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Expedition: LanzleiK«r«> Lit. B- Nr. 1.
Anzeige- und Mmtsölatt für den Kreis Kiessen.
Rr. 138 Dienstag den 17. Juni 1873.
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Die Redaction.
P o (111 f cfj e r Theis.
Spanisches.
Eines der traurigsten Symptome des allgemeinen Verfalles in Spanien ist der völlige Mangel an Widerstandskraft, die willenlose Nachgiebigkeit jedem kecken Angriffe gegenüber, die feige Passivität der Volksmaffen und der großen politischen Körperschaften, die auf jeden Kampf um Grundsätze, Recht und Macht verzichtet und demjenigen die Herrschaft entgegenträgt, der sie mit der größten Frechheit fordert. Herr Castelar hat wiederholt gerühmt, daß die spanische Republik in allen ihren Kämpfen und Zuckungen sich mit keinem Tropfen Bluts, befleckt habe. Der Ruhm ist wohlfeil erkauft worden. Wessen Blut hätte man denn vergießen sollen, wenn Niemand sich fand, der bereit war, es auf einen Kampf ankommen zu lassen, wenn der rechtmäßige Inhaber der Macht sie immer ohne Widerstand einem Jeden auslieferte, der die Unverschämtheit hatte, sie zu fordern? Tie Gemüthlichkeit in der Anarchie ist nicht ein Zeichen hoher Gesittung, sondern großer Schwäche. Dieser Schwäche verdankt die Republik ihr Dasein. Die Schwäche der monarchischen Majorität nöthigte den König Amadeus, seine Krone niederzulegen. Als der Thron erledigt war, ließ sich die Majorität mit einer Stumpfheit ohne Gleichen die Republik gefallen, ja sie half dieselbe begründen. Das war der erste Sieg der Minorität. Aber die Majorität wollte wenigstens eine einheitliche Republik, und sie wünschte, wie in Frankreich Herr Thiers, der Republik eine conservative Grundlage zu geben. Dieses Ziel aber, so scheint es fast, glaubte sie am besten durch ein überwiegend föderal-republikanisches Ministerium erreichen zu können und wie: derum trinmphirte die Minorität. Aber die Sieger wollten ihren Sieg auch ungestört ausnutzen. Um dies aber zu können, mußten sie sich der Controle der unitaristischen Cortes entledigen. Und wirklich waren die Cortes so gut- müthig, um des lieben Friedens willen ihre Vertagung zu beschließen, allerdings mit dem Vorbehalt, durch ihre Permanenz-Commission sich in dringenden Fällen wieder einbernfen zu lassen. Noch ein höheres Maß von Kühnheit, als in diesem Vorbehalt bewährte die Majorität aber bei der Ernennung der Commission, indem sie in dieselbe in überwiegender Mehrheit Mitglieder ihrer eige=' neu Partei erwählte. Ob dieser Verwegenheit erhob sich aber in ganz Spanien ein Schrei der Entrüstung. Die Majorität ist unversöhnlich, sie erfrecht sich, die Herrin zu spielen, sie provocirt den Bürgerkrieg. Das Vaterland war in Gefahr. Da traten die Herren Figueras und Castelar in die Bresche und retteten das Vaterland durch einen Staatsstreich, der gerade ebenso verfassungswidrig war, wie der Staatsstreich des 2. December. Die Commission ließ den Staatsstreich über sich ergehen, weil sie nicht zu handeln verstand; es wäre das ja auch gegen alle Tradition der letzten Monate gewesen, wenn sie mit Energie der Minorität den Sieg streitig gemacht hätte. So waren die „gemäßigt"-föderalen Republikaner zur Herrschaft gelangt; aber selbstverständlich bestand neben den gemäßigten Föderalisten noch eine extreme Partei, allerdings in schwacher Minorität; aber eben weil sie sich in der Minorität befand, deshalb mußte ihr observanzmäßig die Herrschaft zufallen Bei den Wahlen allerdings siegte — das ist ebenfalls spanische Observanz — die ministerielle Partei. Die Unversöhnlichen blieben in der Minorität, aber als Minorität hatten sie natürlich die Anwartschaft auf die Herrschaft. 24 L-tunden lang schien die Majorität entschlossen, ihre Stellung zu behaupten, dann aber gedachte sie des alten Wortes, mit dem man zankende Knaben begütigt, sie zeigte sich als die Verständigste und gab nach. Dip Versöhnlichkeit feierte einen neuen glänzenden Triumph — und die Herrschaft ging an die Minorität über, die so großmüthig war, der Majorität einen Antheil an der Regierung zu überlassen, aber das Kommando über die bewaffnete Macht einem der Ihrigen in die Hände zu
