Anlage zu Ar. 244 des Siebener Anzeigers.
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politischer Theis.
Deutschland,
Berlin, 16. October. In Paris sind, den „Deutsch. Nachr." zufolge, zwei Officiere vom deutschen Generalstabe eingetroffen, um den Verhandlungen des Prozesses Bazaine's beizuwohnen. Die Anwesenheit derselben ist der französischen Regierung officiell angezeigt und Seitens der deutschen dabei geltend gemacht worden, daß sie ein Interesse habe, genaue Kenntniß von den Einzelheiten eines Prozesses zu nehmen, in welchem wiederholt von deutschen Truppen und ihren Führern die Rede sein werde.
Nom Rhein, 16. October. Die von der „Köln. Ztg." mitgetheilte Thatsache, daß in der Rhein-Provinz allein 1241 katholische Geistliche nur auf Widerruf angestellt sind, wirft allerdings ein erschreckendes Schlaglicht auf die verwerflichen Mittel, welche die Curie zur Begründung ihrer Herrschaft in Anwendung brachte. Hier thut entschiedene und schleunige Abhülfe Noth. Der Staat muß sich der nieder» Geistlichkeit annehmen und sie aus dem strengen Bann, in dem sie gefesselt ist, erlösen. Aber wie ist dieses möglich? Allerdings nur mit Hülfe der Gesetzgebung. Die Gemeinden müßten ermächtigt werden, ihre Psarrer in dem Fall zu wählen, wenn der Bischof die betreffende Stelle nicht innerhalb Jahresfrist definitiv besetzt hat. Ohne Zweifel wird der Bischof es nicht so weit kommen lassen, vielmehr sich beeilen, dem Gesetz zu genügen. Uebrigens glaube ich nicht, daß die „Kölnische Zeitung" darin Recht hat, wenn sie behauptet, alle Acte der nicht definitiv angestellten Geistlichen seien nach dem 11. Mai 1874 nichtig Das Gesetz bezweckt den Schutz dieser Geistlichen, kann daher nicht deren Acte vernichten wollen. Ohnedies treten Nichtigkeiten nur da ein, wo das Gesetz solche angedroht hat. Die Sache verhält sich vielmehr so: Das Gesetz enthält ein Gebot für die Bischöfe; diese haben demselben Folge zu leisten. Thun sie dieses nicht, so trifft sie die Strafe. Die betreffenden Geistlichen aber sind rite eingesetzt, ihre Acte sind daher gültig, so lauge sie nicht rite abberufen werden. Das Gesetz verlangt nicht ihre Abberufung, sondern im Gegentheil die definitive Besetzung. Woher soll nun die Nichtigkeit der von ihnen nach dem 11. Mai 1874 vollzogenen Acte gefolgert werden? Andererseits ist die Gefahr nicht groß, wenn nicht etwa die Gerichte anderer Ansicht sein sollten, da in der Rhein-Provinz die Civilehe besteht und die Register von Standesbeamten geführt werden. Abermals ein deutlicher Fingerzeig, wie nothwendig die Einführung der Civilehe im ganzen Lande ist.
In dem Großherzogthum Baden, dessen Bevölkerung weitaus katholisch ist, wurde die Civilehe ohne irgend wolche Störung erst vor wenigen Jahren, ebenfalls wegen des Kampfes mit der katholischen Geistlichkeit, eingeführt. Man hat aber die Erfahrung gemacht, daß meist eine kirchliche Trauung nachfolgt. Die nämliche Erfahrung hat man in der Rhein-Provinz gemacht. Es ist daher nicht der mindeste Grund vorhanden, aus religiösen Bedenken der Civilehe entgegenzutreten. Möglich, daß man eine Schmälerung des Einkommens der Geistlichen befürchtet. Aber selbst diese Befürchtung wird durch die oben mitgetheilte Erfahrung beseitigt. Eine andere Frage ist freilich die, ob die Negierung im Stande ist, den etwaigen Widerstand des Herrenhauses zu überwinden ? Eintretenden Falls bliebe noch immer der Rückhalt, die Civilehe mittels Reichsgesetz einzuführen.
Uebrigens verdient die Ansicht der „Times", daß eine radicale Abhülfe nur durch Aufhebung des Cölibats zu erlangen ist, volle Beachtung, zumal eine sittliche Hebung der Geistlichkeit nur auf diesem Wege zu erreichen ist.
