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Anlage zu Ar. 268 des Kichener Anzeigers.

£1mtsicher Thett.

Gießen, den 14. November 1873.

Betreffend: Nachforschungen nach der Heimath eines unbekannten Geisteskranken. *

Das Grstzhrrrsftliche Krrlsamt Gießen

an die Großhryoglichrn Bürgermeistereien des Kreises.

Vor einigen Wochen wurde von den Gendarmen zu Pfeddersheim ein offenbar geisteskranker Mann im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren aufge- qrjffen und an das Graßherzogliche Kreisamt Worms abgeliefcrt, welcher nicht im Stande ist, zusammenhängende Worte oder gar Sätze zu sprechen, und von dem weder sein Name noch sein Heimathsort angegeben werden konnten. Alle bis jetzt von dem Kreiamte Worms angestellten Nachforschnngen waren erfolg­los ; wir theilen Ihnen daher nachstehend das Singnalement jenes Mannes unter dem Anstrage mit, in Ihren Gemeinden genaue Nachforschungen nach dem Namen und der Herkunft desselben anstellen zu laffen und ein etwaiges Ergebniß anher mitzutheilen.

v. Röder.

Signalement

eines in Pfeddersheim aufgegriffenen unbekannten Geisteskranken.

Alter: 20 30 Jahre.

Größe: 6 Fuß 6 Zoll.

Haare: Dunkelbraun (kurz geschoren).

Stirn: Hoch.

Augen: Braun.

Nase: Spitz. I

Kleidung: Schwarzen Reck mit weiß gesprengt (Winterstoff); Hosen

Mund: Gewöhnlich.

Bart: Bartlos.

Kinn: Spitz.

G e s i ch t s f o r m: Länglich.

Gesichtsfarbe: Gesund.

Statur: Mittlere.

grauem Bouxkin mit schwarzen Galons, Zugsticfel, weiß und roth

geringelte Strümpe und weiß leinenes Hemd.

Derselbe ist offenbar blödsinnig und nicht im Stande zusammenhängende Worte zu sprechen, noch irgend einen Anhaltspunkt bezüglich seines Namens oder seiner Heimath zu gebeu. Verständlich spricht er nur die WorteMutter,"hame" (heim, nach Hause), aus. Mitinhafnrte glauben von ihn: heraus- gebracht zu haben, daß sein Vater Holzmacher und seine Mutter krank sei und daß es scheine, als sei er wegen Streit oder Schlägerei fortgelaufen.

politischer Theil.

Deutschland.

