Ausgabe 
8.8.1873
 
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Behandlung dieser Angelegenheit unter den Betheiligten der größte Unwille| herrscht. (N. Frkf. Pr.)

Darmstadt, 6. August. Se. Majestät der Kaiser haben auf Grund des § 93 des Gesetzes über die Rechtsverhältnisse der Reichsbeamten in Gemäß-' heit der vom Bundesrath vollzogenen Wahlen den nunmehrigen Director des Oberappellations- und Cassationsgerichts Dr. Zentgraf zum Präsidenten, so­dann den Oberappellations- und Cassationsgerichtsrath Eigenbrodt und die Hofgerichtsräthe Dr. Kleinschmidt und Weber zu Mitgliedern der Disciplinar- kammer dahier zu ernennen geruht. Als weitere Mitglieder sollen sicherem Vernehmen nach der Oberpostdirector Deininger, der Jntendanturrath Techow und der Regiernngsrath v. Preuschen in dieselbe berufen sein.

Darmstadt, 6. August. Der Großherzog reist schon morgen nach Friedberg, um auch dieses Jahr daselbst länger zu bleiben. Kurz nach dessen Abreise wird die Königin-Mutter von Bayern dahier bei der Prinzessin Karl, die eben auf der Rosenhöhe wohnt, zu mehrwöchigem Besuche eintreffen. In vorderen Jahren pflegten die beiden Geschwister einige Zeit bei ihrem vor Kur­zem verstorbenen Bruder, dem Prinzen Adalbert von Preußen, auf dessen Gut Fischbach in Schlesien zuzubringen. Gestern verstarb dahier eine weit über ihr engeres Vaterland bekannte Persönlichkeit, der Verlagshändler G- G- Lange, namentlich haben die von ihm verlegten Kupferwerke rc. in den weitesten Krei­sen Anerkennung gefunden. Gestern inspicirte General v. Puttkammer das hiesige Artilleriecorps. Am 16. d Mts. findet zur Feier'des Sieges bei Metz im gleichzeitig eröffneten Garten des Saalbaues ein Monstre-Concert statt, desien Ertrag zum Vesten des Denkmals für die gefallenen hessischen Krieger bestimmt ist. Fünf Musikcorps, eine Batterie Artillerie und eine Com­pagnie Infanterie werden dabei mitwirken, die beiden letzteren behufs Auffüh­rung des Beethoven'schen Tongemäldes: Die Schlacht von Vittoria. Die Schwurgerichts-Sitzungen des letzten Quartals beginnen am 1. October unter dem Vorsitze des Hofgerichtsraths Franck, als dessen Stellvertreter Hofgerichts­rath v. Ricou bezeichnet ist.

Darmstadt, 7. August. Der Großherzog ist heute Vormittag zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalt nach Friedberg gereist.

Darmstadt, 7. August. Die Negierung verlangt von den Ständen einen Credit von 400,000 fl. als Beihülfe zu dem Theaterbau.

Berlin, 6. August. DieProv. Corresp." bespricht die Stellung der Fortschrittspartei als Oppositions-Elementes, das, falschen Idealen nachjagend, für die Anforderungen der Wirklichkeit und für die lebendige Entwickelung der Ration das Verständniß verloren habe. Der Artikel erwähnt die von Mitglie­dern der Fortschrittspartei hervorgerufenen, gegen jede auch nur annähernd regierungsfreundlichen Candidaturen gerichteten Wahlbewegungen und schließt: Die Fortschrittspartei stellte sich früher in Gegensatz zur Negierung und tritt jetzt in Gegensatz zur Nation, wenn sie durch Absonderung von den Freunden der nationalen Politik sich zur Bundesgenossin staats- und rechtsfeiiidlicher Par­teigruppen macht. Das Volk wird von Männern sich abwenden, die der leben­digen Entwickelung des Vaterlandes widerstreben und ihre Mitarbeit all den nationalen Aufgaben der Gegenwart versagen. Die preußischen und deutschen Wähler erkennen, daß die wahre Fahne des Fortschritts im Lager der socialen Politik weht. Dasselbe Blatt constatirt ferner die Erledigung desVigilant"- Falles durch die Abberufung des Capitäns Werner. Die Abberufung bestätige die Auffassung, daß derselbe ohne Ermächtigung gehandelt habe und die Reichs­regierung jede Verantwortlichkeit für den Vorgang ablehne, welcher die that- sächliche Anerkennung der Madrider Regierung hätte involviren können.