Dresden, 17. October. Das „Dresd. Journ." bestätigt die eiugetre- tene Verschlimmerung in dem Befinden des Königs. Asthmatische Zufälle stören den Schlaf und wiederholen sich während des Tages, wodurch der Kräftezu- ftand geschwächt wird.
Oesterreich.
Wien, 15. October. Das „Neue Fremdenblatt" theilt das Fest-Programm für die Anwesenheit des Deutschen Kaisers mit. Dasselbe ist folgendermaßen festgesetzt: Bei der am 17. d. Mts., Nachmittags 33/4 Uhr in Penzinz erfolgenden Ankunft des Kaisers Empfang durch die Erzherzoge, eine Ehren-Compagnie, eine Deputation des Regiments „Kaiser Wilhelm" und der Landes-Commandirenden. Hierauf fährt Kaiser Wilhelm, welcher vom Kaiser vou Oesterreich bereits in St. Pölten begrüßt wird, mit diesem nach Schönbrunn , woselbst die Vorstellung der obersten Hof-Chargen stattfindet. Abends ist Familien-Diner in Schönbrunn. Am 18. d. Besuch der Welt-Ausstellung, Nachmittags . Gala-Diner in Schönbrunn, Abends Theätre parö im Hof Opernhause (Margarethe.) Am |19. d. Diner bei dem deutschen Botschafter, Abends Vorstellung im Schloß-Theater in Schönbrunn. Hieraus Souper in der großen Galerie, wozu 400 Einladungen ergehen, und elektrische Beleuchtung des Gartens. Am 20. d. Parade auf dem Schmelz und Theater nach allerhöchster Wahl. Am 21 d. Jagd im Thiergarten, Gala-Diner im Ceremonien - Saale der Hofburg und Theater nach Wahl. Am Abend des 21. d. oder am Morgen des 22. d. erfolgt die Abreise.
Schweiz.
Bern, 16. October. Da die renitenten jurassischen Geistlichen der Ci- tation vor den Negierungsstatthalter nicht gefolgt sind, erhielten sie das Ur- theil, betreffend ihre Amtsentsetzung, gestern durch den Gerichtsdiener gegen 5 Frcs.^ Botenlohn zugestellt. Demnach haben sie bis Ende October die betr. Pfarrhäuser zu räumen. — Gegen Domvicar Hauser in St. Gallen ist in Folge einer aufreizenden Predigt die Untersuchung wegen Störung des con- fessionellen Friedens eingeleitet.
Genf, 16. October. Gestern wurden die Agitationen vor der Notre
Dame-Kirche fortgesetzt. Man verbreitete das vollständig falsche Gerücht, jdiese Kirche solle zu Gunsten der liberalen Katholiken geräumt werden. Abends fanden von starken, meist aus Gamins und Nichtsthuern bestehenden Truppen neue stürmische Manifestationen statt. In Folge der von der Polizei ergriffenen Maßregeln ist heute die Ruhe vollständig wieder hergestellt.
Frankreich.
Paris, 16. October. Das „Univers" hat die Frechheit, bis auf weitere Besprechung der Briefe vom Papste und vom Deutschen Kaiser „auf den unziemlichen Ton und die pietistische Heuchelei hinzuweisen, welche die Antwort des Deutschen Kaisers bezeichnen." Besonders verdrießlich ist das „Uni- vers" über die Veröffentlichung dieser Cerrespondeuz und es erkühnt sich, hin- zuzusetzen: „Der würdige Gebieter des Herrn v. Bismarck hat demnach Geivicht darauf gelegt, seine klägliche Antwort auf die so gerechten und so maßvollen Bemerkungen des Papstes bekannt zu machen." Und ein Blatt von solcher Art rühmt sich noch, den Vorfcchter des Noyalismus in Frankreich zu machen!
— Das officielle Journal zeigt amtlich an, daß am 8. Octoüer zu Paris ein Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich zum Schutze der Haudels- ulid Fabriksmarken abgeschlossen wurde.
— Der obere Kriegsrath beschloß die Bildung eines beständigen Uebungs- lagers in Algerien. Es soll in der Ebene Mitidja eingerichtet werden; ein Raum von 3000 Hektaren wird für die Lagerung von 20,000 Mann vorbereitet.