Darmstadt, 13. November. (Kammersitzung.) In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer wird eine Eingabe von Lehrern über Gehaltsver­hältnisse verlesen. Heinzerling interpellirt, warum die Einquartierungslast zwi­schen Darmstadt und Bessnngen zum Nachtheil des letzteren Ortes vertheilt werde. Der dritte Ausschuß berichtet über die Frage, ob der Abg. Welcker durch seine Gehaltserhöhung sein Mandat verloren hab. Der Ausschuß ist der Ansicht, da der Genannte in seinem seitherigen Amte bleibe, daß eine Neu­wahl nicht nöthig sei und tritt die Kammer diesem Antrag einstimmig bei. Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Vorlage des Ministeriums bezüg­lich der Erbauung einer Eisenbahn zwischen Mainz und Wiesbaden mit An­schluß an eine Bahn von Frankfurt durch das Lorsbachthal über Camberg in die Lahnbahn. Der Ausschuß beantragt, dem über diese Bahn zwischen der Ludwigsbahn-Gesellschaft, der preußischen und hessischen Negierung abgeschlosje nen Staatsvertrag die Zustimmung zu ertheilen Elleuberger macht auf die Folgen der Anwendbarkeit des Gesetzes über Abtretung des Geländes aufmerk­sam. Ministerialdirector v. Starck erklärt, daß das Gesetz von 1867 nicht mehr angewendet werde, wie die Regierung bereits mehrfach erklärt habe. Abg. Goldmann bemerkt, daß die Negierung schon früher das bestimmte Versprechen gegeben habe, bei neuen Privatbahnen das Gesetz von 1*67 nicht mehr anzu- wenden, die Befürchtung Ellenberger's also ganz unbegründet sei. Dumont erwähnt das Project, die Bahnhofs-Anlagen in Mainz vom Rhein zu verlegen und die Bahn um die Stadt herum zu führen und sagt Ministerialdirector v. Starck zu, daß die Negierung diesem Unternehmen ihre Unterstützung ge währen werde. Die Kammer genehmigt darauf einstimmig die Vorlage. Die erste Kammer will bei Erbauung eines Hastlocals in Worms den Bedürf­nissen der Einzelhaft möglichst Rechnung getragen haben, der Ausschuß zweiter Kammer beantragt Ablehnung dieses Gesuchs, da sich eine principielle Frage nicht gelegentlich entscheiden lasse, es sich hier auch nur um Erbauung eines Haftlocales handle, bei dem Einzelhaft ausgeschlossen sei. Die Kammer lehnt das Ersuchen der ersten Kammer ab. Die von zweiter Kammer gelegentlich der Budgetdebatte an die Regierung gerichteten Ersuchen, denen die erste Kam­mer nicht beigetreten ist, sollen durch eine einseitige Adresse der Ncgiernng über­mittelt werden. Eine Petition des pensionirten Steueraufsehers Engelhardt in Mainz, um Erhöhtlng seiner Pension, wurde von dem Abg. Dumout unter stützt, von Heinzerling bestritten und von der Kammer abgelehnt. Der fol­gende Gegenstand der Tagesordnung ist der Antrag des Abg. Dnmont auf Erhaltung der Katharinenkirche zu Oppenheim und der Kapelle ztt Iben. Der Ansschußbericht stimmt dem Antrag zu und ersucht die Negierung um eine Vorlage über die zur plannräßigen Reparatur der Kirche zu Oppenheim erfor­derlichen Mittel. Schaub empfiehlt den Antrag, und macht auf die Kirche in Partenheim aufmerksam, die auch der Reparatur bedürftig sei. Schröder ebenfalls für die Vorlage. Ministerialdirector v. Starck freut sich, daß die Kammer Staatsmittel für Kunstzwecke verwenden will. Für eine völlige Her­stellung der Katharinenkirche seien 350,000 st. nöthig; eine solche Summe könne der Staat nicht allein ausbringen, es sei die Wiedererstellung der Kirche ein nationales Interesse, und werde ein Theil der Summe durch freiwillige Bei­träge aufgebracht werden können. Er glaubt, daß man jährlich 10,000 st. aus Staatsmitteln gewähren solle, und wünscht die Ansicht der Kammer über diesen Vorschlag zu hören. Dumont dankt dem Berichterstatter für seinen empfehlenden Bericht, und der Regierung für ihr Interesse an der Sach-', und schließt sich dem Vorschlag eines jährlichen Beitrages an, glaubt aber, daß für die ersten Reparaturen vielleicht eine größere Summe nöthig sein werde. Land­mann schließt sich ebenfalls dem Vorschlag der Regierung an. Metz kann dem Ausschußantrag beistiinmen ; der Vorschlag der Negierung verpflichte jedoch das Land in einer Weise, daß er, ohne daß detaillirte Vorlage gemacht sei, dem­selben nicht zustimmen könne, namentlich ehe sich die in Folge der neuen Etats veränderte Finanzlage des Landes übersehen lasse. Deruburg schließt sich diesen