Berlin, 6. August. An der hiesigen Universität ist in diesem Semester eilt Vorfall passirt, wie er in den Annalen der deutschen Universitäten wohl noch nicht verzeichnet sein dürfte Bekanntlich besteht hier wie aus anderen Universitäten die Sitte, diejenigen Studirenden, welche bis zu einem bestimm­ten Termine keine Vorlesungen angenommen haben, als unfleißig im Album der Universität zu löschen und die Namen derselben mittels Anschlag am schwar­zen Brett bekannt zu machen. In dem bezüglichen Anschläge des laufenden Sommersemesters hiesiger Universität figurirt nun auch der Name eines hier studirenden Japanesen und ist dies der erste Fall, in welchem ein Japanese aus einer deutschen Universität wegen Unfleißes im Album derselben ge­löscht ist.

Berlin, 6. August. In Württemberg scheint der Etiquetlenstreit zwi­schen dem Fürsten des Landes und dem preußischen Commandeur der dortigen Truppen, oder vielmehr zwischen der Königin Olga und der Frau Generalin wieder beigelegt. Der General von Stülpnagel bleibt. Es hat der Allerhöch­sten Intervention des Deutschen Kaisers bedurft, um die beiden streitenden Theile zu versöhnen, wenn auch nur äußerlich. Dem General von Stülpnagel ist von dieser hohen Stelle bedeutet worden, auszuharren, auch wenn seine Gemahlin durch die neue Hofordnung der Königin Olga sichdeclassirt" fin­det, und König Karl hat sich bereit finden lassen, den preußischen General trotz der Declassirung seiner Gemahlin zum Verbleiben zu ermuthigen. Etwas dunkel, aber, wie es scheint, ziemlich ironisch, sagt er in seinem Handschreiben au den preußischen Commandeur seiner Truppen:Er könne sich ja selbst seine Stellung nehmen." Wir wollen uns nicht abmühen, den Sinn dieser Worte, die blos auf die Hofetiquette sich beziehen, zu beleuchten. Dem preußi­schen Commandirenden wird überlassen, für seine Gemahlin den alten Rang in der Hofordnung der Königin Olga wieder zu erobern. Aecht kleinstaatlich und kleinhöflich. So etwas passirt noch im Deutschen Reiche. Man rächt sich durch Abänderungen der Hofetiquette, wo die Rancüne sich anderswie nicht mehr äußern kann. Man begreift übrigens die üble Laune der Tochter des Kaisers Nicolaus von Rußland und der Inhaberin des Königlich Württem- bergischen ersten Infanterie-Regiments und des vierten Reiter-Regiments. Neber eben diese Regimenter der hohen Dame führt ein preußischer General das Commando. Kann man dem kraft Vertrag und Reichsverfassung fungirenden Preußen nicht beikommen, so wird dafür die Gemahlin desselben in der Hof­ordnungdeclassirt", und der galante Ehemann hält es natürlich für angezeigt, seinen Posten zu quittiren. Gott sei Dank, daß durch Kaiserliche Vermittelung die alte württembergische Hofordnung wieder hergestellt zu werden scheint. Köni­gin Olga Nicolajewna wird sich ihre Opfer bald anderswo suchen müssen. Es glückt ihr nicht immer wie mit unserem Gesandten v. Rosenberg. Als im Juli 1870 der plötzliche Gewittersturm Württemberg an die Seite des schützenden Preußens gerissen hatte, als der Kronprinz von Preußen in Stuttgart erschien,

