.
Aber widerspricht nicht die starke Vetheilignug der Laien, die in derselben hervortrut, den eigentlichen Grundprincipieu des Katholicismus? Muß da nicht jede kirchliche Leitung von Priestern ausgehen? Ist nicht der Laie dort ausschließlich Object der Seelsorg»?
Niemandem verdenken wir, solchen Einwurf, der die heutige Form der römisch-katholischen Kirche für die normale hält. Aber das letztere ist falsch. Der Katholicismus ist eben eine großartige historische Erscheinung, welche alles, was in ihr geschichtlich geworden ist, mit dem Stempel deS Rechtes ausgestattet, und mehr oder minder conservirt. Darin besteht das ächte Weisen des Traditionsprincips, das ebenso befreiend wirken soll, wie es das Gewordene und Gewährte pietätsvoll hütet. Wie wir in unserer' Erdrinde oft ganze Thiergeschlechter der Vorzeit in den geologischen Schichten, wenn auch nur in durfttgm Spuren, eingebettet finden, so auch in den Bräuchen und Anschannn- gcn der Gegenwart alterthümliche Zustände und damals rechtsgültige Sitten. Die Nivellirnng-sucht des Jesuitismus ist daher, was selten erkannt wird, ein Lwlchstoß in das wahre Wesen des Katholicismus, gerade nach der Seite seiner Hochstellung der Tradition. Und so ist es auch ganz katholisch und traditionell berechtigt, wenn heute wieder, wie in alter Zeit, den Gemeinden und den Laien ein bedeutender Autheil an der Regierung der Kirche, abgesehen von den rein geistlichen Dingen, eingeräumt wird. Die Wahl der Bischöfe durch die Dom- capitel ist der letzte Rest einer Wahl durch die Gemeinde und ihre Senioren. Hat sick) tod) selbst der Neukatholicismus dieser Anerkennung der Gemeinde — isogar in Glanbenssachen nicht ganz entziehen können! Unter den Gründen, c" aus denen man vor neunzehn Jahren das Dogma von der unbefleckten Em-