spielen wußte. Alle diese Wandlungen und Catastrophen haben sich ohne Kampf vollzogen, und dqs ist gerade das Entsetzliche, ein Symptom der Auflösung und tiefsten Zerrüttung. Der Staatskörper ist durch den Druck des heillosesten Despotismus und der gewohnheitsmäßigen Revolutionen so erschöpft worden, daß er nicht mehr gegen die ihn verzehrende Krankheit zu reagiren vermag. Auch FranL^W^ Zustände sind wahrlich traurig genug, aber in Frankreich kämpft wenigstens noch gegen das Uebel an, wenn auch meist mit
verwerflich^^^^r unwirksamen Mitteln. Jeder Spanier aber sieht das Unheil als ein Verhängniß an, dem er sich mit fatalistischer Resignation zu unterwerfen hat. Die Parteien entscheiden über das Loos des Volkes: ein wüthender Phrasenkampf, eine lächerliche Versöhnungs-Comödie! Die Resultate dieses eben so läppischen wie verwerflichen Jntriguenspiels sind Gesetz für Spanien. Das souveräne Volk nimmt einfach Kenntniß von dem, was seine durch terro- risirende Minoritäten ihm aufgenöthigten sogenannten Vertreter decretiren, und die „Gazeta" verkündet der staunenden Welt: In ganz Spanien herrscht Ruhe und Ordnung!
Die Ruhe würde noch vollkommener sein, wenn sie nicht überall durch die bewaffnete Macht gestört würde. Der Staatsbürger in Uniform findet es höchst unrepublikanisch, daß er seinen Generälen und Officieren gehorchen soll. Sind die Soldaten in liebenswürdiger Stimmung, so begnügen sie sich, ihre Obersten fortzujagen, nehmen sie auch wohl, wenn ihnen die nöthigen Garan- tieen für künftiges Wohlverhalten ihrer Vorgesetzten geboten werden, wieder in Gnaden an. Sind sie in schlechter Laune, so versteigen sie sich zu Mord und Todtschlag, wie neuerdings unter anderen in Murviedro. Höchst naiv ist es, wenn aus Madrid gemeldet wird, daß auch in Catalonien die Disciplin sehr gelockert zu sein scheint, und wenn es als etwas Besonderes angeführt wird, daß ein Bataillon seine Officiere verjagt hat; das gehört ja gerade in Catalonien seit einigen Monaten zu den täglichen Vorkommnissen. Wenn der Telegraph hinzufügt, daß den Bewegungen der Carlisten keine Hindernisse in den Weg gelegt werden, so glaubt man ihm das auf's Wort; aber man begreift nicht, weshalb die Carlisten die ihnen gewährte Actionsfreiheit nicht bester benutzen. Kleine Scharmützel kommen täglich vor, aber es ist nicht abzusehen, wie dadurch eine Entscheidung herbeigeführt werden soll. Ein Correspondent der „Times" ist übrigens überzeugt, daß die Sachen der Carlisten sehr günstig stehen und daß sie, wenn die Madrider Regierung nicht bald eine ordentliche Armee zusammenbringt, jedenfalls den Republikanern über den Kopf wachsen werden.
Wenn einem Pariser Blatt telegraphirt wird, daß die Minister sämmt- lich Intransigentes seien, so ist das wohl übertrieben; gewiß ist nur, daß das extreme Element im Ministerium das Uebergewicht hat. Die meisten Minister sind bisher ganz unbekannte Leute, die der siegreichen Fraction natürlich zur Verfügung stehen. Der Kriegsminister Estebanez z. B. ist ein einfacher Jnfan- teriekapitän, der Minister des Aeußern Muro ist ein junger Advocat, der Justizminister Gonzalez ein außer Madrid wenig bekannter Publicist. - Herr Castelar ist dem Beispiel seines Collegen Figueras nicht gefolgt; er bleibt als Abgeordneter in den Cortes und wird die Führung der „conservativen" Partei übernehmen, eine Rolle, die ihm allerdings seltsam stehen wird.
Ueber die kritischen Tage in Madrid erfährt man, daß aller Grund vorlag, einen Gewaltstreich der Unversöhnlichen zu fürchten; sie waren zur bewaffneten Revolution entschlossen. Indessen haben sie der Anwendung von Gewalt gar nicht bedurft, um ihren Willen durchzusetzen.