um aus den Händen des Königs den Oberbefehl auch über die württembergi- schen Truppen, inclusive der Leibregimenter Olga's, zu übernehmen, hielt es Herr v. Rosenberg für gestattet, dem Kronprinzen einige national-liberale Män­ner ans Württemberg persönlich vorzustellen. O weh, der Kronprinz wohnte als Gast im Königlichen Schlosse, in gleicher Etage mit der Königin Olga, und hier durfte er drei leitenden Mitgliedern der deutschen Partei die Hand drücken? Herr v. Rojenberg mußte dafür büßen. Eine Aenderung der Hof­ordnung war hier an ihrer Stelle. Diese hat die Tochter des verstorbenen Nicolaus für Frau Generalin v. Stülpnagel aufbewahrt.

Berlin, 7. August. DieNordd. Allg. Ztg." erklärt die Meldung französischer Privat-Telegramme von einer Reise des deutschen Consuls in Car­tagena nach Madrid, um zwei von dem deutschen Geschwader genommene Jn- surgentenschiffe der spanischen Regierung zur Disposition zu stellen, zuverlässiger Quelle zufolge als unbegründet.

Königsberg, 5. August. Die Cholera ist, wie derOstpr. Ztg." gemeldet wird, auch in Braunsberg in heftiger Weise zum Ausbruch gekommen. Die Zahl der bis gestern daselbst erkrankten Personen betrug 174; von diesen waren 67 gestorben. Eine Compagnie deS daselbst garnisonirenden ostpreußi- schen Jägerbataillons Nr. 1 hat in dem dortigen Stadtwalde Baracken bezogen. Hier in Königberg hat die Zahl der an der Cholera Erkrankten die Ziffer 100 bereits überschritten.

Königsberg, 6. August. DieOstpr. Ztg." meldet das nunmehr osficiell constatirte epidemische Auftreten der Cholera, an der bis gestern 164 Personen erkrankt und 85 verstorben seien. Die Zahl der täglichen Erkran- knngsfälle beziffert sich auf 20 bis 25, die der Todesfälle auf 10 bis 12. Die Ostpr. Ztg." fordert im Hinblick auf die Epidemie die Unterlassung des am 9. d. Mts. beginnen sollenden Manövers.

Breslau, 4. August. Der soeben veröffentlichten Abrechnung über die Kosten der im März d. I. stattgehabten Arbeitseinstellung resp. Aussperrung der hiesigen Bnchdtucker entnehmen wir Folgendes: Die Einnahme beläuft sich auf 2483 Thlr. 14 Sgr, die Ausgabe auf 2422 Thlr. 22 Sgr., es bleibt also ein Kassenbestand von 60 Thlr. 22 Sgr. Die zum deutschen Buchdrucker- Verbände gehörigen Buchdrucker brachten 2!64 Thlr. 23 Sgr., die übrigen 318 Thlr. 21 Sgr. wurden von Arbeitern Breslaus, einigen Freunden der Arbeiter (Kaufmann, Jurist) und in der Volksversammlung im Schießwerder gespendet. Jeder Buchdrucker erhielt für jede Woche 2/a deS Durchschnittsver- dienstes, der zu 7 Thlrn. berechnet wurde. Abreisende wurden nach Bedürfniß mit Reisegeld versehen. Rechnet man nun das Drittel hinzu, so ergibt sich für die Gehülfen ein Verdienstausfall von 4633 Thlr.. Wie sich der Verlust der Arbeitgeber beläuft, wird wohl nie bekannt werden. (Schl. Pr.)

Dresden, 7. August. Laut dem neuesten ans Pillnitz eingetroffenen Bulletin hatte der König eine weniger gute Nacht; im Uebrigen ist sein Zu­stand unverändert.