Erwägungen an. Es seien zwei Gesichtspunkte zu beachten, völliger Ausbau, oder nur Reparatur der Kirche. Er hoffr, daß eine Übereinstimmung zwischen der Regierung und der Kammer demnächst hergcstellt werden könne, und wünscht eine Vorlage vom Gesichtspunkt der Neparatnr. Schröder bemerkt, daß für die nächsten Reparaturen etwa 60,000 fl. nöthig seien, für weitere eine noch größere Summe, ohne daß an einen völligen Ausbau gedacht sei. Die Kam­mer nahm darauf den Antrag des Ausschusses auf eine Regierungsvorlage ein­stimmig an- Bezüglich eines Antrags der Abgg. Schröder und Stephan um Erhebung der Bürgerschule in Oppenheim zu einer Staatsanstalt^ und einer ausrcichenden Dotirung derselben, ebenso des Antrags des Abg. Stephan auf Errichtung höherer Bürger- oder Realschulen in allen Kantons - Hauptstädten, wurde vom Ausschuß Ablehnung beantragte Abg. Schröder schildert die Ver­hältnisse der Realschule in Oppenheim; auch andere kleinere Städte hätten nach und nach größere Staatszuschüsse für ihre Realschule erhalten.' Er sieht zwar voraus, daß die Kammer seinem Antrag nicht beistimmen werde, wünscht aber wenigstens für die lausende Vndgetperiode einen Staatszuschuß. Greim betont, daß kleinere Sckulanstalten nicht den Anforderungen genügen könnten, die man heut zu Tag stelle, namentlich bei dem jetzigen Lehrermangel. In Rheinhessei- seien bereits vir durch Staatsmittel unterstützte Realschulen und könne er sich nicht für den Antrag erklären. Der Referent Metz bedauert, daß man auf den Antrag nicht eingehen könne, bei dem Mangel an Lehrkräften, Geldmitteln und im Angesicht der bevorstehenden Neugestaltung der Verwal­tungsverhältnisse sei es daher nicht thunlich. Der Antrag Schröder's wurde darauf mit allen gegen 8 Stimmen abgelehnt, ebenso einstimmig der des Abg. Stephan. Eine Petition des früheren Pfarramts-Candidaten Bcckenhaupt in Schotten um eine jährliche Unterstützung von 400 fl. wurde von dem Abg. Schaub, unter Hinweisung auf die Noth des Bittstellers, unterstützt. Gold­mann ist aus Gründen der Consequenz gegen den Antrag, daß der Bittsteller der Berücksichtigung empfohlen werde; es genüge, wenn die Negierung durch die Verhandlung auf den Bittsteller aufmerksam gemacht sei. Matty schildert die üblen Verhältnisse Beckenhaupt's. Ministerialdirector v. Starck erklärt, die Negierung habe ans Anlaß des Ausschußberichts dem Bittsteller bereits Geld- unterstütznngen gewährt. Heinzerling und Dernburg entgegnen Goldmann, daß Empfehlnngen ans Viüigkeitsgründen auch schon in früheren Landtagen erfolgt seien, worauf Goldmann replicirt, er habe seitdem die mißlichen Conscqnenzen solcher Empfehlnngen wahrgenommen. Die Kammer lehnt darauf die Petition gegen 19 Stimmen ab. Eine Beschwerde des S. Wolf aus Hungen wegen Eigenthumsbeeinträchtigung wurde vom Abg. Theobald unterstützt, der aus­führt, daß der Bittsteller dnrch das chicanöse Verfahren der obcrhessischen Bahnbaugesellschast schwer in seinem Vermögen geschädigt worden sei. Die Beschwerdeschrift des Bittstellers wird verlesen. Dessen Hofraithe wurde expropriirt, der Preis vom Untergericht auf 19,884 fl. geschätzt, auf erfolgten Einwand der Bahngescllschast in zweiter Instanz auf 12,000 fl. und in dritter Instanz auf 11,000 fl. ermäßigt. Da es sich um eine im Rechtswege endgiltig ent­schiedene Sache handelt, beantragt der Ausschuß, dem Antrag keine Folge zu geben. Goldmann führt aus, daß der Bittsteller nach Gesetz und Recht und nicht chicanös behandelt worden sei. Theobald beharrt bei seiner Ansicht. Die Kammer lehnt die Petition einstimmig ab. Die Kammer wird darauf auf un­bestimmte Zeit vertagt. Metz zeigt an, daß in Übereinstimmung mit dem Finanzministerium eine bestimmte Summe für Straßenbauten in's Budget auf­zunehmen beabsichtigt sei.

Darmstadt. DieMain-Ztg." bringt Folgendes: Zu der Mitwir­kung über das häusige Fehlen der Gießener Mitglieder erster und zweiter Kam- mer wollen Sie bezüglich des Abg. Oncken die Bemerkung beizusügen gestalten, daß er gerade bei Beginn des Semesters seine Vorlesungen ohne Nachtheil für eie Universität nicht einstellen konnte und daß nur diese Rücksicht ihn zum seit­herigen F.blen veranlaßte.

Berlin, 14. November. Abgeordnetenhaus. 358 Abgeordnete sind an­gemeldet, 234 Wahlen von den Abteilungen geprüft. Die heute vorgctrage-