Paris, 16. October. Die heutige Börsen-Hausse wird Gerüchten von günstigen Resultaten der Salzburger Unterhandlungen zugeschriebeu; indessen laufen ziemlich widersprechende Gerüchte um. Die „Gazette de France" fordert ihre Freunde auf, allen Gerüchten zu mißtrauen und das End-Ergebniß mit vollem Vertrauen abzuwarten. — Die Union" will wissen, die carlistische Armee in Catalonien unter Don Alphons habe den Ebro passirt, Lobo sei abgesetzt, weil er die Gewässer von Cartagena verlassen, um in Gibraltar Kohlen einzunehmen. — Die „Agence Havas" dementirt die Nachricht, daß der Abreise des italienischen Gesandten Nigra ein politisches Mvtiv zu Grunde liege, Nigra mache jedes Jahr zur nämlichen Zeit eine Urlaubsreise und habe diesmal ausdrücklich erklärt, daß er vor Wiederzusammentritt der National- Versammlung wieder eintreffe.
Trianon, 15. October. Proceß Bazaine. Verhör bezüglich der Marschordre vom 26. August. Bazaine sagt, daß er nur 80 bis 90,000 kampffähige Mann gehabt habe. Ueber den Plan befragt, den er befolgen wollte, erklärt Bazaine, daß er beabsichtigt habe, auf Thionville zu marschiren. Bazaine fügt hinzu, daß er den Commandant Samuel nicht gekannt habe. Auch sei ihm der Wechsel in der Negierung unbekannt gewesen. Als er zu seiner Kenntniß gelangt, habe er daran gedacht, seine Entlassung zu geben. Bazaine führt aus, daß die Bewegung vom 4. September eine Bedrohung der Ordnung, von deren Aufrechthaltung er in seiner Proclamation gesprochen, dargestellt habe. Es folgt das Verhör über den Zwischenfall Regnier's. Bazaine gibt zu, daß er Regnier unmittelbar nach dessen Ankunft empfangen habe. Er Hobe mit ihm zwei Zusammenkünfte gehabt, aber mit ihm weder über die verschiedenen mit den Prinzen Priedrich Carl gewechselten Briefe gesprochen, noch ihm irgend eine wichtige Mittheilung gemacht. Bezüglich der Reise Bourbakis sagt Bazaine: Er habe für das Interesse der Armee und des Landes erachtet, einen Waffenstillstand zu erlangen und zu diesem Behufe mit der Regentin in Verbindung zu treten. Er habe damals geglaubt, daß zwischeu der deutschen Regierung und der Kaiserin ein Einvernehmen bestände. Hierauf wird die Sitzung aufgehoben und bis Freitag vertagt.
Spanien.
Madrid, 15. October. General Ollo hat einen Tagesbefehl erlassen, in welchem er den Truppen im Namen des Königs für ihre bei Santa Barbara am 6. October bewiesene Unerschrockenheit, sowie für die Nüchternheit, Tapferkeit und gute Haltung dankt, welche sie während der letzten Monate an den Tag gelegt haben. Er erinnert dabei an die zahlreichen republikanischen Generale, welche sie im Laufe der letzten Monate discreditirt, und zollt dem Muth und der Loyalität des Contiugents aus Alava, welches den Navarresen zum Siege verhalf, hohe Anerkennung. Ueber Moriones wird bemerkt, er habe zwar mit Leichtigkeit bei Droquieta unbewaffnete Bauern geschlagen, sei aber nicht im Stande, den disciplinirten Carlisteu von heute die Spitze zu bieten. Heute heißt es, Moriones sei zurückgerufen worden und solle durch Concha ersetzt werden. Die Aufnahme, welche Don Carlos in Estella zu Theil wurde, war eine wild begeisterte. Die Stadt war erleuchtet, die Glocken wurden geläutet und überall erschallte der Ruf: „Viva el Key I“ Am 1. d. Mts. fand großer Trauergottesdienst für die Santa Barbara Gefallenen statt. Don Carlos war dabei zugegen.
England.
London, 15. October. Privatnachrichten aus Zanzibar melden von Wegnahme eines Sclaveuschiffes mit 217 Sclaven, welche bei Lama durch den dortigen Gouverneur des Sultans von Zanzibar, bewerkstelligt wurde. Es scheint demnach, daß es dem letzteren mit Erfüllung seiner Vertragspflichten Ernst ist. — Ueber d:e Expedition zur Unterstützung Livingstone's wird berichtet, daß dieselbe am 24. Juli unter Lieutenant Cameron 14 Tagereisen von Onyanyembe und in guter Gesuudheit war.
Türkei.
Konstantinopel, 16. October. Die „Turquie" meldet: Auf Bc.