Kaiserslautern, 7. August. In der vor dem hiesigen Zuchtpolizei­gericht heute zur Verhandlung gekommenen Verläumdungsklage der Eheleute Martin aus Kusel gegen den Bischof von Speyer erklärte sich der Gerichtshof trotz der Einrede des erschienenen bischöflichen Vertreters für competent, ver­tagte indeß die eigentliche Verhandlung bis zum 21. August.

Aus dem badischen Schwarzwalde, 4. August. Ueber die Katastrophe in Rosenfeld, der acht badische Landeskinder zum Opfer gefallen sind, erhält dieFranks. Ztg." einen ausführlichen Bericht, dem wir Folgen­des entnehmen:Am 31. Juli traten, nach Abzug von Cdmmandirenden, Kran­ken, Wachen rc. hundert Mann, unter Commando des Premierlieutenants Müller, den Marsch zum Regimente nach Freiburg an. Um 12y2 Uhr Mit­tags, b ei 26 Grad Reaumur im Schatten, rückte Müller zu Rosenfeld in Württemberg ein: achtTodte und eine große Anzahl Kranker lagen auf einer Strecke von etwa 400 Metern auf der Landstraße vor dem Orte! Ein Unter- officier das sahen viele Leute gab einem Niedergefallenen einen tüchti­gen Tritt und gebot Aufstehen; der Mann richtete sich auf, stürzte um und war tobt! Der Herr Premierlieutenant brachte die Nacht zu Rosenfeld zu und marschirte am folgenden Tage mit dem Neste seiner Leute ab. Er ließ nicht einen Mann zur Pflege der Kranken, zur Beerdigung der Todten zurück, auch keinen Ofstcier oder Unterofficier. Die Todten ließ er vollständig entkleiden und nahm Alles mit Die Bürger von Rosenfeld begruben gestern die acht jungen Leute und verpflegen nach Kräften die Kranken. Unter den Todten befindet sich der blühende wackere Sohn des Gasthofbesitzers Pfaff zu Waldau, der telegraphisch zum Begräbnisse seines Sohnes berufen ward, und von dem niedergeschmetterten Greise, einem im ganzen Schwarzwalde gekann­ten und geachteten Mann, habe ich diese Details." Wie der Gewährsmann ferner mittheilt, waren die Rosenfelder Bürger so erbittert, daß sie an dem Premierlieutenant fast Lynchjustiz genommen hätten; nur dem energischen Auf­treten des Gemeindevorstandes von Rosenfeld habe der Letztere sein Leben zu verdanken. Das würde zwar mit der Mittheilung des Staatsanzeigers nicht stimmen, wonach den Commandirenden keine Schuld treffe, wäre aber nichtsdesto­weniger sehr begreiflich. (Hess. Volksbl )

Nürnberg, 4. August. Die Abhaltung des aus den 24. August hier anberaumt gewesenen Congreffes der socialdecmokratischen Arbeiterpartei ist durch Verfügung des königl. Stadtcommiffariats untersagt worden.

Das bezirksamtliche Verbot des Congreffes ist motivirt durch Hinweis auf die Tendenzen der Partei, da es sich im Congreß unbestreitbar um Förde­rung reichsfeindlicher Zwecke handle.

Straßburg, 7. August. Die von Zeitungen gebrachte Nachricht, daß hier die Cholera ausgebrochen sei, wird heute amtlich dementirt. Am 1. Au­gust sei nur ein tödrlicher Brechruhrfall bei einem sonst ungünstig disponirten Kranken vorgekommen. Zwei weitere Fälle seien leicht geheilt worden.

Oefterieid).

Wien, 5. August, Nachm. Der internationale Saaten- und Getreide­markt ist heute eröffnet worden. Es waren gegen 1500 Theilnehrner anwesend. Nachdem Uhl aus Wien zum Präsidenten und Straffer aus Pesth zum Schrift­führer gewählt waren, berichtete Namens des Wiener Börsenvorstandes der Referent Leinkauf über den Ausfall der Erndte in Oesterreich-Ungarn. Nach dem Berichte ergiebt sich für Ungarn ein Ausfall von 3 bis 4 Mill. Metzen